Kultur: Der Kunstautomat in München

Diese Kunst kann verwirren, erhellen, aufregen und süchtig machen!

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Wer kennt sie noch, die Kaugummiautomaten, bei denen man für ein paar Pfennige (und später auch Cent) Kaugummi ziehen konnte? Man bekam eine bunte Kugel mit Überraschungsinhalt oder womöglich den Hauptgewinn: einen toootaaal echten, goldenen Blingbling-Ring?
In unserem sogenannten Erwachsenenleben trafen wir dann und wann vielleicht mal auf einen Kondomautomaten oder auf Dessous-für-ganz-Freche-to-Go. Nun aber gibt es zumindest in München wieder so einen Automaten, aus dem zigarettenschachtelgroße Überraschungen kommen.

Vor ein paar Tagen las ich von einem „Kunstautomaten“, der in den Stachus Passagen aufgestellt wurde. Ausgerechnet in diesem ausgewiesenen Kommerztempel (Europas größtes unterirdisches Einkaufszentrum!) findet sich Münchens einziger, wirklich witziger und auch wirklich künstlerisch angehauchter Automat, tatsächlich bestückt mit Kunst.

Und obwohl München ja eine Filmstadt sein will und eine Kunstmetropole sowieso, kam dieser Automat erst nach München, Jahre nachdem er erfunden wurde, und nachdem er schon in vielen anderen großen Städten aufgestellt wurde. Das Projekt Kunstautomat gibt es seit 2001. Lars Kaiser von der Agentur Kunsttick.com hat es ins Leben gerufen. Es ist ein freies Projekt, an dem Künstler aller Art teilnehmen können. Über 200 an der Zahl sind es mittlerweile.

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Der Kunstliebhaber, der sich für ca. 5 Euro ein Unikat ziehen kann, wählt zwischen Kunst Bayern, Kunst National, Kunst International und Lyrik von deutschen Autoren. Die Packung kann beinhalten Bilder, Aquarelle, Plastiken, Objekte, Zeichnungen, Lyrik, Schmuck und Keramik. In der Regel liegt dem Kunstwerk ein Lebenslauf des Künstlers bei, zusätzlich Internetauftritt und eine Mailadresse. Es liegt dem Erfinder wie auch den Künstlern am Herzen, dass man Feedback gibt, wie und wo man seine Kunst gezogen hat, ob sie gefällt, und dass man vielleicht auf die Art und Weise sogar ein größeres Kunstwerk erwirbt, weil man sich begeistern konnte.

Ich habe ein Weilchen gebraucht, bis ich den Automaten gefunden habe. Etwas unscheinbar steht er im Untergeschoss am Stachus (Karlsplatz) in der Nähe der Rolltreppe, wenn man von oben vom Hugendubel und McDonalds nach unten fährt. Ich wollte mir unbedingt ein Stück Kunst ziehen, zumal ich ein kleines Mitbringsel für eine Freundin benötigte. Eine Flasche Crémant Rosé, Pralinés und ein Schächtelchen echte Kunst, das ist doch was, oder? Bloß was, das war die Frage. Ich dachte, Lyrik, das sei unverfänglich, da kann man nicht viel falsch machen. Raus kam eine Zigarettenschachtel mit folgender Warnung: „Diese Kunst kann verwirren, erhellen, aufregen und süchtig machen! Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie sich selbst und schreiben Sie uns eine Antwort. Jegliche Haftung ist ausgeschlossen. Innenliegende Kunst ist direkt vom Künstler verpackt worden. Jedes Päckchen enthält ein Unikat. Es gehört jetzt dir.“

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Ich liebe solche Dinge! Beim Verstauen der Schachtel, Einpacken des Fotoapparates und mich neu Orientierens im Einkaufsgewirr beobachtete ich eine andere Dame am Automaten. Unschlüssig näherte sie sich ihm. Sie studierte, sie probierte. Sie drückte nach reiflicher Überlegung an einem Knopf, aber ohne vorher Geld einzuwerfen. Sie tastete sogar unten am Ausgabefach, ob wohl was drin liegt. Aber nein, das tat es nicht. Es ist ein „Kunstautomat“. Und Kunst kommt von Können und nicht von „Umasunst“!

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Meine Schachtel beinhaltete übrigens ein Gedicht eines Mannes namens Nuno Fabienne. Es gefällt mir sehr.

www.kunstautomaten.com
www.kunsttick.com
facebook.com/Kunstautomat/

 

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