Konzert: 17.03.16 – Fields of the Nephilim, Frank the Baptist, Backstage Werk, München

In Goth we trust

Lange mussten wir auf diesen Abend warten; einmal wurde das Fields-Konzert bereits wegen Problemen mit der neuen Platte verschoben, und so langsam steigt die Ungeduld ins Unermessliche. Außerdem – was soll man denn mit dem seit langem gebunkerten Mehl machen? Und nein, Osterbäckerei ist jetzt keine total adäquate Alternative.
Für uns Schreiberlinge von Schwarzes Bayern – und sicher auch einige Konzertbesucher – ist es dann aber letztendlich Glück im Unglück, denn so können die großartigen Frank the Baptist als Vorband mit auf Tour gehen, die man trotz Wohnsitz in Berlin in unseren Breitengraden furchtbar selten zu Gesicht bekommt (und wenn, dann verpasst man ihnen wie auf dem WGT letztes Jahr einen schrecklichen Sound).

DSC_3843Recht pünktlich um kurz nach acht geht es dann auch schon los, Frank Vollmann und seine drei Mitstreiter betreten lässig die Bühne und legen gleich mit „Silver is her Color“ vom Album Different Degrees of Empty los, gefolgt von „Ashes Ashes“ von der aktuellen Scheibe As the Camp burns. Der dritte Song des Abends, „Folded Flags“ wird mit einem knackigen „This is an anti-war-song, if’you don’t like it, fuck you“ angekündigt (wenn ich alles richtig verstanden habe) und geht sofort ins Ohr.
Leider ist das Werk immer noch recht leer, erst nach und nach füllt sich die Halle langsam. Der überwiegende Teil der Besucher scheint nur auf den offiziellen Headliner Fields of the Nephilim zu warten, dabei sind Frank the Baptist durchaus ein Szene-Highlight für sich mit ihren eingängigen Hymnen und Franks einzigartiger Stimme.
In der nächsten halben Stunde spielt sich die Band durch beinahe ihre gesamte, bisher vier Alben umfassende Geschichte, mit einem für mich etwas überraschenden Schwerpunkt auf dem Erstlingswerk Different Degrees of Empty („Letters to Earth“, „Falling Stars“, „Bleeding in my Arms“) sowie natürlich auf As the Camp burns („Diogenese Travels“, „Sea Legs on a Train“, „How low are we“). Das zweite Album Beggars would ride wird vollkommen ausgeklammert, und von meiner persönlichen Lieblingsscheibe The new Colossus gibt es nur „Beg, steal and borrow“ und als Abschlusssong „If I speak“ zu hören. Mir persönlich gefällt alles von Frank the Baptist, aber ich habe das Gefühl, dass gerade in der Mitte ein paar flottere Songs nicht schlecht gewesen wären. Das Publikum ist bis auf die vorderen Reihen sichtlich unvertraut mit dem Material der amerikanisch-deutschen Combo, die Reaktionen sind oft verhalten (was aber auch am schweren Akzent von Frank gelegen haben kann), doch letztendlich gibt es den wohlverdienten Applaus. Bleibt zu hoffen, dass Frank the Baptist mit dieser Tour den Bekanntheitsgrad erreichen, den sie eigentlich schon lange verdienen.
(torshammare)

Setlist:
Silver is her Color
Ashes Ashes
Folded Flags
Letters to Earth
Diogenese Travels
Falling Stars
Bleeding in my Arms
Sea Legs on a Train
Beg, steal and borrow
How low are we
If I speak

DSC_3973Fields of the Nephilim eröffnen den Abend zunächst ohne ihren Sänger mit „24th Moment“. Der Song ist die B-Seite der Single Penetration und daher recht unbekannt, umso besser funktioniert er aber als Intro, zumal der Song instrumental ist. Dieses geht dann direkt über in den Klassiker „Dawnrazor“ vom gleichnamigen ersten Album. Im aufbrandenden Jubel erscheint nun auch endlich Mastermind Carl McCoy auf der Bühne. Er trägt die bewährte alte abgewetzte Motorrad-Lederhose, die in Bikerboots steckt, und natürlich seinen legendären Hut. Die Augen sind wie gewohnt erst einmal hinter einer großen Sonnenbrille versteckt, auch wenn das Ding eine ungotische und ziemlich hässliche Rennradfahrer-Brille ist. Doch dann die Überraschung: Sein Gehrock ist neu und makellos sauber. Kein Staub, kein Mehl, dabei war der verstaubte Western-Look immer DAS Markenzeichen von Carl. Irgendwie bin ich darüber irritiert, allerdings werden jegliche Zweifel gleich wieder weggewischt, als die Band mit dem Übersong „Moonchild“ von The Nephilim losrockt. Trotz der Wärme im Werk und trotz meines 3,5 kg schweren alten Ledermantels habe ich Gänsehaut. Es ist einfach immer wieder ein Erlebnis, und die Bühnenpräsenz von Carl ist unvergleichlich. Kein Wunder, dass man immer mal wieder den Spruch „Carl ist Gott!“ hört. Eigentlich könnte ich gefühlsmäßig jetzt schon wieder gehen.

Das wäre allerdings schade, denn es geht direkt weiter mit „For her Light“ aus dem Nachfolgealbum Elizium, gefolgt von dem großartigen „Love under Will“, ein weiterer Klassiker aus dem Album The Nephilim. Nach und nach entledigt sich Carl erst seines Gehrocks, dann seiner Weste und endlich auch der Sonnenbrille. Doch seine berühmten tief eisblauen Augen sehen heute irgendwie anders aus, eher wie die eines alten, grauen und einsamen Wolfes. Noch während der Show spekulieren wir, ob es sich um Kontaktlinsen handelt, und die Fotos scheinen diesen Eindruck hinterher zu bestätigen. Mit „From the Fire“ wird es etwas ruhiger, dem einzigen Song aus dem Album Fallen, den die Band live spielt. (Die Plattenfirma hatte das Album seinerzeit gegen den Willen der Band im Demozustand veröffentlicht, daher lehnt Carl das Album ab, und es taucht auch nicht in der offiziellen Diskografie auf der bandeigenen Website auf.) Die Gitarre ist hier leider stellenweise übersteuert. Auch der Bass ist generell etwas zu laut eingestellt, wobei er auch auf den Studioalben recht dominant ist. Insofern passt das fast schon wieder.
Mit „Zoon“ vom gleichnamigen Album wird es wieder rockiger, gefolgt von der Single „Psychonaut“: „Pray now for how long. We’re falling from ecstasy…“ Besser könnte man meine Gefühlslage kaum beschreiben. Mit „Equinox“ folgt ein ruhigerer, mir unbekannter Song, der vermutlich ebenso neu ist wie das anschließende „Prophecy“, das erst tags zuvor im Internet offiziell als neue Single zum Download veröffentlicht wurde. Der Song wird in der Fangemeinde sicherlich kontrovers aufgenommen werden, da er in einer deutlich härten Schiene daherkommt, vielleicht vergleichbar mit „Pazuzu“ oder „Penetration“ von Zoon, das die Fangemeinde seinerzeit ebenfalls spaltete. Dennoch gibt es auch einen hypnotischen Mittelteil, der mich von der Art der Gitarrenarbeit her ein bisschen an „Power“ von Dawnrazor erinnert. Egal wie man nun dazu steht, der Applaus ist laut und anhaltend, als die Band anschließend nach leider nur einer Stunde Spielzeit die Bühne verlässt, dementsprechend laut sind auch die Zugabe fordernden Sprechchöre.
Frenetischer Jubel brandet auf, als die Band schließlich zurückkommt und die ersten Takte der Überhymne „Last Exit for the Lost“ erklingen. Meine Gänsehaut ist auch hier sofort wieder da, obwohl der Raum mittlerweile kocht. Der Song steigert sich langsam bis zum Höhepunkt, und nicht nur ich werde von meinen Gefühlen mitgerissen – ich habe den Eindruck, dass das gesamte Publikum herausschreit: „And we’re getting closer and we’re getting close now. Last exit for the lost!“ Dies ist nun auch tatsächlich der letzte Song des Abends, und die Band verlässt ohne große Abschiedsgesten die Bühne. Man soll aufhören, wenn es am Schönsten ist? Nein, da gibt es sicherlich Ausnahmen, denn heute Abend ist das Konzert auf jeden Fall viel zu kurz, und so gibt es viele enttäuschte Gesichter, schließlich haben alle wie eingangs erwähnt lange auf diesen Ereignis warten müssen.
Man kann nur spekulieren, warum das letzte Album Morning Sun gar nicht berücksichtigt wurde und vor allem auch, warum das Konzert nur so kurz war. Die offizielle Setlist ist zwar auch nicht länger, aber irgendwie wirkte der Auftritt wie professionell von der Band heruntergespielt. Auch Carl habe ich schon deutlich engagierter gesehen, er wirkte insgesamt auf mich ein bisschen reserviert.

Objektiv betrachtet müsste der Abend sicherlich mit vier von fünf Moshern bewertet werden. Allerdings ist der Sound von Fields of the Nephilim derart einzigartig, dass man hier trotz der kleinen Enttäuschungen eigentlich nichts abziehen darf. Wie keine andere Band erzeugen sie eine düstere und gotische Atmosphäre, die jedem echten Schwarzkittel das Herz höher schlagen lässt. Sie spielen Gothic Rock auf einem ganz eigenen Niveau. Ich höre wirklich viel Musik von ABBA bis Zombie Ghost Train, aber niemand sonst kann solche Gefühle in mir auslösen. Außerdem waren Frank the Baptist als Vorband ein Highlight für sich. Daher weiche ich hier einfach vom gewohnten Schema ab und vergebe für den heutigen Abend ausnahmsweise fünf von sechs Moshern.
Und was machen wir nun mit dem ganzen aufgesparten Mehl, das nun gar nicht zum Einsatz kam? Nun ja, bald ist ja wieder das alljährliche Wave Gotik Treffen, da wird es schon einige Verwendungsmöglichkeiten geben.
(Mrs. Hyde)

Mein Fazit ist ähnlich wie Mrs. Hydes, auch wenn Fields of the Nephilim gar nicht unbedingt meine gotische Lieblingsband ist und ich diesem Abend tatsächlich hauptsächlich wegen Frank the Baptist entgegenfieberte, die ich schon viele Jahre furchtbar gern höre. Aber auch an einem sehr routinierten Abend wie dem heutigen können die Fields und vor allem Carl einen mitreißen, „Moonchild“ bereitet mir auch seit den Teenagerjahren zuverlässig wohlige Hautaufwerfungen, und insgesamt war das ein zwar definitiv zu kurzer, aber sehr schöner Gotenabend, wie es ihn leider viel zu selten gibt. Danke auch an den Merch-Mann von Frank the Baptist für die Setlist und das nette Gespräch! (torshammare)

Setlist:
24th Moment
Dawnrazor
Moonchild
For her Light
Love Under Will
From the Fire
Zoon (Pt. 3) (Wake World)
Psychonaut
Equinox
Prophecy

Last Exit for the Lost

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  1. […] Rock, den göttlichen Fields of the Nephilim, die erst kürzlich ebenfalls im Backstage waren (Link zum Bericht), können The 69 Eyes nicht mithalten, aber wer kann das heutzutage schon. Die eingefleischten […]

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