Birth of Hipsterbilly

Konzerte der in Los Angeles ansässigen Tiger Army finden hierzulande leider nicht allzu häufig statt, um so mehr freue ich mich auf den heutigen Abend. Mein letztes Konzert war vor ein paar Jahren im Rahmen eines Psychobilly-Festivals in Lichtenfels. Dort betraten sie leider erst mit sehr großer Verspätung die Bühne und wurden vom stinkwütenden Publikum mit Buh-Rufen und Bierbechern empfangen, dementsprechend kurz war dann auch der Auftritt. Womöglich haben sie dieses Erlebnis noch in Erinnerung, denn in der Halle werden wir mit einem breiten Pressegraben überrascht, der auf Psychobilly Konzerten in München eigentlich unüblich ist, weil er eine nicht nur räumliche Distanz zum Publikum schafft. Leider bietet sich so auch keine Möglichkeit, einen Blick auf die Setlist zu erhaschen. Ironischerweise werden gar keine Pressefotografen anwesend sein, aber dazu später mehr.
Mit im Gepäck haben Tiger Army als Vorband die Kanadier The Brains aus Montreal, die live immer für eine gute Stimmung sorgen. Was aber auffällt: Die sonst üblichen bekannten Gesichter auf Psychobilly-Konzerten fehlen bis auf wenige Ausnahmen fast vollständig. Im Gegenzug dazu sind heute extrem viele vollbärtige Hipster erschienen.IMG_2587

Die ersten Opfer des Pressegrabens sind The Brains, die pünktlich um 20 Uhr ihr Set beginnen. Sie legen gleich ein flottes Tempo vor, aber ihre Spielfreude kommt im Publikum kaum an. Schnellen harten Psychobilly sind die Hipster wohl nicht gewohnt. Ich mache natürlich zunächst Fotos für diesen Bericht, bis mich ein Ordner heranwinkt und mir folgendes mitteilt: Er wolle mir das Fotografieren nicht verbieten, aber ihm wurde gesagt, dass die Bands es nicht möchten, dass sie fotografiert werden. Daher stammt also der leere Pressegraben.
IMG_2539Nach ein paar Songs fordert Sänger und Gitarrist Rene D La Muerte die Anwesenden auf näher zu kommen, denn unverständlicherweise treten sich die Leute in der hinteren Hälfte regelrecht gegenseitig auf die Füße, während es vorne recht leer ist. „You’re dead“, vom dritten und selbstbetitelten Album The Brains (2009), ist ein kleines Highlight, und langsam taut das Publikum auch mal auf, und The Brains bekommen den Applaus, den sie verdienen. Mir persönlich gefällt vor allem die Coverversion von The Cures „Love Song“ sehr gut, die Phil the Beast am Schlagzeug voranprescht. Die Version ist so extrem eigenständig umgesetzt, dass ich den halben Song brauche, um ihn zu erkennen, obwohl ich ihn ja kürzlich erst im Original live gehört hatte oder vielleicht gerade deswegen.
Bassist Colin the Dead erzählt uns eine kleine Geschichte, die er mit München verbindet. Hier ist er zum ersten Mal im Leben verhaftet worden und hat sechs Stunden in Polizeigewahrsam verbracht. „The Policeman asked me: ‚Are we now fucking up your tour?'“ – „Yeah, you are fucking up my tour!“ And he he said: “ Ok, I tell you what we gonna do. We will not put you to jail, we will let you go. So promise me to keep on rocking and don’t fuck it up again!“ Worum es denn aber ging, verschweigt er uns leider.
Zu „Take what I want“ vom fünften Album Drunk not dead (2011) werden wir aufgefordert den Refrain mitzusingen, was aber eher schlecht als recht funktioniert. Dazu ist heute einfach das falsche Publikum da. Trotzdem ist es ein schönes Konzert, und so spielen The Brains noch eine schnelle Zugabe für die Fans, zu der sie die Bühne gar nicht erst verlassen.

Nach dieser kurzweiligen halben Stunde beginnt die Umbaupause und das Warten auf den Hauptact. Das szeneuntypische Publikum kämmt sich derweil den Bart. Viertel nach neun startet das Intro, zu dem Tiger Army die Bühne betreten. Der Applaus brandet laut auf, und es ist klar, dass das Publikum größtenteils nur wegen ihnen hier ist. Sie starten ihr Set mit „Prelude: Ad Victoriam“, das auch der Opener des aktuellen Albums V•••- (2016) ist. Vorn sind immer noch große Lücken, aber schon beim zweiten Song „Firefall“ werden diese ausgenutzt, als der Hipster Pogo losgeht. Hier fliegen nicht die Fäuste wie sonst beim Wrecking üblich, stattdessen fliegen hier die Bärte. Mit „Ghostfire“ von Ghost Tigers Rise (2004) und „When Night comes down“ von Power of Moonlite (2001) gibt es einen Ausflug in die Vergangenheit.
Als ich nach einigen Fotos in den hinteren Bereich zurückziehe, um nicht noch mehr umherspritzendes Bier abzukriegen, muss ich leider feststellen, dass der Sound hier wesentlich schlechter als vorne ankommt. Vor allem die Stimme von Nick 13 ist kaum zu hören. Das ändert sich erst zur Hälfte des Konzerts, als zur neuen Ballade „Dark and lonely Night“ der Gesang verstärkt und die ganze Abmischung scheinbar modifiziert wird, denn danach ist der Sound zumindest besser, wenn auch nicht optimal.
IMG_2578Auch Sänger Nick 13 erzählt uns mit „This really changed my life“ eine kleine Anekdote , wie er als junger Hüpfer mit dem Bus nach München zu seinem ersten Psychobilly Event gefahren ist. „So Munich has a special place in my heart.“ Ein Highlight für mich sind auf jeden Fall das gute alte „F.T.W.“, dem neuen amerikanischen Präsidenten gewidmet mit „I say: Fuck politics, fuck the government and fuck the world! Let’s fucking it!“ und „Jungle Cat“ von der Early Years EP (2002).
Nach nur 45 Minuten ist mit „Rose of the Devil’s Garden“ von Ghost Tigers Rise überraschend Schluss, aber ohne Zugabe mag sich auch die Tiger Army nicht verabschieden. Nach „Never die“ und „Moonlite dreams“ vom selbst betitelten Tiger Army (1999) folgen für mich verzichtbar ein langes Drumsolo von James Meza und ein Bass-Solo von Djordje Stijepovic. Zum Abschluss gibt es noch „Devil lurks on the Road“ vom aktuellen Album und vor „Sea of Fire“ von Ghost Tigers Rise verabschiedet sich Nick 13 und bedankt sich beim Publikum. Nach nur einer Stunde ist die Show endgültig vorbei, und der Bühnenvorhang wird zugezogen. Das Publikum bleibt zurück und ist geteilt zwischen Begeisterung und Ratlosigkeit.

Fazit: Tiger Army haben sich weit von ihren alten Psychobilly-Wurzeln wegentwickelt und haben unter anderem erst Punkrock- und jetzt viele Country-Einflüsse in ihren Sound integriert, der insgesamt wesentlich ruhiger als früher erscheint. Die neue Scheibe V••• könnte im Grunde genommen auch ein Soloalbum von Nick 13 sein. Der Weggang des alten Bassisten Geoff Kresge hat Spuren hinterlassen, und damit haben sie viele Psycho-Fans verloren, aber gleichzeitig ein neues Klientel angezogen. Somit ist heute Abend scheinbar ein neues Musikgenre geboren worden: Hipsterbilly. Das finde nicht nur ich irgendwie befremdlich, sondern auch die Umstehenden, mit denen ich mich unterhalten habe. Insgesamt wirken Tiger Army beim Konzert auf mich überroutiniert und irgendwie lustlos. Sie spielen ihr Pflichtprogramm runter und sind dann wieder weg. Da habe ich schon viele Bands wesentlich engagierter aufspielen sehen, auch aus dem Psychobilly Genre. Auch der Sound ließ leider sehr zu wünschen übrig. The Brains haben für mich den Abend rausgerissen und sind der Bonuspunkt in meiner Bewertung, trotz des etwas lahmen Publikums.

Setlist Tiger Army:
Prelude: Ad Victoriam
Firefall
Ghostfire
When Night comes down
I am the Moth
Devil Girl
Cupid’s Victim
Dark and lonely Night
Band Jamming
F.T.W.
Jungle Cat
Trance
Rose of the Devil’s Garden

Never die
Moonlite dreams
Devil lurks on the Road
Sea of Fire

(1827)