Verrückte oder Outsider?



Nach großem Erfolg in Los Angeles, wo sie im Modern Art Museum von Santa Monica dreimal verlängert wurde, hängen nun im „Pineapple Park“, dem ehemaligen Hochhaus auf dem Paketpost-Areal, drei Dutzend großformatige Schwarz-Weiß-Fotografien. Sie zeigen David Bowie beim Besuch der Nervenheilanstalt in Gugging bei Wien im Jahr 1994. Er war hier nicht als Künstler, als Popstar, es kam zu keinem musikalischen Auftritt seinerseits. Er suchte nach Antworten und Inspiration. Wie kam es zu diesem Besuch in Wien?

Der Wiener Künstler André Heller, der sich selbst oft neu schuf und ein Verwandlungskünstler war wie David Bowie, kannte die Landesnervenklinik Gugging und die dortigen Patienten schon lange. Der Psychiater Leo Navratil hatte dort als Kunsttherapie ein Projekt gestartet. Einige der dort geförderten Insassen wie August Walla, Oswald Tschirtner oder Johann Hauser waren mittlerweile weltweit anerkannte Künstler. Aus deren „Art Brut“ entwickelte sich „Outsider Art“. Den künstlerisch sehr interessierten und an Verwandlung und Outsider-Dingen sehr angetanen Bowie interessierte das wohl, er kannte das Projekt schon. Bowie suchte sein ganzes Leben lang nach Erklärungen für die Schizophrenie-Erkrankung. Sein Halbbruder Terry war 1985 aus einer Klinik entkommen und hatte sich auf Bahngleisen das Leben genommen. Drei Schwestern seiner Mutter waren psychisch krank. Da ist es offensichtlich, dass man auch irgendwie Ängste entwickelt, selbst einem Wahn zu verfallen. Bowie fragte sich vielleicht: Kann Kunst heilen? Er fragte sich aber wohl auch: Können diese „verrückten“ Genies ihn zu neuer Kunst inspirieren? Er nahm die Einladung Hellers an und brachte seinen Freund Brian Eno mit, mit dem er in den 1970er Jahren seine Berlin-Trilogie aufgenommen hatte. André Heller stellte den beiden beim Besuch eine alte Freundin vor: Christine de Grancy. Sie genoss mit ihren unaufgeregten Schwarz-Weiß-Fotografien aus verschiedenen Genres großes Renommee. Heller nahm sie mit, damit sie den Tag unauffällig dokumentierte. Sie nahm aus dem Hintergrund viele Bilder auf, Bowie und Eno (und Heller natürlich) nahmen sie gar nicht richtig wahr. Diese Art zu fotografieren, leise, uninszeniert, beobachtend, macht die Bilder aus. Hier sieht man David Bowie, wie man ihn selten gesehen hat: Bowie von hinten, eine von August Walla gestaltete Hütte bestaunend. Bowie ganz versunken rauchend. Bowie zuhörend, Bowie lächelnd.
Bowie seine Hand jemandem auf die Schulter legend, Bowie selbst etwas skizzierend, Bowie, Eno, Heller, gemeinsam etwas betrachtend. Die drei zusammen rastend, etwas spielend.

Am Tag danach ist Bowie übrigens alleine noch einmal zurückgekehrt und hat einige der Bilder für sich privat gekauft. Die Künstler aus Gugging erhalten in der Ausstellung übrigens dankenswerterweise mindestens den gleichen Raum wie die Bowie-Fotos. Da sind die Tierbilder von Johan Fischer, die Tusche-Wimmelbilder von Johann Garber, Tschirtners Riesenzeichnungen und eine Nachbildung vom ausgemaltem „Walla-Raum“ von Walla.
All das hat Bowie zutiefst fasziniert. In einem Video in einem Raum mit Bowie Plattencovern und seinem Leben in Bildern an der Wand erzählt er von dieser „unglaublichen Erfahrung“, die er in Gugging gemacht hat.

Wie ging es mit diesen unauffällig gemachten Bildern des Weltstars David Bowie weiter? Die Fotografin Christine de Grancy verstaute sie im Archiv, sie zeigte sie zu Bowies Tod 2016 absichtlich nicht. Man kann sie jetzt im Buch „Sternenmenschen“ von Uwe Schütte über Bowies Gugging-Besuch studieren und in der Ausstellung. Die Fotografin starb leider während des Aufbaus im März 2025.
Bowie entwickelte mit Eno aus der Begegnung mit den Psychiatrie-Künstlern das sehr komplexe Storytelling-Album „1. Outside“ (1995). Es wurde eine Art Grusel-Geschichte, in einer apokalyptischen Zukunft, in der jemand urteilen muss, ob begangene Happening-Morde von Künstlern Kunst oder Verbrechen sind. So düster war der Austausch an dem Tag in Gugging in der Realität nicht! Im Gegenteil, er lud einige von ihnen zehn Monate nach dem Besuch zum Konzert in Wien ein. Leider ist nicht überliefert, wie die Gugginger Künstler das schillernde Chamäleon David Bowie auf der Bühne empfanden.   

Wenn man sich die Zeit nimmt, auch die Künstler und ihr Werk genau zu betrachten, ist die Ausstellung eine Schau!

Johann Hauser: „Liegende Frau“

Franz Kamlander (er schuf fast täglich eine kleine Kuh, jeweils in verschiedenen Farben):

Johann Garber:

Oswald Tschirtner: „Menschen“

A Day with David Bowie
Fotoausstellung mit Bildern von Christine de Grancy
Pineapple Park München, ehemaliges Paketpost-Areal
bis 28. Februar, täglich 10.30 bis 19.30 Uhr

www.adaywithdavidbowie.com

 

Copyright alle Schwarz-Weiß-Fotos: Christine de Grancy

 

 

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