Konzert: 23.09.2016 – Coppelius, Herr von Aster, Fuchsteufelswild – Backstage Halle (München)

Bühnenabstinenzankündigungskonzertreisenexzerpt

Konzertabstinenz? Das klingt gar tragisch für die hochgradig abhängige Fanatikerschaft der altehrwürdigen Herren von Coppelius. Immerhin, seit 213 Jahren versuchen die Musiker den guten Ton in die Stuben zurückzubringen. Vorerst erklären sie diese Mission als gescheitert und werden sich daher für eine Weile von den Bühnen dieser Welt zurückziehen. Dies ist also die vorerst letzte Chance, einem ihrer fulminanten Konzerte beiwohnen zu dürfen. Der eingefleischte Fanatiker hat sich lange vor der Zeit in die Schlange der Wartenden eingereiht. Der Nachzügler gibt es nicht besonders viele, wenn es doch auch noch einige Karten an der Abendkasse gegeben hätte. Eine Mischung aus Steampunk und Zeitreise präsentieren die wartenden Gäste mit ihrem teils skurril anmutendem Kleidungsstil. Sie hat sich viel Mühe gegeben, diese Fanatikerschaft, um den Herren Coppelius einen würdigen Opernabend zu bereiten.

_DSC4203Zunächst einmal betritt ein recht unscheinbarer Herr die mit einem Schreibtisch nebst unbeleuchtetem Leuchter ausstaffierte Bühne. Als Herr von Aster stellt er sich vor. Auch den Leuchter weiß er zu benennen, räumt er diesem doch ein höheres Aufmerksamkeitspotential ein als seiner selbst. Als Kryptopoetozoologe und wissenschaftliche Hilfskraft der Herren Coppelius hat er nun die höchst anspruchsvolle Aufgabe, die Synapsen der Zuhörerschaft für den anstehenden Konzertabend hinsichtlich ihrer Aufnahmefähigkeit vorzubereiten. Und dabei vielleicht auch noch ein Quantum an Bildung weiter zu vermitteln. In humoristischer Präsentierweise werden alsbald Poesie und Wissenschaft vereint. Getragen von anmutiger Wortwahl (in nicht immer ganz jugendfreien Texten) und einer guten Portion Selbstironie werden die Anwesenden in die absonderliche Welt von Flamungo, Wummerlump, Kerlhuhn und Killerassel entführt. Wer hätte in dieser Zeit noch damit gerechnet, dass Poesie solch einen Jubel im Pöbel erzeugen könnte?

Der Herr Poet räumt das Feld und kündigt die musikalische Vorbereitung auf den Abend durch die Musiker von Fuchsteufelswild an. Die Gewinner des Nachwuchspreises „Goldener Zwerg“ des Festival Mediaval lassen nichts unversucht, der Fanatikerschaft ein wenig Bewegung in den Gehwerkzeugen abzuringen. Zugegeben, das geschieht bei den meisten doch erstaunlich rasch. Es lebe der 4/4-Takt, dem Pöbel reicht es allemal! Zu Weltenruhm wird diese Darbietung nicht gereichen, dafür bedürfen Gesangeskunst, Fidel und Flöte erst noch ein wenig Übung. Das modern-mittelalterliche Liedgut der jungen Künstler kann noch lange nicht an die Genialität der Herren Coppelius reichen; aber es erfüllt seinen Zweck und heizt den Konzertsaal in Vorbereitung auf die lang Erwarteten ein.

Da endlich: Alles ist vorbereitet, das Licht erlischt, wundervolle Töne_DSC4348 schallen an den Gehörapparat. Und die Herren Coppelius samt Kammerdiener Bastille betreten die Bühne. Der Bogen wird gezückt, die Klarinetten an die Lippen gesetzt und das Mikrofon ein letztes Mal abgestaubt. Mit „Habgier“ eröffnen die Herren den Konzertabend auf höchst unbesinnliche Weise. Es folgen weitere Stücke des schon etwas eingestaubten, doch deshalb nicht minder begeisternden Tonträgers Tumult! von 2008. Mit dem swingenden „Rather be dead“ äußert Kammerdiener Bastille den Wunsch nach schnippender Begleitung durch die geneigte Zuhörerschaft. Es bleibt nicht lange derart ruhig und beschaulich. „Mitten ins Herz“ ist nur ein kleiner Vorgeschmack auf die musikalische Bühnengewalt der Herren Coppelius, die sie bald mit einem alten Klassiker ein weiteres Mal unter Beweis stellen: Unter den (vorzüglich kopierten) Klängen von „Phantom of the Opera“ wagt sich Le Comte Caspar mit seiner Klarinette todesmutig in die Menge. Wer nicht Acht gibt, kann sich schon mal dem Instrument Auge in Schallstück gegenübersehen. Es folgen weitere Stücke der jüngsten Tonträger Extrablatt und Hertzmaschine. Nicht ganz erfolgreich hinsichtlich der Synapsen-Verknüpfung war _DSC4556Herr von Aster bei einigen Mitgliedern der Zuhörerschaft. Auch übermäßiger Alkoholgenuss während des Besuchs der derzeit stattfindenden, politisch gebilligten Großversammlung verkleideter Irrer („Wies´n“) rechtfertigt keine gutturalen Laute in übertriebener Lautstärke während so schönen Balladen wie „Butterblume“, vorgetragen von Graf Lindorfs glockenreiner Stimme. Mit „Moor“ und „Locked Out“ folgen weitere neuartigere Kompositionen. Der geneigte Fanatiker bemerkt hier den musikalischen Fortschritt der ehrwürdigen Herren, den sie trotz ihrer Jahrhunderte währenden Erfahrung noch erlangen konnten. Im Zuge der Ankündigung von „Bitten, danken, petitieren“ bittet Kammerdiener Bastille den äußerst vielseitig begabten Le Comte Caspar, der Zuhörerschaft doch seine neueste, instrumentalische Kreation vorzustellen. Es handelt sich um eine Art Gitarre aus „Stahl und Käsespießchen“, nun denn … Für „Murders in the Rue Morgue“, einer weiteren vorzüglichen Raubkopie eingespielt auf ihrem ersten Longplayer Time – Zeit, benötigen die Musiker schließlich haarprächtige Unterstützung. Und auch Bastille stellt sein Können_DSC4637 in dieser archaisch anmutenden, rotierenden Kopfbewegung unter Beweis. Mit den beinahe zu Tränen rührenden Stücken „Sternenstaub“ und „Die Glocke“ präsentieren die Musiker zwei ihrer traumhaften, auf ihren Setlists jedoch oft rar gesäten Balladen. Nachdem die Zuhörerschaft mit „Risiko“ noch einmal wachgerüttelt wurde, verabschieden sich die Herren, nur um kurz darauf für eine Zugabe zurückzukehren. Das lautstark geforderte da capo erfüllen sie nicht, liefern aber mit „Der Luftschiffharpunist“ ein starkes Stück des neuesten Tonträgers ab.

Mit „Ade mein Lieb“ klingt ein wundervoller und vor allem abwechslungsreicher Konzertabend ruhig und bedauerlicherweise sehr treffend aus. Im kommenden Jahr werden die Herren Coppelius wohl keinen Fuß auf die Bühnen dieser Welt setzen. Sie versichern jedoch, dass sie lediglich gedenken eine kleine Auszeit zu nehmen. So darf die treue Fanatikerschaft also hoffen, dass es mit neu geschöpfter Energie bald wieder heißt: Coppelius hilft!

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Setlist Coppelius (ohne Garantie auf Vollständigkeit sowie Unfehlbarkeit):

01. Habgier
02. Der Advokat
03. Schöne Augen
04. Rather be dead
05. Mitten ins Herz
06. Phantom of the Opera
07. Butterblume
08. Moor
09. Locked out
10. 1916
11. Bitten, danken, petitieren
12. Murders in the Rue Morgue
13. To my creator
14. Sternenstaub
15. Die Glocke
16. Viel zu viel
17. Risiko
18. Der Luftschiffharpunist
19. Ade mein Lieb

 

 

Fotos von Tanja Knüppel 

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