Konzert: Svarttjern, Inquisition, In Solitude, Behemoth und Cradle of Filth – Backstage Werk, 07.02.2014

Polnische Dampfwalze

Wir schreiben das Jahr 2014, das „Super-Gedenkjahr“, wie einige Zeitungen bereits titelten: 25 Jahre Mauerfall, 75 Jahre Zweiter Weltkrieg, 100 Jahre Erster Weltkrieg, der 100. Geburtstag von Sir Alec Guinness, 200 Jahre Wiener Kongress, 200. Todestag von Johann Gottlieb Fichte, 2.000. Todestag von Caesar Augustus und so weiter. Und gleich zu Beginn des Jahres überzieht eine Dunkelheit Europa, schwärzer als die finsterste Nacht – nein, ich meine nicht das neue Zuwanderungsvotum in der Schweiz, sondern die Co-Headliner-Tour mit Cradle of Filth und Behemoth, die einen Monat lang in Europa wütet wie die Pest. Zum Auftakt hatte man sich München ausgesucht, und natürlich waren wir vor Ort!

Fierce Fires

 

svarttjernDie Osloer Svarttjern eröffneten Tour und Abend gleichermaßen mit rumpelndem Black Metal, wie er im Buche steht: Corpsepaint, lange Nägel an den Armschienen, dreckiges Gekreische, Gitarrensoli wie Kreissägen, Blastbeats – Svarttjern knüpfen direkt an große Namen aus den frühen Neunzigern an und liefern astreines und sehr kurzweiliges Schwarzmetall ab, das nicht zu schnell, aber auch nicht zu langsam ist und bei mir gut ankommt. Keyboards sucht man in dem harschen, kalten Sound vergeblich, und ebenso schnörkellos wie die Musik ist die Bühnenshow, die von Frontmann HansFyrste dominiert wird. Das Quintett besteht seit 2005, veröffentlichte im selben Jahr das erste Demo und hat soeben sein drittes Album Ultimatum Necrophilia auf den Markt geworfen, das an dieser Stelle Fans von Tsjuder ans Herz gelegt sein soll. Dementsprechend viel neues Material gab es an diesem Abend auf die Ohren, inklusive des Titeltracks, versteht sich, und meines erklärten Lieblingsstückes vom neuen Silberling, „For Those in Doubt“. Mir gefällt an Svarttjern (auch live) besonders gut, dass Optik und Sound so im Einklang stehen. Was draufsteht, ist hier auch drin.

Amerikanische Inquisition

inquisition_0Als Nächstes sind Amis von Inquisition an der Reihe. Die beiden Ausnahme-Musiker erst vor einem halben Jahr in München, da allerdings auf der wesentlich kleineren Bühne im Backstage Club. Damals hielt sich auch die Überraschung in Grenzen, da das Publikum mehrheitlich wusste, was in Form dieses satanischen Duos auf sie zukommt. Im Vorprogramm von Behemoth allerdings sorgte zum einen die Tatsache, dass Inquisition „nur“ zu zweit unterwegs sind, als auch Dagons monotoner Gesang für das ein oder andere Fragezeichen in den Gesichtern der Leute. So unterscheidet sich dann halt doch der Mainstream vom Untergrund, schätze ich. Jedenfalls sorgten Inquisition auch an diesem Abend für diesen hypnotischen Sog, nicht zuletzt durch die schrägen (und zugegeben gewöhnungsbedürftigen) Vocals, der sich bei mir immer dann einstellt, wenn ich die Amis laufen lasse. Mit Ansagen sah es gewohnt mau aus, sonderlich mitteilungsbedürftig sind die finsteren Herren einfach nicht. Stattdessen lassen sie ihre abgrundtief böse Musik für sich sprechen, der Auftritt ist irgendwas zwischen Schwarzer Messe und Massaker und lässt jedenfalls keinen kalt. Und hat man sich erst an den Gesang gewöhnt und etwas eingehört, scheinen Inquisition sich auch bei denen gut zu machen, die anfangs noch über Dagon und Incubus gelächelt hatten.

Fehl am Platz

in-solitudeFür In Solitude fürchtete ich das Schlimmste, was Reaktionen aus dem Publikum betraf – meine Erwartungen wurden nicht bestätigt, allerdings frage ich mich ernsthaft, was die Herren an diesem Abend, auf dieser Tour eigentlich zu suchen haben. Schlecht ist das, was In Solitude machen, keineswegs, auch wenn sie meinen Geschmack mit ihrem 80er-Jahre-Metal nicht ganz treffen. Thematisch bewegt man sich dann wohl doch auf der eher dunklen Seite, das verrät ein Blick in die Lyrics von In Solitude, die man auch schon als die „besseren Mercyful Fate“ bezeichnet hat. Das aktuelle Album der Herren aus Uppsala, Sister, schlug jedenfalls ein wie eine Bombe, und ich glaube, an sich hätten die Schweden auch mich erreichen können – auf einer eigenen Tour und nicht in diesem Line-up. Es fiel allen deutlich schwer, sich auf die groovige Mucke einzulassen, hatte man bisher zwei lupenreine Black-Metal-Kapellen präsentiert bekommen. Allerdings verließen die wenigsten das Werk, sondern gaben sich alle Mühe, In Solitude die Chance zu geben, die sie auch verdienen. Gemischte Gefühle also – gut, dass sich zügig aus dem Nebel der Behemoth näherte …

Siehe da, den Behemoth […]. Er ist das erste der Werke Gottes; der ihn gemacht hat, gab ihm sein Schwert.*

behemothGenug der Vorbands – Behemoth machten sich daran, das Backstage Werk in seine Einzelteile zu zerlegen. Eröffnet von einer Menge Rauch aus dem Graben betraten Nergal und seine Mannen die Bühne. Freakige Mikrofonständer, die Drums oben auf einem Podest, immer wieder Pyrotechnik und dazu dieser pervers geile Dampfwalzen-Death-Metal Marke Behemoth – was braucht der Mensch mehr zum Glücklichsein?
Das Konzert auch nur annähernd passend in Worte zu fassen ist wirklich schwer, zu überrollt bin ich auch Tage später noch von dem polnischen Todeskommando. Die einzige Vokabel, die mir direkt nach dem Gig über die Lippen kam, war jedenfalls „Fett!“. Gut, etwas anderes erwartet hatte ich von Behemoth eigentlich auch nicht, denn obwohl es doch eine ganze Weile her ist, dass ich die Herren live gesehen habe – muss irgendwann um das Jahr 2000 herum gewesen sein, vielleicht zum Erscheinen von Thelema.6? –, waren die damals schon soundtechnisch fett. Inzwischen haben die Todesmetall-Monster 23 Jahre Bühnenerfahrung auf dem Buckel, und die merkt man in jeder Minute. Der Behemoth treibt in jedem Song nach vorne, Pause gibt es keine. Ganz frisch auf dem Markt erhältlich ist The Satanist, das euphorisch von der Presse abgefeiert wurde. Los geht es mit dem Intro „Blow your Trumpets, Gabriel“, zu dem Nergal, Inferno, Orion und Seth die Bühne betreten, ihre Positionen einnehmen und die erste Rauchbombe des Abends zünden. Weiter geht es mit noch mehr neuem Material, und schon verwandelt sich die Halle in einen Hexenkessel vor dem Herrn. Sehr zu meinem persönlichen Entzücken wandten sich die Polen dann auch älterem Material zu, einzig von der Sventevith habe ich kein Stück gehört. „Driven by the five-winged Star“ oder „Christians to the Lions“, einer meiner Lieblingsstücke, fetzten dann auch ordentlich zwischen „Furor Divinus“ und dem titelgebenden „The Satanist“ vom neuen Album. Der Aufenthalt im Fotograben jedenfalls war lebensgefährlich, denn gegen Ende der Show wurden immer wieder Feuersäulen an die Decke geschossen – den goldenen Glitter, der später über das Publikum regnete, will ich dagegen nicht gesehen haben, Jungs!
Nach mehr als eineinhalb Stunden war die Meute komplett plattgewalzt von den polnischen Panzern und mehr als glücklich!

Just a bunch of masochists!

cradle-of-filthEs gibt ja so Bands, die klingen auf Platte nicht so dolle, hauen einen live allerdings völlig von den Socken. Dazu gehört das britische Black-Metal-Urgestein Cradle of Filth sicherlich nicht, hier verhält es sich eher andersrum: Das, was Dani und seine Mitstreiter insbesondere Ende der 90er Jahre auf CD gepresst haben, gehört mit zu meinen Lieblingsalben, und „Cruelty brought thee Orchids“ halte ich für einen der schönsten Songs des Genres. Leider, leider, leider bringen’s Cradle live einfach mal so gar nicht. Die Briten fuhren jedenfalls das Anti-Programm zur Behemoth-Show: Als einzige Bühnendeko diente ein riesiger Mikrofonständer, auf einer Leinwand im Hintergrund liefen Videos und Bilder, das war’s auch schon mit Bühnenshow. Wer sich auf Gogo-Girls in Käfigen gefreut hatte, wurde bitterlich enttäuscht. Cradle hielten allerdings, was sie versprachen, und lieferten ein „Old Skool Set“ ab, in dem sie ganz weit zurück in die Bandgeschichte reisten und nach dem Intro von der Midian Klassiker wie „Beneath the howling Stars“ „Cthulu Dawn“ und „The Priciple of evil made Flesh“ spielten. Im Vergleich zum letzten Konzert, dem ich beiwohnen musste, klangen sie direkt tight und so, als hätten sie vorher geübt; auch stimmten diesmal die Keyboards und die weiblichen Vocals besser – alles in allem eine Steigerung, aber leider braucht man nach wie vor für die volle Distanz eine größere Portion Masochismus, als ich sie aufzubringen vermochte.Insgesamt aber ein gelungener Konzertabend und damit ein guter Tourstart für die unheilige Allianz, die sich nun anschickt, ganz Europa in ewige Dunkelheit zu tauchen.
Ganz Europa? Ja, ganz Europa!

:mosch: :mosch: :mosch: :mosch: :mosch2:

Bilder: torshammare
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* (Hiob 40, 15-20)

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