Konzert: 19.10.2016 – New Model Army + Becquerels – Backstage Werk, München

It’s good to write happy songs about dying

Zum offiziellen Einlass um 19 Uhr sind wie in Nürnberg etwa schon 50 Besucher da, denn auch heute gibt es nur noch wenige Restkarten an der Abendkasse. Die Schlange wird schnell länger, weil sich der Einlass verzögert. Zum Glück ist es mittlerweile nach einem langen Regentag trocken und nicht allzu kalt. Erst mit zwanzig Minuten Verspätung setzt sich die Schlange in Bewegung.
Nach dem grandiosen Konzert in Nürnberg (Link zum Bericht) bin ich sehr auf den heutigen Abend gespannt – wie wird die Setlist sein, welche alten Stücke sind heute dabei, und vor allem, ist Shir-Ran Yinon an der Geige wieder mit von der Partie?

DSC_1193Doch zunächst eröffnet um 20 Uhr die Vorband Becquerels den Abend. Leider gibt es zunächst Probleme mit dem Sound, und ein Techniker versucht verzweifelt den Bass wiederzubeleben, sodass das Konzert eigentlich erst mit dem zweiten Song richtig beginnt. Spontan gefallen sie mit ihrer Mischung aus Indierock/-Pop besser als Beatfrog in Nürnberg, aber dann merke ich, dass ich auch heute wieder nicht wirklich bei der Sache bin. Im Publikum kommen sie aber sonst ganz gut an. Zum Abschluss wirft der Sänger eine Platte ins Publikum, um das neue Album zu bewerben, und am Ende des Abends ist tatsächlich nicht nur der Merchandise-Stand von New Model Army gefragt. Die Wartezeit auf den Hauptact zieht sich danach leider in die Länge, vielleicht ist die Schlange am Einlass immer noch lang, und man möchte allen Besuchern die Möglichkeit geben, die komplette Show von New Model Army zu sehen. Erst gegen halb zehn betreten die Mannen um Sänger und Hauptsongwriter Justin Sullivan daher die Bühne.

Und weil Mrs. Hyde jetzt in den Moshpit muss, übernehme ich, torshammare, die weitere Berichterstattung. Nach den ersten drei Songs im heute leider sehr engen Graben vor der Bühne, die mit den fantastischen „Burn the Castle“ und „Winter“ vom aktuellen gleichnamigen Album sowie dem nicht mehr ganz taufrischen, aber immer noch großartigen „White Light“ vom 1993er-Album The Love of hopeless Causes die Messlatte verdammt hoch legen, ziehe ich mich an den Seitenrand zurück und verfolge Justin und seine Mannen von dort aus. Die bereits erwähnte Shir-Ran Yinon ist tatsächlich wieder mit dabei und hatte bereits einen kleinen Auftritt bei „Winter“. Darf man daher auf die Überhits „Purity“ oder sogar „Vagabonds“ hoffen, die einem mit Live-Geige zuverlässig die Tränen in die Augen treiben und wirklich nicht mehr oft gespielt werden? Doch natürlich ist jedes Lied von New Model Army für Gänsehaut gut, und mit dem eindringlichen „Part the Waters“ stellt die Band das sofort wieder unter Beweis. Mittlerweile wogen und pogen die ersten Reihen im Publikum nach einem etwas müden Start auch endlich so, wie das zu einer NMA-Show gehört.

DSC_1332Mit „Fate“ wird gleich noch mal The Love of hopeless Causes berücksichtigt, neben den neuen Krachern „Eyes get used to the Darkness“ und vor allem dem sensationell guten „Devil“, das Justin mit einem Verweis auf Faust und diversen Pommesgabeln ansagt. Leider sind die Publikumsreaktionen immer noch nicht so überwältigend, wie man es eigentlich erwarten könnte. Offensichtlich hoffen neben den üblichen Die-Hard-Fans viele auf eine Best-of-Show – tja, da hat man regelmäßig Pech bei NMA, und das ist auch gut so. „Angry Planet“ vom Album Between Wine and Blood ist offensichtlich ebenfalls vielen unbekannt – schade. Mit „Drifts“, „Born feral“ und „Die trying“ übernehmen NMA die Reihenfolge der Songs auf Winter, ein mächtiger, mitreißender Block, der zeigt, wie gut die Band in ihrem 36. Jahr immer noch ist. Der insgesamt bestens aufgelegte Justin lässt es sich vor „Die trying“ auch nicht nehmen, einen ordentlichen Seitenhieb auf den „nasty little whisper“ in Europa zu verteilen. „Britain for the British, Germany for the Germans, Poland for the Polish – we have fucking short memories“ – das kann man nur aus tiefstem Herzen unterschreiben.

Nach „Autumn“ sagt Justin: „It’s good to write happy songs about dying. We’ll have another one later. This is a happy song about living. This one.“ Es folgt „Stormclouds“. Mit diesen ebenfalls eher neueren Songs spannen Justin und seine Mannen das Publikum noch ein wenig auf die Folter, bis dann endlich die erlösenden Riffs von „White Coats“ ertönen und die Stimmung im Werk geradezu explodiert. „How do we tell the people in the white coats – enough is enough?“ – so aktuell wie eh und je ist dieser Ausruf. Einen drauf setzen New Model Army dann gleich noch mit „51st State“, was man ebenfalls nicht mehr oft live hört und dessen Inhalt auch nichts an Aktualität verloren hat. Den Song widmet Justin seinem erst kürzlich verstorbenen alten Freund Ashley Cartwright mit „he was the original writer of this song.“
Mit „Wonderful Way to go“, das herrlich roh heruntergeholzt wird, beschließt die Band den regulären Showteil, wird aber schnell wieder zurückgeklatscht. „Orange Tree Roads“ vom Album Eight und ein weiterer der ganz großen Hits, „Stupid Questions“, fesseln das Publikum, und auch das sehr aktuelle „Between Dog and Wolf“ – angekündigt als „Winter Love Song“ – wird frenetisch bejubelt. Danach scheinen sich Justin und Co. endgültig verabschieden zu wollen, alles klatscht ungerührt weiter, auch wenn die Lichter schon angehen – und da passiert es: Das Intro zu „Vagabonds“ ertönt, Shir-Ran Yinon spielt allein auf der Bühne, es ist einfach wunderwunderschön. Justin gesellt sich mit seiner Gitarre zu ihr, die anderen stoßen erst nach einer ganzen Weile hinzu und zelebrieren das Lied, das nicht nur meine Jugend entscheidend mitbestimmt hat. Shir-Ran und Justin harmonieren perfekt musikalisch und haben sichtlich Spaß an der Zusammenarbeit – und wir im Publikum auch! Eine tolle Musikerin, die man definitiv im Auge behalten sollte.

Danach ist dann endgültig Schluss, und auch wenn die ganz große Stimmung erst im letzten Konzertdrittel aufkam, war es musikalisch wieder ein Hochgenuss, vor allem auch dank der Songs vom richtig starken neuen Album Winter . Wer das noch nicht kennt, sollte diese Lücke mit unserer Rezension dazu schnellstens schließen. (torshammare)

Fazit Mrs. Hyde: Auch heute spielen New Model Army eine tolle Show, wenn auch für mich leider mit fast identischer Setlist. Aber im direkten Vergleich zu Nürnberg muss ich feststellen, dass die Stimmung im Publikum dort deutlich euphorischer gewesen ist. Die Münchner waren irgendwie steif, kannten das neue Album Winter ganz offensichtlich überhaupt nicht und haben nur auf die großen alten Hits gewartet. Das sah an gleicher Stelle vor drei Jahren noch ganz anders aus (Link zum Bericht). Heute haben die nicht mitgereisten Engländer schmerzhaft gefehlt, weil sie sonst immer mächtig für Stimmung im Publikum sorgen. Aber das kann man nicht der Band anlasten: There is no such thing as a bad New Model Army show!

:mosch: :mosch: :mosch: :mosch: :mosch:

Setlist:
01 Burn the Castle
02 White Light
03 Winter
04 Part the Waters
05 Eyes get used to the Darkness
06 Fate
07 Devil
08 Angry Planet
09 Drifts
09 Born feral
10 Die trying
11 Autumn
12 Stormclouds
13 White Coats
14 51st State
15 Wonderful Way to go

16 Orange Tree Roads
17 Stupid Questions

18 Between Dog and Wolf
19 Vagabonds

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