Kleines Familientreffen

Der Mai ist nicht nur ein schöner Frühlingsmonat, in dem viele Menschen Geburtstag haben, sondern steht dieses Jahr auch ganz im Zeichen diverser schwedischer Lieblingsbands. Eine Woche vor dem heutigen Abend waren Then Comes Silence mit Post Punk im Backstage (Review hier), in der kommenden Woche wird Aux Animaux mit Theremin und Hauntwave dort auftreten. Und heute wird es elektronisch, denn mit dem Duo Spark! steht einer der besten schwedischen EBM-Acts auf der Bühne im Live.Evil, nach langer Zeit endlich mal wieder in München und in neuer alter Besetzung. Als Opener konnten die Veranstalter niemand Geringeren als Liebknecht aka Daniel Myer gewinnen, und wer sich für dieses Package nicht in die Stiefel schnürt, wird etwas verpassen, so viel sei jetzt schon gesagt.
Erfreulicherweise trudeln nach und nach immer mehr zum Teil seit vielen Jahren bekannte Gesichter im Live.Evil ein, einer relativ neuen, für kleine Konzerte perfekt großen Location neben dem Gasteig. Im vorderen Bereich ist viel Platz, um sich zu unterhalten und auch mal hinzusetzen, hinter der Bar ist die Bühne aufgebaut, auf die man von fast überall einen guten Blick hat, und genug Platz zum Tanzen ist auch – sehr wichtig heute Abend! Nachdem rund um die Veranstaltung herum auch noch einige Geburtstage gefeiert werden und Spark! schon seit ihrem ersten Auftritt in München 2013 (beim Dark Munich Festival) Freunde in der Stadt haben, hat das Ganze etwas von einem kleinen Familientreffen, und eine herrlich freudige Stimmung liegt in der Luft. Nicht nur ich habe mich schon seit Monaten auf diesen Abend gefreut, das merkt man.
DSC_6977Um neun geht’s dann endlich los mit Daniel Myer, zu dem man eigentlich nicht mehr viel sagen muss. Seit Jahrzehnten eine feste Größe in der deutschen und internationalen Electroszene, neben Liebknecht zählen zu seinen Bands und Projekten Haujobb, Covenant, DSTR, Radioaktivists, Rendered, Architect und natürlich auch seine Solosachen, außerdem Auftritte mit Nitzer Ebb und ganz aktuell Steffen Keth (als De/Vision Redux). Zuletzt habe ich Daniel/Liebknecht in Brüssel auf dem ersten der drei allerletzten Front-242-Konzerte gesehen, wo er einen sehr persönlichen Rückblick auf seine eigene Lebensgeschichte und seine Verbindung mit Front 242 gegeben und natürlich auch Musik gespielt hat. Völlig genialer Auftritt (der in einem gemeinsamen Song mit Jean-Luc de Meyer geendet hat, Gänsehaut pur), heute wird es ein wenig konventioneller, aber nicht weniger spannend. Daniel – im schicken Front-242-Shirt mit Weste – beginnt sein Set relativ ruhig, das Publikum vor der Bühne wartet noch ein wenig ab, bei den eingemischten Samples von „Killer“, Front und Nitzer kommt dann aber Bewegung in die Reihen. Hinter Daniel wird der Liebknecht-Schriftzug zusammen mit einem stilisierten Totenschädel eingeblendet, während er selbst an Laptop und verschiedenen Geräten die Sounds erzeugt. Intensität und Härte nehmen zu, das Set wird immer dark-technoider, und zwischendurch ruft Daniel immer wieder „Dance!“ ins Mikro, was auch brav befolgt wird. Eine leicht besorgte Zwischenfrage „Ist es euch laut genug?“ können wir auch mit Ja beantworten, die verschachtelten und trotzdem höchst tanzbaren Sounds knallen wunderbar. Später gibt’s dann noch ein ergreifend vorn am Bühnenrand gesungenes Cover von „Schatten“ von Die Selektion, bevor Daniel sich mit einem – Zitat – „Scheißwitz“ und dem augenzwinkernden Verweis auf das viele Geld, das in München auf der Straße liegt und seinem mitgebrachten Merch verabschiedet. „Habt Spaß mit Spark! und bis zum nächsten Mal“, wünscht er uns zum Abschied und hinterlässt ein hervorragend aufgewärmtes und eingetanztes Publikum.

DSC_7077-Verbessert-RRDaniels Tisch wird, nachdem er abgebaut hat, kurzerhand von der Bühne gehoben, für Spark! ist bereits alles vorbereitet, sodass es auch schon bald weitergeht. Spark! wurden 2007 in Falkenberg an der Westküste Schwedens von Mattias Zießow und Stefan Brorsson gegründet und haben sich mit den ersten beiden Alben 65 ton stål und Ett lejon i dig (knackige Songs, spannende schwedische Texte) schnell einen Namen in der EBM-Szene gemacht. Mit Hela din värld zieht dann der Pop in ihren Stil ein, die Songs werden noch ohrwurmiger, die Band immer bekannter. 2013 verlässt Stefan dann aus persönlichen Gründen Spark!, und nach dem Album Spektrum mit diversen Gastsängern hat Mattias mit Christer Hermodsson (Biomekkanik, S.P.O.C.K., Sista Mannen På Jorden) einen würdigen Ersatz für den Sänger- und Texterposten gefunden. Zwei Alben (Maskiner und Chaos), ein etwas anderes Bandkonzept (Zirkus und Masken), viele umjubelte und kochendheiße Live-Auftritte (siehe der Feueralarm im Felsenkeller Leipzig) folgen, u. a. auch beim Katzenclub in München (Review), bis die Corona-Pandemie und eine langwierige Schulterverletzung (Mattias) alles zum Stillstand bringen. Und dann verlässt Christer 2022 die Band, wieder erscheint alles unsicher. Umso schöner dann die Nachrichten im Lauf der Jahre 2023 und 2024, dass es nicht nur weitergeht, sondern auch ein neues Album voll IKEA-Electro-Perlen entsteht – mit Stefan, der wieder Gesang und Lyrics übernimmt. Und wie schön, dass einer der ersten Auftritte im neu-alten Line-up in München vor langjährigen beinharten Fans stattfindet.
Der natürlich auch zu einem Triumphzug wird, kein Wunder, bei den starken Songs. Nach einem langen schwedischsprachigen Intro gibt es dann ab den ersten Tönen von „Vi faller“ kein Halten mehr, ebenso wenig wie beim Tanz mit dem Tod („Döden och jag“). Alle lassen den inneren Löwen raus („Ett lejon i dig“), wenn auch nicht im Kosakentanz, wie in dem legendären inoffiziellen Video, und marschieren durch den Sturm („Genom stormen“). An diesem Abend sind wir alle auch mehr als zwei gegen eine Million („Två mot en miljon“ – ein großartiger Vorbote aufs neue Album), nein, wir sind die siebte Welle („Den sjunde vågen“). „We put down the masks“, meint Stefan grinsend, „let’s get serious!“ Zum Glück nicht zu ernst, statt „Produktion nonstop“ steht Tanzen und Spaß nonstop auf dem Programm, heute Abend isst die Arbeit nicht unsere Seele auf, wir werden nicht zum „Zombie“ – höchstens vor übersprudelnder Energie auf der Tanzfläche. Auch die Band ist ständig in Bewegung, Stefan nützt die Bühne – so gut es mit der Stufe dazwischen eben geht – voll aus, und Mattias kommt immer wieder Stöcke schwingend hinter den E-Drums hervor, um alle anzufeuern. Pausen gibt es keine, heute Abend ist die Musik unsere ganze Welt („Hela din värld“). Und dann ertönt eine unglaublich penetrante Melodie – „Glassbilen“ är här, das Eisauto ist da! Nicht um „zwei Uhr nachts“, wie im Song, aber fast. (Diese Autos fahren in Schweden durch die Stadtviertel und verkaufen Eis, dabei wird alle paar Minuten sehr laut diese penetrante Melodie abgespielt, die wirklich jeder hasst.) Illegal ist es zum Glück nicht, so spät diesen alten Bandklassiker und Hammersong zu spielen. Mittlerweile hüpft und springt und singt und tanzt alles um mich herum, schwupps, entführt Mattias meine Stehnachbarin am Bühnenrand und komplimentiert sie hinter die E-Drums, wo sie so überrumpelt wie souverän zu „Tankens mirakel“ trommelt, während Mattias grinsend einen Ausflug ins Publikum macht und dort herumhopst. Unter großem Applaus und Lob – „that was brilliant!“ – darf „the new member of Spark!“ dann wieder von der Bühne, und Stefan kündigt den letzten Song an, brandneu und ein weiterer sehr spannender Vorbote aufs neue Album, das bald erscheinen soll: „Elden“. Das Feuer brennt auch nach siebzehn Jahren Bandgeschichte in Spark!, ganz eindeutig.

Nach diesen zwei schweißtreibenden Auftritten möchte der eine oder andere vielleicht erst mal Pause machen, aber das können wir vergessen, denn DJ Sconan feuert einen EBM-Kracher nach dem anderen auf der Aftershowparty ab, Stillstehen ist unmöglich. Nostalgie pur! Übrigens hat Sconan nicht unerheblich dazu beigetragen, dass Spark! damals um 2012 herum in München so viele Fans gewonnen haben, „Döden och jag“, „Popkomplex“ oder „Genom stormen“ waren fester Bestandteil der Pop!-Party (dann schon im Nox). Nachdem in den späteren Jahren vor allem Material vom Album Maskiner im Nerodom oder auf Partys lief, haben heute sicher einige Fans die geliebten Songs aus der Christer-Ära vermisst, hatten aber hoffentlich trotzdem viel Spaß mit den alten Klassikern. Die Stimmung auf der Aftershowparty ist jedenfalls bestens, auch Spark! mischen sich noch unters Volk und auf die Tanzfläche, dieser Abend ist wirklich legendär.

Tack så himlamycket, Spark! und Liebknecht, danke allen, die die Bands nach München geholt haben, danke, Achim, für die sensationelle Aftershowparty und vor allem danke ans begeisterte Publikum, das für ein kleines Familientreffen gesorgt hat.

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Setlist Spark!:

Vi faller
Döden och jag
Ett lejon i dig
Genom stormen
Vi är två (mot en miljon)
Den sjunde vågen
Produktion nonstop
Zombie
Hela din värld
Glassbilen
Meningen med livet
Tankens mirakel
Elden (new song)

(3007)