Konzert: Dark Munich Festival 2015, 30.04. – 03.05., Tag 1

Donnerstag, 30.04.2015

dsc_2010Für viele ist der Donnerstag noch ein Arbeitstag, weshalb das Gelände um Theaterfabrik und Garage am Nachmittag um vier doch noch recht leer ist, als die Italiener Rox das 4. DMF eröffnen. Etwa vierzig Leute verlieren sich vor der Theaterfabrik-Bühne, doch Rox zocken ihren Energy-Electro-Rock unbeirrt und mit großen Gesten herunter und begeistern die wenigen Anwesenden durch die Bank. Teilweise geht’s musikalisch richtig schön zur Sache, Sänger Jonathan Brunati (alias Johnny Thyper) und Gitarrist Silvio Peluccio (alias John Rox) posen wie die Weltmeister, und vielerorts im Publikum wird bereits das Tanzbein geschwungen. Ein cooler Opener, der Lust auf mehr macht!

dsc_2034Weiter geht’s in der Garage mit Electronic Frequency aus Guben in Brandenburg. Die Truppe um Frontmann Christian Kossat spielt eingängigen, teilweise knallharten Elektro à la alte Combichrist oder [:SITD:], was sofort in die Beine und den Nacken geht. Bei Songs wie „Human Abyss“, „There will be Blood“ oder „Broken Dream“ kann gar nichts schiefgehen, und der äußerst agile Sänger steht keine Sekunde still und nutzt jeden Zentimeter des zur Verfügung stehenden Raumes. Unterstützt wird Kossat von Oliver Schulz an den Drums und Daniel Piepenburg an den Synthies, die etwas unauffälliger, aber genauso hochkonzentriert und leidenschaftlich agieren. Die Show wird von passenden, teilweise durchaus kontroversen Videos untermalt (nichts für schwache Nerven, ich sage nur „Skalpell und Blut“), womit die Band aus der kleinen Bühne in der Garage wirklich alles herausgeholt hat.
Bisher waren mir Electronic Frequency kein wirklicher Begriff, doch das hat sich nach diesem Auftritt geändert. Weiter so!

dsc_2143Elektronisch bleibt es mit Rabia Sorda in der Theaterfabrik, dem Nebenprojekt von Hocico-Sänger Erk Aicrag, das nicht ganz so brutal und gnadenlos daherkommt wie seine Hauptband. Etwas melodischer sind die Songs, wenn auch immer noch von einem ordentlichen Elektro- und Gitarrengewitter begleitet. Mich verwundert ein wenig die frühe Spielzeit des auch schon einige Jahre existierenden und sehr beliebten Projektes, aber vielleicht ist das ja auch Taktik, um mehr Leute aufs Gelände zu locken. Die Theaterfabrik füllt sich langsam auch immer mehr, die ersten Reihen gehen ab dem ersten Ton steil, und die Fotografen hetzen im Graben dem überirdisch fitten Erk hinterher – manchmal sogar mit Erfolg, auf jeden Fall aber mit viel, viel Spaß. Die Band wird euphorisch bejubelt, besonders, als Erk sich ein kleines Synthiegerät umschnallt und Gitarrist Marcus Engel sich an einem kleinen Drumkit austobt.
Nach diesem Auftritt dürfte das Publikum endgültig in Festivalstimmung und vor allem warmgetanzt sein.

dsc_2210In der Garage wird es dagegen wieder etwas ruhiger und noch melodischer, die Norweger von Substaat stehen auf dem Programm. Die YouTube-Konserve war meiner Meinung nach schon sehr vielversprechend, skandinavische Bands haben bei mir sowieso einen Bonus, und nach der High-Energy-Show von Rabia Sorda sind ein paar ruhigere Minuten gar nicht schlecht.
Ganz so ruhig wird es dann doch nicht, der Synthie-Pop der Norweger hat durchaus Ecken und Kanten und wird auch mal ein wenig härter, bleibt aber immer tanzbar und eingängig. Die Meute in der rappelvollen Garage lässt sich nicht lumpen und feiert das Trio (heute mit der „lovely Judith“ aus München an den Keyboards) gnadenlos ab. Mir gefällt die Show auch sehr gut, wenn auch der Sound hier und da ein wenig zu wünschen übrig lässt und Terje Vangbos an sich gute Stimme dadurch etwas verzerrt wird. Vielleicht ist es auch leichte Nervosität am Anfang, dass nicht jeder Ton sitzt? Schlimm ist das jedenfalls nicht, Songs wie „Adrenaline“, „Watch“, „Electric“ oder „Guilty Pleasure“ gehen ins Ohr und bleiben da auch eine Weile.

dsc_2227-1Danach betritt in der Theaterfabrik eine Band die Bühne, die ich seit vielen Jahren schon mal sehen wollte und es trotz ihrer ausgedehnten Touraktivitäten nie geschafft habe. Umso mehr freue ich mich jetzt auf die knuffigen Dänen von Leæther Strip, die ja eigentlich Stammgäste auf dem DMF sind (wie ich auch). Aber wie gesagt, bisher hatte es nicht sollen sein … Claus heizt das Publikum gleich mal mit einem enthusiastischen „Hello sweet Munich – let’s make some music!“ an, und genau das bekommen wir auch. „Introvert“, „Strap me down“, „Adrenaline Rush“, das unsterbliche „Japanese Bodies“ und noch diverse andere Hits aus der gesamten Bandhistorie lassen nicht nur mich laut jubeln. Claus beherrscht die Bühne mit ausgreifenden Schritten und Gesten, sein Mann Kurt behält stoisch die Kontrolle über die Synthies. Ein perfekt eingespieltes Team und ein richtig schöner Auftritt in der mittlerweile doch gut gefüllten Theaterfabrik.

dsc_2328Wir bleiben bei den Klassikern, denn in der Garage geht es weiter mit dem Prager Handgriff. Die Band ist schon seit vielen, vielen Jahren Bestandteil der (EBM-)Szene, doch auch sie hatte ich bisher noch nie live gesehen. Die Garage ist jetzt leider so überfüllt, dass es in Stress ausartet, doch entgehen lassen will ich mir Stefan Schäfer und Volker Raithmann wirklich nicht. Eindringlich trägt Stefan Schäfer die deutschen Texte vor und tigert auf der Bühne wie ein Raubtier im Käfig auf und ab, und Songs wie „Amerika“ vom neuen Album Roburit, „Schöne neue Welt“, einem Lied an die „Faschoclowns“ oder „Schneller als das Licht“ sprechen für sich. Alles gut also – wenn man ein wenig mehr Platz zum Atmen und zum Bewegen gehabt hätte …

dsc_2395„Bewegung“ ist das richtige Stichwort für die nächste Band in der Theaterfabrik, die musikalischen Exoten des Festivals, Demented are go. 1982 von Mark „Sparky“ Philips gegründet, treiben die Waliser Psychobillys immer noch ihr Unwesen und sind auf der Bühne eine wahre Urgewalt. Außerdem sind sie ganz sicher die Band mit der längsten Setlist für ihren vierzigminütigen Auftritt (18 Titel habe ich gezählt). Ich war mir anfangs etwas unsicher, wie gut dieses Kontrastprogramm zu den sonstigen Elektro- und Gitarrenacts des Festivals ankommen würde, und bin positiv überrascht. Die allermeisten wippen zumindest mit, und einige Fans rasten richtig schön zu der energischen Show aus. Die geknurrt-gegurgelten Ansagen von Sparky versteht man zwar nicht, aber das tut der guten Laune keinen Abbruch. Songs wie „Daddy’s making Monsters“, „One sharp Knife“, „Bodies in the Basement“, „Epileptic Fit“ oder „Cripple and the Woods“ machen höllisch Spaß und sind mal was anderes. Am faszinierendsten finde ich den Slap Bass, den man natürlich im Graben am besten gehört (und gesehen) hat, aber auch Sänger Sparky – der sich während des Konzerts einer Kleiderschicht nach der anderen entledigt – ist ein echter Blickfang. Das Experiment „Psychobilly auf dem DMF“ ist definitiv geglückt und darf im nächsten Jahr gern fortgesetzt werden!

Die nachfolgenden Terrorfrequenz in der Garage muss ich leider überspringen, eine Pause ist nötig, und das Gedränge in dem kleinen Club ist gerade für die Fotografen eine echte Herausforderung. Bilder zu schießen ist nicht das Problem – aber den Club wieder zu verlassen, wenn man pünktlich bei der nächsten Band in der Theaterfabrik sein will, macht zu späterer Stunde wirklich gar keinen Spaß mehr, und ich entschuldige mich stellvertretend hier bei allen Leuten, die ich in den vier Tagen beim Verlassen der Garage angerempelt habe. Sorry!

dsc_2486Die kleine Pause ist aber auch gar nicht schlecht, denn mit L’Âme Immortelle steht nun eine gänzlich andere Band als Demented are go auf der Bühne. „Bitterkeit“ hat mir damals gut gefallen, doch danach habe ich die Gruppe schnell aus den Augen verloren, insofern bin ich gespannt, wie sie sich auf der Bühne präsentieren. Leider gibt es hier die erste Wartezeit des Tages zu verzeichnen, die Technik will nicht so wie der Zeitplan, und das Konzert kann erst mit ein paar Minuten Verspätung beginnen. Bei den ersten Liedern scheint dennoch nicht alles zu stimmen, der Sound ist wirklich grottenschlecht, Sonja Kraushofers an sich ja schöne Stimme verzerrt, und von Thomas Rainer hört man nur unmotiviertes Gebrüll, das so sicher nicht gedacht ist. Auch bei „Bitterkeit“ als drittem Song hat sich noch nicht alles eingependelt, leider. Im Laufe des Auftritts wird es ein wenig besser, auch wenn ich merke, dass ich mit dem späteren Material der Band gar nichts mehr anfangen kann. Das Publikum feiert Songs wie „Eye of the Storm“, „Phönix“, „5 Jahre“ oder „Tauch mich in dein Licht“ allerdings gnadenlos ab, und das letzte Lied „Life will never be the same again“ versöhnt mich auch wieder ein wenig mit der Band.

Miss Construction als Abschlussband des Tages in der Garage muss leider wegen der bereits oben genannten Engeproblematik auch ausfallen.

dsc_2572Mit Abney Park hat das DMF einen durchaus ungewöhnlichen Headliner des ersten Tages verpflichtet, eine Band, die man in Deutschland nicht besonders häufig zu sehen bekommt, und schon gar nicht auf reinen Gothic-Festivals. Wieder eine gewagte Bandentscheidung, die sich aber definitiv gelohnt hat. Im Publikum sind viele aufwändig kostümierte Steampunker zu sehen, die DER Steampunk-Band der erweiterten schwarzen Szene huldigen wollen. Die Truppe um Captain Robert Brown, seine Frau Kristina Erickson an den Synthies (die auch die Drums ersetzen), Geiger Titus Munteanu sowie Bass und Gitarre tritt in fantasievollen Kostümen auf, die von der Steampunk-Ästhetik inspiriert sind, ebenso dekoriert sind die Instrumente. Die Musik ist äußerst eingängig und wird live leider ein wenig von den synthetischen Drumrhythmen erdrückt, kann aber mit ungewöhnlichen Instrumenten, für die der Captain zuständig ist, nostalgischen Soundelementen und einigen wirklich schönen Melodien – vor allem von Geiger Titus – punkten. Nach einigen Songs wippt dann wirklich die ganze Halle mit, selbst der schwärzeste Gothe gibt der Band eine Chance, und das ist richtig schön. Natürlich ist die Show typisch amerikanisch und perfekt durchchoreographiert, Ansagen sind Mangelware, Interaktion mit dem Publikum auch – aber es gibt viel zu sehen, macht definitiv Spaß und sorgt für ein paar Ohrwürmer für den Heimweg (so man nicht auf der Aftershowparty bleibt). Besonders im Gedächtnis bleiben mir „The Casbah“, „Airship“ und „Tribal Nomad“, die ich mir definitiv noch öfter anhören werde.

hier geht’s weiter zu Tag 2!

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