Konzert: 28.04.2015 – Blind Guardian, Orphaned Land – Zenith, München

München reißt das Ruder früh an sich

Es regnet schon den ganzen Tag in Strömen, die U-Bahnen in München fahren nicht so, wie sie sollen, und überhaupt könnte alles besser sein. Wie gut, dass am Abend Blind Guardian und Orphaned Land in der Stadt sind, genauer gesagt im Zenith im Norden Münchens. Das Zenith ist die Halle mit dem legendär schlechtesten Sound in der Stadt, hat allerdings auch das für eine Band der Größenordnung von Blind Guardian nötige Fassungsvermögen. Schaun mer mal, was der Abend so bringen wird …

Erst einmal gilt es allerdings eine massiv beengte U-Bahn-Fahrt zu überstehen, denn parallel findet in der Nähe des Zeniths in der Allianz-Arena die Begegnung FC Bayern – Borussia Dortmund stand, und da wollen natürlich alle hin. Leider scheint sich das auch auf die Konzertgänger ausgewirkt zu haben – das Zenith ist überraschend leer, ein Teil der Halle ist sogar abgehängt, und von den gefürchteten Menschenmassen und Schlangen am Einlass ist erst mal gar nichts zu sehen. Was ist denn hier los? So oft kommen Blind Guardian ja nun wirklich nicht in die Stadt, da schwänzt man doch nicht?
Als pünktlich um 20.00 Uhr die israelische Band Orphaned Land beginnt, drängt sich das Publikum aber dann doch zumindest im vorderen Hallenbereich ganz ordentlich, seitlich (wo der Sound überraschend gut ist) hat man aber noch Platz und wird nicht erdrückt.

Kobi Farhi und seine Mannen mögen mit ihrem recht sperrigen, orientalisch beeinflussten Sound erst mal nicht als ideale Vorband erscheinen, haben sie doch wenig von Blind Guardians Mitsinghymnen und mitreißenden Kopfwackelmelodien im Gepäck. Ich mag die Band hingegen sehr, habe sie auch schon einige Male vorher live gesehen, weshalb das heute Abend für mich ein ideales Package ist – aber skeptisch bin ich schon. Die ersten Minuten sind die Reaktionen auch etwas verhalten, aber die langjährige Bühnenerfahrung der Truppe sowie immer wieder gut funktionierende Witze („I am not Jesus“, wie der mit langer Tunika angetane, Jesus extrem ähnlich sehende Kobi sich nach ein paar Songs vorstellt, oder: „I’m wearing underwear under this garment, in case you’re wondering.“) in Kombination mit exzellent gespieltem Oriental Metal locken die Meute dann doch recht bald aus der Reserve. Die Songauswahl ist ein hervorragendes Best-of, Kobi feuert das Publikum ständig zum Mitklatschen und Mitsingen an, was dieses auch großteils bereitwillig mitmacht. Einige politische Anmerkungen dürfen auch nicht fehlen, so zum Beispiel, dass Metal die einzige Religion für die Band ist, was mit frenetischem Beifall quittiert wird. Ansonsten geht es einzig und allein um die Musik, und nach 45 Minuten und großartigen Songs wie „Barakah“, „Brother“, „El Meod Na’ala“, „Sapari“ oder dem abschließenden „Norra el Norra (Entering the Ark)“ haben Orphaned Land einige neue Fans dazugewonnen. Saubere Leistung, danke und shalom!

Um zehn nach neun ist es dann endlich so weit, und Blind Guardian betreten entspannt lächelnd die Bühne. Ich wage es kaum zu sagen, aber in den über zwanzig Jahren, in denen ich die Band schon liebe, hatte ich noch keine Gelegenheit zu einem Konzert – aber das Warten hat sich gelohnt, das ist sofort klar.

Hansi Kürsch und seine Mannen haben das Publikum vollkommen in der Hand (auch wenn dieses durch lautes Mitsingen ab dem zweiten Song, „Banish from Sanctuary“, laut Hansi „das Ruder sehr früh an sich reißt“), sie könnten heute Abend spielen, was sie wollten, es wäre alles großartig. „Nightfall“ singt wieder das Publikum, bei „Fly“ raste ich dann zum ersten Mal richtig aus, „Tanelorn“ und „The last Candle“ werden wieder von einem vielstimmigen Chor begleitet. Die Stimmung im Publikum ist (für Münchner Verhältnisse) fantastisch, die Band sowieso perfekt aufeinander eingespielt und souverän, die Bühnendeko eine der schönsten, die ich seit langem gesehen habe. Die gesamte Wand wird von einem riesigen Gemälde eingenommen, das erst nach einigen Liedern bei entsprechender Beleuchtung voll sichtbar ist, dekoriert mit leeren Bilderrahmen und flatternden, beleuchteten Stoffbahnen. Extrem stilvoll und mal ganz was anderes.

Die Band hat sich für diese Tour anlässlich des neuen Albums Beyond the red Mirror etwas Besonderes überlegt und wechselt zum einen erfreulicherweise täglich die Setlist etwas durch und zelebriert zum anderen eine kleine Akustik-Session, die selbst im riesigen Zenith etwas Intimes an sich hat. „Miracle Machine“ sowie „A past and future Secret“ entfalten so noch einmal eine ganz eigene Wirkung, bevor es mit dem absoluten Klassiker „Welcome to Dying“ zurück zu den Speed-Metal-Wurzeln geht. Ich raste zum zweiten Mal vollkommen aus und bin einfach nur glücklich. Rasant und klassisch geht’s mit „Journey through the Dark“ und „Imaginations from the other Side“ weiter, das den regulären Konzertteil beschließt.

Hansi kann sich aber ein Lachen nicht verbeißen, als das Ende des Auftritts ankündigt, weil … die Zugabe ja sowieso klar ist. Dementsprechend kommt die Band ohne Umstände zwei Minuten später schon wieder zurück und haut uns mit „Sacred Worlds“, „Twilight of the Gods“ und dem unsterblichen „Valhalla“ den ersten Zugabenblock um die Ohren. Der Refrain zu „Valhalla“ ertönt danach noch sehr lange in der Halle, und auch wenn Blind Guardian das bei jedem Konzert erleben dürften … man glaubt ihnen die gerührten Blicke. Bevor es aber zu gefühlsselig wird, gibt’s lieber die zweite Zugabe mit dem phänomenalen „Wheel of Time“ und natürlich den zwei Liedern, die auf keinem Konzert fehlen dürfen: „The Bard’s Song – In the Forest“, bei dem das Publikum nahezu komplett den Gesang übernimmt, sowie „Mirror Mirror“.

Nach zwei Stunden schweißtreibender Spielzeit verabschieden sich Blind Guardian von einem glücklichen Publikum – es war ein magischer Abend mit einer der besten Bands im Metal-Bereich, die ihre Ausnahmestellung in der Szene wieder einmal eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat. Mit Orphaned Land hatten sie eine zwar überraschende, aber letztendlich goldrichtige Vorband dabei, die mit dieser Tour verdientermaßen noch etwas bekannter wird.
Alles toll also an diesem Abend (sogar der Sound, man glaubt es kaum) – und über die genauso turbulente Rückfahrt mit der U-Bahn breiten wir hier den Mantel des Schweigens.

:mosch: :mosch: :mosch: :mosch: :mosch:

Setlist:
The ninth Wave
Banish from Sanctuary
Nightfall
Fly
Tanelorn (Into the Void)
Prophecies
The last Candle
Akustikset:
Miracle Machine
A past and future Secret
Welcome to Dying
Journey through the Dark
Imaginations from the other Side

Sacred Worlds
Twilight of the Gods
Valhalla

Wheel of Time
The Bard’s Song – In the Forest
Mirror Mirror

 

Bilder Orphaned Land:

 

Blind Guardian

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