Konzert: 25.10. 2019 – New Model Army + Zam Helga – Backstage Werk, München

Drowning in the pool

Die mittlerweile seit 39 Jahren bestehenden New Model Army haben kürzlich mit From here ihr 17. Album veröffentlicht. Ist es Zeit für den Kult, langsam müde zu werden? Natürlich nicht, denn From here ist die konsequente Fortsetzung des Weges, den die Band mit den letzen Alben Between dog and wolf (+ EP Between wine and blood) und Winter begonnen haben. Hiermit wird quasi eine Trilogie vollendet, und die will mit einer Tour ausführlich gefeiert werden. Für das Vorprogramm ist der Singer/Songwriter Zam Helga gebucht. Irgendwas klingelt da zwar, aber spontan ist er für uns leider ein Unbekannter.

DSC_9449Das Backstage vermeldet „ausverkauft“, was ich jetzt nicht unbedingt erwartet hätte, aber es passt durchaus zur Chartplatzierung von From here auf Platz 6 in Deutschland. Diverse Termine der Tour sind ausverkauft – ein bisschen verstörend für uns langjährige Fans, aber vor allem toll für die Band. Die Spannung steigt: Welche neuen Songs schaffen es in die Setlist, welche alten Klassiker werden heute ausgesucht? Eine Viertelstunde vor Einlass ist die Schlange bereits 20 Meter lang, doch dann geht es zügig voran. Während sich das Werk stetig füllt, frage ich mich, wie eine naturgemäß ruhige Singer/Songwriter-Nummer zur energiegeladenen Rockshow von New Model Army passen soll. Aber dann zeigt sich, dass auch Zam Helga darüber nachgedacht hat. Denn er kommt nicht allein auf die Bühne, sondern hat einen Bassisten und einen Drummer als Verstärkung dabei. „Liebe Freunde von New Model Army„, begrüßt er das Publikum, „ich freue mich genauso wie ihr!“ Er verrät uns, dass er vor dreißig Jahren mit der Army durch die gerade geöffneten neuen Bundesländer getourt ist mit seiner damaligen Band Helga Pictures, und von deren ersten Album stammt auch der erste Song des heutigen Abends „Waiting“. Damit legt die Band einen rockigen Start hin, nach dem Zam auch gleich zu warm für die Wollmütze ist. „All 4 U“ war seinerzeit ein Protestsong gegen die vorherschende Vorliebe für schmalzige Songtitel, wie er uns erkärt. Zur derzeitigen Umweltproblematik meint Zam: „Ich glaube, wir können es immer noch schaffen! ‚So long‘!'“ Das folgende „Bloodshot“ kündigt er als „Lied mit ganz einfachem Inhalt“ an, denn „es geht um Sex“. Jetzt entledigt sich Zam auch seines Mantels, denn die Temperaturen im Werk steigen stetig in die Höhe. „The elixier“ hingegen war ursprünglich für eine Sciene-Fiction-Serie gedacht, doch das hat leider nicht geklappt. Er hatte mit seiner Frau daran gearbeitet, und ihr widmet er auch den Song. „Kennt hier eigentlich jemand Rauhfaser?“ Damit spricht er seine dritte Band an, und immerhin drei Fans machen sich zu seiner Freude bemerkbar. Es folgen „Don’t let go“ und „Water flows“, das Zam als „eins meiner Lieblingsstücke“ bezeichnet. „Das ist denen gewidmet, die gegen den Strom schwimmen im Gegensatz zu denen, die es ins Tal treibt.“ Dazu soll es auch noch einen WDR-Rockpalast-Mitschnitt geben. „Junge, ich bin das nicht mehr gewohnt!“, stöhnt Zam angestrengt, denn als Solokünstler Zam Helga spielt er eigentlich nur im Sitzen, und das die letzten zwanzig Jahre lang! „One, two“ ist „das letzte Stück heute Abend, das wird heftig!“, das tatsächlich vom Soundcheck handelt, und um die folgende Wartezeit zu überbrücken, empfiehlt Zam die Theke zu stürmen. Nun werden die Mitmusiker vorgestellt, Peter Kumpf an den den Drums und Paco Müller am Bass, und für alle gibt es ordentlich Applaus. Insgesamt ein guter Aufritt mit sympathischen Musikern, die zeitlos erscheinenden Indierock präsentieren, denn das Alter merkt man Songs nicht an, dem etwas erschöpften Zam schon eher.

DSC_9505Die Umbaupause wird gesellig, denn mittlerweile ist es knackevoll, ausverkauft eben. Das Schlagzeug von Michael Dean war bislang mit einem schwarzen Tuch verhüllt, und durch die Art und Weise, wie es links und rechts von den Mikroständern herabhängt, erinnert es mich kurioserweise an den Turm Barad-dûr aus Herr der Ringe, nur Saurons Auge fehlt zum Glück. Das Bühnenbackdrop ziert eine Schwarzweiß-Version vom Plattencover zu From here. „It’s all about the drums and bass“, hat Justin in Interwiews wiederholt festgestellt, und das bekommen wir jetzt zu spüren. Durchdringend dröhnt es als Intro minutenlang durch das Werk. Schließlich betritt die Band die Bühne, Bassist Ceri Monger vorweg, gefolgt von Drummer Michael Dean, Keyboarder Dean White und schließlich Sänger Justin Sullivan. Moment mal, der Platz am linken Mikro bleibt frei? Wo ist Gitarrist Marshall Gill? Ohne Umschweife überraschen sie das Publikum mit dem explosiven „No rest“, dem Titelsong des zweiten Albums „No rest for the wicked“ (1985). Die mitreisende Family im Publikum lässt sich da natürlich nicht lange bitten und eröffnet direkt den Pogokessel. Vor der letzten Strophe hält die Band kurz inne und lässt den Moment auf sich wirken, bevor es weitergeht. Leider knallt es nicht ganz so rein, wie es könnte, denn der Sound ist noch nicht optimal, vor allem Justins Stimme ist etwas leise und nicht gewohnt klar wie sonst. Dennoch ist die Stimmung von jetzt auf gleich auf Anschlag und wird direkt zu „Never arriving“, der zweiten Single des neuen Albums, weitertransportiert. Nun entschuldigt sich Justin für den fehlenden Marshall, der leider krank ins Hotel zurückkehren musste. Dafür nutzt Dean die Gelegenheit, öfter mal das Keyboard zu verlassen und die Gitarre zu übernehmen. Die Zunge klebt mir bereits jetzt am Gaumen, es ist traditionell viel zu heiß im Werk. Zum Glück ist „Wheather“ etwas ruhiger angelegt, und noch sind nicht alle Anwesenden mit den neuen Songs vertraut. Mit „The charge“ vom Kult-Album Thunder and consolation (1989) folgt aber schon der nächste Kracher, und auch der Sound wird deutlich bessser, was auch dem neuen Stück „Watch and learn“ zugute kommt. Mit dem jubelnden Publikum macht Justin zunächst Scherze darüber, dass das Werk von der Bühne aus wie ein „Swimming Pool“ aussieht und erklärt dann unvermittelt: „We won’t bore you all fucking night by talking about FUCKING Brexit… (Justin ist maximal angepisst) but we will play you this!“ Spätestens jetzt sind alle wach, denn „51st state“ ist nicht nur die richtige Botschaft, sondern auch einer der Songs, den wirklich alle kennen. Der Pit wächst plötzlich auf die doppelte Größe an und nimmt den kompletten vorderen Teil vor der Bühne ein. Die Atmosphäre ist einmalig, als die Band die Instrumente ruhen und das Publikum den Mittelteil alleine singen lässt, und dann das Finale rockt.
Auch „Believe it“ von The love of hopeless causes (1993) passt perfekt dazu, bei dem es im Refrain „I don’t believe it“ heißt, wenn man bedenkt, dass die gesamte Leave-Kampagne auf populistischen Lügen aufgebaut worden ist. Mit „From here“ folgt das Titelstück des neuen Albums, die Drum-and-Bass-Section ist hier noch einmal deutlich betont. Bei aller Professionalität, die Band verzettelt sich witzigerweise beim Einzählen, und es ist nicht klar, ob deutsch oder englisch und ob bis drei oder vier gezählt werden soll. Das sorgt für Heiterkeit auf der Bühne und im Publikum, also noch einmal: „One, two, three!“ Jetzt klappt alles, und zu „Where I am“, der dritten Single, wird wieder heftig getanzt und gepogt. Nun kündigt Justin einen „Surf-Song“ an, weil München ja nah am Meer läge. Aber auch auf der Isar kann man surfen und einen „Wipe out“ (von Eight, 2000) erleben, und entsprechend wird gefeiert. Irgendjemand hat seine Jacke verloren, und die tanzt nun hochgehoben den Pogo mit, bis sie ihren dankbaren Besitzer wiederfindet. „Three or four days ago it was our 39th birthday.“ – Zwischenruf aus dem Publikum: „So young!“ Justin grinst und sagt: „I’m not sure if you should clap. It’s an accident.“, woraufhin alle lachen müssen. „Sometimes I have to do interviews and they talk about the fucking past. And one of the questions I always get asked is now: when we started the band in the early Eighties, in the Thatcher time, is it now feeling the same? … and the answer is: NO! The answer is that now is the result of that fucking time.“ Lauter Jubel und Zustimmung, währenddessen sich die Band von der Bühne schleicht. Justin bleibt allein zurück und spielt nun ein Stück „that comes to my head from the middle time of NMA“. In der Akustikversion ist „Over the wire“ von Strange Brotherhood (1998) einfach wunderschön und sorgt trotz der abartigen Temperatur für Gänsehaut. Mit „End of days“ folgt das erste veröffentlichte Stück, das uns wieder ins Jetzt zurückholt. Schon die ersten Töne von „Here comes the war“ (wieder TLOHC) lösen vereinzelte Schreie aus, und im Pit geht es wieder rund. Unzählige Arme werden im Refrain emporgerissen. Vor der letzten Strophe nehmen New Model Army das Tempo jedoch komplett raus, und Justin flüstert fast. Zum Rhythmus von Michael wird nun mitgeklatscht, und die Spannung steigt, bis schließlich alle noch einmal explodieren. Zweimal geht jemand beim Pogo zu Boden, doch sofort ziehen drei, vier Leute die Jungs wieder hoch. Man passt eben aufeinander auf. Alle müssen schwer verschnaufen, und so sollen wohl „a couple of retention songs“ wieder etwas Ruhe reinbringen, und etwas Erholung ist nun wirklich mehr als willkommen. Über „Stranger“ von Eight kommen wir zum Klassiker „Ballad of Bodmin Pill“ von Thunder and consolation, das inbrünstig mitgesungen wird. Selbst Justin auf der Bühne scheint bewegt zu sein und wendet sich anschließend an das jubelnde Publikum. „How ya doing? How’s the swimming pool … It can’t be as wet as it is up here. Of course it’s fucking hot.“ Er zieht grinsend eine Augenbraue hoch und schiebt noch nach: „It’s gonna get hot!“ Damit setzt die Band zu „Fate“ (wieder TLOHC) an, was die Fans wiederum begeistert mitsingen. Nun peitscht Michael am Schlagzeug „Get me out“ von Impurity (1990) voran, und Ceri praktiziert dabei heftiges Headbanging am Bass. Selbst der meistens eher zurückhaltende Dean wirft sich in Rockerpose, wo er schon mal eine Gitarre hat. Die letzten Kräfte werden mobilisiert und der Innenbereich rotiert.

DSC_9570Die Band zieht sich kurz und schmerzlos zurück, aber natürlich ist jedem klar, dass der Abschied nur vorübergehend ist. Trotzdem machen alle Lärm, denen noch nicht völlig die Puste ausgegangen ist. Kaum ist die Band zurück, beschreibt Justin die Stimmung auf den Punkt: „You certainly want more music but at the same time you’re just dying to get out of this sweat box.“ Dann sagt er mit sehnsüchtigem Blick: „Well, what I thought is: as soon as you come outside there is an icecold lake.“ Wenigstens ein erfrischender Gedanke, der durchaus zur jahreszeitlichen Ballade „Autumn“ von Today is a good day (2009) passt. Textsicher wird mitgesungen und geschunkelt, und so meint Justin anschließend: „Try singing to this one!“ Das ist für die alten Fans natürlich auch bei „Bad old world“ (noch einmal TLOHC) kein Problem, und wir schubsen uns fröhlich quer durch den Pool. „We’re like sharks in the waters, if we stop swimming, we die.“, kommt mir dabei in den Sinn. Trotzdem folgt der nächste Abgang, doch auch dieses Mal wird die Band zurückgejubelt. „Vielen Dank“, keucht Justin, und fragt dann ungläubig: „You’re not tired?“ – “ NOOO!“ – „Aaaaah!“ entfährt ihm ein Schrei, während er verzweifelt Richtung Decke blickt. Weil seine Stimme etwas angegriffen ist, gibt es nur noch einen Song, er vertröstet uns aber sogleich: „Next year will be our 40th anniversary. Then we’ll come back and play some of the songs you think you want to hear.“ Die ersten rufen schon Wünsche, aber Justin winkt ab: „Neeext year. But a lot can happen … with everything that’s happening in the world, so we hope that we all gonna be here next year.“ In der Tat, und dann fügt er noch nach: „Sometimes, when nothing out there makes any fucking sense at all, music does.“ Musik ist tatsächlich mein täglicher Rettungsanker, und mit den ersten Takten bekomme ich schon Gänsehaut. Zusammen mit der Family im Pit reiße ich die Arme hoch, wenn es im Refrain heißt: „I love the world“. In beschissenen Zeiten hat mich dieser Song stets zuverlässig begleitet, und so muss ich mir die feuchten Augen wischen. Aber eigentlich ist alles feucht, schließlich tanzen wir ja in einem Pool. Plötzlich erwischt es einen Fan neben mir, seine Augenbraue ist aufgeplatzt, und das Blut strömt ihm erst über das Gesicht, und dann weiter über die Brust. Aber rausgehen und etwas verpassen? No way. Irgendjemand reicht ihm aber ein Taschentuch, und so wird einfach zu Ende gefeiert. Leider ist nun wirklich Schluss, Justin klopft sich zum Abschied auf die Brust und sieht wirklich erschöpft aus, die anderen winken, und Michael wirft seine Sticks ins Publikum. Aber ganz ehrlich, ich kann mich auch kaum noch auf den Beinen halten, nach dieser Hitzeschlacht im Pool, in der man sich wie ein Ertrinkender gefühlt hat. Ich treffe den Verletzten noch einmal an der Bar, zu Glück ist nicht viel passiert, und die Blutung hat bereits gestoppt. Es sah also schlimmer aus, als es tatsächlich war. Trotzdem an dieser Stelle noch einmal gute Besserung!

Fazit: Es ist natürlich schade, dass Marshall heute gesundheitlich ausgefallen ist, aber Dean hat ihn bestens vertreten. Es ist immer wieder faszinierend, wie sich die Energie von New Model Army auf das Publikum überträgt, von dem sich wiederum die Band tragen lässt. Man spürt, wie die Band das Spektakel genießt und immer willig ist, das Beste zu geben. Auch, wenn mal etwas schief geht oder eben jemand krank ist. Ich freue mich schon jetzt auf die versprochene Geburtstagsfeier, doch zuvor stehen ja noch die Weihnachtskonzerte an.
Aber auch Zam Helga kam nicht nur bei mir gut an, und ich würde mich freuen, Helga Pictures noch einmal live zu erleben.
:mosch: :mosch: :mosch: :mosch: :mosch:

Setlist NMA:
No rest
Never arriving
Wheather
The charge
Watch and learn
51st state
Believe it
From here
Where I am
Wipe out
Over the wire (akustisch)
End of days
Here comes the war
Stranger
Ballad of Bodmin Pill
Fate
Get me out

Autumn
Bad old world

I love the world

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