Im Netz der Spinne
Aux Animaux ist ein Underground-Musikprojekt von Gözde Duzer, einer schwedischen Künstlerin aus Stockholm mit türkischen Wurzeln. Mit ihrem Album Body Horror bin ich bereits auf sie neugierig geworden (Link zur Review). Daher bin ich auch mehr als gespannt, wie das Ganze in der Live-Erfahrung ausfällt. Im Vorprogramm tritt XTR Human auf, der schon lange nicht mehr in München zu Gast war und auf jeden Fall auch eine eigene Fangemeinschaft hat. Als lokale Vorband sind Dürre Ringer engagiert worden, von denen wir noch nie etwas gehört haben. Der Name klingt aber schon mal ungewöhnlich, sodass wir uns da einfach mal überraschen lassen.
Um 20:08 betreten Dürre Ringer in reichlich schräger Optik die Bühne. Dabei passen die Turnhosen in Ballonseide aus den Achtzigern natürlich zum Sportthema, und die blaue Schminke erinnert an die mexikanischen Lucha-Libre-Masken. Auf die oft gestellte Frage, entweder Korg oder Roland als Synthesizer einzusetzen, hat Keyboarder Holger eine eindeutige Antwort. Er verwendet einfach beide. Das erste Stück “Inklude” wirkt wie ein Intro mit seiner sehr getragenen Stimmung. Alle drei singen gleichzeitig zusammen, aber es lässt sich auch bereits ein gewisses 80er-Flair erspüren. Das wird für “Burnout Baby” richtig aufgedreht, der Bass wummert und wird zusätzlich von Mikolasch Reinke an den Stehdrums unterstützt. Nun gibt es auch den ersten Beifall, und Mikolasch wendet sich ans Publikum: “Vielen Dank! Schön, dass ihr alle da seid. Wir sind Dürre Ringer!” Schnell noch die Jacke ausziehen, dann setzt der pumpende Beat von “Dornis” ein. Die Musiker tanzen wild und versprühen pure Freude, die sich langsam auch ins Publikum überträgt. Der nächste Song besitzt einen Sound kalt wie “Eisen”, was das blaue Licht zusätzlich unterstreicht, ebenso wie der starke Nachhall. Beim folgenden Track “Das Prinzip von Leistung” wird die Grundaussage “immer nur Arbeit” durch die Monotonie auf gelungene Art transportiert. Die Intensität steigert sich stetig bis zum Hip-Hop-artigen Höhepunkt am Ende, der in den verdienten Applaus mündet. “Vielen Dank! Das war unser neuestes Werk!”, was auch das zur Sicherheit ausgelegte Textblatt erklärt. Nun rummst das “Carbonbike” heftig technoid, das ich als Neue NDW einordnen möchte mit dem dadaistischen Ansatz. Irgendwie schräg und hypnotisch. Nun wünscht sich Jenny etwas mehr Keyboard auf dem Monitor, und der “Tramlerjunge” hat seinen Auftritt, das ebenfalls Applaus bekommt. “Vielen Dank, wir haben noch ein Lied, und dann viel Spaß mit XTR Human und Aux Animaux!” Zu “Synth-Spila” macht Jenny eine Art Ausdruckstanz zu den 80er-Akkorden von Holger. Am Ende grinst er ins Publikum: “Es ist vorbei!” Trotzdem gibt es natürlich den verdienten Beifall, sie bedanken sich und beginnen um 20:40 mit dem Abbau.
Die Umbaupause nutzen wir um uns kurz zu sammeln. Was war das da eben? Irgendwie schräg und etwas gewöhnungsbedürftig, aber dramaturgisch geschickt gesteigert. Ein wenig Theater-Inszenierung schwingt im Auftritt mit, und letzten Endes finde ich die Bezeichnung Neue Neue Deutsche Welle recht passend. Allzu viele Leute sind am heutigen Donnerstag kurz vor dem WGT leider nicht erschienen, insgesamt sind wir ca. 50 Besucher*innen.
Derweil steht Gözde Duzer zwischendurch schon einmal höchst persönlich am Merchandise-Stand, und die ersten Selfies werden geschossen. Doch zunächst steht XTR Human auf dem Programm, und so geht es auch schon um 20:54 weiter. Der Beginn kommt plötzlich und unvermittelt. Elektronisch und energievoll geht es los, die Art des Auftritts und des Gesangs erinnern mich an Gabi Delgado von DAF, aber mit dem Nachhall und der eigenen Stimmfarbe bewahrt sich Johannes Stabel seine Eigenständigkeit. Nach dem ersten Song wendet er sich kurz ans Publikum: “Es ist schön, mal wieder hier in München zu sein! Woohoo!” Der folgende Beat animiert dazu sich zu bewegen, und auch Gözde steht im Publikum und filmt mit dem Handy. Für sie ist das selbstverständlich und ohne jegliche Berührungsängste. Schließlich springt Johannes von der Bühne, nimmt sich den Raum und startet einen Ein-Mann-Pogo. Wieder auf der Bühne zurück fragt er: “Are you ready for more?” Außerdem macht er noch einen Witz darüber, dass er eigentlich Deutsch spricht. Der Energie-Level bleibt hoch, und auch die Ringer tanzen im Publikum und lassen sich die Show nicht nehmen. “Der nächste Song ist über die biblische Sünde ‚Neid‘, die wir alle haben in diesem kapitalistischen System!” Die meisten lassen sich nun endgültig mitreißen und tanzen, und entsprechend fällt der Applaus aus, in den sich Jubelrufe mischen.
Nun erklärt Johannes die Entstehung des nächsten Stücks. Nach einem Erlebnis in der Bahn, bei dem eine Partygesellschaft lautstark Schlager-Techno gespielt hat und einer typischen Mallorca-Sauftour hat er diesen Track gebaut: “EBM Train”. Dazu springt er wieder ins Publikum und zieht vor der Bühne seine Kreise auf imaginären Gleisen. Das ist anstrengend und fordert seinen Tribut, sodass er hinterher stöhnt: “Jetzt gibt es erst einmal was Langsames, sonst geh’ ich hier kaputt.” In einer kleinen Ansprache fordert er die Leute auf, in schweren Situationen Hilfe anzunehmen, denn darum geht es in “Die letzte Chance”. Im Anschluss überrascht der etwas Hip-Hop-artige Gesang bei einem ruhigeren Pop-Stück. Johannes läuft dabei durchs Publikum und schaut den Leuten direkt in die Augen. Danach wummert es wieder los, was uns alle wieder tanzen lässt. Auch er schwitzt und stöhnt hinterher: “Ah, ganz schön anstrengend!” Nachdem er sich auch kurz gesammelt hat, fährt er fort: “Der nächste Song hat super viel Bedeutung: ‘Abgrund’. Fuck off für alle Nazis!” Was natürlich spontan bejubelt wird, und er erklärt weiterhin: “Wenn alle nur noch Hass rauslassen, führt das in den Abgrund.” Der Uptempo-Beat reißt die Anwesenden wieder mit, und das Finale des Stücks feiert Johannes wieder unten im Publikum. “Das letzte Mal war ich in München, das ist zwölf Jahre her”, meint er schließlich und bedankt sich für die Einladung. “Den nächsten Song könnt ihr alle mitsingen. Das geht ‘Sledge hammer hammer’. Das ist ganz einfach, das schafft ihr alle!” Mit gefühlten 180 BPM hämmert der Track voran, und mein Magen hüpft regelrecht mit. Heftig, aber auch irgendwie geil. “Tschüss München!”, ruft Johannes zum Abschied um 21:38, steht aber schon zwei Minuten später leicht tropfend am Merchandise-Stand und steht den Fans zur Verfügung. Sehr sympathisch.
Die Umbaupause nutzt Gözde Duzer, um selbst ihr Theremin aufzubauen und alles zu verkabeln, da quietscht das Ding plötzlich schrill los. Alle Blicke sind auf sie gerichtet, und sie grinst mit ihrer Horror-Schminke: “Sorry…” Dann stellt sie noch einen Silberkelch und einen Kerzenständer samt schwarzer Kerze auf und legt ein Pendel dazu. Das ist geheimnisvoll und steigert die Spannung, denn wir müssen uns noch etwas gedulden.
Erst kurz vor zehn betritt sie als Aux Animaux die Bühne. Sie kniet nieder, entzündet die Kerze und führt ein kleines Ritual durch. Mit ihrem schwarzen Schleier wirkt sie auf mich wie das Gothic-Gegenstück zu Madonna im Video “Like a virgin”. Währenddessen läuft “Anxious ambivalent” vom Band und geht als Intro in “Redrum” über, was zusammen mit der Performance Spannung im Club aufbaut. Das eigentliche Konzert beginnt schließlich mit “Omen” (intro version), das von Drone-Sounds durchzogen ist, dazu kommen Stimmen vom Band. Gözde entlockt dabei dem Theremin mystisch wirkende Klänge. Es ist eine Gesamtperformance, die beim Münchner Publikum erst noch ein wenig sacken muss. Sie nimmt ihren Schleier ab, und es folgt “Blackout”, der erste Song mit eigenem Gesang. Gözde schüttelt dazu ihre nun sichtbaren weißblonden, zuckerwatteartigen Haare. Ihre Bühnenpräsenz ist auf jeden Fall respekteinflößend, und ich weiß nicht recht, ob ich ihre Erscheinung attraktiv oder beängstigend finden soll. Es ist, als würde die Spinne vom Albumcover Body Horror ihr Netz spinnen, um die Opfer einzufangen. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass das genau so beabsichtigt ist. Bei “Venus Lucifer” tanzt sie ausdrucksvoll und bekommt dann auch den längst verdienten Applaus für ihre Performance. Wir sind ihr ins Netz gegangen. “Thank you for coming tonight!”, ruft sie. “It’s my first time in Munich. I’m from Sweden!” Für “Violence in the silence” greift sie zum Bass und spielt diesen ausdrucksvoll, zum Teil sogar auf den Knien. Die Drone-Klänge brummen heftig dazu und durchdringen uns.
Im Anschluss erklärt sie: “This is a cover from a friend of mine who passed away last year: Luis Vasquez!” Natürlich ist “Wasting” im Original von The Soft Moon. Gözde spielt das Stück hingebungsvoll und mit einem spooky Sound, als würde sie seine Seele einfangen. “We love you…” fügt sie nach diesem intensiven Moment hinzu. Nun schlägt “Thrill kill” eine Brücke zu XTR Human, das ähnlich heftig tanzbar ausfällt. Gözde räkelt sich dabei auch am Bühnenrand und posiert lasziv für die Kamera. Sie hat ganz offensichtlich richtig Spaß am Auftritt trotz der leider nicht üppigen Besucher*innenmenge. Bei “Lost souls” steht sie wieder am Theremin, und das Drone-Brummen ist derart durchdringend, dass der Bass von der Vibration umfällt. Das war zwar nicht direkt beabsichtigt, ist aber trotzdem irgendwie eine coole Einlage. Nach dem Applaus kündigt den nächsten Song das Sample aus Dracula an: “Listen to them. Children of the night. What sweet music they make!” Dafür schnappt sich Gözde wieder den Bass, der zum Glück keinen Schaden genommen hat. Anschließend bedankt sie sich bei den Vorbands Dürre Ringer und XTR Human und für den Beifall mit “I love you!” auch beim Publikum. “Alright! This is from my last album. It’s called ‘Sleep paralysis’!” Dabei würgt sie sich theatralisch mit dem Mikrokabel, um die Lyrics ”I can’t move, I can’t breathe” zu unterstreichen. Das Theremin lässt sie dabei wie verzweifelte Schreie klingen. Das gibt natürlich wieder ordentlich Applaus. “Dankeschön! Alright, this is gonna be the last song for tonight!” Doch vorher bedankt sie sich noch beim Backstage und erklärt auf sympathische Weise: “We have merch! Or just come over, I promise you don’t have to buy anything.” Zu “Devil inside” tanzt Gözde durchs und mit dem Publikum und kriecht schließlich über die Bühne. Gegen Ende wirft sie das Mikrofon weg und streichelt noch einmal das Theremin. Zum Abschluss verbeugt sie sich und winkt, während sie die Bühne verlässt.
Doch die Münchner*innen fordern noch eine Zugabe, die Gözde dann auch gewährt. “Alright, last song! What do you wanna hear? …I think you know what itˋs about, my favourite!” Alle tanzen noch einmal, und ich bin so abgelenkt, dass ich vergessen habe den Song zu notieren. Sorry! Der Auftritt ist einfach zu abgefahren. Im Anschluss kehrt Gözde zum Merchandise Stand zurück, gibt bereitwillig Autogramme und steht auch für Fotos zur Verfügung. Auch wir haben noch ein kleines und supernettes Gespräch, das eigentlich gar nicht zu dem Horror-Make-up passen will.
Fazit: Das war ein wirklich cooler Abend mit drei sehr unterschiedlichen Bands. Dürre Ringer sind ein gelungener Opener, der zwar etwas eigenwillig ist, aber durchaus gut in den Rahmen passt. Ihre Neue Neue Deutsche Welle werde ich auf jeden Fall weiter verfolgen und hoffe auf ein baldiges Debüt-Album. XTR Human ist eigentlich auch schon ein eigener Headliner, einige Besucher*innen sind extra dafür da. Und natürlich hat Johannes Stabel auch geliefert, ein toller und mitreißender Auftritt voller Energie. Auch Gözde Duzer ist als Aux Animaux eine Klasse für sich und mit nichts in der momentanen Musiklandschaft vergleichbar. Schräg und eingängig, attraktiv und unheimlich, sanft und explosiv, alles gleichzeitig zusammen. So einen Auftritt erlebt mensch nicht alle Tage. Aux Animaux ist ein ganz besonderer Act, der uns lange in Erinnerung bleiben wird.

Setlist Aux Animaux:
Anxious ambivalent (outro)
Redrum
Omen (intro version)
Blackout
Venus Lucifer
Violence in the silence
Wasting (The Soft Moon cover)
Thrill kill
Lost souls
Night
Sleep paralysis
Devil inside
Bilder: torshammare
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