Deutschland muss sterben, damit wir lesen können!

Lesung des Schweizer Journalisten Daniel Ryser mit einem Akustik-Gig von SLIME

Nachdem man die Bandmitglieder von SLIME schon vorher ohne Berührungsängste oder Starallüren durch das Publikum hat schleichen sehen, kommt Daniel Ryser  pünktlich um 21:00 Uhr auf die Bühne. Mit grünem T-Shirt, Jeans und roten Turnschuhen sieht er weder aus wie der typische Nadelstreifen-Journalist, noch wie ein Punk, noch wie ein Gangster-Rapper – das Musik-Genre, aus dem er nach eigener Aussage eigentlich stammt. Er wirkt wie der Junge von nebenan, und das macht ihn spontan sympathisch.

Er sei sehr aufgeregt, sagt er, auch wenn man ihm das nicht so ansehe, und beginnt mit einer Anekdote von der Lesung in Wiesbaden, wo ein Besucher ständig „Wann gibt‘s endlich Mucke!!!“ rief. Das passiert in München glücklicherweise nicht, das Publikum lauscht gespannt den zahlreichen kleinen Geschichten und Legenden um Deutschlands radikalste und kompromissloseste Punkband und quittiert diese mit Schmunzeln, Lachen und auch mal Zwischenapplaus.

Seine Nervosität merkt man Daniel dann vielleicht doch etwas an, da er immer wieder die Stellung wechselt, das Mikrofon laufend neu einstellt und schließlich nach einem Whisky fragt, der ihm dann auch prompt von einem Besucher spendiert wird. Seine Aktivität auf der Bühne stört jedoch nicht, sondern wirkt zusammen mit seiner angenehmen Stimme, die er auch dramatisierend einzusetzen weiß, wie eine Art Performance und untermalt damit den Inhalt der vorgetragenen Passagen.

Nach der Lesung kommen die drei ältesten Bandmitglieder von SLIME auf die Bühne, namhaft Dirk „Dicken“ Jora (Sänger), Michael „Elf“ Mayer (Gitarrist) und Christian Mevs (Gitarrist), und es gibt eine kleine Fragerunde, wie es damals so war als Punk in Hamburg und wie sich die Szene entwickelt hatte.

Nun folgte der heimliche Höhepunkt des Abends, das Akustik-Konzert von SLIME. Minimal instrumentiert wird Frontmann Dirk nur von den Akustikgitarren von Elf und Christian, der sogar eine Gretsch spielt, begleitet. Aber wer denkt, dass man mit einer Akustikklampfe nicht rocken kann, der wird nun eines Besseren belehrt, denn es geht trotzdem mächtig ab. Elf spielt mit so viel Druck, dass ihm irgendwann eine Saite reißt, was zu einer kleinen Zwangspause führt. Mit ein paar lockeren Sprüchen wird aber die Situation souverän gemeistert. Dirk strahlt auf der Bühne noch immer die geballte Leidenschaft aus, mit der er hinter SLIME steht und sein Leben als Punk lebt, und die ihn auch in schlechten Zeiten immer voran gebracht hat. Es wird ein Querschnitt durch alle Alben gespielt, bis hin zum letzten Album Sich fügen heißt Lügen, auf dem Texte des von den Nazis im KZ ermordeten deutschen Schriftsellers Erich Mühsam vertont wurden. Insgesamt ein toller Gig, und die Songs funktionieren großartig auch ohne Schlagzeug und Verstärker, Dirks Ausstrahlung und Stimme besorgen den Rest.

Der letzte Song des Abends ist auch der Titel des Buches: Deutschland muss sterben, bei dem dann sogar mitgeklatscht wird, dank der Bestuhlung im Saal Musikantenstadl statt Pogo. Irgendwie verwirrend, aber grandios!

Statt Bandzugabe – es ist ja eine Lesung – gibt Daniel eine Zugabe, liest vor, wie es zur Wiedervereinigung gekommen ist, und alle sind dafür dankbar, denn sonst hätte es diesen tollen Abend nicht gegeben. Autor und Band stehen nun für jeden bereit für einen kleinen Plausch und signieren bereitwillig die mitgebrachte oder kurzentschlossen vor Ort gekaufte SLIME-Biographie. Außerdem sagt Dirk, wenn der eine der andere unbedingt an der Bar einen Wodka spendieren möchte, dann lasse man sich notfalls breitschlagen.

Auf die Nachfrage hin, ob es ein Akustikalbum von SLIME geben wird, hieß es, dass schon Überlegungen getroffen wurde, Akustiksongs aufzunehmen. In welcher Form, ob als Album, EP oder vielleicht in einer limitierten Bonus-Auflage, das könne man noch nicht sagen, dafür sei es noch zu früh und die Tour zu frisch. Man darf also gespannt sein.

 

SLIME – Deutschland muss sterben. Das Buch

ryser_dslime_-_deutschland_muss_sterben_132307

„Sie waren und sind Deutschlands radikalste Punkband. 1979 in Hamburg gegründet, richteten sich Slime mit Texten wie ‚Deutschland muss sterben‘ und ‚Wir wollen keine Bullenschweine‘ gegen den Staat, die Polizei, Faschismus und Kleinbürgerlichkeit und lieferten die Parolen für eine wachsende autonome Szene. Straßenschlachten mit Neonazis und Polizisten und die Beschlagnahmung des Album Slime1 förderten ihren Nimbus als Kämpfer gegen das System.“

Schon die ersten Sätze des Buches aus der Bandkurzbiographie machen klar, das Buch wird kein Spaziergang und kein Kindergeburtstag, hier geht es zur hart Sache, und es wird kein Blatt vor den Mund genommen werden.

Es geht um Entstehung, Aufstieg, Fall und Wiedervereinigung von SLIME. Der Text illustriert das politische Klima in Deutschland in den späten 70er und frühen 80er Jahren und zeigt, wie es überhaupt zur Punk-Bewegung kommen konnte. Das soziale Umfeld der späteren Bandmitglieder wird beleuchtet, in denen sich Wut und Aggression aufstaute, für die Punk dann das dringend benötigte Ventil darbot.

Man erfährt in teils heftigen und krassen Anekdoten und Geschichten Einiges über die Entstehung und des Lebens in der Hafenstraße, über die Entwicklung des FC St. Pauli, die deutsche Wiedervereinigung und das darauffolgende Erstarken der deutschen Rechten, immer jeweils in Reflektion zu SLIME.

Außerdem kommen verschiedene Persönlichkeiten zu Wort, die SLIME in ihrer Geschichte zeitweise begleitet haben oder von ihnen maßgeblich beeinflusst worden sind, u.a. Campino von Die Toten Hosen und Rodrigo Gonzáles von Die Ärzte.

Daniel Ryser versucht, in seiner Biographie neutral zu bleiben, er schildert die Ereignisse und lässt Leute zu Wort kommen, ohne eine persönliche Wertung vorzunehmen. Es gibt auch kritische Stimmen, beispielsweise die eines Polizisten, wenn auch wenige. Das kann daran liegen, dass manche mögliche Kritiker es abgelehnt haben, sich zu dem Thema zu äußern. Aber völlig neutral kann ein Buch wohl gar nichts ein, wenn es um eine Band wie SLIME geht. Eine Band, die es verstanden hat, den Spirit der Protestsongs der legendären Politrock-Gruppe Ton Steine Scherben um Frontmann Rio Reiser in ein neues, härteres und einem dem Zeitgeist entsprechendem neuen Gewand zu verpacken.

Das Buch ist sehr interessant, wenn man Musikerbiographien mag, musikhistorisch interessiert ist und die Zeit der späten 70er und Anfang der 80er Jahre mag. Für Punks und solche, die es werden wollen, ist das Buch ohnehin ein MUSS. Polizisten und CDU/CSU-Wähler sollten es jedoch lieber meiden.

Als Schlusswort sei Mille Petrozza, Sänger der Trash-Metal Band Kreator, zitiert: „In den USA gab es die Dead Kennedys, In England die Sex Pistols und in Deutschland SLIME.“

 

Daniel Ryser: SLIME. Deutschland muss sterben.

Heyne Hardcore, 2013

EUR 19,99 (288 S., HC)

Reinlesen!

Kaufen!

SPECIAL: Nagel über SLIME

SPECIAL II: Tourtagebücher von Daniel Ryser

– Mrs. Hyde

(2117)