Mann? Frau? Oder beides? – Verwandlungen

o2 Die 1882 in London geborene Virginia Woolf lernt 1922 die zehn Jahre jüngere Baronesse Vita Sackville-West kennen. Beide Damen sind seit ca. zehn Jahren verheiratet. Sie finden sich gegenseitig, gerade wegen ihrer Andersartigkeit, faszinierend, und 1925 beginnen die beiden eine Affäre. Sie sind sich ein Leben lang einander zugetan, obwohl beide Familie haben. Virginia Woolf ist durch Vita so inspiriert, dass sie einen Roman schreibt, der 90 Jahre später aktueller ist denn je. Virginia Woolf ist überzeugt davon, dass Kunst und Kreativität androgyn sein müsse. In ihrem 1928 erschienenen Roman Orlando spielt sie damit. Orlando, der junge Adlige, lebt mehrere Jahrhunderte lang. Er altert kaum und erwacht eines Tages plötzlich als Frau.

Orlando macht eine Reise durch die Zeit. Es beginnt alles in der Ära der Königin Elisabeth I., und am Ende ist Orlando in der Gegenwart. Sally Potters Filmadaption dieses Romans von 1992 war damals etwas Besonderes. Jimmy Sommerville mit seiner Falsettstimme als Engel, ein schwuler Schauspieler (Quentin Crisp), der Königin Elisabeth spielt, und dazu die junge Tilda Swinton, eine androgynere junge Frau für die Titelrolle konnte wohl kaum gefunden werden. Es war damals Tilda Swintons Durchbruch. Jahre später hat sie sich erneut mit Orlando befasst und für die Aperture Foundation, New York, eine Ausstellung kuratiert mit Fotografien von Zackary Drucker, Lynn Hershman Leeson, Paul Mpagi Sepuya, Jamal Nxedlana, Walter Pfeiffer, Viviane Sassen u.a. Thema: Gender, Vorschriften des Geschlechts, ethnische Zugehörigkeit. Tilda Swinton bat die Künstlerinnen und Künstler, etwas zum Thema beizusteuern oder gar neu zu kreieren. Die Ausstellung in München verzichtet auf einige Fotografien aus der New Yorker Orlando-Ausstellung und beginnt dafür den Parcours mit einem Einblick in die Leben von Virginia Woolf und Vita Sackville-West und die Entstehung des Romans.

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Fotografien werden gezeigt, Originalbriefe und sehr schön dazu von Wiebke Puls, der großen Kammerspiele-Schauspielerin, gesprochene Originalpassagen aus dem Roman – per Audiobegleitung. Vita nannte den Orlando damals selbst den „längsten und bezauberndsten Liebesbrief der Literaturgeschichte“. Dies ist sehr berührend, und es tut fast weh zu lesen, dass sich Virginia Woolf, die zeitlebens an Depressionen litt, 1941 das Leben nahm.

Tilda Swinton, die das Thema der Verwandlung nicht mehr losgelassen hat, konzipierte eine Ausstellung rund um Geschlechteridentitäten. Was 1992 in einem Spielfilm noch nicht so möglich war, ist nun zeigbar, eindringliche Bilder gibt es hier zu sehen.

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Die afroamerikanische Malerin Mickalene Thomas spielt zum Beispiel auf das Brauchtum der Fa’Afafine, einer Gemeinschaft des dritten Geschlechts auf Samoa an. Hier werden Knaben zu Mädchen erzogen, zur Unterstützung der Familien im Haushalt oder bei der Alten- und Krankenpflege. Lynn Hershman Leeson hat Doppelnaturen erschaffen. Mal überlagert das Bild Humphrey Bogarts das von Gena Rowlands, mal David Bowie Katherine Hepburne, alle gleichberechtigt. Rosalyne Blumenstein hingegen tendiert eindeutig zur weiblichen Seite. Die Schauspielerin und Autorin steckte als Teenager, in den 70er Jahren, im falschen Körper. Sie ist nach der Geschlechtsangleichung zu einem Vorbild der Transgenderbewegung geworden. Hier posiert sie mal lasziv am Pool, mal stellt sie Botticellis Venus dar. Die Amerikanerin Collier Schorr interessiert sich dafür, wie Körper sich verändern. Sie hat jahrelang ein Model begleitet, das sich von einem knabenhaften Mädchen in einen mädchenhaften Knaben verwandelt. Viele Fotos werden gezeigt, die von der Sehnsucht nach einem anderen Körper handeln, vom Wunsch sich zu verwandeln, von Grenzenlosigkeit, manchmal spielerisch, manchmal todernst, mit langen Narben auf großen Schwarzweißfotos.

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Eventuelle Schwermut kann aufgelöst werden in einer kleinen Ecke, in der der Film Orlando gezeigt wird. Wer diesen Film noch nicht kennt, ihn aber dennoch nicht in einem kleinen Fernsehgerät mit dem Audioguide am Ohr sehen will, bekommt hier einen Tipp: Bis in den Januar hinein gibt es ein umfangreiches Begleitprogramm. Am Montag, 16.12.19, wird um 19.30 Uhr im Rahmen des „Montagskinos“ Orlando im Saal aufgeführt. Eintritt ist frei.

Ausstellung Orlando, inspiriert von Virginia Woolf
8.11.19 – 12.1.20
Fotoausstellung kuratiert von Tilda Swinton
Eine Kooperation des Literaturhauses München mit der Aperture Gallery New York
Literaturhaus München, Salvatorplatz 1
Montag – Freitag 10-19 Uhr
Samstag/Sonntag/Feiertage 10-18 Uhr
6 Euro (inkl. Audioguide, gesprochen von Wiebke Puls)

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