Walküren, Deerstalker und ein musikalisches Genie

Es ist ein bewölkter Nachmittag im August in Westlondons Stadtteil Kensington. Eine große Menschenmenge wälzt sich von der Tube Station in Richtung Hyde Park. Viele sind schick angezogen – Theater? Konzert? – aber auch Jeans und T-Shirt sind vorhanden. Eine Matineevorstellung also. Die große Menge zeigt, dass es sich um eine große Halle handeln muss, die Schlussfolgerung ist simpel: Royal Albert Hall. Dort finden um diese Jahreszeit die BBC Proms statt, jene legendäre Konzertreihe, die jeden Sommer in zahllosen Themenkonzerten Musikfreunde aus aller Welt beglückt. Aber was ist das? Einige Konzertbesucher tragen Deerstalker, diese merkwürdigen altmodischen Mützen mit den Ohrenklappen, die wir unweigerlich in Verbindung bringen mit … Sherlock Holmes? Ganz recht, an diesen Nachmittag sammeln sich die Massen, um einem Konzert zu lauschen, das ganz dem großen Detektiv aus 221B Baker Street gewidmet ist.

Musik und diese berühmte literarische Figur sind eng verknüpft: Holmes ist nicht nur ein brennender Fan von Wagner, Paganini und obskurer niederländischer Kirchenmusik des 16. Jahrhunderts, sondern auch selbst ein Virtuose auf der Violine. Arthur Conan Doyle ließ diese Leidenschaften seines Helden oft in die Geschichten einfließen – unter anderem dient dies als Grundgerüst für unser Konzert.

Aber von vorn. Die Royal Albert Hall selbst muss definitiv erst einmal erwähnt werden, denn der 144 Jahre alte Bau, der bis zu 9500 Besucher fasst, ist mit Abstand die beeindruckendste Konzerthalle, die ich je besuchen durfte. Eröffnet 1871 ist die Halle eine Gedenkstätte, die Königin Victoria für ihren geliebten verstorbenen Gatten Prinz Albert errichten ließ, und die seitdem eine Bühne für zahllose Aufführungen von Musik, Theater, Varieté und sogar Sport ist.


Nun zur Sache: Durch das Konzert führt Matthew Sweet, unterstützt von Schauspieler und Autor Mark Gatiss, in diesem Kontext bekannt als Co-Autor und Mycroft Holmes der BBC-Serie Sherlock. Die beiden Herren lesen aus Arthur Conan Doyles Originaltexten und spekulieren über die Natur der Opernkarriere der Irene Adler sowie Sherlock Holmes‘ eigene eher exzentrische musikalische Leidenschaft. Sie geben eine informative, lockere Rahmenhandlung zum Konzert des herausragenden BBC Concert Orchestra unter der Leitung von Barry Wordsworth. Natürlich darf bei einem Sherlock-Holmes-Konzert die Solovioline nicht fehlen: Jack Liebeck begeistert mit seinem Instrument ebenso wie Mezzosopran Christine Rice, die ein fiktives Repertoire von Irene Adler schmettert. Beide Solisten sind Meister ihres Faches und hinterlassen ein sowohl staunendes als auch begeistertes Publikum.

Das Programm ist enorm vielfältig und sprengt die Grenzen eines klassischen Konzertes bei Weitem. Bereits erwähnte niederländische Chormusik ist genauso vertreten wie Tschaikowski und Rossini, und da Sherlock Holmes der beliebteste Detektiv der Film- und Fernsehgeschichte ist, fehlen natürlich auch Titelmelodien und Soundtracks aus allerhand Adaptionen des Stoffes nicht. Hier ist wirklich für jeden etwas dabei, und eine so bunte Mischung auf so hohem Niveau wird selten geboten. Das Ganze wird dezent visuell mit Bildern und Plakaten der verschiedenen Filme und Serien unterstützt.
Zum Ende hin ziehen die Musiker nochmal alle Trümpfe: Jack Liebeck fiedelt sich in Paganinis Violinkonzert Nr. 2 die Seele aus dem Leib, für Wagners Ritt der Walküren wird das Orchester um ein halbes Dutzend Hörner und Posaunen ergänzt, und für den krönenden Abschluss darf natürlich auch die Musik aus der BBC-Serie nicht fehlen, die in Form einer Suite für Orchester präsentiert wird.

Schließlich erheben sich die Konzertbesucher nach minutenlangem Applaus und verlassen die ehrwürdige Halle mit dem Gefühl, ein wirklich einmaliges, vielfältiges und großartiges Konzert erlebt zu haben – auch wenn ich beim Rausgehen tatsächlich noch ein Mädel flüstern höre, sie sei enttäuscht, weil BBC-Sherlock Benedict Cumberbatch nicht da war. Aber der Mann kann ja nicht überall sein.

http://www.bbc.co.uk/programmes/p02zytkc

So wie alle Proms-Konzerte ist auch von diesem hier ein Audiomitschnitt auf der BBC Proms Homepage zur Verfügung gestellt: http://www.bbc.co.uk/events/egnrzc#b0663l7z bzw. http://www.bbc.co.uk/programmes/p02zytkc/player

Was man bei den Proms für wenig Geld an musikalischem Niveau und Vielfalt geboten bekommt – da bleibt einem schlicht der Mund offen stehen. Die deutsche Konzertlandschaft könnte sich von diesem Konzept ein Scheibchen abschneiden.

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