Konzert: 19.04.2017 – Kælan Mikla + Kackschlacht, Kafe Marat, München

Erst auf die Fresse, dann auf die Seele

Es ist schon eine ungewöhnliche Kombination, die heute im Kafe Marat geboten wird. Kælan Mikla sind drei Damen aus Island und spielen von der isländischen Kälte inspirierten Cold Wave, bei dem der Gesang in der isländischen Muttersprache sicherlich sehr zur düsteren Atmosphäre beiträgt. Im Gegensatz dazu ist Kackschlacht ein Brüder-Duo aus Braunschweig, das in der deutschen Muttersprache vorgetragenen ultraschnellen Punk spielt. Inspiriert werden sie dabei von der Kacke, die in Deutschland eben so vor sich hindampft. Zwei Bands also, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Was beide Bands gemeinsam haben außer dem K als Anfangsbuchstaben: Beide haben mich vom Fleck weg mit ihrem Sound begeistert, als ich auf sie gestoßen bin. Da ich beide ebenso noch nicht live erleben konnte, bin ich quasi doppelt gespannt auf den heutigen Abend. Im Kafe Marat herrscht ein ständiges Kommen und Gehen zwischen Bier holen und draußen rauchen, und manche nehmen noch ein Mahl aus der Volksküche ein. Kælan Mikla vollziehen derweil noch einen kurzen Soundcheck, der einen schon sofort mitreißt, und schließlich entern Kackschlacht mit ihren Instrumenten die Bühne. Beim Zusammenschrauben des Schlagzeugs fällt auf, dass eines der Becken einen gewaltigen Riss hat und ein großes Stück herausgebrochen ist. Egal, Hauptsache, es scheppert.
IMG_3192Als Kackschlacht beginnen wollen, fällt zunächst das Mikro von Gitarrist Thomas Kleinert aus. Da sie sich den Gesang teilen und Timo Kleinert am Schlagzeug nicht alles allein singen will, muss der Fehler gefunden werden. Ein paar lustige Sprüche später geht es zum Glück dann doch noch los. Selbstironisch meint Thomas: „Wir sind die Partyband Kackschlacht!“ und versucht, eine zerknitterte und bereits benutzte Luftschlange von der Bühne zu pusten. Mit „Anleitung“, „Die Axt“ und „Der coole Typ“ werden die ersten drei Songs ins Publikum gerotzt. Alle drei oder vier Songs gibt es eine kurze Pause zum Luft holen und um den ein oder anderen Spruch loszulassen. Nach „Praktikum“ muss die Gitarre neu gestimmt werden, anschließend wird auch das noch helle Saallicht abgedunkelt. Mit „Bulle“ kündigt man ein „Ein Lied gegen die Polizei“ an. „Wir haben gehört, sowas kommt in Punkerkreisen gut an, wir sind uns ja für nichts zu schade.“ Kackschlacht veräppeln immer wieder sich selbst und das Publikum, was die Band richtig sympathisch macht. Nach „Hallo Männer“ wird Thomas ein bischen sentimental in seiner Ansage, was von Timo hinterm Schlagzeug sofort mit „Hippiemoment“ kommentiert wird. Dieser währt jedoch nicht lange, denn schon im folgenden Song „Doppelfresse“ heißt es „kein Bock auf eure Fressen!“ Große Pogoaktionen bleiben insgesamt aus, doch bei „Dosenbier“ singen viele im Publikum mit. „Das ist kein Punk!“ beendet das reguläre Konzert, nach dem natürlich noch eine Zugabe verlangt wird. Es entwickelt sich ein witziges Wortgefecht mit dem Publikum, aus dem heraus einer ruft: „Immer dasselbe mit euch!“ – „Dann sagt doch einfach mal nein, wenn wir fragen, ob wir hier spielen dürfen!“ Nach dem allgemeinen großen Gelächter verspricht Timo dann: „Wir spielen noch zwei Lieder, also etwa 97 Sekunden“, und das sind „Blinde Wut“ und „Fußgängerzone“.

Es gibt ja Leute, die meinen, dass man ohne Bass keine Band gründen kann, und in seltenen Fällen wie good ol‘ Lemmy ist der Bass sogar die Band. Kackschlacht sind der lebende Beweis, dass es auch ohne geht, und das durchaus auch eindrucksvoll. Der humorvolle Ansatz, Punk und dessen szenetypische Klischees sowie sich selbst als Band nicht bierernst zu nehmen, gefällt mir ausgesprochen gut. Dennoch bleiben einige ratlose Gesichter zurück, die sich zu fragen scheinen: Was zur Hölle habe ich da gerade erlebt?

IMG_3270Bei Kælan Mikla gibt es zum Glück keine weiteren Soundprobleme. Das Intro gestaltet Keyboarderin Sólveig Matthildur Kristjánsdóttir auf der fast völlig abgedunkelten Bühne allein, sowohl gesanglich als auch musikalisch. Ohnehin hat sie ein beeindruckendes Equipment, zusätzlich zum Synthesizer gibt es drei weitere Tasteninstrumente und den obligatorischen Laptop. Auch optisch begeistert sie mich mit einem original 80er-Jahre-Overall. Die Bassistin Margrét Rósa Dóru-Harrysdóttir hält sich derweil zurück, während Sängerin Laufey Soffia am Boden kniet und Räucherstäbchen entzündet. Beide sind in schlichtes Schwarz gehüllt. Amüsanterweise trägt Laufey keine Schuhe, aber dafür zwei verschiedene Socken. Das Intro endet schließlich in dem selbstbetitelten „Kælan Mikla“. Beim nun folgenden „Myrkrið kallar“ steigen auch die anderen zwei richtig ein, und das Bühnenlicht wird etwas aufgehellt, weil die Keyboardtasten und die Setlist kaum zu erkennen sind. Es entwickelt sich in der Folge ein atmosphärisch wahnsinnig dichtes Konzert. Der Sound transportiert einen unweigerlich in eine kalte isländische Einöde. Zeitweise fühlt man sich fast an die drei Nornen, die altnordischen Schicksalsgöttinnen, erinnert – und prompt heißt auch ein Song „Nornir“. Obwohl die Musikerinnen mit Gefühlsbezeugungen sparsam umgehen, merkt man doch, wie sehr sie in ihrer Musik aufgehen. Wie zum Beispiel an einem leisen Lächeln, als beim scheinbar bekanntesten Song „Sýnir“ Jubel im Publikum ausbricht. Das mag jetzt vielleicht isländische Zurückhaltung sein, aber eine Rockshow würde auch nicht zur ruhig angelegten Musik passen. Beginnend mit „Bakþanki“ werden schließlich drei ganz neue und bisher unveröffentlichte Stücke präsentiert (von denen zwei nicht auf der Setlist stehen), bevor das Konzert mit „Glimmer og aska“ endet. Gefühlsmäßig viel zu früh, aber tatsächlich ist bereits über eine Stunde vergangen. Man kann Raum und Zeit bei Kælan Mikla vergessen, aber eine Zugabe wird uns noch gewährt, bevor wir uns der echten deutschen Kälte wieder stellen müssen.

Fazit: So unterschiedlich beide Bands auch musikalisch agieren, so gut hat die ungewöhnliche Kombination für mich trotzdem funktioniert. Von Kackschlacht gab es quasi punkgerecht erst auf die Fresse, und zum Ausgleich haben Kælan Mikla anschließend die Seele berührt. Einziger Wermutstropfen ist der geringe Platz im Kafe Marat sowohl für das Publikum als auch für die Musiker auf der Bühne.
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Setlist Kackschlacht:
Anleitung
Die Axt
Der coole Typ
Hauen
Praktikum
Weg
Bulle
Geburtskanal
Stillstand
Früher?
Hallo Männer
Doppelfresse
Landkreispunker
Ausschlag
Dosenbier
Deutschland
Das ist kein Punk

Blinde Wut
Fußgängerzone

Setlist Kælan Mikla:
Intro / Kælan Mikla
Myrkrið kallar
Nornir
Hvernig
Sýnir
Kalt
Upphaf
Óráđ
Bakþanki
Neuer Song
Neuer Song
Glimmer og aska

Zugabe

(1879)