Von Diven, Göttinnen, galaktischen Kreaturen und Kriegerinnen

Thierry Mugler, das war für mich bislang hauptsächlich der Schöpfer dieses köstlichen Parfüms namens „Angel“, dem ich seit Anfang der 90er Jahre verfallen bin. Die Ausstellung in der Kunsthalle München belehrte mich eines Besseren und überraschte mich überaus positiv.

Manfred Thierry Mugler, der 1948 in Straßburg geboren wurde und seine Karriere als Balletttänzer begann, wurde vor allem mit den Parfüms präsent, die unter seinem Namen verkauft werden. Seine Leistungen als Designer und Inszenierer fantastischer Fashion-Shows verblassten im Lauf der Zeit. Dabei hat er mit seinen Sexgöttinnen-Outfits und Superheldinnenuniformen die Modewelt Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre in Ekstase versetzt. Die Ausstellung über Thierry Muglers Schaffen ist ein atemloser Streifzug durch die Popkultur der letzten Dekaden.

Auf Monitorwänden laufen kleine Filmsequenzen von Popstars, die er alle eingekleidet hat. Aber im Original die über 150 Roben und Kostüme zu sehen, die er zwischen 1977 und 2014 erschaffen hat, ist beeindruckend. Die Outfits sind nicht chronologisch aufgereiht, sondern nach verschiedenen Themen oder auch Akten gruppiert:

Akt 1: Futuristische Couture & Fembots

Mugler kreierte futuristische, aerodynamische und roboterhafte Looks, die übermenschliche Stärke ausstrahlen.

Das Verhältnis von Mensch und Maschine wird dargestellt, mit Cyborgs und karosserieverkleideten Geschöpfen, inspiriert von Science Fiction und Comic-Heldinnen ebenso wie von mittelalterlichen Rüstungen und Uniformen, von Industrial Design und futuristischen Fahrzeugen.

Akt 2: Stars & Strass. Staging Fashion

Mugler begründete das Prinzip der Modenschau als Spektakel. Sein Catwalk wurde zur Bühne für Musical-Komödien, Szenen aus Comics, Hollywood-Filmen und glamourösen Cabaret-Schauen.

Bei ihm modelten Superstars auf den Modenschauen, Sängerinnen und Hollywoodschauspielerinnen wie Tippi Hedren, Diana Ross oder Sharon Stone.

Stars wie James Brown, David Bowie, Céline Dion, Madonna, Lady Gaga und Beyoncé sangen und trugen dabei seine Entwürfe.

 

 

 

Akt 3: Too Funky

Der größte Spaß an der Ausstellung ist dieser Raum, der George Michaels 1992 erschienenem Musikvideo „Too Funky“ gewidmet ist. Es markierte den Beginn von Muglers Karriere als Videoregisseur. Mit dem Song sollten u.a. Mittel für den Kampf gegen Aids eingeworben werden, ein Anliegen von George Michael wie auch von Thierry Mugler. Das Video ist die Quintessenz der Popästhetik, die ersten richtigen Supermodels in Mugler-Outfits: Linda Evangelista, Eva Herzigová, Nadja Auermann, aber auch Persönlichkeiten der New Yorker Modeszene sowie Schauspieler und Performance-Künstler trugen seine Entwürfe. Mit einem gleichzeitig kämpferischen und spöttischen Blick enthüllt der Designer hier den Kontrast zwischen dem Glamour auf dem Laufsteg und dem Chaos hinter den Kulissen.

Akt 4: Belle de Jour/Belle de Nuit

Es war zwar genau die Zeit der Hippiebewegung, doch in den frühen 1970ern setzte Mugler dem Flower-Power Glamour entgegen. Jetzt gab es mutige körperbetonte Schnitte, architektonische Silhouetten und innovative Materialien.

Der Titel dieses ganz in Schwarz-Weiß gehaltenen Raumes bezieht sich auf Luis Buñuels Filmklassiker Belle de jour (Schöne des Tages, 1967), der von einer frustrierten Ehefrau (Catherine Deneuve, *1943) handelt, die sich traut, ihre Sexualität selbstmächtig auszuleben.

Akt 5: Macbeth

Eine wundervolle Macbeth-Installation kann man hier sehen. Es war eine Shakespeare-Produktion der Comédie-Française, die 1985 beim Theaterfestival in Avignon uraufgeführt wurde. Die Entwürfe stammen von Thierry Mugler. Lady Macbeth verliert den Verstand. Dieses fantastische Hologramm zusammen mit der Musik: Magisch!

Akt 6: Jenseits der Moderne: Mugler hinter der Linse

Muglers Interesse an Fotografie kam 1976 auf, als er Helmut Newton bat, eine Werbekampagne für ihn zu realisieren.

Mugler motzte jedoch so stark, dass Newton schließlich meinte, mach es doch selbst – was er dann auch tat. Die Zusammenarbeit mit Newton dauerte über 20 Jahre lang, gleichzeitig aber fotografierte er gern selbst und entwickelte seine ganz eigene Bildsprache für Kampagnen. Typisch für ihn waren oft miniaturhaft kleine Figuren in monumentalen Kulissen wie gotischen Kathedralen, den Eisbergen Grönlands, den Dünen der Sahara oder dem riesigen Crysler Building.

Akt 7: Helmut Newton & Mugler

Helmut Newton fotografierte starke Verführerinnen. Seine Bilder von Frauen in Kreationen von Mugler, die traditionelle Erzählweisen hinter sich lassen, zeigen eine Mischung aus kühnem Sexappeal und luxuriöser Eleganz. Zahlreiche seiner Werke haben den Status von Ikonen erlangt.

Akt 8: Metamorphosen

Thierry Mugler war schon immer fasziniert von dem schönsten Tier auf Erden: dem Menschen. Ein Teil seiner Mode ist von der Tierwelt geprägt, die seine fantastischen Kreationen anregt. Sie ist inspiriert von Meerestieren und Reptilien, von Insekten, Vögeln und Schmetterlingen.

Er verwendete dabei aber kein echtes exotisches Leder oder seltene Federn, sondern synthetische Materialien. Was wie in hunderten von Stunden zusammengeklöppelte schwarze Spitze aussieht, ist beispielsweise Gummi!

In diesem Raum gibt es Wassernymphen, phantastische und wundervolle Insekten, Chimären, die mythische Kreaturen sind mit Gliederrüstung und Schuppen, besetzt mit Kristallen, Strasssteinen, Federn und Rosshaar.

Die Ära Thierry Muglers als Modezar ging 1995 mit einer bombastischen Show zu Ende, und zwar zum 20-jährigen Jubiläum seines Modehauses in Paris, wofür er über 300 verschiedene Looks vom Abendkleid bis zum Roboter-Anzug kreiert hatte. Am Ende sang James Brown ein Medley seiner größten Erfolge, männliche Go-go-Tänzer drehten sich am Rand des Laufstegs, und es regnete goldenes Konfetti. Danach verlor Mugler das Interesse an seinem Beruf. Er verkaufte die Mehrheit an seinem Unternehmen an Clarins, kehrte der Branche gänzlich den Rücken und machte nur noch das, was er wollte, und wann er es wollte.

Kunsthalle München
Theatinerstraße 8 – in den Fünf Höfen
80333 München
www.kunsthalle-muc.de
Öffnungszeiten: täglich 10 bis 22 Uhr
Bis 30. August 2020
Ausstellungskatalog (bei Phaidon erschienen): 89,99 Euro

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