Eichhörnchenpogo
Sommerzeit, Festivalzeit. Wer nicht in die Ferne schweifen mag oder kann, hat wie jedes Jahr das Free & Easy im Backstage vor der Haustür: Über drei Wochen jeden Abend Bands auf allen Bühnen, Vorträge, Filme, Metal-Yoga, Biergarten, Gaudi, ois. For free! Das musikalische Angebot ist vielfältig und immer hochkarätig. Manche Bands sind regelmäßig zu Gast, manche schauen auf ihrer regulären Tour vorbei. Lokale Bands werden mit großen Namen zusammengespannt, eine tolle Chance und immer spannend. So auch heute, da sich ein richtig großer Name angesagt hat: The mighty Ministry, Industrial-Metal-Helden um Uncle Al Jourgensen. Auf Abschiedstour noch dazu (diesmal wohl wirklich)! Das darf man sich nicht entgehen lassen. Also Ohrenstöpsel eingepackt und nichts wie hin!
Der Montagabend beginnt früh, das Wetter lädt auch nicht gerade ein, sich schon auf dem Gelände aufs Konzert einzustimmen, weshalb der Opener Seasons in Black vor erst noch locker gefülltem Werk auf die Bühne geht. Das tut der Laune des Metal-Urgesteins aus dem Bayrischen Wald – seit 1996 gibt es die Truppe schon – aber keinen Abbruch, die, wie Sänger Lucki immer wieder strahlend in schönstem Bayrisch betont, einfach alles nur „geil“ findet. Den Spaß und den Thrill, vor Ministry den Abend eröffnen zu dürfen, merkt man dem Fünfer an, der alles aus dem Auftritt herausholt. Gasmaskenmikroständer, Rauchsäulen quasi im Minutentakt, Fahnenschwenker bei „Seasons in black“, Gastauftritt der früheren Sängerin Katrin Löffler bei „Bloody tears“ und natürlich amtlicher Death Metal (mit Keytar!) aus dreißig Jahren und drei Longplayern Seasons in Black. Der anwesende Fanclub sowie das mittlerweile gut gefüllte Werk machen ordentlich Stimmung, und man könnte meinen, dass hier schon ein Headliner auf der Bühne steht. „Man kann sich Träume erfüllen, auch wenn’s dreißig Jahre dauert“, ruft Lucki zwischendurch. „Am Donnerstag spielen wir in Wacken, am selben Tag wie Guns’n’Roses!“ Da hat er recht – man sollte seine Träume wirklich nie aufgeben. Als letzten Song gibt’s noch ein Cover von Stiltskins „Inside“, und Seasons in Black gehen unter großem Jubel ab.
Die nächste Band hat keinen Fanclub dabei und dürfte den allerwenigsten im Raum etwas sagen. Seit 2023 gibt es Light of Eternity auch erst, dahinter verbergen sich aber alte Hasen. Drummer Big Paul Ferguson trommelt seit 1979 (mit längerer Unterbrechung) für Killing Joke und hat auch u. a. mit Warrior Soul und Murder Inc. zusammengearbeitet, Sänger/Bassist Fred Schreck ist seit Anfang der Neunziger u. a. bei The Ancients aktiv, und Gitarrist Pauly Williams lärmt sonst bei Chaos 8. Drei erfahrene Musiker, die Goth, Rock, Industrial und Punk zu einem rohen, dystopischen und absolut zeitlosen Sound vermischen, der spätestens ab dem dritten, vierten Song gnadenlos in den Nacken geht. Zwei EPs haben Light of Eternity veröffentlicht, aus denen sich die Setlist weitestgehend zusammensetzt, und von Track zu Track wird die Stimmung im Werk immer euphorischer, immer mehr Köpfe bewegen sich, und vor allem beim brutalen „Fascist x“ wird auch enthusiastisch mitgebrüllt. „Aftershock“ und „World collide“ halten das hohe Energielevel, und am Ende haben Light of Eternity nach ihrem ersten Deutschlandauftritt völlig verdient sehr, sehr viele neue Fans.
Sehr, sehr viele Leute sind mittlerweile auch noch ins Werk geströmt, die Reservierungstickets sind ausverkauft, Luft und Platz werden knapp, und Ministry stehen noch nicht mal auf der Bühne. Während als quasi einziger Bühnenschmuck ein riesiger Krähenskelettkopfständer wie aus einem Horrorfilm aufgebaut wird (für Uncle Als Lyricsheft), wird im Publikum eifrig debattiert, was es heute auf der Abschiedstour von Ministry wohl überhaupt zu hören geben wird. Vor Kurzem hat Al ja die allerersten – von der Metal-Welt entweder ignorierten oder sogar richtiggehend verhassten – Synth-Alben der Band unter dem Titel The Squirrely Years Revisited in Teilen neu heraus- und in den USA auch auf die Bühne gebracht (im Glitzersakko). In Europa, wo es die Songs nie live zu hören gab, wäre das durchaus ein Wagnis. Als die Band dann unter großem Jubel (und bei noch eingeschalteter Beleuchtung) auf die Bühne kommt, kündigt Al unzeremoniell den ersten Song an. Und noch bevor man richtig kapiert hat, was er gesagt hat, dröhnt „Thieves“ aus den Lautsprechern – die Zeichen stehen also auf Lärm! Was für ein Einstieg! Schlag auf Schlag geht es so weiter, die nächste Stunde ist ein veritables – und sehr, sehr lautes – Best-of einer der wichtigsten (Industrial-Metal-)Bands überhaupt. Die vor allem ganz im Zeichen der Musik und der Musiker steht. Als Begleitband ist fantastisch und peitscht „Rio Grande blood“ oder „LiesLiesLies“ mit viel Druck durch den Raum, der Mosphit ist amtlich, und Al ist fit und konzentriert, gut bei Stimme und unermüdlich auf der Bühne unterwegs. Ohne Dreadlocks, Piercings im Gesicht und Kopftuch, sondern mit langen schwarzen Haaren und Pilgrim Hat wirkt er zumindest äußerlich sehr viel unauffälliger als früher, er verzichtet auch auf politische Seitenhiebe (vielleicht geht es ihm da aber auch wie so vielen von uns: Was gerade in den USA und an vielen anderen Orten der Welt passiert, ist so krass, dass man kaum noch weiß, was man dazu sagen soll. Und sich nur zu gern einfach mal in die Musik flüchtet), die eingespielten Visuals sind auch dezenter als früher. Ministry in einer stripped version, sozusagen, dafür blasen sie uns erbarmungslos die Gehörgänge durch. Nach dem ultrabrutalen „Stigmata“ gibt’s das Triple vom legendären Psalm-69-Album, „N.W.O.“, „Just one fix“ und „Jesus built my hotrod“ aus dem Jahr 1992. Damals bin ich zu diesen Songs auf Jugendzentrums- und anderen Partys wild über die Tanzfläche gesprungen, heute geht das aus Platzmangel (und mit zarten 33 Jahren mehr im Kreuz) nicht so gut, aber ich bin sehr, sehr glücklich. Vor allem „Just one fix“ walzt unglaublich mächtig durchs Werk, aber auch „Jesus …“ hat nichts von seiner Wucht verloren. Ganz, ganz groß! Danach verabschieden sich Ministry, werden aber natürlich für eine Zugabe zurückgeholt. Und dann passiert es: drei Synth-Songs aus dem Frühwerk der Band! „We believe“, „Effigy (I’m not an)“ und „Revenge“ beenden diesen akustischen Generalangriff von Konzert unerwartet melodisch und (vergleichsweise) zart. Für die einen eine Gelegenheit, wieder zu Atem zu kommen, für andere ein unerwartetes Zuckerl. So oder so – ein gelungener Abschluss.
Was für ein Abend! Montag, Regen, kühle Temperaturen – alles egal. Drei Bands, die ordentlich einheizen, mal mit mehr, mal mit weniger Lametta auf der Bühne, aber alle mit mächtig Spaß in den Backen und Feuer unterm Hintern. Seasons in Black zeigen, dass man nie zu alt für wahr werdende Träume ist, Light of Eternity empfehlen sich für kommende Großtaten, und Ministry zeigen nachdrücklich, dass sie nach wie vor unerreicht in ihrem Genre sind. Sie werden fehlen, sollte Al die Band tatsächlich zu Grabe tragen. Wer die Möglichkeit hat, sollte sie auf dieser Tour unbedingt noch mal anschauen. Und wie ein Eichhörnchen zu „Jesus built my hotrod“ herumspringen.

Setlist Ministry
Thieves
The missing
Deity
Rio Grande blood
LiesLiesLies
Goddamn white trash
Alert level
Stigmata
N.W.O.
Just one fix
Jesus built my hotrod
We believe
Effigy (I’m not an)
Revenge
(2284)
