Kunst- und Video-Installation „Living Colors“ in der whiteBOX, Werksviertel, München

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Aller Anfang ist weiß

Die Performance-Künstlerin und Malerin Noriko Kura und der Klangkünstler Stefan Winter waren am 19.03.2017 in der whiteBOX in München und haben ein Kunstwerk geschaffen. Sie haben bei ihrer Performance „Living Colors“ mit Farben und Formen, mit ihrem eigenen Körper, mit Bewegungen und Geräuschen wie Schnaufen, Seufzen, Wimmern sowie Wehklagen Menschen beeindruckt. Interessierte Zuschauer, die sich rechtzeitig angemeldet haben, wurden an dem Abend in Anzüge gehüllt, um von der Farbpracht nicht angespritzt zu werden. Das Ergebnis dieser Performance ist bis zum 2. April 2017 beseh- und begehbar in der whiteBOX im Werksviertel in der Atelierstraße 18 am Ostbahnhof.

Der Raum zeigt einem beim Eintritt die weißen, angespritzten Schutzanzüge der Teilnehmer, sie hängen an Haken, entlang des Farben-Schlachtfelds.

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Farbige Fußabdrücke geben ein Zeugnis ab von dem, was vor kurzem hier stattgefunden hat.

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Die vier Wände außen herum zeigen Farbspuren, -spritzer, -schlieren.
Doch man war ja nicht live dabei und muss auf die ca. 53-minütige Video-Installation zurückgreifen. Noriko Kura und Stefan Winter treffen aufeinander. Sie sind in einem Raum mit etlichen anderen Menschen in weißen Schutzanzügen wie aus Silkwood mit Meryl Streep. Diese sitzen um sie herum auf kleinen weißen Hockern, das Ganze wirkt unwillkürlich wie aus einer Szene aus Woody Allens Was Sie schon immer über Sex wissen wollten, überlebensgroße Spermien in weißen Overalls mit Kapuzen.

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Die zwei Künstler dazwischen sind zuerst nackt, unschuldig, dann malen sie sich gegenseitig weiß an. Die Zuschauer sind neugierig aber beklommen. Dann kommt die Farbe blau dazu. Es folgt eine Farborgie. Als Rot dazu kommt, das der Dame wie Menstruationsblut die Beine entlang läuft, bin ich etwas befangen. Die Performance wirkt mittlerweile wie eine Art Butoh-Tanz und Kabuki-Theater. Die Stimmung ist tragisch. Noriko wird mit blauer Farbe übergossen, das über sich ergehen zu lassen, zeugt von unheimlichem Vertrauen. Als sie schon ganz kaputt wirkt summt sie autistisch vor sich hin. Meeresrauschengeräusche ertönen, als wolle das Wasser alles hinwegspülen. Die tragische und gleichzeitig disharmonische Klaviermusik passt zu all dem Durcheinander. Er kniet nieder, sie kommt auf ihn zu wie Banshee, die Todesfee. Sie reicht ihm aber die Hand, und sie gehen zusammen weg. Doch dann kommt die Farbe Grün noch ins Spiel. Es ist eine sumpfige, dumpfe, klumpige Farbe. Die Leute in ihren weißen Ganzkörperkondomen außen herum ziehen ihre Kapuzen hoch, haben Angst, dass noch was kommt. Die Musik ist mittlerweile wie aus einem Horrorfilm – in dem aber nicht viel passiert. Vielleicht wie in Wenn die Gondeln Trauer tragen. Die Zuschauer sind mitinvolviert, gepackt, können/sollen aber dennoch nichts tun. Die zierliche Japanerin schnattert und zittert, sie will alles abschütteln. Es wird sich aber hektisch nochmal gegenseitig mit Farbe eingerieben. Und dann sitzt man sich gegenüber, zieht sich gegenseitig hoch und klammert sich aneinander fest. Die Musik wird ganz zärtlich und klassisch, aber noch ist kein Kuscheln angesagt: Man überschüttet sich noch einmal gegenseitig mit weißer Farbe. Weiß, es hört so auf, wie es angefangen hat. In der Video-Performance sieht man, dass die Leute irgendwie befangen sind, weil sie nicht wissen, wie, wo, warum, und ist es aus? Doch die Dame löst das Rätsel auf, indem sie lacht, und irgendwann gehen die beiden miteinander weg.

Musikalisch wird das Ganze durch Kompositionen von Fumio Yasuda unterstützt. Hauptsächlich sind es Geräusche aus der Natur wie Wellen, Regentropfen, Meeresrauschen, alles was irgendwie mit Wasser zu tun hat.
Der Zuschauer kann sich seine eigenen Interpretationen zu dieser Installation im Kopf machen. Mich erinnert der Raum mit den aufgehängten Overalls der Teilnehmer, der Fußspuren der Performance-Künstler auf dem Boden, der Farbschlieren auf den Wänden und der versickernden Farblachen in der Mitte des Raums irgendwie auch an unheimliche Filme.

Dafür, dass Noriko Kura und Stefan Winter im Sommer 2016 zum ersten Mal aufeinandertrafen, ist eine unheimliche Privatheit, eine Intimität, ein Sich-aufeinander-Einlassen sichtbar, das das Ganze erst möglich macht. Eine Farbperformance von Noriko Kura in der Akademie der Bildenden Künste in München veranlasste Stefan Winter dazu, seine geplante und von der Kulturstiftung des Bundes geförderte Mehrkanal-Klang-und-Video-Installation „Gedicht einer Zelle“ umzuschreiben und Norika Kura ins Zentrum dieser Arbeit zu stellen.
Das Werksviertel, das ehemalige Pfanni-Werksgelände, der Kunstpark-Ost mit Tendenz zum intelektuellen Naserümpfen, es ist bislang eine riesige Baugrube für eine neue Konzerthalle, mit abgerissenen, traurigen Kult-Graffitis von renommierten Künstlern, aber so wie ich es im Begriff bin zu verstehen: mit einem riesigen Potential zu etwas Neuem, Frischen, fast-Berlin-esquem. Aus jeder Asche steht hoffentlich einmal ein Phönix auf. Die whiteBOX wird ein Bestandteil davon sein.

 

Konzept, Performance und Sound & Video Art: Noriko Kura / Stefan Winter
Klanglandschaften und Musikkomposition: Fumio Yasuda / Stefan Winter
Tonregie: Adrian von Ripka
Kamera: Gernot Aschoff mit Florian Epple
Videoinstallation: Thomas Mahnecke / Raphael Kurig
http://whitebox-muenchen.de/projekte/living-colors/

 

Living Colors
Ausstellung 20. März bis 2. April 2017
täglich von 10 bis 18 Uhr
Eintritt frei

 

Bild 1:
Pressebild whiteBOX: Norika Kura_Gedicht einer Zelle@Winter & Winter 2016

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