Berauschende Bilder

Von Miguel Chevalier gab es in München schon einiges zu sehen in letzter Zeit. Vor allem im Rahmen des großen und vielseitigen „Flower Power Festivals“ 2023. http://schwarzesbayern.info/kultur-flowers-forever-kunsthalle-muenchen/ und http://schwarzesbayern.info/kultur-extra-natural-bei-ludwig-beck-muenchen/. Mit Digital by Nature präsentiert die Kunsthalle München nun aber die bislang größte Einzelausstellung von Miguel Chevalier in Europa. Diese Ausstellung ist weniger eine klassische Schau als vielmehr ein Eintauchen in digitale Bildwelten. Licht, Farbe und Bewegung verschmelzen zu raumfüllenden Installationen, die den Besucher unmittelbar umgeben. Man steht nicht vor Kunst – man befindet sich mitten in ihr.
Chevaliers Arbeiten basieren auf Algorithmen, Programmierung und künstlicher Generativität. Das ist ein Aspekt, der schnell klar wird – und gleichzeitig einer, der auch eine gewisse Distanz erzeugen kann. Wer sich mit algorithmischer Kunst, also Arbeiten, bei denen die Künstler*innen Algorithmen, Codes und mathematische Regeln verwenden, nicht auskennt, wird vielleicht ratlos vor manchem Kunstwerk stehen oder es nicht so spannend finden, wie es vielleicht ist. Doch das ist auch wieder die Stärke dieser Ausstellung. Man muss nicht alles verstehen. Die Werke funktionieren auf einer sinnlichen Ebene. Farben fließen, Muster pulsieren, digitale Landschaften erinnern mal an Korallenriffe, mal an kosmische Karten oder imaginäre Gärten. Die Projektionen reagieren auf Raum und Bewegung, wirken lebendig, fast organisch. Das ist auch schön zu sehen, wie gerade Kinder, die sich noch trauen, an den Projektionen und Installationen entlanglaufen und beobachten, wie sie damit Einfluss auf das Kunstwerk nehmen, das sich dadurch ändert. Es ist Kunst, die weniger gelesen als gefühlt werden will. Visuell ist die Ausstellung beeindruckend – und auch sehr Instagram-tauglich. Die großformatigen Projektionen, die satten Farben und die klaren Formen erzeugen Bilder, die sofort wirken, ohne Erklärungen zu brauchen. Gleichzeitig regt die Ausstellung aber an, sich Fragen zu stellen über das Verhältnis von Mensch und Maschine, über Kontrolle und Zufall, über Natur und künstliche Ordnung. Diese Gedanken drängen sich nicht auf, sie schwingen eher mit – und genau das macht den Rundgang angenehm offen. Man kann sich verlieren, staunen, beobachten oder einfach treiben lassen.
Dabei ist die Ausstellung nicht nur etwas für Erwachsene. Auch Kinder und Jugendliche können ihren Spaß haben, zum Beispiel beim „Blumen züchten“. „In Vitro Pixel Flowers“, das ist ein Raum, in dem Besucher*innen virtuell Blumen züchten und in einem digitalen Gewächshaus erblühen lassen können. Das sind natürlich keine echten Pflanzen, sondern auch hier digitale Kunstwerke.
Am faszinierendsten fand ich die Installation „Meta-Nature AI“ in einem eigenen Raum. Eine generative Installation, die schon 2023 startete. Hier werden gleichzeitig neun digitale Pflanzen aus 150 Samen präsentiert. Es ergeben sich daraus 38.443.359.375.000.000.000 (eine Zahl, länger als jede IBAN) mögliche Blütenkombinationen. Um alle möglichen Variationen sehen zu können, würde es etwa 10 hoch 45 Jahre dauern. Länger als das Universum alt ist (14 Milliarden Jahre!). Mir schwindelt beim darüber nachdenken. Die Software ist von Claude Micheli, und die bezaubernde Musik dazu von Jacopo Baboni Schilingi. Dieser hat hierfür eine Kantate von Johann Sebastian Bach verwendet. Die Melodie verändert sich ebenso ständig und endlos. Ein Programm fügt jeder virtuellen Pflanze Klangakzente hinzu. Sie spiegeln Bewegung und Wachstum wieder.
Alles in allem ein wunderschönes, sinnliches Erlebnis!
Digital by Nature – Die Kunst von Miguel Chevalier
Kunsthalle München
Theatinerstraße 8
80333 München
Öffnungszeiten:
Täglich: 10:00 – 20:00 Uhr (auch sonn- und feiertags)
Noch bis 1.3.2026
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