Rezension: Janika Nowak – Das Lied der Banshee

„Mist, ich hörte mich wie eine 10-Jährige an!“

banshee

Die 17-jährige Aileen lebt in Berlin, macht eine Lehre zur Tischlerin und führt ansonsten ein eher langweiliges Leben. Ihre Mutter ist bei ihrer Geburt verstorben, ihr Vater ist Alkoholiker. Ihre sozialen Kontakte beschränken sich auf Mitbewohnerin Bettina und Kollege Thomas, für den sie zwar schwärmt, dies aber nie zugeben würde.
Als sie nach einem Konzertbesuch mit Thomas von vier Schlägern verfolgt und angegriffen wird, schreit sie sich die Kehle heiser – um dann festzustellen, dass dies die Kerle offenbar abgeschreckt hat. In den nächsten Tagen ereignen sich allerhand Merkwürdigkeiten, mehrere Angriffe auf Aileen durch mysteriöse geflügelte Wesen und die Rettung durch einen Typen namens Macius. Als dann auch noch das ganze Wohnheim von diesen Flatterviechern angegriffen und ihre Mitbewohnerin vor ihren Augen getötet wird, bleibt Aileen und Thomas nur die Flucht zu Macius, der Aileen schließlich in ein jahrtausendealtes Geheimnis einweiht – Fabelwesen gibt es wirklich. Und sie ist eins davon: eine Banshee. Die letzte. Und irgendwer scheint es auf sie abgesehen zu haben.
So beginnt für Aileen ein neues Leben, gemeinsam mit Macius feilt sie an ihren Fähigkeiten und ihre Freunde, die Oni Aiko und die Sirene Pheme stehen ihr bald schon im Kampf gegen den verwirrten Wächter zur Seite, der die Götterkinder auslöschen will.

Ich hatte große Hoffnungen in „Das Lied der Banshee“ gesetzt, da der Klappentext mal etwas Neues versprach, statt der ewig gleichen Vampirgeschichten, die im Moment so fürchterlich in sind. Leider stellte sich schnell heraus, dass die Idee zwar gut, doch an der Umsetzung vollkommen gescheitert ist.
Es vergingen beim Lesen keine zehn Seiten, während denen ich nicht das Buch zuklappen und eine Wand suchen wollte, um meinen Kopf dagegen zu schlagen. Ganz fest.
Aileen ist eine 17-jährige Nervensäge, die sich die meiste Zeit über aufführt wie 14. Sie ist paranoid und kindisch, vollkommen überreizt und zuweilen so zickig, dass ich mich ständig gefragt habe, was Thomas eigentlich an ihr findet. Sie schaut fast jedem Kerl nach und versinkt in den unpassendsten Situationen in Schwärmereien. Sie zeigt auch kein Fünkchen Reue, als ganz offensichtlich ihretwegen das Wohnheim angegriffen und neben ihrer Freundin auch noch sechs weitere Studenten getötet werden. Ebenso wenig, als sie durch ihre Paranoia mal eben den Zorn der Gargoyles auf die Gruppe zieht. Sie heult wegen eines Piekses am Finger über Seiten hinweg herum und befürchtet eine Blutvergiftung, beschwert sich dann aber, dass Pheme ihr mit ihrer Art so auf die Nerven geht.
Dieser ach-so-erwachsene Kollege Thomas ist allerdings auch nicht wesentlich besser, neben heldenhaftem Eifer, seine Aileen zu beschützen, zeigt er zuweilen vollkommen unbegründet kindliche Eifersuchtsanfälle, sobald Aileen mit ihrem Mentor Macius übt. Die Hauptfiguren konnten nicht direkt mit Sympathie bei mir punkten, ich erwischte mich sogar dabei, wie ich mir deren baldigen Tod herbeisehnte, um endlich meine Ruhe vor dem ständigen Hin und Her zu haben. Es gibt kaum ein Kapitel, in dem nicht mindestens zweimal erwähnt wird, wie toll Aileen doch Thomas findet, aber dass sie natürlich NUR Freunde und Kollegen sind, und überhaupt nie nicht irgendwas laufen könnte.
Die Nebencharaktere sind zwar sympathischer, allerdings vollkommen überzeichnet. Sie wirken wie aus einem Manga entsprungen. Aiko, die Japanerin, die ständig in ihrer Schuluniform rumläuft, und Pheme, die belesene Automechanikerin (HÄ???), die man stets in Latzhose und mit Schraubenschlüssel antrifft. Ihre Skizzierung bleibt ansonsten bis auf Äußerlichkeiten sehr flach, sodass man keine wirkliche Beziehung zu ihnen aufbauen kann, obwohl sie zweifellos angenehmer sind als Aileen und Thomas.
Die Geschichte ist simpel aus einem einzigen Handlungsstrang konstruiert und leider extrem vorhersehbar, der Schreibstil ist einfach und erinnert zuweilen an durchschnittliche Fanfiction. Es passieren keine groben Schnitzer, doch man spürt deutlich die Unerfahrenheit der Autorin. Es gibt einige Merkwürdigkeiten in der Logik, z.B. dass Thomas zwar am anderen Ende von Berlin lebt, aber innerhalb von „ein paar Minuten“ bei Aileen sein kann. Auch wundert es Thomas kein Stück, als Aileen das Chaos in ihrem Zimmer damit erklärt, dass ein Geier zum Fenster herein geflogen sei. Den Wächter Polyphemos fürchteten angeblich schon die alten Griechen, und das, obwohl jeder Wächter elftausend Jahre schläft und Polyphemos demnach das letzte Mal im Jahr 9000 v.Chr. auf der Welt gewandelt sein muss.
Die Mitbewohnerin Bettina heißt vor ihrem Tod kurz Beate, und die Sirene Pheme verwandelt sich über ein paar Seiten auf mysteriöse Weise in eine Nymphe, sodass ich begann mich zu fragen, ob die Autorin nicht mal selbst durch ihre eigenen Fabelwesen durchsteigt.
Stilistisch ist aufgefallen, dass penetrant oft Punkte statt Fragezeichen am Ende von rhetorischen Fragen gesetzt wurden („Was würde aus Thomas werden.“). Außerdem bemühte sich Nowak zuweilen um einen unnatürlich gehobenen Sprachstil, insbesondere bei Aileen, der weder zu ihrem Charakter passt, noch konsequent durchgezogen wird, so fällt sie allzu oft in eine moderne Jugendsprache zurück, die den vorher benutzten Fremdwörtern kaum angepasst erscheint. Generell hatte ich teilweise den Eindruck, sie hätte gerade ein beeindruckendes neues Wort gelernt und wollte es nun überall benutzen.
Positiv zu bemerken sind die sehr liebevoll und schön gezeichneten Illustrationen, die neben ihrer Ästhetik auch die praktische Auswirkung haben, dass weniger Text auf die Seiten passt. Generell ist „Das Lied der Banshee“ kurzweilig und zum Glück nicht noch länger ausgewalzt, sodass man es zügig durchlesen kann, falls man nicht zu lange Pausen macht, um sich an den Kopf zu fassen. Die Idee ist neu und interessant, und immerhin hat die Autorin gute Recherche betrieben und ein Talent für fantasievolle Verknüpfungen. Die mythologischen Hintergründe sind gut zusammengefügt und ergeben durchaus Sinn, was man von Handlung und Spannungsbögen leider nicht behaupten kann.
Für mich bleibt der Eindruck einer nur bedingt literarisch begabten Schülerin, die die Fantasien aus langweiligen Mathestunden zusammengefasst und niedergeschrieben hat.

:lesen: :buch2: :buch2: :buch2: :buch2:

Janika Nowak – Das Lied der Banshee
Pan-Verlag, Hardcover, 2011
479 Seiten
14,99€
Ebook: 12,99€

Das Lied der Banshee bei Pan

Das Lied der Banshee bei Amazon

CD-Review: Moonspell: Alpha Noir (Limited Edition, VÖ: 27.4.2012)

Deftig gewürzter portugiesischer Hörgenuss

Kaum sind vier Jahre in die schwermetallenen Lande gezogen, beehren MOONSPELL ihre Hörerschaft mit einem neuen Studioalbum. Das nunmehr zehnte Machwerk der Portugiesen (schließt man den aufpolierten Re-Release ihrer Demo Under Satanae samt einiger interessanter B-Seiten mit ein) musste ich, als treuer Fan seit den Tagen der altehrwürdigen Irreligious, diese Scheibe natürlich sofort vorbestellen und entschied mich, als Freund des exklusiven Artworks und Bonusmaterial-Junkie, für die Limited Edition.moonspell-alpha-noir-cd-1-2012

Und ich wurde wahrlich nicht enttäuscht.

Rezension: Christoph Marzi – Lumen

„Alles ist möglich,“ wiederholte der Engel, „denn dies ist London.“

 

In London häufen sich die Geschichten über einen merkwürdigen Nebel, der die Stadt heimsucht und Menschen in einen tiefen Schlaf versetzt, als Emilys Freund Adam ihr offenbart, dass er nach Paris gehen will, um dort ein erfolgreicher Musiker zu werden. Zurück in die Stadt, in der die beiden sich einst getroffen und verliebt haben – und die Emily dennoch hasst. Niemals würde sie ihn dorthin begleiten, noch dazu wo er sie derart vor vollendete Tatsachen gestellt hatte. So bleibt sie allein und verletzt in London zurück, nur um den nächsten Schicksalsschlag zu erfahren – in Moorgate Asylum ist ihre Mutter ein Opfer dieser mysteriösen Nebel geworden. Ihre kleine Schwester Mara scheint sie aus unerfindlichen Gründen zu hassen und zu ihrer besten Freundin Aurora hat sie seit Adam bei ihr ist kaum Kontakt. Seit dem Tod Micklewhites hat der arrogante Triastan Marlowe die Bibliothek übernommen und überhaupt scheint gerade die ganze Welt aus den Fugen zu geraten. Lilith sucht in der Hölle noch immer nach ihrem Geliebten, der irgendwie der Schlüssel zu den neuesten Ereignissen zu sein scheint, doch wie weitreichend und verworren die Mysterien Londons noch sein werden, das ahnt niemand…

Lumen als bombastischer Abschluss der Trilogie um Emily Laing und die Uralte Metropole könnte beeindruckender kaum sein.
Man fühlt sich direkt wie bei einem guten, alten Freund. Marzis eigenwilliger Schreibstil voller Vor- und Rückgriffe ist bereits vertraut, und doch spürt man einen ganz essenziellen Unterschied: Emily ist erwachsen geworden. Thematik und Wortwahl sind komplexer geworden, was in Lycidas noch durch die Blume gesagt wurde, wird nun gerade heraus angesprochen. Emily nimmt die Welt nicht mehr mit den Augen des kleinen Waisenmädchens wahr, das sie einst war, sie scheint wacher und aufnahmefähiger als noch im zweiten Band. Die Bedrohungen, derer sie und Wittgenstein sich erwehren müssen, sind längst nicht mehr nur übersinnlich, sondern ganz weltlicher Natur, wie sich spätestens in Prag herausstellt. So setzt Marzi seine Charaktere nun einer ganz neuen Gefühlsregung aus: vollkommener Hilflosigkeit. Dasitzen und warten, nichts in der Hand zu haben und hoffen, dass ein Wunder geschieht – in dieser Situation finden sich die Verbündeten im Kampf gegen den Untergang Londons nicht nur einmal wieder.
Trotz der sehr erwachsenen Themen, schafft Marzi es, die Magie seiner Geschichten nie aus den Augen zu verlieren. So lernen wir in der Stadt der Schornsteine „Londons Efeu“ kennen, den freundlichen Nebel, der von der Themse her die Städte durchstreift und nie weit ist, wie fast jedem Besucher dieser wundervoll mysteriösen Stadt schon einmal aufgefallen ist. In Prag (das keine eigene „Uralte Metropole“ besitzt, weil es selbst eine solche ist) begegnen Emily und Tristan einem Mann mit Papiermund, der Geschichten verkauft und in dessen Büchern eine ganz besondere Magie lebt. Diese liebevollen Details machen Lumen zum wohl zauberhaftesten der drei Bücher.
Der Leser trifft alte Freunde und neue Feinde, manchmal sogar in der gleichen Person, und muss sich einmal mehr der Herausforderung stellen, in Marzis genial gesponnenem Geflecht aus Intrigen und Lügen herauszufinden, was vor sich geht und wem zu trauen ist. Sogar längst vergessene Charaktere tauchen wieder auf, sodass am Ende doch jeder seinen Platz in der Welt und seine Aufgabe zu erfüllen hat – selbst ein kleiner, längst vergessener Waisenjunge…
In Lumen überwiegen die biblischen Motive, der ewige Kampf zwischen den Engeln, den Lucifer mit seinem Aufbegehren angefacht hat, wird schließlich von allen Seiten beleuchtet und mit viel Fantasie ausgeschmückt. Bei einem Setting in Prag dürfen natürlich auch Anspielungen an Franz Kafka nicht fehlen, besonders die Käfer-gesteuerte Bürokratie ist eine witzige Idee.
Nicht nur ist Emily erwachsen geworden, auch fast jeder in ihrem Umfeld erfährt Veränderungen. Nichts bleibt wie es scheint, und manche alten Bekannten scheinen erst jetzt zu begreifen, was das Leben wirklich bedeutet und dass nicht Rache und Missgunst die stärksten Antriebe sind, sondern nur wahre Liebe dazu führt, dass Menschen über sich selbst hinauswachsen. Und schließlich lernen alle auf die eine oder andere Art, dass alles Kostbare vergänglich ist, denn erst dadurch wird es wirklich kostbar.

Ein traumhaftes Ende für eine so vielschichtige, fantastische und hinreißende Geschichte, die bis zur letzten Seite noch Überraschungen bereithält und den Leser vollkommen in ihren Bann zieht. Ich habe jedes Wort genossen und bin jetzt, da es vorbei ist, tatsächlich ein wenig traurig, mich von Emily und Master Wittgenstein zu verabschieden.
Für Fans der „Uralten Metropole“- Reihe ein absolutes Muss.
Für solche, die noch keine Fans sind, ebenso. Nachdem sie Lycidas und Lilith gelesen haben.

:buch: :buch: :buch: :buch: :buch:

Christoph Marzi – Lumen
Heyne, Taschenbuch, 2012
798 Seiten
9,99€

Ebook: 8,99€

Lumen bei Heyne

Lumen bei Amazon
Christoph Marzi

05.05.12: Die Apokalyptischen Reiter im Hirsch Nürnberg

Reiter rocken im heißen Hirsch

Konzerte beginnen nicht mit dem ersten Ton, nein, sie beginnen bereits vor dem Einlass. Da stehen viele schwarzgekleidete Personen und lauschen dem letzten Soundcheck, manche hauen sich noch schnell eine Pizza rein oder trinken das Bier aus, das sie in Händen halten. Man begrüßt sich, hört im Auto Musik, raucht. Es ist eigentlich eine sehr friedliche Sache und auch wenn man es uns nicht zutraut: Wir stellen uns brav und ohne zu drängeln in einer Schlange an, auf den Einlass wartend. Dennoch ist es faszinierend, wie die Außenwelt auf uns reagiert: Da ist der ältere Herr auf seinem Abendspaziergang und wird natürlich aufmerksam. Als schließlich Musik einsetzt, mit viel Drums und Bass, bleibt er stehen, die Augen nehmen einen ängstlichen Ausdruck an. Er guckt um sich, macht noch ein paar Schritte und wendet sich dann in die Richtung, aus der er gekommen ist, um in erhöhtem Tempo wegzukommen. Und da sind die beiden Jungs, die eigentlich schon ganz cool sind und einer von ihnen hat sogar leuchtendgrüne Sportschuhe an – vermutlich hat die auch sein Fußballidol. Nein, durch die Menge der Schwarzgewandeten trauen sie sich dann doch nicht und auch nicht an uns vorbei. Man weiß ja nie… Da versagt die Coolness ein wenig. Aber schmunzeln können wir darüber, schließlich sind wir das ja gewohnt.

„Ihr habt gutes Bier!“

Im Hirsch selbst ist noch gar nicht so viel los, wie zuerst vermutet. 18:00 Uhr ist auch am Samstag zu früh, um auf ein Konzert zu gehen. Viele sitzen draußen oder stehen an der Bar. Als es dunkel wird, betreten fünf Männer die Bühne und machen bereits mit den ersten rockigen Klängen auf sich aufmerksam. Als Malrun aus Dänemark stellen sie sich vor, zunächst noch auf Englisch. Sie rocken, sind gut drauf und schaffen es, ihre gute Laune langsam auf das Publikum zu übertragen. Und tatsächlich: Der Hirsch füllt sich immer mehr und Malrun geben Gas. Jacob Lobner, Leader und kraftvolle Stimme der Band, spricht schließlich Deutsch und erklärt, dass er total begeistert davon ist, mit den Apokalyptischen Reitern unterwegs zu sein. Wir seien sicherlich überrascht, weshalb er „ein bisschen“ unsere Sprache spreche: Er habe als Kind immer deutsche Serien geguckt. Fernsehen bildet eben doch. Sofort geht es weiter. Die Dänen bieten Rock, gemischt mit Shouts und hymnischen Elementen. Es scheint kein fester Stil zu sein, kein reines Genre, das sie liefern, aber genau das macht sie hörenswert: die Abwechslung. Manchmal erinnern sie sogar ein bisschen an Queen, wenn Jacob den Arm in den Himmel – oder zumindest zur Saaldecke – reckt, die Augen schließt und seine Textzeilen ins Mikro schmettert.
Gute Riffs bieten sie, hier fällt mir spontan HammerFall ein, und dann sogar Passagen, die richtig guter Black Metal sind. Ich kann sie nicht einordnen, aber das ist vielleicht auch gar nicht nötig. Wichtig ist, dass Malrun rocken und die Stimmung schon mal gut anheizen. Nach vierzig Minuten ist es vorbei und die Dänen teilen uns noch zwei Erkenntnisse mit: „Mann, die Jungs (Anm. d. Red.: Die Apokalyptischen Reiter) können saufen!“ und: „Ihr (Anm. d. Red.: Deutschen) habt gutes Bier!“. Dem kann man einfach nicht widersprechen.

Neue Schuhe

Der Umbau geht schnell vonstatten und auf der Bühne gibt es für den zweiten Support etwas mehr Bewegungsfreiheit. Diese hatte Malrun absolut gefehlt.
Mit Drums, Percussion, Bass, Gitarre, einem Sänger und einer fetzigen Sängerin geht es weiter. Bevor Kontrust die Bühne erobern, ertönt Jahrmarktsmusik, dann diabolisches Lachen, als beträte man ein Gruselkabinett. Diese Elemente wiederholen sich auch während des Auftritts immer wieder.
Nun stürmt aber endlich die Band auf die Bühne und legt sofort los. Aus Wien kommen sie und einmal mehr wird festgestellt, dass Bayern und Österreich ja doch irgendwie zusammengehören.
Sänger Stefan zeigt sich omnipräsent: Er nimmt die gesamte Bühne ein, tanzt, springt, rennt von einer Seite zur anderen, spielt mit den Mikroständern, die mit Fahnen geschmückt sind und ist kaum zu fassen. Voll in seinem Element singt er, flirtet mit Publikum und Bandkollegin Agatha, die ebenfalls wilde Textzeilen ins Mikro schreit.
Ihre Ansagen sind lang, die beiden unterhalten sich, haben Spaß und übertragen diesen auf die Zuschauer, die mittlerweile zahlreich geworden sind und ordentlich mitfeiern.
Einen politischen Song wollen sie darbieten und fragen, wo die Streber sind. Doch wer würde sich schon freiwillig als ein solcher outen? Niemand, genau. Daher meint Agatha auch „Keiner? Das ist so, wie: Keiner wählt FDP. Wobei, mittlerweile tuts doch jeder!“ Sogar an deutscher Politik scheinen sie interessiert zu sein, ist einen Tag nach dem Konzert doch Landtagswahl in Schleswig-Holstein.
Kontrust werden sehr gut angenommen: Bei ihnen klatscht man den Takt mit, singt einzelne Zeilen nach und macht auch mit, wenn es gefordert wird. Bei einem Song werden Feuerzeuge geschwenkt, beim nächsten schüttelt das Publikum begeistert die Köpfe und schwingt die Arme durch die Luft. Ihre Musik zu beschreiben ist gar nicht so einfach. Teilweise könnte man sie als Punk bezeichnen, am besten kann man sich Kontrust aber vorstellen, wenn man an die Guano Apes denkt. Eine sehr sympathische Frontfrau, ein äußerst agiler Sänger und die Instrumentalisten verstehen ihr Handwerk.
Vergangene Woche erst wurde das neue Album „Second Hand Wonderland“ veröffentlicht und natürlich bekommen wir einige Songs daraus zu hören. Zwischendurch erfahren wir auch noch, dass Stefan neue Schuhe braucht, mit Klettverschluss, aber keiner möchte seine abgeben. Schade. Doch es bleibt keine Zeit für Traurigkeit, denn das nächste Lied reißt mit: Mit viel Bass, schnellem Rhythmus und der Aufforderung, zu „jumpen“, wird weitergefeiert. Nach 45 Minuten steht fest: Nürnberg mag die Österreicher – und die finden die Stimmung „leider geil“!

„Die Sonne scheint mir aus dem…“

Der Umbau ist rasch abgeschlossen an diesem Abend. Das reicht für eine Zigarette, den letzten Schluck Bier und das Vordrängeln in die ersten Reihen. Der Hirsch ist mittlerweile bis auf den letzten Platz gefüllt und das Publikum wird unruhig. „Wir wollen die Reiter sehen!“, wird lautstark bekanntgegeben und es missfällt manchen, dass ein schwarzer Vorhang aufgehängt wurde, damit die Umbauarbeiten nicht verfolgt werden können. Außerdem wird dieser bei Konzertbeginn von hinten mit grünen Lichtern angestrahlt, während ein langer Text vorgetragen wird – der niemanden zu interessieren scheint und der leider in oben genannten Rufen untergeht. Doch endlich stehen die Reiter auf der Bühne, der Vorhang fällt, die Musik erklingt und man sieht… nicht ganz so viel: Hauptsächlich ist da Nebel, der nur die Silhouetten von Gitarrist Ady und Bassist Volk-Man enthüllt. Die legen sich auch gleich ins Zeug, genauso wie der unsichtbare Schlagzeuger Sir G. Von einer kleinen Erhöhung im hinteren Teil der Bühne springt schließlich Fuchs nach vorne und beginnt eine exzellente Show. Die Töne sitzen, die Texte werden uns entgegen geschmettert und der Sänger läuft hin und her, dreht sich, grinst und gibt bereits jetzt alles.
Die Menge dankt es ihm. Es wird gemosht, wild mit den Haaren um sich geschlagen, im Takt geklatscht. Auch erweisen sich die zahlreichen Fans als äußerst textsicher: Eigentlich könnte Fuchs still bleiben, jeder noch so kurze Vers ist bekannt. Die Stimmung ist großartig! Einige Mutige lassen sich auf Händen von der Menge tragen, einmal durch den ganzen Hirsch. Zwischendurch wird auch die Kanone gezündet, die auf der Bühne steht und Papierschnipsel in die ersten Reihen pustet.
Es wird wärmer, nein, es wird brütend heiß! Wie das die ersten Reihen aushalten, die so dicht stehen, dass die sprichwörtliche Maus nicht mehr dazwischen passt, ist mir ein Rätsel. Immerhin wird auf Bitte des Sängers hin Wasser verteilt – das scheint auch dringend notwendig zu sein.
Bewundernswert ist der Gitarrist, der die ganze Zeit über ein Lächeln auf den Lippen trägt, das zeigt, wie viel Freude er an dem Gig hat.
Ach ja, nicht zu vergessen der Keyboarder. Dr. Pest im gewohnten knappen Lederoutfit und hin und wieder die aufgebaute „Schaukel“ benutzend, steht zwar im Hintergrund, trotzdem ist seine Show perfekt. Sichtlich Freude bereitet ihm das Schwingen der Lederpeitsche.
Musikalisch bieten die Reiter das, was sie versprochen haben: The greatest of the best. „Wir reiten“ animiert zum Feuerzeug-Schwenken und ist nahezu das einzige ruhige Lied auf der Setlist. Die Nebelmaschinen sprühen drei Rauchsäulen in die Höhe, die mit rotem Licht angestrahlt werden: Die Effekte sind gekonnt eingesetzt.
Wo es passt, stimmt das Publikum „Hey“-Rufe an, da bedarf es nicht einmal mehr einer Aufforderung.
Die Reiter hauen ordentlich rein. Gewohnt schnelle Rhythmen, viel Bass, wirklich guter Sound und eine tolle Show. Auch die Hitze kann die Fünf von nichts abhalten. Anfangs wechselt Fuchs noch sein Hemd, tauscht es gegen Weste oder gar einen langen Mantel ein, schließlich aber steht er oben ohne da.
Ein Keyboardsolo sorgt für eine kurze Verschnaufpause, doch die ist auch schnell wieder vorbei. Es geht weiter mit Songs wie „Die Flut“, „The Iron Fist“ oder „Reitermania“. Auch das „Seemannslied“ fehlt nicht. Ein weiblicher Fan wird in ein knallschwarzes Gummiboot gesetzt und einmal durch den Hirsch über die Köpfe der Zuschauer getragen. Die Seemannsbraut wagt dann auch noch ein Tänzchen mit Fuchs auf der Bühne und grölt den Refrain mit.
Ob es die danach geforderte Wall of death wirklich gibt, kann ich nicht sehen.
Nach etwa einer Stunde verschwinden die Reiter, aber man will sie noch nicht gehen lassen. Klar, sie lassen sich nicht lange bitten und kommen zurück. Drei Songs werden gespielt und der emotionalste Moment des Abends ist wohl der Refrain von „Roll My Heart“, der einstimmig von den Anwesenden gesungen wird. Es klingt nach eher tausend Zuschauern, nicht nur nach geschätzten 300.
Die Musiker sind noch nicht einmal von der Bühne gegangen, da ertönt erneut der einstimmige Ruf nach einer weiteren Zugabe. Wir haben noch lange nicht genug, auch wenn es brütend heiß ist.
Ja, es gibt noch ein letztes Lied und auch wenn es unmöglich scheint, drehen Band und Publikum noch einmal auf. Die letzten Reserven werden zusammengekratzt, nun headbangen auch die hintersten Reihen und grölen mit. Und ja, uns allen scheint in diesem Moment „die Sonne aus dem Arsch“. Es ist eine berauschende Stimmung, wie auf einem Festival vor der Hauptbühne. Unglaublich, wie Die Apokalyptischen Reiter begeistern, wie stark die Anwesenden mitgehen.

Fazit für diesen Abend: Drei tolle Bands und ein fantastisches Publikum. Die Reiter haben das Beste vom Besten gezeigt – nur leider viel zu kurz.

Interview mit Burst My Marrow

Burst My Marrow aus der Nähe von Hamburg bieten guten Metalcore. 2005 noch als Knuckle Of Veal gegründet, wurde der Name 2009 gleichzeitig mit der Veröffentlichung des ersten Albums geändert. Nach der Teilnahme an lokalen Bandcontests schaffte das Quartett sogar den Sprung nach England. „Oblivion“ heißt das aktuelle Album, das sich hören lassen kann. In diesem Interview steht die Band Rede und Antwort.

Kyra Cade: Stellt euch bitte kurz vor.
Burst My Marrow: Wir sind eine vierköpfige Band aus der Kleinstadt Buxtehude (nahe Hamburg), die nun seit etwas über sieben Jahren zusammen Musik macht und auf der Bühne steht.

K. C.: Wenn jemand noch nichts von euch gehört hat: Wie beschreibt ihr eure Musik?
BMM: Unser Fundament ist der Metalcore, so viel steht fest. Das ist aber auch das einzige, was fest steht, denn ansonsten greifen wir mit langen Armen um uns und bringen alles in unsere Musik, was uns gefällt und was die Songs brauchen.

K. C.: Ihr habt 2005 als Knuckle Of Veal begonnen, euch dann aber unbenannt. Warum?
BMM: Der Namenswechsel ist im Zuge unseres ersten Albums „Last Remains Of Shelter (The Fear-Infection)“ geschehen, da sich ab dieser Platte unser Stil ziemlich geändert hat. Knuckle Of Veal war der Anfang der musikalischen Laufbahn für jeden von uns. Damals, als junge Schülerband, wusste man noch nicht wirklich, was man wollte. Wir fingen an Songs von Nirvana und Metallica zu covern, um dann später irgendwo zwischen 3 Doors Down und Seether unseren Stil zu finden. Über die Jahre wurde der Stil dann immer härter und wir damit immer glücklicher. Irgendwann war es dann einfach nicht mehr Knuckle Of Veal und somit wurde aus uns Burst My Marrow (übersetzt: Lass meinen inneren Kern zerplatzen), da wir nun endlich wussten, was wir wollten und somit auch unser innerer Kern geplatzt ist.

K. C.: Eure Songs variieren teilweise sehr; sowohl gesanglich als auch instrumental. Macht das Burst My Marrow aus?
BMM: Wir arbeiten mit klassischen Metal-Riffs, als auch mit modernen Breakdowns. Bei den Vocals gibt es Shouts, Growls und Screams, aber auch sehr melodiöse Hooklines. Wobei uns sehr wichtig ist einen kräftigen und ausdrucksstarken Gesang zu haben, anders als bei so manchen eher „weinerlich“ klingenden Metalcore-Bands. Wir achten sehr darauf einen gesunden Ausgleich zwischen technisch aufwendigeren Elementen und eher eingängigeren Parts zu schaffen. Wir wollen keine Musik machen, in der man keinen Plan hat zu welchem Takt man überhaupt headbangen soll. Es soll aber auch nicht einfach nur stumpf zum Abmoshen sein. Der richtige Mix ist da wohl unser Geheimrezept.

„Was uns und unsere Generation bewegt“

K. C.: Welche Vorbilder haben euch geprägt?
BMM: Klingt vielleicht etwas ausgelutscht, dennoch gehören natürlich Metallica zu den Bands, die uns zu Beginn viel beeinflusst haben. Aber auch Größen unserer Zeit, wie Korn, System Of A Down, Slipknot etc. waren definitiv dabei, bevor wir zum ersten Mal mit Metalcore in Kontakt kamen.

K. C.: Wie seid ihr zur Musik gekommen?
BMM: Im einzelnen hat da jeder seine eigene Geschichte. Bei jedem war es aber irgendwie so, dass er eine Band gesehen oder einen Song gehört hat, der in ihm das Gefühl auslöste, genau so etwas machen zu wollen.

K. C.: Spielt ihr noch in anderen Bands?
BMM: Unser Schlagzeuger Torben spielt seit Kurzem nebenbei in der Irish-Rock-Band Drunken Sailors und unser Sänger Rico gibt auch ab und zu ruhigere Töne von sich, wenn er unplugged durch die Bars zieht.

K. C.: Eure Texte handeln viel von Flucht, Kampf und Schmerz. Aus Songs wie „The Call“ oder „Sinners And Saints“ spricht auch viel Verzweiflung. Warum so melancholisch?
BMM: Wir schreiben über das, was uns und unsere Generation bewegt. Nicht nur aus unserer Sicht, auch oft aus der Perspektive von anderen Menschen und Charakteren. Wenn alles einwandfrei und rosig wäre, würden wir gerne darüber schreiben, nur leider ist es in vielen Fällen nicht so und das sagen wir auch. Wir wollen den Leuten aber keineswegs mitgeben, in Selbstmitleid und Trauer zu verfließen, sondern sie eher aufbauen und dazu anregen aufzustehen und es zu ändern, wie zum Beispiel in dem Text von „Aglossia“.

„Jeder Einzelne ist wichtig“

K. C.: Hängt damit auch der Titel des aktuellen Albums „Oblivion“ zusammen?
BMM: „Oblivion“ bedeutet „Vergessenheit“, was sich als Thema durch das ganze Album zieht. Die Grundaussage ist dabei nicht in Vergessenheit zu geraten, sondern etwas aus sich zu machen und der Welt etwas Positives zu hinterlassen, eine Art Stempel seiner selbst. Sei es, indem man Arzt wird und Menschen heilt oder einfach nur mit seiner Gitarre Lieder für den Weltfrieden schreibt. Jeder Einzelne ist wichtig, das wollen wir den Leuten mit auf den Weg geben.

K. C.: Gibt es Orte, Situationen, vielleicht ein Zoobesuch oder eine durchzechte Nacht, die euch zu euren Songs besonders inspirieren?
BMM: Eigentlich lassen wir uns von allem inspirieren. Seien es die Nachrichten, ein Gespräch mit einem Freund oder einer Freundin, ein guter oder auch ein schlechter Film. Alles mögliche kann eine Geschichte, wahr oder fiktiv, in einem von uns auslösen und sie auf Papier bringen. Manchmal ist es auch nur eine Meinung, die man zu einem bestimmten Thema hat, um sich den Kopf frei zu machen. Aber das mit dem Zoobesuch ist eine gute Idee, sollten wir demnächst mal in Angriff nehmen (lachen).

K. C.: Wo würdet ihr gerne mal auftreten?
BMM: Die großen Festivals (Wacken, Rock Am Ring, With Full Force etc.) wären natürlich echt krass. Generell treten wir aber überall gerne auf, wo man uns herzlich empfängt und wo Leute sind, denen wir eine gute Zeit bereiten können, egal ob einem kleinen oder großen Publikum.

„Metal á la Sauerkraut“

K. C.: Gibt es Künstler, mit denen ihr gerne mal zusammen ins Studio gehen oder auf der Bühne stehen würdet?
BMM: Da gibt es viele, zu viele, um sie hier zu nennen, aber jetzt auch nicht DIE Band, die es unbedingt sein muss. Da lassen wir uns mal überraschen, mit wem wir uns noch die Bühnenbretter oder den Studioteppich teilen.

K. C.: Der bisher tollste Auftritt für euch?
BMM: Den besten Auftritt hatten wir bisher in unserer Heimatstadt Buxtehude in dem Club „Garage“. Der Gig war im Rahmen eines Bandcontests und wir hatten 30 Minuten, um alles zu geben. All unsere Freunde und Familien waren da und haben den Laden echt zum Kochen gebracht. Die Power der Leute hat uns dermaßen gepusht, dass unser Adrenalin echt am Limit war, was sich wiederum auf das Publikum abgezeichnet hat. Das war wie eine Pyramide aus Energie, die sich bis zum letzten Song zugespitzt hat. Da lag echt was Besonderes in der Luft. Einen weiteren sehr coolen Gig hatten wir in England (Salisbury). Wir wurden super liebevoll aufgenommen und konnten den Engländern mal Metal á la Sauerkraut präsentieren.

K. C.: Was sind eure Ziele für die nächsten drei Jahre?
BMM: Bei einem Label und/oder einer Booking-Agentur gesignt zu werden, um noch mehr Leute mit unserer Musik zu erreichen. Momentan verfahren wir komplett nach dem DIY-Prinzip, was auch immer gut klappt, dennoch kommt man langsam im Rahmen seiner Möglichkeiten an die Grenzen, da wir alle in Jobs stecken und immer weniger Zeit haben. Da wäre es echt cool jemanden zu haben, der einem in ein paar Angelegenheiten unterstützt und die ein oder andere Sache abnimmt.

K. C.: Ein paar Worte zum Schluss?
BMM: Wir hoffen, wir konnten den Lesern mal einen etwas intimeren Einblick in Burst My Marrow beschaffen und den/die ein/e oder andere/n neuen für uns begeistern!

K. C.: Vielen Dank für das Interview!
BMM: Gerne, gerne, kein Ding!

CD-Review: Elandor – Dark Asylum (VÖ: 04.05.12)

„Sie wird dich bezwingen – drum wehr dich nicht“

Mit Debüt-Alben ist das ja manchmal so eine Sache: Da muss man sich gut präsentieren, da hofft man, viele neue Fans zu erreichen und mit der Leistung zu überzeugen.
Elandorhaben ihr erstes Album veröffentlicht. „Dark Asylum“ heißt die Scheibe.
Das Cover ist düster, der Titel steht blutig eingeritzt auf der Schulter einer jungen Frau in Korsage. Passend zu einer Alternative-Gothic-Rock-Band.

Das instrumentale Intro klingt ein wenig nach Gewitter, Regen, Weinen und Verzweiflung. Keinesfalls unangenehm und ein guter Einstieg in das, was danach kommt.
Überrascht bin ich beim zweiten Stück „Orphan“ von der tiefen Stimme des Sängers Markus Kühnel. Sie erinnert an eine Mischung aus Brad Roberts von den Crash Test Dummies und ASP. Ein so starkes Organ hätte man wohl kaum erwartet.
Etwas weniger getragen ist das folgende „Where Are You“. Doch schneller wird erst Lied Nummer fünf „Madness Returns“.
Traurig, wirklich wie Abschied hört sich „Goodbye“ an. Die Gitarre klingt nach Schmerz und man kommt gar nicht dran vorbei, auf den Text zu achten. Das lyrische Ich leidet ganz schön, weint, schreibt ein Abschiedslied und fleht um Rückkehr. „I miss you, and you’re gone. A thousand miles between us. My heart is thirsty for your love”. Der Song hat das Potential, zur Hymne aller zu werden, die Liebeskummer haben.
Aber es bleibt nicht bei der miesen Stimmung. Etwas elektronischer geht es weiter mit dem Titelsong „Dark Asylum“. Hier wurde anscheinend viel mit Synthesizern gearbeitet, die dominieren.
Überhaupt beginnen die meisten der 13 Stücke mit Elektro-Sound. Dieser verschwindet teilweise und macht Gitarre, Bass und Drums Platz. Teilweise bleibt er aber auch und bildet den Hauptbestandteil der Musik.
„Butterfly“ ist das beste Beispiel für Letzteres. Hier erinnern manche Passagen ein bisschen an Blutengels „Die With You“: Sehr gelungen, wie ich finde.
Wie eine kleine Mogelpackung erscheint „Heart Of Darkness“, wenn Kühnel zu singen beginnt. Denn dieses Mal ist der Text auf Deutsch. Es gibt Songs oder gar Bands, die klingen auf Deutsch einfach nicht, Eleandor kann man das nicht vorwerfen. Die machen das sehr gut und zünden damit ein tolles Feuerwerk an Erinnerungen und fantasievollen Bildern. Der Sänger könnte auch auf der Bühne stehen und in einem Musical mitwirken: Man würde es ihm abkaufen. „Schönheit“ schlägt in die gleiche Kerbe.
Der nächste Song „The Torment“ ist der erste, bei dem ich sofort mit dem Kopf im Takt wippe. Ohne sonderlich schnell zu sein, zieht er doch mit und ist auf jeden Fall tanz- und feierbar.
Zu „Violet“ gibt es sogar einen offiziellen Musikclip. Der ist natürlich zur Hälfte in Violett gehalten und sehenswert, wenn die besungene „Queen of death“ durchs Bild schwebt.
Ich persönlich finde den Beginn von „Buried Alive“ wundervoll! Schöne Klavierklänge geben einen guten Einstieg zu einem nachdenklichen, traurigen Lied.
„Last Escape“ ist zugleich auch der letzte Song und wieder etwas schneller. Mehr Drums, mehr Rhythmus. Ein guter Abschluss für ein Album, das Abwechslung bietet.
Selbst bei mehrmaligem Hören tritt die Musik stark in den Hintergrund. Nur die Auftakte bleiben im Ohr, oder kurze instrumentale Sequenzen. Ansonsten wird alles überdeckt vom Gesang. Dunkel, äußerst kraftvoll werden die Textzeilen ins Mikro geschmettert. Das braucht Raum, so kommt es mir zumindest vor. Fraglich ist, ob man Elandor wirklich als gleichberechtigtes Trio sehen kann, oder nicht doch eher von Markus Kühnel und Band sprechen sollte.

Das Debüt ist gelungen. Die Platte hört man gerne. Entweder ganz bewusst oder als Hintergrundmusik. Es wird lange dauern, bis man ihrer überdrüssig geworden ist.


Elandor – Dark Asylum
VÖ: 04.05.2012
Label: Echozone
13,99 € bei Amazon.de

Tracklist:
01 – Intro
02 – Orphan
03 – Where Are You
04 – Madness Returns
05 – Goodbye
06 – Dark Asylum
07 – Butterfly
08 – Heart Of Darkness
09 – Schönheit
10 – The Torment
11 – Violet
12 – Buried Alive
13 – Last Escape

Rezension: Simon Lelic – Ein toter Lehrer

Nicht nur Kinder können grausam sein

Samuel Szajkowski, der junge Geschichtslehrer, betritt die Aula, die bis auf den letzten Platz besetzt ist. Langsam geht er an den Reihen entlang, aber kaum jemand nimmt Notiz von ihm. Dann hebt er die Waffe – und schießt. An diesem Tag sterben drei Schüler, eine Lehrerin und der Schütze selbst. Die erschütternde Tat an einer renommierten Londoner Schule lässt Schmerz und Fassungslosigkeit zurück. Kommissarin Lucia May soll den Fall abschließen, doch sie kann einfach nicht loslassen, recherchiert, sucht nach Antworten – und enthüllt schließlich die erschreckende Wahrheit…

„Ein toter Lehrer“ ist das Debüt von Simon Lelic und begeistert Massen. Der Autor schreibt schonungslos, mit viel Liebe zu kleinen, zwischenmenschlichen Details und blickt in die Abgründe menschlichen Handelns. Der Roman fesselt, verfolgt, beklemmt – und hinterlässt starke Zweifel an der Zivilisation.

Das Buch hat mich tief berührt, um nicht zu sagen, es hat mich bis ins Mark erschüttert.
Das Monster, so wird Szajkowski nach der Tat genannt, sei ein verhaltensgestörter Psychopath gewesen, der doch schon immer negativ aufgefallen sei. Seine beiden Anzüge, sein stilles Wesen, sein mangelndes Durchsetzungsvermögen – all das war doch schon sehr seltsam, finden die Zeugen im Nachhinein. Für seine Schüler war der Geschichtslehrer das perfekte Opfer. Der „Polacke Scheißkoffski“ (hier ist die Übersetzung schwierig: Im Original heißt es „cuff“ – „husten“ und die Schüler husten an dieser Stelle des Namens, später anstelle der Namensnennung) hat es doch nicht anders verdient und vor allem die Streiche, die Jugendliche nun mal so spielen, überbewertet. Dieser Meinung ist schließlich auch Direktor Travis, der alles tut, um den Ruf seiner Schule zu bewahren. Dabei verliert er jegliches Augenmaß für Recht, Unrecht und die Erfüllung des Erziehungsauftrags.
Dann ist da aber noch Elliot, ein Siebtklässler, der traumatisiert und verstümmelt im Krankenhaus liegt. Niemand hat etwas gesehen, es gibt keine Zeugen für die Tat und der Kleine wird schon darüber hinwegkommen. Man verrät nicht zu viel, wenn Elliots Ende benannt wird: Er begeht Suizid. Tragisch, aber eben nicht zu ändern.
Detective Lucia May ist fassungslos, hilflos, fühlt sich ohnmächtig und gleichzeitig verantwortlich. Doch all ihre Versuche, auf das eigentliche Problem, den Grund für den Amoklauf aufmerksam zu machen, werden abgeblockt: Von Direktor Travis und von ihrem Vorgesetzten Cole. Sie kämpft gegen Windmühlen, muss sich gegen ihren Kollegen Walter behaupten und verliert schließlich.

Die Geschichte hat zwei Ebenen: Zum einen ist da die Schule und alles rund um den Amoklauf und Elliot. Zum anderen wird aus Lucias Leben erzählt: ihr Kampf, ihre Ideale und ihre eigenen Problem.
Mobbing ist das große Thema und eines wird deutlich: Es gibt nicht nur Schwarz und Weiß. Der Täter kann durchaus auch Opfer gewesen sein, oder gar nicht um seiner Selbst willen handeln.
Lucia ist selbst Mobbingopfer und zweifelt plötzlich an den Institutionen, die doch eigentlich für Recht und Ordnung zu sorgen haben: an der renommierten Schule und der erhabenen Polizei.
Im Buch wird immer abwechselnd eine Zeugenaussage dargestellt, dazwischen rücken die aktuellen Ereignisse und Lucias Ermittlungen ins Zentrum. Krass ist, dass manche gar nicht erkennen, was sie da getan haben, was sie aussagen, wo sie selbst nicht agiert, sondern schweigend zugesehen haben.

„Ein toter Lehrer“ ist absolut erschütternd, aber äußerst lesenswert. Während der Lektüre kann man sich immer wieder selbst kontrollieren: Wie hätte ich an Stelle von Charakter XY gehandelt? Man muss sich selbst hinterfragen und in Anbetracht der Amokläufe von Erfurt, Winnenden und anderen Schulen überlegen: Kann man den Täter rücksichtslos verurteilen? Sind wirklich (nur) die Eltern schuld, weil sie Zugang zu Waffen ermöglichten? Oder haben nicht schon lange vorher ganz andere Leute versagt?

:buch: :buch: :buch: :buch: :buch:

„Der arme Kerl. Armer Kerl: Was rede ich da? Ein Mörder ist er. Das vergesse ich immer. Er war ein Mörder. Er hat drei Kinder erschossen und eine Lehrerin, eine unschuldige Frau. Und der tut mir leid. Dieser durchgeknallte Psychopath. Ich tue ja gerade so, als müsste man Mitleid mit ihm haben.“ (Ein toter Lehrer, S. 117.)


Simon Lelic – Ein toter Lehrer
Aus dem Englischen von Stefanie Jacobs
352 Seiten
Droemer, 2011
16,99 € (Hardcover)
Amazon.de
Droemer Verlag

CD-Review: Burst My Marrow – Oblivion

Horns up – breakdown

Da flattert das Album einer bisher viel zu wenig beachteten Band aus Hamburg in meinen CD-Player. Mal hören, ob da Einheitsbrei rauskommt, lahme Musik, ob da ein wenig der Mut fehlt, um wirklich in die Saiten zu hauen.
Burst My Marrow, kurz BMM, bieten mit ihrem Album „Oblivion“ aber alles andere, als eine Enttäuschung. Eben noch skeptisch auf Play gedrückt, lasse ich mal ganz schnell alles andere links liegen und höre nur auf die Musik.

„My chance, my life has broken“ wird ins Mikro gegrölt, dazu nur eine verhaltene E-Gitarre. Nach diesem Auftakt, der etwa eine Minute lang ist, geht es los: Klassisch mit Drums, Bass und Gitarre bewaffnet, unterstützen Torben Gerschau, Benjamin Lawrenz und Tim Rinka ihren Sänger Rico Meyer. Dieser hat es drauf und growlt gekonnt den Text zu einem schnellen, guten Sound.
Das zweite Lied „Aeon“ führt fort, was im ersten begonnen wurde: Schöne Riffs, gute Growls und Passagen, die man sehr gut in der Menge vor der Bühne mitsingen könnte. Da will der Kopf kaum stillhalten, sondern mitbangen!
Noch schneller wird dann der Rhythmus bei „Days Of Grace“. Hier unterstützte Leon Te Paa den Gesang. Überhaupt zieht sich guter Metalcore durch das gesamte Album, ohne dabei immer gleich zu klingen und langweilig zu werden. Hier wurden viel Können und musikalische Leidenschaft investiert. Sehr schön auch die Messages einiger Songs, beispielsweise: „Don’t stop to faith in you, don’t stop to faith in us, and light up this darkness“ aus dem Song “Light Up This Darkness”. Ein bisschen erinnert dieser an Filmmusik, etwa an den Soundtrack von „Transformers“ oder „Iron Man“: Dort haben immerhin keine Geringeren als Linkin Park, Green Day oder Nickelback mitgewirkt.
Ruhigere Töne werden im fünften Stück, „Grey Sunday“, angeschlagen. Ebenfalls rockig zwar, aber doch sanfter und vor allem weit langsamer präsentieren sich Burst My Marrow hier nachdenklich. Achtet man auf den Text, passt die Musik sehr gut zum beschriebenen tristen Sonntag.
Verschnaufen kann man jedoch nicht lange, denn mit voller Aggressivität beginnt „The Call“ und brettert wieder ordentlich rein. Unterbrochen an wenigen Stellen durch ruhigere Passagen, die dem Nacken mal eben Pause gönnen, bevor es mit Headbanging weitergeht..
In diesem Stil bewegt sich auch Nummer Sieben, „For those who…“. Wer genau hin hört, sollte mal auf die Gitarre achten, die teilweise sehr schön in den Mittelpunkt gestellt wird – und das nicht nur bei diesem Lied.
Mehr in die Metalcore-Richtung geht aber wieder „Support The Hopeless“, um in das grandiose Finale „ESC Reality“ überzugehen, das noch mal alles aus der Band rausholt. Dadurch schließt sich der Kreis: Mit aggressivem und schnellem Sound beginnt und endet das Album. Dazwischen finden sich ruhigere, aber keinesfalls langweilige Songs, die vor allem deutlich machen, dass BMM mehr können, als nur stur eine Musikrichtung zu präsentieren.

BMM schaffen es, mit den Großen mitzuhalten. Ihr Sound erinnert etwa an Exodus, Dimmu Borgir oder Sacred Reich, sieht man einmal von „Light Up This Darkness“ oder „Grey Sunday“ ab. Man kann Kopf, Arme und Beine kaum stillhalten und möchte moshen, bangen und das Quartett unbedingt live erleben – denn live ist vieles noch besser als auf CD.
Die vier Hamburger verdienen definitiv mehr Aufmerksamkeit und das gelungene Album „Oblivion“ wird hoffentlich nicht das letzte sein, was man von ihnen zu hören bekommt.
Noch ein paar Worte zum Booklett: In einem Grün-Grau-Schwarz gehalten, fliegen ein Haus und ein Mensch durch die Luft. Mit etwas Fantasie kann man auf die Idee kommen, dass beide durch den guten und harten Sound weggehauen werden. Ob beabsichtigt oder nicht, entsprechen die abgedruckten Songtexte nicht der Reihenfolge der Lieder. Auffällig ist aber, dass die Texte durchgängig geschrieben wurden und nicht in Versform, wie das häufig der Fall ist. Sehr schön mit leicht philosophischem Touch ist der in der Mitte abgedruckte Grabstein mit der Aufschrift „Buried in oblivion“. Zumindest das Projekt Burst My Marrow ist noch lange nicht in Vergessenheit begraben.

Anspieltipp: Days Of Grace

Hörprobe: Burst My Marrow – Light Up This Darkness


Burst My Marrow – Oblivion (2011)
01 – Aglossia
02 – Aeon
03 – Days Of Grace
04 – Light Up This Darkness
05 – Grey Sunday
06 – The Call
07 – For Those who…
08 – Support The Hopeless
09 – ESC Reality

Hier erhältlich.