Rezension: Lynda Hilburn – Kismet Knight, Vampirpsychologin

Vampire?

Kismet Knight 1Die Psychologin Kismet Knight betreibt eine Praxis in Denver. Zu ihren Patienten gehört unter anderem Midnight, die ihr von ihren Vampir-Freunden berichtet. Kismet ist aus ihrer rationalen Sichtweise heraus nicht bereit, sich auf diese Geschichte einzulassen. Aber die Zusammentreffen mit den vermeintlichen Vampiren Devereux und Bryce, dem FBI-Agenten Stevens, sowie die tote und blutleere Emerald belehren sie eines anderen. Kismet kann sich auch nicht ihrer Eindrücke aus dem Club „Crypt“ und weiterer eigenartiger Vorfälle (u.a. ihrer Entführung, nach der sie in einem Sarg auf einem Friedhof erwacht – Erfahrungen während eines Schutzrituals – die Erlebnisse mit Luzifer) entziehen. Ihre normale, erklärbare Welt wird gehörig auf den Kopf gestellt – und auch ihr Liebesleben profitiert davon.

Lynda Hilburn lässt ihre Hauptdarstellerin in die Welt der Vampire eintauchen. Ihr Widerwillen bzw. Unglauben demgegenüber werden dem Leser amüsant geschildert („Devereux‘ Privatbad! Hätte ich vor der Tür einen Knicks machen sollen?“ S. 262). Dies entlockt einem so manches Lächeln während der Lektüre.
Die Spannung wird immer wieder durch Kismets Gegenspieler und die Vampirkämpfe erzeugt. Wer gewinnt? Was passiert als nächstes?
Schöne, gut gebaute Männer entfachen auch so manche erotische Situationen, die schon mal dazu führen können, seitenweise beschrieben zu werden. Dies würzt sicher die ganze Geschichte, aber für mich hätten diese Beschreibungen gerne kürzer ausfallen können.

Als unerfahrene Leserin von Vampir-Geschichten finde ich diese Erzählung unterhaltend und amüsant. Die Anspannung der Protagonistin ist immer wieder nachvollziehbar und auf einen selbst übertragbar – wird aber nicht überreizt. Mir ist nur so manch andere beschriebene Person zu schön, um nicht zu sagen, „zu kitschig“.

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Lynda Hilburn: Kismet Knight, Vampirpsychologin
ursprünglich PAN-Verlag / Droemer Knaur, 2010
ISBN 978-3-426-28302-
€ 9,95
Amazon

Rezension: Oliver Uschmann – Überleben auf Festivals

„Nichts ist blöd genug, um nicht mal darüber nachzudenken“
– Sylvia Witt –

Jedes Festival gleicht der Wildnis und die Besucher der bunten Fauna, die man dort antrifft. Keiner weiß das besser als Oliver Uschmann, der in seinem Buch die über Jahre hinweg gesammelten Erkenntnisse vorstellt. Neben den Besuchern, werden auch die Künstler in Kategorien unterteilt, das Festivalessen unter die Lupe genommen und – ganz wichtig: alle Rituale erklärt. Ein Musikfestival ist eine eigene, kleine Welt, mit speziellen Regeln und Gattungen, die hier allesamt ausführlich vorgestellt werden.

Oliver Uschmann ist Musikjournalist und Autor. Er hat sie mitgemacht, die großen Festivals wie Wacken oder Rock am Ring. Die dabei gesammelten Erfahrungen waren viel zu wertvoll, als dass er sie für sich behalten konnte. Gut so, denn nun hat jeder eingefleischte Besucher von Rock im Park oder der schüchterne Neuling beim Summer Breeze den ultimativen Führer. So kann man schnell und einfach herausfinden, welcher Kategorie der Nachbar auf dem Zeltplatz zuzuordnen ist.
Gut: Die Krankenschwester, weil sie alles dabei hat, was man auf jeden Fall braucht; der Kegler, weil keiner großherziger selbstgemachten Nudelsalat und gutes Bier anbietet.
Schlecht hingegen: Der Barbar, der ist dann doch etwas rauer; der Choleriker, weil man von vornherein verloren hat; die Vandalen – da ist es egal, ob sie in direkter Nachbarschaft randalieren oder weiter entfernt: Sie finden immer ihre Opfer, zünden Müllberge und Dixiklos an und vermöbeln gerne mal jemanden. Ihre Trophäen sind die Kabelbinder der Security, mit denen sie endlich dingfest gemacht wurden.
Bereits hier erkennt man sich selbst, seine Mitreisenden und die umgrenzenden Festivalbesucher des letzten Konzertsommers wieder und kann sicherlich uneingeschränkt zustimmen. Uschmann bietet einen besonderen Service: Die fünf Lieder einer jeden Kategorie, das Motto derselben und Verhaltenshinweise, trifft man auf ein Exemplar dieser Spezies.

Weiter geht es mit den Rockern selbst, die auf, hinter, vor der Bühne stehen und das Publikum anschreien, begeistern, ignorieren oder mit lustigen roten Kappen amüsieren.
Da ist die Elfe, die fein über die Bühne schwebt und mit zartem Stimmchen ihre Lieder ins Mikro haucht, etwa eine Katie Melua oder Björk. Daneben steht die Röhre, ebenfalls weiblich, die so manchem männlichen Frontmann die Show stiehlt und ihm zeigen kann, wie man nun richtig growlt – man denke an Bonnie Tyler oder Arch Enemy-Frontfrau Angela Gossow.
Manche Musiker können ohne Nikotin gar nicht mehr überleben, frische Luft würde zum sofortigen Tod führen, daher sieht man Peter Maffay, E-Gitarren-Gott Slash oder Lemmy Kilmister nur mit Glimmstängel im Mund.
Tragisch wird es, so weiß Uschmann zu berichten, wenn man auf die Kategorie Männerherzen trifft: Der Sänger war unsterblich und leider auch unglücklich verliebt. Das gebrochene Herz spiegelt sich fortan in jeder Platte und ausnahmslos jedem Song wider, etwa bei Bruce Springsteen oder Jupiter Jones.
Schließlich wird die Fangemeinde endlich mal aufgeklärt, wie das mit den „Amtlichen Brettern“ ist: Todesbretter, Britische, Satanische, Wahre, Christliche Bretter stehen da auf den Bühnen. Dazu zählen unter anderem Marduk, Korn, Manowar oder Overkill.
Überhaupt glänzt der Autor nicht nur mit viel Wissen über Bands und kategorisiert diese übersichtlich, nein, für den Laien bietet er auch nach jeder Beschreibung eine Auswahl an Musikgruppen und Alben, damit das Einordnen beim nächsten Open Air leichter fällt.

Auch die Verhaltensrituale sind genauestens aufgeführt. Schließlich wäre es kein guter Festivalführer und ein Überleben auf diesen Veranstaltungen unmöglich, kennte man sich nicht mit Dingen wie der Bierrutsche, dem Beflaggen, Crowdsurfing oder gar der Festivalreligion „Helga!“ aus. Wichtig ist auch die richtige Benutzung der aufgestellten Dixiklos, nämlich … genau: Mit dem Einkaufswagen reinfahren, die blauen Häuschen anzünden oder sie einfach ignorieren. Außerdem darf man nicht die Skulpturen, die Beuys Tränen der Rührung in die Augen treiben würden, oder gar die Schilder mit hochgeistigen Sprüchen, wie „Titten raus, es ist Sommer!“ vergessen.

Wenn sich Uschmann um die Ernährung bemüht, denkt man sicherlich lächelnd an die eigenen Vorräte, die unbedingt dabei sein müssen: Bier. Das Grundnahrungsmittel eines jeden Festivalbesuchers. Keine Mixgetränke, denn: „Das vorgefertigte Biermischgetränk ist der Untergang des Abendlandes.“ (S. 263), und untergräbt zudem das strikte Obstverbot auf dem Gelände.
Obst, genau: Obst sieht man teilweise verschüchtert bei Lese-Lauras rumliegen, wird der Genuss desselben aber entdeckt, drohen harte Strafen. Bleiben noch nie verzehrtes Toastbrot, das die Weltherrschaft plant, Fertignudelgerichte, die süchtig machen und das Grillen. Ohne Grillen geht gar nichts! Dazu gehört ordentliches Fleisch. Vegetarier-Weltverbesserer legen lieber Auberginen und Zucchini auf den Rost, eine Freude für Gott, der beide Gemüsesorten nur zum eigenen Amüsement erschaffen hat.

Auch die Schlafplätze sind beschrieben. Dabei sollte man die Finger von 1er-Zelten lassen und alleine in einem 2er-Zelt nächtigen! Sofa nicht vergessen und tunlichst die Nachbarschaft zur lautbrummenden Generatorhölle vermeiden, rät Uschmann.
Ganz zum Schluss kommt die Security: die Sicherheitskräfte der Finsternis und des Lichts. Der Autor behält auch hier recht, sollte sich aber bei zukünftigen Festivalbesuchen vor ersteren in Acht nehmen, möchte er das Gelände lebend verlassen.
Im Anhang befindet sich ein Register aller genannten Bands.

Das kleine Büchlein würde sich schnell lesen lassen, denn es ist flüssig geschrieben. Doch beim Lesen denkt man an vergangene Festivalbesuche und küsst des Öfteren den Boden, weil man vor Lachen vom Stuhl gefallen ist, das unterbricht den Lesevorgang. Mit viel Witz und Charme beschreibt Uschmann das Rockreich. Da kann keiner widersprechen, denn der Autor hat recht: So ist es! Das Buch macht sehr viel Spaß und es erscheint zum richtigen Zeitpunkt, beginnt doch gerade wieder die Festivalsaison, hängen die Tickets für Wacken, Summer Breeze oder RIP schon lange an der Pinnwand und wird bereits fleißig geplant, wer wann wie zum Campingplatz kommt.
Zusätzlich amüsiert Uschmann mit Vor- und Nachwort. Darin sind zwei Dialoge mit seiner Frau Sylvia Witt enthalten.
Um das Beschriebene zu veranschaulichen, enthält das Buch noch ca. 30 Schwarzweißfotos vom Open-Air-Leben.

Ein sehr gelungenes Buch, das jedem Hardcorefestivalbesucher ans Herz zu legen ist, wenn er die Zeit zwischen Wachwerden und der ersten Band, die er sich anhören wird, überbrücken möchte. Aber auch für jeden Grünschnabel, der endlich alt genug ist, um sich in die Hölle zu begeben, ist die Lektüre geeignet, sollte man doch niemals unvorbereitet Neuland betreten.
Vielleicht wird man in diesem Sommer nicht nur bei Lese-Lauras die neue Pflichtlektüre mit entsprechenden Markierungen auf dem Zeltplatz vorfinden.


Zukünftiger Anblick auf Festivals?

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Oliver Uschmann – Überleben auf Festivals. Expedition ins Rockreich
Heyne Hardcore, 2012
368 Seiten, Broschiert
12,99 €
Oliver Uschmann bei Heyne
Amazon.de

Interview mit Tiefenstadt

Tiefenstadt sind eine noch junge Band aus Nürnberg. Dabei haben die fünf Bandmitglieder bereits reichlich Erfahrungen in der Musikbranche sammeln können. Doch unter diesem Namen fanden sie sich laut Bandseite erst im Oktober 2011 zusammen. Tiefenstadt ist mehr als nur Musik, mehr als nur Gothic: Wie der Namen schon vermuten lässt, gehen die Songs tiefer, sprechen vom Inneren, vom Verborgenen und von noch viel mehr. Die Fünf haben sich Zeit für ein Interview genommen und stellen sich vor.


Tiefenstadt aus Nürnberg

Kyra Cade: Wer steckt hinter Tiefenstadt?
Tiefenstadt: Hinter dem Namen steht eine ganze Reihe von Begriffen und Personen. In erster Linie eine Band und ein wunderbares Team an Freunden, die diese Band aktiv unterstützen. Wenn man sich auf die Idee Tiefenstadts einlässt, sind wir die Lithonauten, eine Gesandtschaft einer sehr alten Zivilisation, die tief im Inneren der Erde existiert. Gesandte mit einer Botschaft, enormen Wissen und der Fähigkeit, durch die Tiefen der Erde zu reisen.

K. C.: Welchem Genre kann man eure Musik zuordnen?
Tiefenstadt: Es ist melancholische aber auch harte Musik. Wir sind keine Vertreter der sogenannten Neuen Deutschen Härte. Wir sind auch keine klassische Gothic-Band. Die unterschiedlichen Erfahrungen jedes Einzelnen verdichten sich zu etwas Eigenem. Wohin unsere Musik tatsächlich zuzuordnen ist, überlassen wir daher gern der schreibenden Zunft. Vielleicht ist es Tiefenrock!

K. C.: Tiefenstadt ist eine Stadt, ein phantastischer Ort; aber auch die innere Welt eines jeden. Was verbindet ihr mit diesem Ort?
Tiefenstadt: Zuflucht, Ursprung, geistige Heimat. Rückzugsort ohne Mobilfunkempfang und Internet. Ein Ort der Stille. Ein eigener Kosmos mit eigener Energiequelle.

K. C.: Es klingt ein bisschen nach Atlantis oder Vernes „Reise zum Mittelpunkt der Erde“. Hatten solche Fantasien Einfluss auf den Bandnamen?
Tiefenstadt: Natürlich kennen wir diese Geschichten. Die Idee zu Tiefenstadt war aber eher ein isolierter Prozess, der wie eine Treppe zum Ziel führte. Wir versuchen uns von ähnlichen Themen aus Literatur und Film abzuschirmen, um der Fantasie die größtmögliche Freiheit zu gewähren.

Aus den Augen verloren: Die wirklich wichtigen Dinge im Leben

K. C.: In euren Texten soll die innere Welt des Menschen eine Rolle spielen. Kann man sagen, ihr singt über die Seele, über Träume, Hoffnungen und den Schmerz des Menschen?
Tiefenstadt: Genau so würden wir das beschreiben. Viele Texte behandeln die Selbsterkenntnis des Einzelnen. Die Einsicht der eigenen Schwächen und Ängste ist der Anfang, ein besserer Mensch, ein besseres Wesen zu werden. Nur so kann eine Gemeinschaft entstehen, die nicht in der eigenen Auslöschung endet.

K. C. Welche Sehnsüchte habt ihr?
Tiefenstadt: Der Mensch, mit seiner bis jetzt entwickelten Technologie, verliert den Blick für die wirklich wichtigen Dinge im Leben. TV, Internet und andere Medien fressen die Lebenszeit ohne
Spuren zu hinterlassen. Wir leben im Informationszeitalter und es wäre dringend notwendig, dass der Mensch aufwacht, seinen Verstand benutzt und sich und seine Umwelt nicht freiwillig vergiftet.

K. C.: Sind Gott oder der Glaube von Bedeutung?
Tiefenstadt: Den Glauben oder eine Gottheit gibt es in Tiefenstadt nicht. Unsere „Religion“ basiert auf einem kollektiven Bewusstsein. Allerdings gibt es alte Schriften, die das Schwinden des Götterglaubens belegen. Der Song „Do We Cheat God Now“ versucht an diese Zeit zu erinnern.

„Eine musikalische Symbiose“

K. C.: Dann kann man sagen, dass ihr eine eigene Philosophie habt? Wie lautet diese genau? 
Tiefenstadt: Es ist nicht mit einer Philosophie zu vergleichen – Tiefensadt ist eine sehr alte Zivilisation. Ein Vielvölkerstaat, der durch viele Kriege vor der eigenen Auslöschung stand. Nur durch das kollektive Bewusstsein können die verschiedenen Arten zusammenleben. Wie genau sich dieses Denken und Fühlen entwickelt hat, würde jetzt den Rahmen sprengen. Wir werden, wenn uns der Zeitpunkt richtig erscheint, einige Texte und Songs veröffentlichen, die Einsicht in diese Themen geben.

K. C.: Spielt ihr noch in anderen Bands?
Tiefenstadt: Bis auf unseren Schlagzeuger Robert (Ignis Fatuu) und Bassisten Michael (Sanity Obscure) gilt es, unsere Energie effizient und ohne Ablenkung auf ein Ziel gerichtet einzusetzen.

K. C.: Martin und Robert haben aufgrund des übereinstimmenden musikalischen Verständnisses die Band gegründet. Was ist euch denn in dieser Hinsicht besonders wichtig?
Tiefenstadt: Es ist wie ein Bund, den wir eingegangen sind. Dieser Bund, davon sind wir überzeugt, führt unweigerlich zu einer musikalischen Symbiose, die großartige Songs hervorbringen wird.

Tiefenstadt ist immer eine Reise wert

K. C.: Ihr wart vorher bereits in Bands: Vier von euch bei Soul in Isolation, Martin u.a. bei Deadone Sign. Konntet ihr euch da nicht so ausleben, wie es jetzt möglich ist?
Tiefenstadt: Tiefenstadt ist etwas anderes. Wenn zwei Komponisten aufeinander treffen, gibt es entweder Streit und Machtkämpfe oder etwas Neues entsteht. Es ist eine musikalische Bewusstseinserweiterung, sich auf den anderen einzulassen. Dies kann nur funktionieren, wenn gegenseitige Wertschätzung, Achtung und Respekt vor der Kreativität des anderen vorhanden sind. Das geht nicht, wenn man sich das nur vornimmt – es muss bereits vorhanden sein. So gesehen sind Soul In Isolation und Deadone Sign an ein Ende gekommen.

K. C.: Gibt es Vorbilder?
Tiefenstadt: Nein, nur Einflüsse aus unterschiedlichen Stilrichtungen und Epochen. Die bringst Du automatisch mit, wenn Du schon ein paar Jahre Musik machst. Aber nicht wirklich benennbare. Auch entwickelt man im Laufe der Zeit etwas Eigenes – allein aus der Intension, etwas Eigenes zu schaffen. Sei es ein bestimmter Sound, bestimmte Harmonien oder auch Gestaltung der Titel. Wir sind noch am Anfang unseres Weges. Aber schon jetzt ist unser Sound unverkennbar Tiefenstadt.

K. C.: Arbeitet ihr bereits am Debutalbum?
Tiefenstadt: Ja und nein. Das ist mehr ein Parallelprozess. Um ein Debutalbum veröffentlichen zu können, sind zwei Voraussetzungen notwendig: Einmal eine größere Auswahl an probaten Songs und zum anderen natürlich ein gewisser Bekanntheitsgrad. Da Tiefenstadt offiziell erst seit Januar 2012 als eine Band existiert, ist beides natürlich noch nicht vorhanden.

K. C.: Man kann derzeit auf Facebook abstimmen, ob man euch beim DMF 2013 sehen möchte. Wäre dieser Auftritt etwas Besonderes für euch?
Tiefenstadt: Auf jeden Fall, da wir bis dahin vielleicht schon mit einem kompletten Album wieder aus Tiefenstadt auftauchen werden.

K. C.: Zukunftspläne für Tiefenstadt?
Tiefenstadt: Wir möchten die Musik und die Geschichte von Tiefenstadt weiterbringen. Das ist ein lebendiger Prozess und wir hoffen, dadurch möglichst vielen Menschen und allem, was Ohren hat einen Anstoß zu geben. Eine Reise nach Tiefenstadt ist und wird immer eine wunderbare Erfahrung sein.

K. C.: Ein paar Worte zum Abschluss?
Tiefenstadt: Wir denken, das langt fürs erste. Vielen Dank!

K. C.: Vielen Dank für das Interview!

Rezension: Janika Nowak – Das Lied der Banshee

„Mist, ich hörte mich wie eine 10-Jährige an!“

banshee

Die 17-jährige Aileen lebt in Berlin, macht eine Lehre zur Tischlerin und führt ansonsten ein eher langweiliges Leben. Ihre Mutter ist bei ihrer Geburt verstorben, ihr Vater ist Alkoholiker. Ihre sozialen Kontakte beschränken sich auf Mitbewohnerin Bettina und Kollege Thomas, für den sie zwar schwärmt, dies aber nie zugeben würde.
Als sie nach einem Konzertbesuch mit Thomas von vier Schlägern verfolgt und angegriffen wird, schreit sie sich die Kehle heiser – um dann festzustellen, dass dies die Kerle offenbar abgeschreckt hat. In den nächsten Tagen ereignen sich allerhand Merkwürdigkeiten, mehrere Angriffe auf Aileen durch mysteriöse geflügelte Wesen und die Rettung durch einen Typen namens Macius. Als dann auch noch das ganze Wohnheim von diesen Flatterviechern angegriffen und ihre Mitbewohnerin vor ihren Augen getötet wird, bleibt Aileen und Thomas nur die Flucht zu Macius, der Aileen schließlich in ein jahrtausendealtes Geheimnis einweiht – Fabelwesen gibt es wirklich. Und sie ist eins davon: eine Banshee. Die letzte. Und irgendwer scheint es auf sie abgesehen zu haben.
So beginnt für Aileen ein neues Leben, gemeinsam mit Macius feilt sie an ihren Fähigkeiten und ihre Freunde, die Oni Aiko und die Sirene Pheme stehen ihr bald schon im Kampf gegen den verwirrten Wächter zur Seite, der die Götterkinder auslöschen will.

Ich hatte große Hoffnungen in „Das Lied der Banshee“ gesetzt, da der Klappentext mal etwas Neues versprach, statt der ewig gleichen Vampirgeschichten, die im Moment so fürchterlich in sind. Leider stellte sich schnell heraus, dass die Idee zwar gut, doch an der Umsetzung vollkommen gescheitert ist.
Es vergingen beim Lesen keine zehn Seiten, während denen ich nicht das Buch zuklappen und eine Wand suchen wollte, um meinen Kopf dagegen zu schlagen. Ganz fest.
Aileen ist eine 17-jährige Nervensäge, die sich die meiste Zeit über aufführt wie 14. Sie ist paranoid und kindisch, vollkommen überreizt und zuweilen so zickig, dass ich mich ständig gefragt habe, was Thomas eigentlich an ihr findet. Sie schaut fast jedem Kerl nach und versinkt in den unpassendsten Situationen in Schwärmereien. Sie zeigt auch kein Fünkchen Reue, als ganz offensichtlich ihretwegen das Wohnheim angegriffen und neben ihrer Freundin auch noch sechs weitere Studenten getötet werden. Ebenso wenig, als sie durch ihre Paranoia mal eben den Zorn der Gargoyles auf die Gruppe zieht. Sie heult wegen eines Piekses am Finger über Seiten hinweg herum und befürchtet eine Blutvergiftung, beschwert sich dann aber, dass Pheme ihr mit ihrer Art so auf die Nerven geht.
Dieser ach-so-erwachsene Kollege Thomas ist allerdings auch nicht wesentlich besser, neben heldenhaftem Eifer, seine Aileen zu beschützen, zeigt er zuweilen vollkommen unbegründet kindliche Eifersuchtsanfälle, sobald Aileen mit ihrem Mentor Macius übt. Die Hauptfiguren konnten nicht direkt mit Sympathie bei mir punkten, ich erwischte mich sogar dabei, wie ich mir deren baldigen Tod herbeisehnte, um endlich meine Ruhe vor dem ständigen Hin und Her zu haben. Es gibt kaum ein Kapitel, in dem nicht mindestens zweimal erwähnt wird, wie toll Aileen doch Thomas findet, aber dass sie natürlich NUR Freunde und Kollegen sind, und überhaupt nie nicht irgendwas laufen könnte.
Die Nebencharaktere sind zwar sympathischer, allerdings vollkommen überzeichnet. Sie wirken wie aus einem Manga entsprungen. Aiko, die Japanerin, die ständig in ihrer Schuluniform rumläuft, und Pheme, die belesene Automechanikerin (HÄ???), die man stets in Latzhose und mit Schraubenschlüssel antrifft. Ihre Skizzierung bleibt ansonsten bis auf Äußerlichkeiten sehr flach, sodass man keine wirkliche Beziehung zu ihnen aufbauen kann, obwohl sie zweifellos angenehmer sind als Aileen und Thomas.
Die Geschichte ist simpel aus einem einzigen Handlungsstrang konstruiert und leider extrem vorhersehbar, der Schreibstil ist einfach und erinnert zuweilen an durchschnittliche Fanfiction. Es passieren keine groben Schnitzer, doch man spürt deutlich die Unerfahrenheit der Autorin. Es gibt einige Merkwürdigkeiten in der Logik, z.B. dass Thomas zwar am anderen Ende von Berlin lebt, aber innerhalb von „ein paar Minuten“ bei Aileen sein kann. Auch wundert es Thomas kein Stück, als Aileen das Chaos in ihrem Zimmer damit erklärt, dass ein Geier zum Fenster herein geflogen sei. Den Wächter Polyphemos fürchteten angeblich schon die alten Griechen, und das, obwohl jeder Wächter elftausend Jahre schläft und Polyphemos demnach das letzte Mal im Jahr 9000 v.Chr. auf der Welt gewandelt sein muss.
Die Mitbewohnerin Bettina heißt vor ihrem Tod kurz Beate, und die Sirene Pheme verwandelt sich über ein paar Seiten auf mysteriöse Weise in eine Nymphe, sodass ich begann mich zu fragen, ob die Autorin nicht mal selbst durch ihre eigenen Fabelwesen durchsteigt.
Stilistisch ist aufgefallen, dass penetrant oft Punkte statt Fragezeichen am Ende von rhetorischen Fragen gesetzt wurden („Was würde aus Thomas werden.“). Außerdem bemühte sich Nowak zuweilen um einen unnatürlich gehobenen Sprachstil, insbesondere bei Aileen, der weder zu ihrem Charakter passt, noch konsequent durchgezogen wird, so fällt sie allzu oft in eine moderne Jugendsprache zurück, die den vorher benutzten Fremdwörtern kaum angepasst erscheint. Generell hatte ich teilweise den Eindruck, sie hätte gerade ein beeindruckendes neues Wort gelernt und wollte es nun überall benutzen.
Positiv zu bemerken sind die sehr liebevoll und schön gezeichneten Illustrationen, die neben ihrer Ästhetik auch die praktische Auswirkung haben, dass weniger Text auf die Seiten passt. Generell ist „Das Lied der Banshee“ kurzweilig und zum Glück nicht noch länger ausgewalzt, sodass man es zügig durchlesen kann, falls man nicht zu lange Pausen macht, um sich an den Kopf zu fassen. Die Idee ist neu und interessant, und immerhin hat die Autorin gute Recherche betrieben und ein Talent für fantasievolle Verknüpfungen. Die mythologischen Hintergründe sind gut zusammengefügt und ergeben durchaus Sinn, was man von Handlung und Spannungsbögen leider nicht behaupten kann.
Für mich bleibt der Eindruck einer nur bedingt literarisch begabten Schülerin, die die Fantasien aus langweiligen Mathestunden zusammengefasst und niedergeschrieben hat.

:lesen: :buch2: :buch2: :buch2: :buch2:

Janika Nowak – Das Lied der Banshee
Pan-Verlag, Hardcover, 2011
479 Seiten
14,99€
Ebook: 12,99€

Das Lied der Banshee bei Pan

Das Lied der Banshee bei Amazon

CD-Review: Moonspell: Alpha Noir (Limited Edition, VÖ: 27.4.2012)

Deftig gewürzter portugiesischer Hörgenuss

Kaum sind vier Jahre in die schwermetallenen Lande gezogen, beehren MOONSPELL ihre Hörerschaft mit einem neuen Studioalbum. Das nunmehr zehnte Machwerk der Portugiesen (schließt man den aufpolierten Re-Release ihrer Demo Under Satanae samt einiger interessanter B-Seiten mit ein) musste ich, als treuer Fan seit den Tagen der altehrwürdigen Irreligious, diese Scheibe natürlich sofort vorbestellen und entschied mich, als Freund des exklusiven Artworks und Bonusmaterial-Junkie, für die Limited Edition.moonspell-alpha-noir-cd-1-2012

Und ich wurde wahrlich nicht enttäuscht.

Rezension: Christoph Marzi – Lumen

„Alles ist möglich,“ wiederholte der Engel, „denn dies ist London.“

 

In London häufen sich die Geschichten über einen merkwürdigen Nebel, der die Stadt heimsucht und Menschen in einen tiefen Schlaf versetzt, als Emilys Freund Adam ihr offenbart, dass er nach Paris gehen will, um dort ein erfolgreicher Musiker zu werden. Zurück in die Stadt, in der die beiden sich einst getroffen und verliebt haben – und die Emily dennoch hasst. Niemals würde sie ihn dorthin begleiten, noch dazu wo er sie derart vor vollendete Tatsachen gestellt hatte. So bleibt sie allein und verletzt in London zurück, nur um den nächsten Schicksalsschlag zu erfahren – in Moorgate Asylum ist ihre Mutter ein Opfer dieser mysteriösen Nebel geworden. Ihre kleine Schwester Mara scheint sie aus unerfindlichen Gründen zu hassen und zu ihrer besten Freundin Aurora hat sie seit Adam bei ihr ist kaum Kontakt. Seit dem Tod Micklewhites hat der arrogante Triastan Marlowe die Bibliothek übernommen und überhaupt scheint gerade die ganze Welt aus den Fugen zu geraten. Lilith sucht in der Hölle noch immer nach ihrem Geliebten, der irgendwie der Schlüssel zu den neuesten Ereignissen zu sein scheint, doch wie weitreichend und verworren die Mysterien Londons noch sein werden, das ahnt niemand…

Lumen als bombastischer Abschluss der Trilogie um Emily Laing und die Uralte Metropole könnte beeindruckender kaum sein.
Man fühlt sich direkt wie bei einem guten, alten Freund. Marzis eigenwilliger Schreibstil voller Vor- und Rückgriffe ist bereits vertraut, und doch spürt man einen ganz essenziellen Unterschied: Emily ist erwachsen geworden. Thematik und Wortwahl sind komplexer geworden, was in Lycidas noch durch die Blume gesagt wurde, wird nun gerade heraus angesprochen. Emily nimmt die Welt nicht mehr mit den Augen des kleinen Waisenmädchens wahr, das sie einst war, sie scheint wacher und aufnahmefähiger als noch im zweiten Band. Die Bedrohungen, derer sie und Wittgenstein sich erwehren müssen, sind längst nicht mehr nur übersinnlich, sondern ganz weltlicher Natur, wie sich spätestens in Prag herausstellt. So setzt Marzi seine Charaktere nun einer ganz neuen Gefühlsregung aus: vollkommener Hilflosigkeit. Dasitzen und warten, nichts in der Hand zu haben und hoffen, dass ein Wunder geschieht – in dieser Situation finden sich die Verbündeten im Kampf gegen den Untergang Londons nicht nur einmal wieder.
Trotz der sehr erwachsenen Themen, schafft Marzi es, die Magie seiner Geschichten nie aus den Augen zu verlieren. So lernen wir in der Stadt der Schornsteine „Londons Efeu“ kennen, den freundlichen Nebel, der von der Themse her die Städte durchstreift und nie weit ist, wie fast jedem Besucher dieser wundervoll mysteriösen Stadt schon einmal aufgefallen ist. In Prag (das keine eigene „Uralte Metropole“ besitzt, weil es selbst eine solche ist) begegnen Emily und Tristan einem Mann mit Papiermund, der Geschichten verkauft und in dessen Büchern eine ganz besondere Magie lebt. Diese liebevollen Details machen Lumen zum wohl zauberhaftesten der drei Bücher.
Der Leser trifft alte Freunde und neue Feinde, manchmal sogar in der gleichen Person, und muss sich einmal mehr der Herausforderung stellen, in Marzis genial gesponnenem Geflecht aus Intrigen und Lügen herauszufinden, was vor sich geht und wem zu trauen ist. Sogar längst vergessene Charaktere tauchen wieder auf, sodass am Ende doch jeder seinen Platz in der Welt und seine Aufgabe zu erfüllen hat – selbst ein kleiner, längst vergessener Waisenjunge…
In Lumen überwiegen die biblischen Motive, der ewige Kampf zwischen den Engeln, den Lucifer mit seinem Aufbegehren angefacht hat, wird schließlich von allen Seiten beleuchtet und mit viel Fantasie ausgeschmückt. Bei einem Setting in Prag dürfen natürlich auch Anspielungen an Franz Kafka nicht fehlen, besonders die Käfer-gesteuerte Bürokratie ist eine witzige Idee.
Nicht nur ist Emily erwachsen geworden, auch fast jeder in ihrem Umfeld erfährt Veränderungen. Nichts bleibt wie es scheint, und manche alten Bekannten scheinen erst jetzt zu begreifen, was das Leben wirklich bedeutet und dass nicht Rache und Missgunst die stärksten Antriebe sind, sondern nur wahre Liebe dazu führt, dass Menschen über sich selbst hinauswachsen. Und schließlich lernen alle auf die eine oder andere Art, dass alles Kostbare vergänglich ist, denn erst dadurch wird es wirklich kostbar.

Ein traumhaftes Ende für eine so vielschichtige, fantastische und hinreißende Geschichte, die bis zur letzten Seite noch Überraschungen bereithält und den Leser vollkommen in ihren Bann zieht. Ich habe jedes Wort genossen und bin jetzt, da es vorbei ist, tatsächlich ein wenig traurig, mich von Emily und Master Wittgenstein zu verabschieden.
Für Fans der „Uralten Metropole“- Reihe ein absolutes Muss.
Für solche, die noch keine Fans sind, ebenso. Nachdem sie Lycidas und Lilith gelesen haben.

:buch: :buch: :buch: :buch: :buch:

Christoph Marzi – Lumen
Heyne, Taschenbuch, 2012
798 Seiten
9,99€

Ebook: 8,99€

Lumen bei Heyne

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Christoph Marzi

05.05.12: Die Apokalyptischen Reiter im Hirsch Nürnberg

Reiter rocken im heißen Hirsch

Konzerte beginnen nicht mit dem ersten Ton, nein, sie beginnen bereits vor dem Einlass. Da stehen viele schwarzgekleidete Personen und lauschen dem letzten Soundcheck, manche hauen sich noch schnell eine Pizza rein oder trinken das Bier aus, das sie in Händen halten. Man begrüßt sich, hört im Auto Musik, raucht. Es ist eigentlich eine sehr friedliche Sache und auch wenn man es uns nicht zutraut: Wir stellen uns brav und ohne zu drängeln in einer Schlange an, auf den Einlass wartend. Dennoch ist es faszinierend, wie die Außenwelt auf uns reagiert: Da ist der ältere Herr auf seinem Abendspaziergang und wird natürlich aufmerksam. Als schließlich Musik einsetzt, mit viel Drums und Bass, bleibt er stehen, die Augen nehmen einen ängstlichen Ausdruck an. Er guckt um sich, macht noch ein paar Schritte und wendet sich dann in die Richtung, aus der er gekommen ist, um in erhöhtem Tempo wegzukommen. Und da sind die beiden Jungs, die eigentlich schon ganz cool sind und einer von ihnen hat sogar leuchtendgrüne Sportschuhe an – vermutlich hat die auch sein Fußballidol. Nein, durch die Menge der Schwarzgewandeten trauen sie sich dann doch nicht und auch nicht an uns vorbei. Man weiß ja nie… Da versagt die Coolness ein wenig. Aber schmunzeln können wir darüber, schließlich sind wir das ja gewohnt.

„Ihr habt gutes Bier!“

Im Hirsch selbst ist noch gar nicht so viel los, wie zuerst vermutet. 18:00 Uhr ist auch am Samstag zu früh, um auf ein Konzert zu gehen. Viele sitzen draußen oder stehen an der Bar. Als es dunkel wird, betreten fünf Männer die Bühne und machen bereits mit den ersten rockigen Klängen auf sich aufmerksam. Als Malrun aus Dänemark stellen sie sich vor, zunächst noch auf Englisch. Sie rocken, sind gut drauf und schaffen es, ihre gute Laune langsam auf das Publikum zu übertragen. Und tatsächlich: Der Hirsch füllt sich immer mehr und Malrun geben Gas. Jacob Lobner, Leader und kraftvolle Stimme der Band, spricht schließlich Deutsch und erklärt, dass er total begeistert davon ist, mit den Apokalyptischen Reitern unterwegs zu sein. Wir seien sicherlich überrascht, weshalb er „ein bisschen“ unsere Sprache spreche: Er habe als Kind immer deutsche Serien geguckt. Fernsehen bildet eben doch. Sofort geht es weiter. Die Dänen bieten Rock, gemischt mit Shouts und hymnischen Elementen. Es scheint kein fester Stil zu sein, kein reines Genre, das sie liefern, aber genau das macht sie hörenswert: die Abwechslung. Manchmal erinnern sie sogar ein bisschen an Queen, wenn Jacob den Arm in den Himmel – oder zumindest zur Saaldecke – reckt, die Augen schließt und seine Textzeilen ins Mikro schmettert.
Gute Riffs bieten sie, hier fällt mir spontan HammerFall ein, und dann sogar Passagen, die richtig guter Black Metal sind. Ich kann sie nicht einordnen, aber das ist vielleicht auch gar nicht nötig. Wichtig ist, dass Malrun rocken und die Stimmung schon mal gut anheizen. Nach vierzig Minuten ist es vorbei und die Dänen teilen uns noch zwei Erkenntnisse mit: „Mann, die Jungs (Anm. d. Red.: Die Apokalyptischen Reiter) können saufen!“ und: „Ihr (Anm. d. Red.: Deutschen) habt gutes Bier!“. Dem kann man einfach nicht widersprechen.

Neue Schuhe

Der Umbau geht schnell vonstatten und auf der Bühne gibt es für den zweiten Support etwas mehr Bewegungsfreiheit. Diese hatte Malrun absolut gefehlt.
Mit Drums, Percussion, Bass, Gitarre, einem Sänger und einer fetzigen Sängerin geht es weiter. Bevor Kontrust die Bühne erobern, ertönt Jahrmarktsmusik, dann diabolisches Lachen, als beträte man ein Gruselkabinett. Diese Elemente wiederholen sich auch während des Auftritts immer wieder.
Nun stürmt aber endlich die Band auf die Bühne und legt sofort los. Aus Wien kommen sie und einmal mehr wird festgestellt, dass Bayern und Österreich ja doch irgendwie zusammengehören.
Sänger Stefan zeigt sich omnipräsent: Er nimmt die gesamte Bühne ein, tanzt, springt, rennt von einer Seite zur anderen, spielt mit den Mikroständern, die mit Fahnen geschmückt sind und ist kaum zu fassen. Voll in seinem Element singt er, flirtet mit Publikum und Bandkollegin Agatha, die ebenfalls wilde Textzeilen ins Mikro schreit.
Ihre Ansagen sind lang, die beiden unterhalten sich, haben Spaß und übertragen diesen auf die Zuschauer, die mittlerweile zahlreich geworden sind und ordentlich mitfeiern.
Einen politischen Song wollen sie darbieten und fragen, wo die Streber sind. Doch wer würde sich schon freiwillig als ein solcher outen? Niemand, genau. Daher meint Agatha auch „Keiner? Das ist so, wie: Keiner wählt FDP. Wobei, mittlerweile tuts doch jeder!“ Sogar an deutscher Politik scheinen sie interessiert zu sein, ist einen Tag nach dem Konzert doch Landtagswahl in Schleswig-Holstein.
Kontrust werden sehr gut angenommen: Bei ihnen klatscht man den Takt mit, singt einzelne Zeilen nach und macht auch mit, wenn es gefordert wird. Bei einem Song werden Feuerzeuge geschwenkt, beim nächsten schüttelt das Publikum begeistert die Köpfe und schwingt die Arme durch die Luft. Ihre Musik zu beschreiben ist gar nicht so einfach. Teilweise könnte man sie als Punk bezeichnen, am besten kann man sich Kontrust aber vorstellen, wenn man an die Guano Apes denkt. Eine sehr sympathische Frontfrau, ein äußerst agiler Sänger und die Instrumentalisten verstehen ihr Handwerk.
Vergangene Woche erst wurde das neue Album „Second Hand Wonderland“ veröffentlicht und natürlich bekommen wir einige Songs daraus zu hören. Zwischendurch erfahren wir auch noch, dass Stefan neue Schuhe braucht, mit Klettverschluss, aber keiner möchte seine abgeben. Schade. Doch es bleibt keine Zeit für Traurigkeit, denn das nächste Lied reißt mit: Mit viel Bass, schnellem Rhythmus und der Aufforderung, zu „jumpen“, wird weitergefeiert. Nach 45 Minuten steht fest: Nürnberg mag die Österreicher – und die finden die Stimmung „leider geil“!

„Die Sonne scheint mir aus dem…“

Der Umbau ist rasch abgeschlossen an diesem Abend. Das reicht für eine Zigarette, den letzten Schluck Bier und das Vordrängeln in die ersten Reihen. Der Hirsch ist mittlerweile bis auf den letzten Platz gefüllt und das Publikum wird unruhig. „Wir wollen die Reiter sehen!“, wird lautstark bekanntgegeben und es missfällt manchen, dass ein schwarzer Vorhang aufgehängt wurde, damit die Umbauarbeiten nicht verfolgt werden können. Außerdem wird dieser bei Konzertbeginn von hinten mit grünen Lichtern angestrahlt, während ein langer Text vorgetragen wird – der niemanden zu interessieren scheint und der leider in oben genannten Rufen untergeht. Doch endlich stehen die Reiter auf der Bühne, der Vorhang fällt, die Musik erklingt und man sieht… nicht ganz so viel: Hauptsächlich ist da Nebel, der nur die Silhouetten von Gitarrist Ady und Bassist Volk-Man enthüllt. Die legen sich auch gleich ins Zeug, genauso wie der unsichtbare Schlagzeuger Sir G. Von einer kleinen Erhöhung im hinteren Teil der Bühne springt schließlich Fuchs nach vorne und beginnt eine exzellente Show. Die Töne sitzen, die Texte werden uns entgegen geschmettert und der Sänger läuft hin und her, dreht sich, grinst und gibt bereits jetzt alles.
Die Menge dankt es ihm. Es wird gemosht, wild mit den Haaren um sich geschlagen, im Takt geklatscht. Auch erweisen sich die zahlreichen Fans als äußerst textsicher: Eigentlich könnte Fuchs still bleiben, jeder noch so kurze Vers ist bekannt. Die Stimmung ist großartig! Einige Mutige lassen sich auf Händen von der Menge tragen, einmal durch den ganzen Hirsch. Zwischendurch wird auch die Kanone gezündet, die auf der Bühne steht und Papierschnipsel in die ersten Reihen pustet.
Es wird wärmer, nein, es wird brütend heiß! Wie das die ersten Reihen aushalten, die so dicht stehen, dass die sprichwörtliche Maus nicht mehr dazwischen passt, ist mir ein Rätsel. Immerhin wird auf Bitte des Sängers hin Wasser verteilt – das scheint auch dringend notwendig zu sein.
Bewundernswert ist der Gitarrist, der die ganze Zeit über ein Lächeln auf den Lippen trägt, das zeigt, wie viel Freude er an dem Gig hat.
Ach ja, nicht zu vergessen der Keyboarder. Dr. Pest im gewohnten knappen Lederoutfit und hin und wieder die aufgebaute „Schaukel“ benutzend, steht zwar im Hintergrund, trotzdem ist seine Show perfekt. Sichtlich Freude bereitet ihm das Schwingen der Lederpeitsche.
Musikalisch bieten die Reiter das, was sie versprochen haben: The greatest of the best. „Wir reiten“ animiert zum Feuerzeug-Schwenken und ist nahezu das einzige ruhige Lied auf der Setlist. Die Nebelmaschinen sprühen drei Rauchsäulen in die Höhe, die mit rotem Licht angestrahlt werden: Die Effekte sind gekonnt eingesetzt.
Wo es passt, stimmt das Publikum „Hey“-Rufe an, da bedarf es nicht einmal mehr einer Aufforderung.
Die Reiter hauen ordentlich rein. Gewohnt schnelle Rhythmen, viel Bass, wirklich guter Sound und eine tolle Show. Auch die Hitze kann die Fünf von nichts abhalten. Anfangs wechselt Fuchs noch sein Hemd, tauscht es gegen Weste oder gar einen langen Mantel ein, schließlich aber steht er oben ohne da.
Ein Keyboardsolo sorgt für eine kurze Verschnaufpause, doch die ist auch schnell wieder vorbei. Es geht weiter mit Songs wie „Die Flut“, „The Iron Fist“ oder „Reitermania“. Auch das „Seemannslied“ fehlt nicht. Ein weiblicher Fan wird in ein knallschwarzes Gummiboot gesetzt und einmal durch den Hirsch über die Köpfe der Zuschauer getragen. Die Seemannsbraut wagt dann auch noch ein Tänzchen mit Fuchs auf der Bühne und grölt den Refrain mit.
Ob es die danach geforderte Wall of death wirklich gibt, kann ich nicht sehen.
Nach etwa einer Stunde verschwinden die Reiter, aber man will sie noch nicht gehen lassen. Klar, sie lassen sich nicht lange bitten und kommen zurück. Drei Songs werden gespielt und der emotionalste Moment des Abends ist wohl der Refrain von „Roll My Heart“, der einstimmig von den Anwesenden gesungen wird. Es klingt nach eher tausend Zuschauern, nicht nur nach geschätzten 300.
Die Musiker sind noch nicht einmal von der Bühne gegangen, da ertönt erneut der einstimmige Ruf nach einer weiteren Zugabe. Wir haben noch lange nicht genug, auch wenn es brütend heiß ist.
Ja, es gibt noch ein letztes Lied und auch wenn es unmöglich scheint, drehen Band und Publikum noch einmal auf. Die letzten Reserven werden zusammengekratzt, nun headbangen auch die hintersten Reihen und grölen mit. Und ja, uns allen scheint in diesem Moment „die Sonne aus dem Arsch“. Es ist eine berauschende Stimmung, wie auf einem Festival vor der Hauptbühne. Unglaublich, wie Die Apokalyptischen Reiter begeistern, wie stark die Anwesenden mitgehen.

Fazit für diesen Abend: Drei tolle Bands und ein fantastisches Publikum. Die Reiter haben das Beste vom Besten gezeigt – nur leider viel zu kurz.

Interview mit Burst My Marrow

Burst My Marrow aus der Nähe von Hamburg bieten guten Metalcore. 2005 noch als Knuckle Of Veal gegründet, wurde der Name 2009 gleichzeitig mit der Veröffentlichung des ersten Albums geändert. Nach der Teilnahme an lokalen Bandcontests schaffte das Quartett sogar den Sprung nach England. „Oblivion“ heißt das aktuelle Album, das sich hören lassen kann. In diesem Interview steht die Band Rede und Antwort.

Kyra Cade: Stellt euch bitte kurz vor.
Burst My Marrow: Wir sind eine vierköpfige Band aus der Kleinstadt Buxtehude (nahe Hamburg), die nun seit etwas über sieben Jahren zusammen Musik macht und auf der Bühne steht.

K. C.: Wenn jemand noch nichts von euch gehört hat: Wie beschreibt ihr eure Musik?
BMM: Unser Fundament ist der Metalcore, so viel steht fest. Das ist aber auch das einzige, was fest steht, denn ansonsten greifen wir mit langen Armen um uns und bringen alles in unsere Musik, was uns gefällt und was die Songs brauchen.

K. C.: Ihr habt 2005 als Knuckle Of Veal begonnen, euch dann aber unbenannt. Warum?
BMM: Der Namenswechsel ist im Zuge unseres ersten Albums „Last Remains Of Shelter (The Fear-Infection)“ geschehen, da sich ab dieser Platte unser Stil ziemlich geändert hat. Knuckle Of Veal war der Anfang der musikalischen Laufbahn für jeden von uns. Damals, als junge Schülerband, wusste man noch nicht wirklich, was man wollte. Wir fingen an Songs von Nirvana und Metallica zu covern, um dann später irgendwo zwischen 3 Doors Down und Seether unseren Stil zu finden. Über die Jahre wurde der Stil dann immer härter und wir damit immer glücklicher. Irgendwann war es dann einfach nicht mehr Knuckle Of Veal und somit wurde aus uns Burst My Marrow (übersetzt: Lass meinen inneren Kern zerplatzen), da wir nun endlich wussten, was wir wollten und somit auch unser innerer Kern geplatzt ist.

K. C.: Eure Songs variieren teilweise sehr; sowohl gesanglich als auch instrumental. Macht das Burst My Marrow aus?
BMM: Wir arbeiten mit klassischen Metal-Riffs, als auch mit modernen Breakdowns. Bei den Vocals gibt es Shouts, Growls und Screams, aber auch sehr melodiöse Hooklines. Wobei uns sehr wichtig ist einen kräftigen und ausdrucksstarken Gesang zu haben, anders als bei so manchen eher „weinerlich“ klingenden Metalcore-Bands. Wir achten sehr darauf einen gesunden Ausgleich zwischen technisch aufwendigeren Elementen und eher eingängigeren Parts zu schaffen. Wir wollen keine Musik machen, in der man keinen Plan hat zu welchem Takt man überhaupt headbangen soll. Es soll aber auch nicht einfach nur stumpf zum Abmoshen sein. Der richtige Mix ist da wohl unser Geheimrezept.

„Was uns und unsere Generation bewegt“

K. C.: Welche Vorbilder haben euch geprägt?
BMM: Klingt vielleicht etwas ausgelutscht, dennoch gehören natürlich Metallica zu den Bands, die uns zu Beginn viel beeinflusst haben. Aber auch Größen unserer Zeit, wie Korn, System Of A Down, Slipknot etc. waren definitiv dabei, bevor wir zum ersten Mal mit Metalcore in Kontakt kamen.

K. C.: Wie seid ihr zur Musik gekommen?
BMM: Im einzelnen hat da jeder seine eigene Geschichte. Bei jedem war es aber irgendwie so, dass er eine Band gesehen oder einen Song gehört hat, der in ihm das Gefühl auslöste, genau so etwas machen zu wollen.

K. C.: Spielt ihr noch in anderen Bands?
BMM: Unser Schlagzeuger Torben spielt seit Kurzem nebenbei in der Irish-Rock-Band Drunken Sailors und unser Sänger Rico gibt auch ab und zu ruhigere Töne von sich, wenn er unplugged durch die Bars zieht.

K. C.: Eure Texte handeln viel von Flucht, Kampf und Schmerz. Aus Songs wie „The Call“ oder „Sinners And Saints“ spricht auch viel Verzweiflung. Warum so melancholisch?
BMM: Wir schreiben über das, was uns und unsere Generation bewegt. Nicht nur aus unserer Sicht, auch oft aus der Perspektive von anderen Menschen und Charakteren. Wenn alles einwandfrei und rosig wäre, würden wir gerne darüber schreiben, nur leider ist es in vielen Fällen nicht so und das sagen wir auch. Wir wollen den Leuten aber keineswegs mitgeben, in Selbstmitleid und Trauer zu verfließen, sondern sie eher aufbauen und dazu anregen aufzustehen und es zu ändern, wie zum Beispiel in dem Text von „Aglossia“.

„Jeder Einzelne ist wichtig“

K. C.: Hängt damit auch der Titel des aktuellen Albums „Oblivion“ zusammen?
BMM: „Oblivion“ bedeutet „Vergessenheit“, was sich als Thema durch das ganze Album zieht. Die Grundaussage ist dabei nicht in Vergessenheit zu geraten, sondern etwas aus sich zu machen und der Welt etwas Positives zu hinterlassen, eine Art Stempel seiner selbst. Sei es, indem man Arzt wird und Menschen heilt oder einfach nur mit seiner Gitarre Lieder für den Weltfrieden schreibt. Jeder Einzelne ist wichtig, das wollen wir den Leuten mit auf den Weg geben.

K. C.: Gibt es Orte, Situationen, vielleicht ein Zoobesuch oder eine durchzechte Nacht, die euch zu euren Songs besonders inspirieren?
BMM: Eigentlich lassen wir uns von allem inspirieren. Seien es die Nachrichten, ein Gespräch mit einem Freund oder einer Freundin, ein guter oder auch ein schlechter Film. Alles mögliche kann eine Geschichte, wahr oder fiktiv, in einem von uns auslösen und sie auf Papier bringen. Manchmal ist es auch nur eine Meinung, die man zu einem bestimmten Thema hat, um sich den Kopf frei zu machen. Aber das mit dem Zoobesuch ist eine gute Idee, sollten wir demnächst mal in Angriff nehmen (lachen).

K. C.: Wo würdet ihr gerne mal auftreten?
BMM: Die großen Festivals (Wacken, Rock Am Ring, With Full Force etc.) wären natürlich echt krass. Generell treten wir aber überall gerne auf, wo man uns herzlich empfängt und wo Leute sind, denen wir eine gute Zeit bereiten können, egal ob einem kleinen oder großen Publikum.

„Metal á la Sauerkraut“

K. C.: Gibt es Künstler, mit denen ihr gerne mal zusammen ins Studio gehen oder auf der Bühne stehen würdet?
BMM: Da gibt es viele, zu viele, um sie hier zu nennen, aber jetzt auch nicht DIE Band, die es unbedingt sein muss. Da lassen wir uns mal überraschen, mit wem wir uns noch die Bühnenbretter oder den Studioteppich teilen.

K. C.: Der bisher tollste Auftritt für euch?
BMM: Den besten Auftritt hatten wir bisher in unserer Heimatstadt Buxtehude in dem Club „Garage“. Der Gig war im Rahmen eines Bandcontests und wir hatten 30 Minuten, um alles zu geben. All unsere Freunde und Familien waren da und haben den Laden echt zum Kochen gebracht. Die Power der Leute hat uns dermaßen gepusht, dass unser Adrenalin echt am Limit war, was sich wiederum auf das Publikum abgezeichnet hat. Das war wie eine Pyramide aus Energie, die sich bis zum letzten Song zugespitzt hat. Da lag echt was Besonderes in der Luft. Einen weiteren sehr coolen Gig hatten wir in England (Salisbury). Wir wurden super liebevoll aufgenommen und konnten den Engländern mal Metal á la Sauerkraut präsentieren.

K. C.: Was sind eure Ziele für die nächsten drei Jahre?
BMM: Bei einem Label und/oder einer Booking-Agentur gesignt zu werden, um noch mehr Leute mit unserer Musik zu erreichen. Momentan verfahren wir komplett nach dem DIY-Prinzip, was auch immer gut klappt, dennoch kommt man langsam im Rahmen seiner Möglichkeiten an die Grenzen, da wir alle in Jobs stecken und immer weniger Zeit haben. Da wäre es echt cool jemanden zu haben, der einem in ein paar Angelegenheiten unterstützt und die ein oder andere Sache abnimmt.

K. C.: Ein paar Worte zum Schluss?
BMM: Wir hoffen, wir konnten den Lesern mal einen etwas intimeren Einblick in Burst My Marrow beschaffen und den/die ein/e oder andere/n neuen für uns begeistern!

K. C.: Vielen Dank für das Interview!
BMM: Gerne, gerne, kein Ding!