09.12.11 – Christmas Metal Festival in Geiselwind

Der Weg zum größten Indoor-Metal-Festival Deutschlands ist nicht ausgeschildert. Aber außer einem Autohof ist auch nichts da und Verfahren somit unmöglich. Der Parkplatz ist groß, für manche Autofahrer fehlen weiße Linien, die ihnen genau vorgeben, wo sie parken können. Wie es zur Eventhalle geht, ist auch nicht ausgeschildert, außer man steht direkt davor – nach dem Stopp beim Burger King und dem Stolperer über eine unmotivierte Schwelle. Wer erwartet auch ein großes Kreuz über einer Halle, die an diesem Wochenende eine große Zahl Metaler erwartet?
Wenn man endlich angekommen ist, freut man sich auf das kleine Einlasszelt mit den Heizpilzen, um die sich Männer (!) drängeln. Wir Frauen halten dann doch mehr aus, denke ich zumindest, bis ich zwanzig Minuten später auch darunter stehe. Viele Neuankömmlinge haben vorgeglüht, riechen deutlich nach Alkohol und begrüßen jubelnd Securities und wartende Presseleute. Aus der Halle kommt nur ein dumpfes Dröhnen, sie ist recht gut isoliert. Das müssen „Suidakra“ sein, die ich eigentlich auch hatte sehen und hören wollen.
Weitere zwanzig Minuten später kommt endlich derjenige, der für die Akkreditierungen zuständig ist. „Der war jetzt fast eine Stunde auf dem Klo. Also wenn ich da so lange bin…“, raunt der Journalist neben mir in mein Ohr und zwinkert mir verschwörerisch zu. Danke, so viel wollte ich dann gar nicht wissen.
Sicherheit wird klein geschrieben in Geiselwind. Keine Taschen und keine Personen werden kontrolliert, dabei hat mehr als die Hälfte ein Deo und ein Feuerzeug dabei und in der Halle stelle ich sehr schnell fest, dass das eine oder andere Messer auch seinen Weg hierher gefunden hat. Nicht, um damit wirklich tätlich zu werden, aber man präsentiert stolz: „Ey, das haben die gar nicht gecheckt!“
Bei so manchem Gast frage ich mich, ob es einfach nur die Flucht vor einem langweiligen Wochenende werden soll. Wie Metalhörende wirken sie nicht. Als eine Gruppe an mir vorbei die Treppe nach oben stolpert und fragt: „Grave Digger? Wer ist das denn? Die gibt’s noch nicht so lang, oder?“, möchte ich nur zu gerne Aufklärungsarbeit leisten. Später sehe ich die Gruppe noch mal, da spielen gerade „Iced Earth“ und die Jungen stehen gelangweilt mit einem Bier in der Hand herum. „Das ist schon ein bisschen harte Musik.“ Sie denken, ich brülle wegen der Band und singe mit.

Van Canto
Aber zurück zum Beginn. Endlich stehe ich also in der Eventhalle und „Van Canto“ betreten die Bühne. Ich bin gespannt, denn live habe ich die Band noch nie gesehen. Die Menge vor der Bühne geht gar nicht mit, obwohl die „Van Canto“ wirklich alles gebn und eine tolle Show abliefern. Ganz kurz gehen in den ersten vier Reihen mal die Hände nach oben – aber auch schnell wieder runter, zu anstrengend. Die hinteren zwei Drittel des Publikums tut exakt gar nichts! Man steht rum und starrt nach vorne – oder sonst wohin. Immerhin ist der Jubel ganz annehmbar, der dann doch nach jedem Lied zu hören ist. Da die a capella Band einige Trinkpausen einlegen muss, in denen der Drummer den Takt vorgibt, wird das Publikum zu „unfassbar viel Krach“ aufgerufen. Sicherlich wäre mehr möglich gewesen. Dafür wird aber das Grave Digger Cover „Rebellion“ lautstark begrüßt und manche singen sogar mit. Gnadenlos gebangt wird dann beim Sabaton Cover „Primo Victoria“. Hier ist endlich mal ein bisschen Stimmung in der Eventhalle – und „Van Cantos“ Auftritt auch schon fast vorbei. Die sechs Musiker haben alles gegeben und ein tolles Konzert geboten.

Powerwolf
Die Umbaupausen sind recht lang. Die meisten strömen nach draußen, in den Vorraum, um der Nikotinsucht zu frönen. Wieso jetzt in geschlossenen Räumen geraucht werden darf, verstehe ich nicht ganz. Wir sind doch in Bayern! Als nächstes sind die Powerwölfe dran, und wie schon auf der Power of Metal Tour im Herbst, dauert es etwas länger, bis alles aufgebaut ist.
Dann wird es dunkel und Attila Dorn betritt langsamen Schrittes die Bühne. Als er zu singen beginnt, schießen Feuersäulen in die Höhe. Sofort fällt auf, dass Gitarrist Matthew Greywolf fehlt – was Dorn gegen Ende des Konzertes auch kommentiert mit den Worten: „Matthew liegt in Couch – autsch!“. Aber „Powerwolf“ haben einen würdigen Ersatz gefunden, der wirklich alles gibt, ebenso Grimassen schneidet und bei „Saturday Satan“ ein hörenswertes Gitarrensolo hinlegt. Falk Maria Schlegel macht immer wieder Stimmung und fordert das Publikum zu Jubelrufen auf. Nur zu gerne kommt man dem nach. Die Interaktion zwischen Band und Zuschauern ist großartig und die Wölfe spielen alte und neue Songs, die meist mitgesungen werden. Dabei lässt es sich Sänger Dorn nicht nehmen, witzige Ansagen zu machen oder nach „Dead boys don’t cry“ zu fluchen: „Fällt mir Mikro aus, Mann, so ein Scheißdreck!“. Positiv überrascht ist er von der steigenden Zahl weiblicher Fans, die doch bitte einmal brüllen sollen. Nun ja, die Männer sind dann doch wieder lauter. Die Halle hat sich gefüllt, was sicherlich auch der Uhrzeit geschuldet ist und die Powerwölfe heizen richtig gut ein. Schließlich widmen sie „Catholic in the morning, Satanist at night“ noch einem besonderen Herrn: „Für unseren Papst! Die Pfeife!“ Dann ist leider der grandiose Auftritt schon wieder vorbei und Dorn bedankt sich wie immer mit einem herzlichen „Vielen Dankeschön!“.
„Powerwolf“ haben sich gelohnt. Die Show war großartig!

Grave Digger
Wenn Axel Ritt die Bühne betritt, ist es egal, wer da noch rumsteht. Alle Augen sind auf den Mann mit der schwarz-weiß-gestreiften Gitarre gerichtet, der sofort richtig mit der Show loslegt, bevor Chris Boltendahl auf die Bühne rennt und gleich mal ordentlich ins Mikro brüllt. 30 Jahre Bühnenerfahrung lassen sich eben nicht wegwischen. Der Sänger ist gut drauf, macht Späßchen, singt mit viel Freude und hat sichtlich Spaß daran, hier zu sein. Die Menge ist mittlerweile angewachsen, guter Laune und tut das, was man eben so macht auf einem Metalkonzert: Eifrig die Köpfe schütteln, Pommesgabeln in die Luft stechen und lautstark „Grave Digger“ bejubeln. Mit üblicher Schreistimme kündigt der Bandleader die Songs an und dann verschlägt es sogar ihm die Sprache. Kaum hat er „Van Canto“ gesagt, singt die Halle „Rebellion“. Ein emotionaler Moment mit Gänsehautgarantie. Boltendahl steht auf der Bühne, lächelt und schweigt erst einmal, bis er sich bedankt und den Song selbst anstimmt. Den Abschluss bildet wie immer „Heavy Metal Breakdown“. Man will die Band zwar nicht gehen lassen, aber Zugaben sind zeitlich nicht drin.
„Grave Digger“ waren wie immer toll, jedoch war der Sound zum Teil ein einziges Bündel Lärm und keine gute Musik.

Iced Earth
Auf die nächste Band habe ich mich insofern gefreut, als dass ich sie noch nie gehört und auch das neue Album „Dystopia“ gekonnt ignoriert habe. Gespannt warte ich, finde das Bühnenbild ziemlich cool und bin geflasht, als Jon Schaffer auftritt. Er rockt die Halle, ist omnipräsent auf der Bühne, bis Sänger Stu Block nach vorne rennt und ins Mikro grölt. Es macht sehr viel Spaß, der Band zuzusehen. Ihre Freude an der Musik ist deutlich spürbar und „Iced Earth“ übertragen sie auch auf das Publikum. Dieses ist begeistert, brüllt sich die Seele aus den Leibern, schüttelt die Köpfe, dass es wehtut und genießt anderthalb Stunden lang die Show. Anfangs wird viel mit den Zuschauern interagiert, viel geredet, doch bald konzentriert man sich nur noch auf die Musik. „Iced motherfucking Earth“ spielen alte und neue Songs, die durchgehend positiv aufgenommen und mit viel Jubel kommentiert werden. Die Veranstalter des Festivals haben sich auch nicht lumpen lassen und damit wirklich jeder einen Blick auf die Bühne werfen kann, wird das Konzert auf einer Leinwand übertragen, die man auch etwas abseits des Gedränges gut einsehen kann. Ein sehr gelungener Auftritt, der zumindest mich davon überzeugt hat, „Iced Earth“ unbedingt noch einmal live sehen zu wollen. Schließlich gesteht die Band den Fans „We fucking love you!“, bevor sie verschwindet.

Blind Guardian
Die Eventhalle leert sich. Wer jetzt nach draußen strömt, will nach Hause, nicht rauchen, dabei steht noch eine Band auf dem Programm. „Blind Guardian“. Keine Unbekannten, aber schon fast ein Kontrastprogramm zum vorherigen Act. Als die ersten Klänge ertönen, bricht Jubel los. Mit Sprechchören werden die Musiker empfangen und Sänger Hansi Kürsch hat ein Lächeln auf dem Gesicht, das während des gesamten Auftritts nicht verschwindet. Ich finde das bewundernswert. Während EMP eingepackte Fahnen ins Publikum wirft, singen die Fans eifrig mit und freuen sich ebenfalls, dass „Blind Guardian“ hier sind. Auch dieser Auftritt wird auf Leinwand übertragen. Als ich mich jedoch aus der Menge nach hinten bewege, wo es deutlich leerer ist, wird der Sound auch hörbar schlechter. Ein Security ertappt mich dabei, dass ich zu einem Song schunkle. Das passt nicht auf diese Art Festival, aber zu dem, was musikalisch gerade aus den Boxen kommt – es wird den Metalern definitiv nicht gerecht. Nicht nur ein Fan verlässt etwas enttäuscht vorzeitig das Konzert. „Auf CD klingen sie besser, zumindest besser als heute Abend!“ Traurig, aber leider wahr. Dennoch hat es sich rentiert, nach Geiselwind zu fahren an diesem Tag.
Zahlreiche Fotos und viele Videos auf youTube lassen jeden teilhaben, der nicht dabei sein kann.
Am Samstag geht es weiter. Mit tollen Bands wie Equilibrium, Marduk, Caliban oder Arch Enemy. Leider ohne mich. Das Wetter macht nicht nur mir einen Strich durch die Rechnung.

Gesamt betrachtet hat sich das Christmas Metal Festival gelohnt. Man muss eben flexibel sein, die Running Order oder auch die Preise ändern sich spontan. Dafür gab es in diesem Jahr ein faires Abendkassensystem, so dass man wirklich nur die Hauptacts bezahlen musste. Vier Tage Festival an zwei verschiedenen Wochenenden und Orten sind leider sehr unpraktisch, was die Veranstalter auch zu spüren bekamen. Da musste man sich entscheiden, welche Tage man auswählt. Aber das Line-Up konnte sich definitiv sehen lassen. Ob und in welcher Form es das Christmas Metal Festival im nächsten Jahr geben wird, ist derzeit leider noch unklar, aber wenn es wieder stattfindet: Es wird sich lohnen!

Rezension: David Peace – 1974

Ein Trip durch die Hölle

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Edward Dunford ist ein junger, aufstrebender Gerichtsreporter im Norden Englands, seiner Heimat, in die er nach einigen Lehrjahren in der Londoner Fleet Street – dem Zentrum der englischen Presse – gerade zurückgekehrt ist. Er hat bereits einen großen Fall in seiner Karriere bearbeitet und dafür Ruhm und Ehre eingeheimst. An seinem ersten Arbeitstag im Dezember 1974 in der Redaktion der Yorkshire Post schlägt ihm allerdings wenig Sympathie von den alteingesessenen Platzhirschen entgegen. Außerdem hat er gerade erst seinen Vater beerdigt. Umso energischer stürzt er sich daher in die Recherchen zu seinem vermeintlich ersten bedeutenden Fall hier im Norden: Am Tag vor seinem Dienstantritt ist die zehnjährige Clare Kemplay auf dem Heimweg von der Schule verschwunden, die Ermittlungen der Polizei laufen auf Hochtouren. Doch wieso scheint Eddie der einzige zu sein, der hier Verbindungen zu zwei weiteren in den letzten fünf Jahren verschwundenen kleinen Mädchen sieht? Wieso nimmt ihn keiner seiner Vorgesetzten, niemand Ranghöheres von der Polizei ernst? Als Clare Kemplay kurz darauf missbraucht und grausam ermordet auf einer Baustelle aufgefunden wird, stürzt sich Eddie kompromisslos und auf eigene Faust in die Recherchen und sticht damit in ein Wespennest aus Korruption, personellen Verflechtungen auf höchster Ebene, Erpressung und Gewalt. Seine Ermittlungen führen ihn in die höchsten Kreise von Polizei und Stadtverwaltung, und diese Menschen wollen ihre Geheimnisse um jeden Preis wahren. Nach einem elftägigen Albtraum, in dem Eddie unzählige Male verprügelt, gedemütigt und bedroht wird und viele Menschen sterben, stößt er schließlich auf den wahren Mörder der Mädchen. Frieden bringt ihm dies jedoch nicht.

1974 ist wahrlich kein einfach zu lesendes Buch. Die Handlung ist hart, brutal, erbarmungslos, die Atmosphäre düster und hoffnungslos, die Sprache dementsprechend verknappt, assoziativ, schnell. Ein Hard-boiled-Thriller par excellence, der auf jeder Seite den Geist des großen Meisters dieses Genres, James Ellroy, atmet. Leider mangelt es dieser Verneigung vor dem großen Vorbild meiner Meinung nach massiv an Eigenständigkeit und vor allem der Finesse solcher Romane wie Die schwarze Dahlie, sondern bedient sich allzu sehr der bewährten Versatzstücke des Genres. Ein einzelkämpferischer Ermittler – in diesem Fall ein junger Gerichtsreporter –, der sich gegen alle Widerstände in einen Fall verbeißt und von allen Seiten dafür Schläge und Drohungen kassiert; eine düstere, hoffnungslose Atmosphäre aus Gewalt, Verbrechen, Leid und Brutalität; ein desillusioniertes Menschenbild.

Die dazugehörige Sprache ist dementsprechend wenig feinfühlig, und je öfter ein Fäkalausdruck oder ein Schimpfwort in einem Satz verwendet wird, desto authentischer will sich das Buch geben. Stakkatohafte, verknappte Sätze, häufige Perspektivenwechsel in diesem eigentlich von einem Ich-Erzähler dominierten Text, eine schwer überschaubare Menge an handelnden Personen und hohe Dialoglastigkeit machen es dem Leser anfangs schwer, sich auf das Buch einzulassen. Seine besten Momente hat 1974 aber tatsächlich, wenn es nicht mit Gewalt einen auf dicke Hose machen möchte, sondern fast so etwas wie ein stringent erzählter Journalistenthriller wird, wenn der Autor auch mal erzählt und dem Leser die Chance gibt, Eddies Ermittlungen folgen zu können. Dann entwickelt das Buch etwas von der in vielen Rezensionen angepriesenen Größe, und man kann sich von der höllischen Atmosphäre dieser elf Tage gefangen nehmen lassen.

Schwerer noch als die Sprache fiel mir allerdings, einen Zugang zur Hauptfigur Eddie zu finden – auch wenn dieser Zugang wahrscheinlich gar nicht vorgesehen war und ich nur danach gesucht habe. Das gesamte Personal des Buches handelt oft sehr impulsiv, irrational und grundsätzlich gewalttätig – ob verbal oder tätlich –, und Eddie macht da keine Ausnahme. Er ist das lebende Klischee eines Reporters vergangener Zeiten, sein Leben besteht aus Rauchen, Kotzen, Saufen, Verprügelt werden, niemals Wasser an sich lassen oder gar Schlafen, zwischendurch die von ihm schwangere Freundin abservieren, eine andere Frau vögeln (die ihn trotz seines verwahrlosten Zustandes natürlich sexy findet) und und und. Und der irgendwie nebenher einer wirren Story nachjagt, die der Leser nicht unbedingt in allen Einzelheiten nachvollziehen können muss.

Aber: Ich will das Buch nicht vollkommen verreißen, es ist ein Debüt, von dem aus der Autor sich definitiv noch weiterentwickeln kann. Für James-Ellroy-Jünger ist es auf jeden Fall eine lesenswerte Lektüre, und wenn man die ersten verwirrenden hundert Seiten, in denen einem Personen, Schauplätze und Ereignisse rücksichtslos um die Ohren gehauen werden, hinter sich gebracht hat, liest es sich auch recht spannend. Mir allerdings blieb das Buch – für mich bedingt durch die Sprache des Autors, die an einigen Stellen auch durchaus verbesserungswürdig zu übersetzen gewesen wäre – immer zu sehr an der Oberfläche, hat mich trotz der explizit dargestellten Gewalt nicht berührt. Meine Art von Thriller ist es definitiv nicht, doch davon soll sich niemand abhalten lassen, dem Buch eine Chance zu geben. „Die Zukunft des Kriminalromans“, wie Ian Rankin vollmundig auf dem Cover von 1974 verkündet, sehe ich darin allerdings wirklich nicht.

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David Peace (geb. 1967) stammt aus Yorkshire, England und schreibt überwiegend Kriminalromane. Er arbeitete lange Jahre als Englischlehrer in Istanbul und Tokio und lebt seit einigen Jahren mit seiner japanischen Frau und zwei Kindern wieder in England. Sein Werk umfasst mittlerweile eine Vielzahl von Romanen – darunter das bekannte „Red Riding Quartett“, dessen Auftakt 1974 bildet –, die alle mehr oder weniger genau auf realen Ereignissen, wie z.B. den Morden des Yorkshire Rippers Peter William Sutcliffe (beim „Red Riding Quartett“) basieren.
Seine Werke wurden international ausgezeichnet, außerdem erhielt er u.a. bereits zweimal den Deutschen Krimipreis.

Verlag: Heyne Hardcore
Format: TB, 384 Seiten
Originaltitel: NINETEEN SEVENTY FOUR
Übersetzung: Aus dem Englischen von Peter Torberg
Preis: € 8,95

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CD-Review: Nightwish – Imaginaerum (VÖ: 2.12.2011)

Ein Feuerwerk der Fantasie

Vier Jahre nach dem Debüt mit neuer Sängerin veröffentlichten die finnischen Symphonic-Metaller am 2.12. ihr neues Album „Imaginearum“. Als Sahnehäubchen oben drauf gibt’s zum Album einen Film, beruhend auf den einzelnen Stücken und nach der Idee von Songwriter Tuomas Holopainen. Wie man sich diesen nun genau vorzustellen hat, weiß ich leider nicht, aber hier soll es auch erst mal nur um die Musik gehen, denn die steht ja nach wie vor im Mittelpunkt.
Im Vergleich zum Vorgänger Dark Passion Play ist Imaginaerum vor allem eines: anders. Weniger easy-listening, die Songs gehen langsamer ins Ohr, wenn sie dort allerdings erst mal ankommen breiten sie sich beeindruckend weit aus. Generell ist Imaginaerum rhapsodischer, man kann von den ersten Takten eines Liedes kaum auf dessen Ende schließen. Wendungen und Überraschungen, sowohl harmonisch als auch instrumental, begleiten fast jedes Lied. Der rote Faden, in variierender Form, ist deutlich sichtbar in den 13 Stücken: Fantasie. Träumen, Hoffen, Wünschen. Das reicht von Gutenacht-Geschichten über Alpträume bis hin zu Reisen in den fernen Orient.
Die erste Singleauskopplung „Storytime“ (erschienen am 8.11.) ist eigentlich kein besonders repräsentatives Stück für Imaginaerum. Wahrscheinlich das poppigste, das das Album zu bieten hat, eignet es sich aber wohl gut dazu, einen leichten Einstieg zu bieten.

Endlich wieder ein Lied in ihrer Muttersprache finden wir als ersten Track – „Taikatalvi“ („Wintermagie“), gesungen von Basser Marco Hietala. Ein zauberhaft melancholisches Stück in finnischer Folk-Manier, das stilistisch den ruhigen Trio Niskalaukaus Songs ähnelt und schließlich nahtlos in „Storytime“ übergeht.
Mit „Ghost River“ betreten wir nun weniger massentaugliche Gefilde, anfangs sehr düster und eher wild, mischt sich jedoch im Verlauf des Stückes ein geradezu heroischer Unterton hinein, der zu einem strahlenden Ende hinführt.
Eine Innovation erwartet uns mit „Slow, Love, Slow“. Jazz? Ich dachte, die machen Metal? Und doch hören wir hier extreme Anspielungen auf den ruhigen, etwas düsteren Bar-Swing der 20er Jahre, natürlich nicht ohne typischen Nightwish-Klang.
Mein erster Gedanke bei Track fünf, „I want my Tears back“, war in etwa: Oh je, plötzlich doch wieder so platt? Aber bei intensiverem Hören kristallisiert sich ein wunderschöner Refrain heraus, der von Sängerin Anette und Marco in ihre persönlichen Interpretationen eingefärbt wird. Schließlich mündet das Ganze in ein folkiges Instrumental-Battle zwischen Uillean-Pipes, Fiddle und Gitarre, das definitiv Spaß macht.
Doch gleich wird es gruselig: „Scaretale“ entführt den Hörer in einen Alptraum, in dem er einer mörderischen Braut, einem wahnsinnigen Zirkus und allerhand anderen Kinderschrecken begegnet. Musikalisch erinnert es teilweise an Danny Elfman, den Chefmusikanten von Tim Burton, was dem Stück einen nahezu burtonesquen Hauch verleiht.
Es geht nahtlos weiter mit dem Instrumental „Arabesque“, eine sehr rhythmische Reise auf einem fliegenden Teppich. Ein Stück, zu dem man sich einen Haufen Schals suchen möchte um den Tanz der Sieben Schleier aufzuführen!
Track Acht, „Turn loose the Mermaids“, beruhigt die Stimmung etwas und erzählt eine traurige Geschichte über lange vergangene Liebe. Nur wieso der Erzähler jemandes Zähne kontrolliert, will mir nicht in den Kopf, aber das ist wohl eine Metapher
„Rest Calm“ beginnt eher durchschnittlich, entwickelt sich aber zu einem extrem kraftvollen Ende hin, all die schönen Erinnerungen auffängt und episch in den Vordergrund rückt.
Ein Lied über Vögel? Na nu, sind wir unter die Ornithologen gegangen? „The Crow, the Owl and the Dove“ klingt nach dem Soundtrack zu einem nachdenklichen Romantik-Schinken, zum Teil sogar nach „The Last Unicorn“. Mancher mag es zu dick aufgetragen finden und hätte damit zumindest für den Mittelteil auch recht, aber im Großen und Ganzen ein sehr angenehmes, romantisches Stück zum Träumen.
Wir nähern uns dem Finale, auch inhaltlich: „Last Ride of the Day“ klingt anfangs wie der Ritt zur Schlacht, wird dann aber etwas fröhlicher und schlägt einen sehr optimistischen Ton an: „Aufwachen! Die Zukunft ist jetzt, lebe dein Leben!“ scheint es dem Hörer zurufen zu wollen.
Mit „Song of Myself“ gibt uns Tuomas einen kleinen Einblick in seinen verrückten Kopf. Die Melodie etwas flach, doch was sich darunter abspielt ist atemberaubend. Auch hier – wie schon vorher – sollte man nicht mit dem alten „Strophe – Refrain-Schema“ rechnen, es werden wesentlich komplexere Teile zusammengefügt, ohne dabei den Charakter des Liedes zu verändern. Es endet mit einem minutenlangen Gespräch über Eindrücke, Gedanken, Hoffnungen, Erinnerungen, Wünschen… also mit der Quintessenz des Albums!
Als besonderes Zuckerl hat sich Arrangeur Pip Williams als letzten Track ein orchestrales Medley der Stücke einfallen lassen, bei dem man die Gelegenheit bekommt, die Themen in ihrer Reinform nochmals zu verfolgen und sinken zu lassen. So beenden wir eine Reise in die Fantasie, schlagen unser Buch zu und stellen es zurück ins Regal, doch nicht, ohne ein Stück Kindheit wiedergefunden zu haben, das unter dem Alltag verschüttet lag.

Fazit: Ein unheimlich interessantes Album, aber nichts zum nebenbei hören. Es zieht den Hörer nicht mit, sondern er muss schon selbst schauen wo er bleibt und aktiv zuhören und mitdenken. Komplexer als sein Vorgänger, jedoch muss ich bemängeln, dass viele der Melodien etwas flach und nahezu poppig sind, dadurch allerdings besser zu Anette’s Stimme passen. Trotzdem besteht da noch etwas Nachholbedarf. Im Allgemeinen ein sehr ambivalentes Album, jedes Stück hat mindestens einen genialen Moment, manche sind insgesamt echte Perlen, andere dümpeln nach ihrem großen Augenblick etwas vor sich hin. Doch alles in allem nicht nur für Fans ein Ohrenschmaus, sondern auch durchaus einen Versuch wert für diejenigen, denen die letzten Alben von Nightwish nicht gefielen.

Nightwish (2011)
Nuclear Blast
www.nightwish.com

Tracklist

1. Taikatalvi
2. Storytime
3. Ghost River
4. Slow, Love, Slow
5. I want my Tears back
6. Scaretale
7. Arabesque
8. Turn loose the Mermaids
9. Rest Calm
10. The Crow, The Owl and the Dove
11. Last Ride of the Day
12. Song of Myself
13. Imaginaerum

 

Rezension – Daniel Pyne: Rachezeit

Die Wüste ist ein grausamer Ort

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Die Freundschaft zwischen Jack und Tory wurde bereits mehrfach auf harte Proben gestellt, aber sie hält dennoch schon seit 15 Jahren – und das obwohl der jähzornige Tory seinen besten Kumpel einst bei einem Streit so schwer verletzte, dass Jack auf einem Auge blind ist. Doch jetzt droht der latente Streit zwischen den beiden zu eskalieren, denn Tory findet heraus, dass Jack ein Verhältnis mit seiner Frau hat.

Jack flieht in ein Motel in der Wüste, um der Rache des Psychopathen zu entgehen. Dort trifft er auf die jugendliche Ausreißerin Rachel und die undurchsichtige Mona, die ihn sofort fasziniert. Die beiden beginnen eine leidenschaftliche Affäre, doch Jack weiß, dass er nicht bleiben kann, er muss auf der Hut sein. Bevor es richtig ernst werden kann, verlässt er die dunkle Schönheit und will sich absetzen, nur weg, nur keine Verantwortung, nur nicht noch mehr Komplikationen!

Komplizierter wird es allerdings: Mona wird bestialisch in Jacks Motelzimmer abgeschlachtet, und Jack gerät unter Mordverdacht. Doch er weiß: Torys Rachefeldzug hat gerade erst begonnen…

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Die Gotik

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Kölner Dom

Bei meinem letzten Besuch in Köln war ich mal wieder im Dom. Diese düstere Schönheit – in der Schule habe ich darüber mal ansatzweise etwas gelernt, aber es blieb nicht viel davon im Gedächtnis. Darum hab ich mir einen Vortrag zum Thema „Die Gotik als Gesamtkunstwerk am Beispiel französischer Kathedralen“ bei der VHS geleistet. Hier für Interessierte eine Zusammenfassung:

Die Gotik hat sich im Mittelalter entwickelt. Im Laufe des 12. bis 15. Jahrhundert wollte der Klerus die neu zu bauenden Kathedralen als eine Art „Bibel für Arme“ gestalten und das unwissende Volk dadurch belehren, u. a. wurden Geschichten aus dem Leben der Heiligen gezeigt und von kirchlichen Festen mittels Glasgemälde erzählt. Ebenso ausdrucksstark sollten die Portalstatuen sein.

Die Ausrichtung der neuen Bauwerke hatte in der Gotik von Ost nach West zu erfolgen. Der Kopf im Osten, in Richtung aufgehender Sonne. Den Außenfassaden an der Nordseite waren die Darstellungen des Alten Testaments, denen an der Südseite des Neuen Testaments vorbehalten; die Westfassaden sollten das jüngste Gericht darstellen und die Ostfassaden Todesszenarien vermitteln.

An den Kirchen bemerkt man den Höhendrang, die „Himmelssehnsucht“. Die vertikale Tendenz gotischer Bauten im Gegensatz zu mehr horizontalen Gebilden der vorausgegangen romanischen Baukunst zeigen den Unterschied der Architekturstile. Über den Portalen sind oftmals Heilige in Bogenform zu sehen. Ein hl. Papst bzw. König wurde bei dieser Anordnung erhöht und mittig abgebildet. Typisch ist auch die spitz zulaufende Fensterform.
Die Steinmetzmeister, die dem Äußeren der gotischen Bauten Gestalt geben sollten, wurden mit ihren umfangreichen Arbeiten an großen und unzähligen kleinen Skulpturen nur selten rechtzeitig fertig.
Das Gewölbe einer Kathedrale wird durch das Kreuzrippe getragen und leitet den Gewölbedruck zu den Pfeilern (s. a. Link). Dadurch ergeben sich auch die gegliedert aufgestellten Pfeiler.

In der Gestaltung der Figuren überwiegt eine gewisse Typisierung. Hierbei sollte das Wiedererkennen der Darstellungen gewährleistet werden bzw. für das einfache Volk erleichtert werden. Die Dreidimensionalität fehlt und Objektschatten werden nicht dargestellt. Die starre Haltung der Statuen sowie der sich wiederholende Gesichtsausdruck sind diesem Kunststil entsprechend, v.a. auch durch die Praxis der Bildhauer im Mittelalter, schön gestaltete Gesichtsdarstellungen als Muster an Steinmetze weiterzugegeben. Erst Ende des 14. Jahrhunderts bemühten sich die Künstler, den Gesichtern der Statuen Gefühlsausdruck zu geben.

Die Kunst war im Mittelalter eine Art Heilige Schrift mit festgeschriebenen Attributen. Zum Beispiel musste der Heiligenschein vertikal und symmetrisch angebracht sowie mit einem Kreuz versehen werden, das die Göttlichkeit kennzeichnete. Der Lichtschein, der die heilige Person umgibt, war am ganzen Körper anzuwenden.
Ferner sollten Gott, Jesus und die Engel barfuss gestaltet sein, aber nicht Maria und die Heiligen. Der Himmel wurde durch mehrere geschwungene, konzentrische oder manchmal auch gezackte Linien dargestellt.
Parallel verlaufende Linien bedeuteten Wasser, die Flüsse und das Meer.
Ein Turm und ein Tor stellten eine Stadt dar. Sah man zwischen den Zinnen einen Engel, war die Stadt Jerusalem gemeint.

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Kölner Dom – Glasfenster

Bei den (Glas-)Bildern musste der Künstler eine gewisse Rangordnung der Abgebildeten einhalten, z.B. wurde Petrus an die rechte Seite von Jesus gesetzt. Das resultiert auch aus der Ansicht des Klerus, dass links nur unwürdige Personen stehen und rechts die würdigen.

Die Symbolik ist in der Gotik weit verbreitet. Seit der Zeit des Urchristentums, soll heißen in den Katakomben Roms, wendet die christliche Kunst Symbole an. Zum Beispiel stellt ein Löwe, der neben dem Grab Christi steht, die Auferstehung dar, Stroh bezeichnet die Sünde. Damals wurde gesagt, dass jede Form in der Kunst durch den Geist, durch das Symbol belebt wird. Dazu gehören auch die Gestik, die Priestergewänder, die Gegenstände, die bei der Messe und anderen Zeremonien gebraucht werden, die Tiere und sogar die Pflanzen, die ein Künstler darstellt.

Das in der Gotik verwendete „Bestiarium“ ist eine mittelalterliche Tierdichtung. Es zeigt auch die Symboleigenschaft der Tiere in der mittelalterlichen Kirchenkunst, insbesondere in Frankreich. Evangelisten wurden z. B. durch den Löwen (Markus), den Stier (Lukas) und den Adler (Johannes) dargestellt.

Auch die Flora wurde symbolisch eingesetzt: die Rosen symbolisierten das Blut Jesu, Nesseln die brennende Glut des Lasters. Ein Gewächs konnte auch mehrere Bedeutungen haben, z. B. die Lilie. Sie bezeichnete erst den Heiland, später auch die Heiligen, die Menschheit oder die seligen Gefilde. Die Künstler mussten vorwiegend Frühlingsgewächse einsetzen, z. B. Sprösslinge, Ranken, Zweige, Reben. In Stein wurden Wegerich, Farn, Ginster, Efeu gemeisselt.

Adam und Eva wurde die Bearbeitung der Felder auferlegt. Deswegen finden sich in vielen Kirchen in Stein gemeisselte Jahreskalender. Die Feldbestellung, der Weinbau und die Ernte wurden von einem Tierkreis begleitet. Diese Bilder sind dem Heidentum entnommen und fanden nichtsdestotrotz ihren festen Platz in den Sakralbauten der Christen.

Für die Menschen im Mittelalter waren Heilige nicht nur Helden der Weltgeschichte, sondern auch ihre Fürsprecher und Schutzpatrone. Dementsprechend oft wurden große Heilige in der Glasmalerei der Kirchen verherrlicht. Im Rang der Heiligen nahmen die Apostel den ersten Platz ein, danach kam St. Nikolaus und der Hl. Jakobus.

Ein Irrtum der Handwerker in der Darstellung und Malerei oder eine Nichtbeachtung der vorgenannten Richtlinien der römischen Kirche galt als Ketzerei.

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Kölner Dom

In den Kunstwerken der Kathedralen waren auch Handwerker mit den von ihnen gestifteten farbigen Fenstern vertreten. Es wurden Glasbilder mit den Attributen der Stifter in Auftrag gegeben und ausgeführt: z. B. dem Webstuhl, dem Metzgermesser, dem Hammer, der Maurerkelle oder der Schaufel. Könige, Edelleute und Bischöfe nahmen in den Glasgemälden als Stifter nur einen bescheidenen Platz ein, meistens in Demut vor Jesus, Maria oder einem Heiligen.

Die großen Männer des Altertums sind in den gotischen Kirchen kaum dargestellt. Jedoch findet man in Frankreich die Taufe Clodwigs und die Geschichte Karls des Großen dargestellt.

Man kann die Gotik auch noch in weiteren deutschen Kirchen finden, z. B. im Regensburger Dom, dem Ulmer Münster, der St. Martins-Kirche in Landshut und dem Müncter zu Freiburg.

Wer sich für die Gotik interessiert, kann auch bei Wikipedia weitere Informationen nachlesen.

Rezension: Andras – Schatten

Viel Schmerz und nackte Haut

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Im verschneiten Wien wird bereits die dritte junge Frau gekreuzigt vorgefunden. Der nackte Körper ist übersät mit Striemen von einer Peitsche. Marcus Wolf, ehemaliger Polizist und durch eine Erbschaft vor acht Jahren Besitzer des bekanntesten SM-Clubs der Stadt wird in die Ermittlungen einbezogen. Alle Spuren führen zu seinem Edel-Bordell und er ist der einzige, der über die nötigen Kontakte zur Szene verfügt, um den Täter zu identifizieren. Doch Wolf plagen plötzlich Zweifel, ob alles, was er im „Dominion“ und mit seinen drei Subs tut so richtig ist. Was hat der Erbonkel zweien von ihnen angetan und welche Verbindungen hatte er, dass ein altes Video einer Kreuzigungssession im Internet auftauchen konnte und nun nachgestellt wird? Ein geplanter Rachefeldzug gegen Wolf oder Sadisten, die keine Grenzen kennen und mit einer unbekannten Substanz ihre Opfer willig machen? Doch viel Zeit für Nachforschungen bleibt nicht mehr, denn über das nächste Opfer wird bereits im Internet abgestimmt und in drei Tagen ist Deadline…

Der Roman fesselt. Gleich mit einem Tatort beginnend, wartet man darauf, dass dieser Strang der Geschichte weitererzählt wird. Doch die Verwicklungen führen in die Vergangenheit, erzählen ein bisschen von damals, vor acht Jahren, als Marcus Wolf noch Polizist war und keinen Kontakt zu seinem Onkel hatte. Bei der Sitte hat Wolf genügend Puffs von innen gesehen, doch das „Dominion“ ist etwas anderes: Ein BDSM-Schuppen, der zu den bekanntesten Wiens gehört.
Dass die ganze Story damit zu tun hat, mag kaum verwundern. Der Umfang jedoch schon – und alle großen und kleinen Geständnisse, die ans Licht kommen.
Andras, der Autor, erzählt sehr feinfühlig, wie es in der BDSM-Welt zugeht. Er beschreibt krasse Sexszenen, malt Sessions in blutigen Farben und irgendwo dazwischen findet sich auch mal Blümchensex unter Stinos. Sein Protagonist Marcus Wolf war auch mal so ein Stino, ein Stinknormaler eben, der mit Peitschen, Handschellen, Ball-Gags und Paddels nicht viel zu tun hatte. Er ist verheiratet mit einer seiner drei Subs und kein Dom aus Leidenschaft. Vielmehr kämpft er mit sich, muss sich teilweise dazu zwingen, Caro, Amber oder Jacqueline wehzutun. Doch nach all den Jahren hat er sich daran gewöhnt und muss feststellen, dass er Gefallen daran gefunden hat, seine Liebsten zu demütigen, ihnen wehzutun oder sie an andere auszuleihen. Was wie ein No-Go klingt, ist in der Szene üblich und gar nicht so verwerflich, wie es erscheint. Durch die Zweifel des Protagonisten an seinen neuen sexuellen Vorlieben, durch seine Angst, die Grenzen zu überschreiten, erfährt der Leser, der mit der Szene nicht viel zu tun hat, dass hinter BDSM keine skrupellose Gewalt steht, keine harten Kerle, die gerne Frauen dominieren, die sich nicht wehren können, sondern genau das Gegenteil: Dahinter stehen starke Frauen, die es kickt, wenn sie geschlagen werden und wehrlos gefesselt eine Nacht auf dem Fußboden verbringen müssen. Dahinter steckt viel Vertrauen und Zustimmung und noch etwas ganz Wichtiges: Liebe. Was Außenstehende nicht begreifen können, ist die gegenseitige Zuneigung und die Verantwortung, die der dominante, sadistisch veranlagte Top für den devoten und masochistischen Partner übernimmt – und dass jeder Bottom Mayday sagen und damit das Spiel sofort beenden kann. Andreas hat ein Tabuthema angesprochen und mit viel Sorgfalt aufgearbeitet.
Dass es auch anders geht, dass Grenzen überschritten werden und ein Save-word eben nicht berücksichtigt wird, ist der unschöne Teil der Geschichte und daraus resultieren die Morde, die ausgepeitschten jungen Frauen an den Kreuzen in Wien.
Manchmal ist es eklig, was beschrieben wird. Ich kann das Buch nicht an einem Nachmittag durchlesen und nur warnen, es kann verstören. Aber spannend ist es von der ersten bis zur letzten Seite und immer wieder für eine überraschende Wendung gut.

Fazit:
Eine gut durchdachte Story, die alles hat, was man erwartet: Viel Sex, ausreichend Crime und kleine Prisen Liebe und Romantik.


Andreas – Schatten
592 Seiten
Heyne Hardcore 2008
9,95 €
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Interview mit Dystrance

Als „Commercial-Future-Trance-Pop“ beschreibt Dennis K. sein Projekt „Dystrance“ auf Facebook. Nach den Downloaderfolgen von „Pure Love Infinity“ und „Walking in Circles“ veröffentlichte er vor knapp einem Monat einen weiteren Song. Der Sänger und Gründer der Gothic-Band FragileChild lebt für die Musik – und ist dabei offen für verschiedene Genres. In diesem Exklusivinterview hat Dennis K. sich Zeit genommen, um über das Projekt zu erzählen.

Kyra Cade:„Le Coeur de la Mer“ ist am 04.11. als Download erschienen. Knüpft die Single an die Erfolge von „Pure Love Infinity“ und „Walking in Circles“ an?
Dennis K.: „Le Coeur De La Mer“ knüpft sogar sehr gut an die „Erfolge“ der beiden anderen (kostenlosen) Download-Singles an!! Bin sehr überrascht, da es ein neues Projekt ist und darüber hinaus „nur“ ein Nebenprojekt.

K. C.: Du planst ein Album. Wie weit sind die Vorbereitungen?
D. K.: Nun ja, ich experimentiere gerade noch ein wenig. „Dystrance“ besteht, wie man vielleicht schon auf der „Tanz EP“ hören konnte, aus mehreren Facetten, welche ich innerhalb dieses Jahres noch weiter ausgebaut habe. Die Vorbereitungen laufen gut, nur noch ein paar Songs und dann nehmen wir die Gesänge für das Album auf, welches den Titel „Euphoria“ tragen und elf Songs haben wird. „Euphoria“ wird voraussichtlich im Sommer 2012 veröffentlicht.

K. C.: Wird das Album nur als Download verfügbar sein?
D. K.: Das weiß ich zum aktuellen Zeitpunkt leider noch nicht. Wenn es als CD veröffentlicht wird, dann als streng limitierte Edition. Als Download wird es das Album definitiv geben.

„Ein Zustand relativer Hilflosgkeit“

K. C.: Auf Facebook hast Du nach Gastmusikern gesucht. Läuft das gut oder suchst Du immer noch?
D. K.: Die Suche beschränkt sich mittlerweile auf Remix-Interessenten. Auch im punkto Gastsänger/in hat sich etwas geändert, da ich für „Dystrance“ nun eine feste Sängerin habe, worauf ich schon sehr stolz bin und mich sehr auf die Zusammenarbeit / Aufnahmen mit ihr freue! Aber wenn sich Gastmusiker melden und das Zusammenspiel passt, wäre ich nicht abgeneigt. Bin generell offen für alles und sehr experimentierfreudig. Es muss einfach nur passen.

K. C.: Dystrance ist ein Begriff aus dem Bereich der Hypnose. Er bezeichnet einen Zustand relativer Hilflosigkeit. Wieso ausgerecht dieser Name für das Projekt?
D. K.: Ich fand den Begriff sehr prädestiniert für mein Soloprojekt. Zu Beginn hieß das Projekt noch „TranceMission“, was mir aber nach kurzer Zeit schon zu kitschig wurde und ich mich dann auf puren „Trance“ festlegen müsste und das wollte ich nicht. Ich wollte etwas in Richtung „Trance“ machen, mich jedoch nicht darauf beschränken. Also hab ich mich ein wenig mit dem Begriff „Trance“ an sich beschäftigt und bin auf „Dystrance“ gestoßen. Allein dessen Bedeutung ist schon sehr aussagekräftig.

K. C.: Dystrance, Emportement, Letters for D., FragileChild. Alles Projekte, an denen Du beteiligt bist. Sticht eines besonders raus?
D. K.: Ich finde, dass jedes Projekt seinen Reiz hat! So habe ich für jedes Gefühl und für jede Laune einen Trichter. Ich mag‘s nicht, wenn ich vier bis fünf Musikrichtungen auf einem Album habe, möchte jedoch aber auch meinem „kreativen Fluss“ freien Lauf lassen, ohne mich in irgendeiner Hinsicht einschränken zu müssen.

Viel geplant für die Zukunft

K. C.: Mit FragileChild steht im Dezember die Veröffentlichung des neuen Albums „Pulse of Life“ an. Wird das nicht manchmal ein bisschen viel?
D. K.: Ich hab ja sonst keine Hobbys also von dem her… Nein, im Ernst: „FragileChild“ hat Priorität, da wird es manchmal schon sehr viel, weil es dort mehr Aufgaben zu bewältigen gibt als bei anderen Projekten. Da die Solo- und Nebenprojekte nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen (was ich auch weiterhin so beibehalten werde), wird es auch nicht „zu viel“. Es macht ja unheimlich viel Spaß, neue Songs zu schreiben.

K. C.: Dystrance ist ein reines Studioprojekt. Soll sich das einmal ändern?
D. K.: Ich glaube nicht, dass sich da was ändert. Wenn, dann werde ich, sollte es einmal soweit sein, ein Special Event machen, aber zu viele Auftritte sollten es nicht werden. Generell heißt es in dem Fall, abwarten, was die Zukunft hierfür bereithält.

K. C.: Was hast Du mit Dystrance noch vor?
D. K.: An erster Stelle steht die Fertigstellung der Songs für das Debutalbum. Vorher wird es noch die „Mindcontrol“ und „Heartcontrol“ EPs geben, welche sich musikalisch vom Album abheben. Ansonsten fände ich es einfach toll, wenn ich‘s mit „Dystrance“ auf einen Sampler wie z.B. „Trance Voices“, „Dream Dance“ oder in der Art schaffen würde.

K. C.: Ein paar Worte zum Schluss?
D. K.: Erst mal ein Danke an dich. Danke an alle Fans von Dystrance und kämpft für eure Träume, sie sind es wert!

K. C.: Vielen Dank für dieses Exklusivinterview!

CD-Review: Corvus Corax – Sverker

Sie haben es wieder getan: Corvus Corax veröffentlichen am 25.11.11 ihr neues Album „Sverker“.
Schon im Vorfeld hatten sie täglich einen Song in Auszügen veröffentlicht, um auf die neue Scheibe aufmerksam zu machen. Dabei können sich die Könige der Spielleute, die eben noch in Mexiko gastierten und in den nächsten Tagen ihre Tour durch Deutschland beginnen, bereits großer Beliebtheit erfreuen, stehen sie doch seit 22 Jahren auf der Bühne und begeistern.
Ob Dudelsack, Schalmei, Trumscheit oder Percussion, die Spielleute wissen, wie man in alte Zeiten entführt.
Auch ihr neues Album ist schöne, gediegene Musik. Ruhige Töne schlagen sie dieses Mal an und begeben sich mit „Sverker“ auf die musikalischen Spuren des mittelalterlichen Nordeuropas. Zehn Länder wurden bereist, auf der Suche nach Inspiration, Legenden und Bräuchen. Dass Corvus Corax fündig geworden sind, beweisen sie eindrucksvoll.

Das Intro ist ruhig, dunkel, stimmt gut ein auf das, was kommt, als wolle es sagen: Setzt euch hin, entspannt euch, schließt die Augen und lasst euch in den Norden entführen.
„Gjallarhorn“ klingt nach Ankunft. Langsam und majestätisch beschreitet man den Bifröst, der in der Mythologie Midgard und Walhalla verbindet. Heimdal ist der Wächter der Götter und besitzt das Gjallarhorn. Wie ein langsamer Marsch auf dieser Brücke, auf dem Weg ins Walhalla schreitet die Musik voran.
Der dänische König „Sverker“ scheint in dem gleichen, schreitenden Stil aufzutreten, zumindest ähnelt das Thema des gleichnamigen Songs dem Vorangehenden.
Geradezu tanzen möchte man, wenn „Fiach Dubh“ erklingt. Eine kleine irische Kneipe vor Augen, Guinness trinkend und sich die roten Bärte zwirbelnd. Das kann ich mir sogar als Frau vorstellen, wenn ich der leichten Musik zuhöre und diese mich entführt aus dem kalten Deutschland.
„Trinkt vom Met, vom Bier und vom Wein. Alles, ja, alles, das muss hinein, und wenn dann die Nacht beginnt, füllet die Gläser hoch bis zum Rand!“ Kann man stilechter zum Trinken aufgefordert werden als durch dieses Lied?
Da passt es dann auch, dass der nächste Song uns noch einmal zum Trinken bewegen möchte, aber das Tanzen bitte nicht vergessen und die Liebe auch nicht! „The Drinking Loving Dancers“ hat Elemente eines ruhigen, hymnenartigen Gesangteils und die spielerische Leichtigkeit der Dudelsäcke, die man von Corvus Corax gewohnt ist. Selbst im Sitzen wippe ich mit, weil es bei diesem Lied gar nicht anders geht.
Flötenspiel beschreibt den Tag im Mai, der als nächstes mit sanfter Stimme besungen wird. Eine schöne Ballade, die nachdenklich stimmt. Da macht es auch nichts, dass man den Text nicht versteht.
„Havfru“ könnte die Jagd durch’s Wasser beschreiben, auf der Suche nach einem unglücklichen Seemann, der sich in die Meerjungfrau verliebt und ihrem tödlichen Gesang folgt. Der Trommelrhythmus zieht mit und wird sehr schön vom Dudelsack untermalt.
Militärisch hingegen klingt der Beginn von „Baldr“. Ein Aufmarsch zur Schlacht, die jungen Krieger noch alle angespannt und siegesgewiss. Das instrumentale Stück erinnert an die Kampfvorbereitungsszenen aus „Herr der Ringe“, „Die Chroniken von Narnia“ oder ähnlichen Filmen. Gegen Ende hin wird es schneller und ich habe das Gefühl, die Spannung steigt – worauf auch immer – bis es abrupt abbricht.
Ein Wikingerschiff, das langsam durch Wasser gleitet, oder doch ein Bach, der durch einen Wald rauscht, vielleicht auch der Klang der Räder einer Kutsche, die langsam auf unsicherem Weg gezogen wird. Ich kann mich nicht entscheiden, welche Assoziation am ehesten zum Beginn von „Ragnarök“ passt. Vielleicht doch das Schiff, das sich anschleicht, die Feinde ins schlafende Dorf bringt, die sogleich die Bewohner ermorden oder gefangen nehmen und die Besitztümer plündern, musikalisch sehr schön durch schnellen Trommelrhythmus, Schalmei und weitere Instrumente dargestellt. Fast anklagend erscheint dann eine helle, weibliche Stimme, als beweinte sie das in Flammen aufgegangene Dorf. „Ragnarök“ bezeichnet in der nordischen Mythologie das Schicksal der Götter, die in der letzten großen Schlacht gegen die Riesen kämpfen. Drei lange Jahre dauert der Kampf, der viele – und schließlich auch Odin – das Leben kostet. Im Weltbrand wird die ganze Welt zerstört. Doch am Ende entsteht ein neues Gleichgewicht zwischen Ordnung und Chaos, und Fimbultyr (Odin) kann eine neue Welt erschaffen. Es fehlen Blitz und Donner, es fehlt der richtige musikalische Weltuntergang, aber Corvus Corax setzen ihn in dunklem, ruhigem Ton um, mit sich wiederholendem „Ragnarök“. Ein würdiger Weltuntergang.
„Tjúgundi biðil“ ist kurz und rein instrumental, wie mir scheint eine Schalmei. Mich erinnert das Stück an Jagdsignale wie „Sau tot“ und vermutlich ist es so ähnlich auch gedacht.
Den Abschluss bildet das düstere “Na lamá-sa“. Nun ist es also vorbei mit der CD, scheint es zu sagen. Das gälische Stück geht auf das 10. Jahrhundert vor Christus zurück und es kommt bekannt vor. Ein passender Abschluss, der einen langsam wieder aufwachen lässt.

Fazit: Corvus Corax ist mit „Sverker“ wieder ein Glanzstück gelungen. Ruhiger zwar, aber nicht minder fesselnd wie die vorherigen Alben. Sie entführen, sie nehmen einen mit in die alte nordeuropäische Zeit und sorgen für ein Feuerwerk an Assoziationen. Ein sehr gelungenes Album.

Anspieltipp: The Drinking Loving Dancers


Corvus Corax – Sverker
VÖ: 25.11.11
Label: Soulfood

Tracklist:
1. Intro gjallarhorni
2. Gjallarhorni
3. Sverker
4. Fiach Dubh
5. Trinkt vom Met
6. The Drinking Loving Dancers
7. Lá í mbealtaine
8. Havfru
9. Baldr
10. Ragnarök
11. Tjúgundi biðil
12. Na láma sa