Konzert: 18.09.13 – Covenant, Aesthetic Perfection, Backstage Werk, München

Elektro vom Allerfeinsten

Zwei absolute Hochkaräter der elektronischen Musik haben sich für diesen Mittwoch in München angesagt, die Amerikaner von Aesthetic Perfection und die schwedischen Gentlemen von Covenant, die ihr großartiges neues Album Leaving Babylon präsentieren. Aesthetic Perfection haben auch ein paar Lieder ihres Anfang 2014 erscheinenden neuen Albums im Gepäck, und alles in allem verspricht das ein ganz wunderbarer Konzertabend zu werden.

aesthetic-perfectionZu meiner Überraschung ist das Backstage Werk allerdings relativ übersichtlich gefüllt, die Seitenteile mit Vorhängen abgetrennt, und das Schwarzvolk trudelt anfangs recht langsam ein. Liegt es am garstigen Herbstwetter oder an dem Termin unter der Woche? Egal, dann eben klein aber fein, und bis zum Beginn von Aesthetic Perfections Auftritt hat sich der Raum vor der Bühne dann doch ordentlich gefüllt. Die Amerikaner um Sänger Daniel Graves starten kraftvoll mit dem brandaktuellen Song „Antibody“, der vor einigen Monaten veröffentlicht wurde und der gleich für Bewegung in den ersten Reihen sorgt. Ich muss gestehen, dass mich die Band früher nicht besonders begeistern konnte, was vor allem auch an Daniels eher harschem Gesangsstil lag. Mittlerweile singt er clean, was mir gleich sehr viel besser gefällt und mich auch wirklich mitreißt. Seine Hochleistungsbühnenshow tut ihr übriges, der Mann steht wirklich keine Sekunde still, bewegt sich geschmeidig von einem Bühnenende zum anderen, reißt Grimassen mit dem geschminkten Gesicht und freut sich sichtlich über den zahlreichen Applaus. Seine zwei Bandkollegen an Schlagzeug und Keyboards – die links und rechts hinter Daniel Graves stehen und einander zugewandt sind, nicht dem Publikum – verausgaben sich ebenfalls vollkommen an ihren Instrumenten. Schlag auf Schlag geht es, kaum eine Pause wird dem Publikum gegönnt, Altbekanntes wie „One and only“ oder „Hit the Streets“ sowie die zweite Single-Auskopplung aus dem kommenden Album, „The dark Half“, gehen mächtig in die Beine. Nach einer guten Dreiviertelstunde verabschieden sich Aesthetic Perfection, die mich dieses Mal wirklich überzeugt haben und die ich mir gern noch mal ansehen werde.

covenantNach einer kurzen Umbaupause hat dann – sicher nicht nur für mich – das lange Warten auf mein persönliches Konzerthighlight des Herbstes ein Ende, und Covenant kommen auf die Bühne. Nicht dass man sie sofort sehen würde, sie verstecken sich hinter diffuser Beleuchtung und Nebelschwaden, doch „Leaving Babylon“ als Intro ist unverkennbar. Ein perfekter Einstieg in das Konzert, das durch das darauf folgende „Ritual Noise“ gleich den richtigen Ton vorgibt: Es darf getanzt werden! Dem leistet das Publikum auch freudig Folge, wer kann sich diesem Rhythmus schon entziehen? „Prime Movers“ vom neuen Album Leaving Babylon wurde schon bei früheren Konzerten dieses Jahr präsentiert und fügt sich perfekt in die Setlist ein – extrem tanzbar, eingängiger Refrain, aber mit Ecken und Kanten. „Bullet“ gewährt uns die erste kleine Verschnaufpause, einen Moment zum Träumen und Mitschwelgen in einem ihrer größten Hits. So kann es weitergehen!
Doch ganz so einfach machen es sich Covenant nicht, sondern spielen im Folgenden eine recht wilde Mischung aus verschiedenen Abschnitten ihrer Karriere, vermischen das ModernRuin-Album mit Dreams of a Cryotank, bauen zu meiner ganz großen Freude den kontroversesten Track des neuen Albums, „I walk slow“, mit ein (herrlich, diese Noisekaskaden), um dem großteils doch etwas verwirrten Publikum schließlich mit „20hz“ eine ihrer größten Hymnen zu gewähren, die auch mit frenetischem Beifall bejubelt wird. „Leviathan“ und „Get on“ sind ebenfalls seltene Gäste auf der normalen Covenant-Setlist und werden insgesamt auch eher gemischt aufgenommen.
Doch dann kommt es, das Lied, auf das sicher nicht nur ich gewartet habe, mein persönliches Lieblingslied vom neuen Album und wohl einer ihrer besten Songs ever, „Thy Kingdom come“, das live genauso wunderschön, mitreißend und hypnotisch wirkt wie auf Konserve. Was für ein Song, was für eine Atmosphäre! Covenant steigern die Stimmung klugerweise dann gleich noch mit „Ignorance & Bliss“, was zuerst mein Weglasstitel auf Leaving Babylon war, doch nach der Livepräsentation gebe ich den anderweitig vorgebrachten Lobeshymnen recht: ein großartiger Synth-Song, keine Frage. Andreas Catjar setzt mit seiner Gitarre eindrucksvolle neue Akzente und erzeugt in der extralangen Version zusätzlich Gänsehaut. Überhaupt Andreas Catjar – ein absoluter Gewinn für die Band, so ein toller, facettenreicher Musiker! Besonders bemerkenswert ist ein speziell für ihn angefertigter Synthesizer namens „Betty“ (Näheres dazu auf der Facebookseite von Covenant  FB oder im Interview im aktuellen SynMag – Das Synthesizer-Magazin Link), der links von seinem normalen Equipment steht und der die absonderlichsten Geräusche hervorbringt. Andreas Catjar ist jetzt wirklich voll und ganz bei Covenant angekommen, steht nicht mehr nur steif hinter seinen Synthies, sondern geht voll in der Musik auf, kommuniziert immer wieder mit Blicken mit Daniel Jonasson (der leider heute nicht ganz so häufig in Erscheinung tritt wie sonst und hinter Nebelschwaden verborgen bleibt) und ist zu einem echten Blickfang neben Eskil Simonsson geworden.
„Stalker“ (ebenfalls mit neuen und aufregenden Akzenten, allerdings mit leicht verpatztem Einstieg) und „Last Dance“ halten das Stimmungslevel weiterhin aufrecht, das Publikum ist mittlerweile auch voll und ganz und bis in die hintersten Reihen in dem Konzert angekommen, es pfeift und klatscht die drei Herren schnell wieder zurück zur ersten Zugabe, in der natürlich Hit auf Hit folgt. Nach einem wie immer überirdisch guten „We stand alone“ darf es dann einfach noch nicht vorbei sein, und es fehlen ja auch noch ein paar wichtige Lieder. Eigentlich fehlen natürlich noch mindestens fünfzehn persönliche Lieblingslieder, aber zwei ganz besonders: „Der Leiermann“ und „Call the Ships to Port“. Danach ist endgültig Schluss, vollkommen verschwitzt und glücklich werden wir in die Realtität zurückgeworfen.

Fazit: Ein wirklich grandioser Abend, und das sage ich jetzt nicht nur, weil Covenant meine Lieblingsband ist und somit quasi eh nichts falsch machen könnte (ich habe auch schon mittelprächtige Auftritte von ihnen erlebt), es war unbestreitbar ein Wahnsinnskonzert mit vielen Überhits, den besten Vertretern des neuen Albums, aber auch mit einigen Überraschungen in der Setlist, einer Spielzeit von fast zwei Stunden und vor allem einer Band, die auch endlich wieder wie eine Band, eine musikalische und menschliche Einheit wirkt.
Aesthetic Perfection waren eine sehr gute Wahl als Vorband und haben mich, nachdem ich sie vor einigen Jahren mit Combichrist sah und nicht begeistert war, von ihrem Können überzeugt.
Wer nicht dabei war, hat was verpasst.

Setlist Covenant:
Leaving Babylon – Intro
Ritual Noise
Prime Movers
Bullet
Judge of my Domain
Edge of Dawn
I walk slow
Beauty and the Grace
20 hz
Leviathan
Get on
Thy Kingdom come
Ignorance & Bliss
Stalker
Last Dance

Prometheus
The Men
We stand alone

Leiermann
Call the Ships to Port

(1986)