Elfriede Jelinek „Die Straße. Die Stadt. Der Überfall“ – Münchner Kammerspiele

Wortrausch und Modewahn

Elfriede Jelinek: Die Straße. Die Stadt. Der Überfall.

Münchner Kammerspiele

100 Jahre alt sind die Münchner Kammerspiele vergangenes Jahr geworden, und eines der Geschenke zu diesem Jubiläum hat sich Intendant Johan Simons selbst gemacht, indem er bei Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek ein Stück in Auftrag gegeben hat, das sich thematisch um die Heimat der Kammerspiele, die Maximilianstraße also, und damit unweigerlich auch um Mode, Nobelmarken und München an sich dreht.

Theaterstücke im eigentlichen Sinne, d. h. mit klar verteilten Rollen und einer erkennbaren Handlung, schreibt Jelinek aber schon seit langem nicht mehr, und so ist auch Die Straße. Die Stadt. Der Überfall. erstmal nur einer der für die Autorin charakteristischen gut 100-seitigen Textbrocken, der übrigens in voller Länge auf ihrer Homepage nachgelesen werden kann.

Ein Minimum an Regieanweisung findet sich dann dort aber doch: Bei dem Sprecher / der Sprecherin der Textmassen handelt es sich nämlich um ein „Doppelgeschöpf“, einen „Mann, an den eine Frau angenäht ist“, aber: „Man kann auch was ganz andres machen, wie immer“.

Was ganz anderes, aber indirekt diese Idee aufgreifend, macht dann Regisseur Simons, indem er als groteske Travestienummer zunächst mal fünf Herren auf High Heels auftreten lässt: Hans Kremer in nichts als einem hautfarbenen Bauch-Weg-Höschen und mit Vuitton-Handtasche als Accessoire – Stefan Bissmeier in ähnlichem Outfit, aber zusätzlich noch mit Sonnenbrille und einer hüftkurzen Pelzjacke – Steven Scharf im goldglitzernden Kleidchen – später noch die aufgrund ihrer schulterlangen blonden Haare sowieso schon zwillingshaft wirkenden Marc Benjamin und Maximilian Simonischek in identischen roten Babydolls (Kostüme: Teresa Vergho).

Nacheinander steigen sie aus einem an einen U-Bahn-Zugang erinnernden Schacht in der Mitte der Bühne (von Eva Veronica Born), die ein gutes Stück ins Parkett hineingerückt ist, dessen erste Sitzreihen auf die andere Seite der Spielfläche verlegt wurden. Auf dieser hatten gleich zu Beginn Bühnenarbeiter säckeweise zerstoßenes Eis verteilt und sie so in eine Ebene aus knirschenden, rutschigen Bröckchen verwandelt. Ansonsten ist die Bühne leer, bis auf einen schaufensterartigen Glaskasten an der Seite, in dem eine fünfköpfige Band plaziert ist, die den Abend mit einer angeschrägten Mischung aus Jazz und Blues untermalt (Musik: Carl Oesterhelt).

„Ich habe gehört, es gibt jetzt eine Satzung im Gesetz, dass man Orgien feiern muss“, so lautet der erste Satz, der Auftakt ist zu einer auf die fünf „Herren Damen“ verteilten Tirade über gesellschaftliche Mode-, Marken- und Konsumdiktate. Später gesellt sich noch die einzige Frau des Abends dazu, Sandra Hüller, die gleich mit ihrem ersten langen Monolog zum unangefochtenen Kraftzentrum der Aufführung avanciert. Wie sie in Jelinek-typischen, schier endlos um sich selbst kreisenden Worten über den Kauf eines Rocks jammert („Ich nähere mich ihr an, dieser Frau auf dem Foto, nur ihretwegen habe ich diesen Rock gekauft … ich schaue, obwohl der Rock genau der gleiche ist wie auf dem Foto, niemals so aus, wie der Rock aussehen sollte, allerdings an jemand anderem, weil ich die bin, die ich bin … ich möchte mir nicht gehören, wenn ich der Rock wäre“), dabei aber ironische Distanz zu sich und zum Text bewahrt, das überzeugt auf ganzer Linie.

Nach der Pause kommt dann im letzten Teil des insgesamt rund dreistündigen Abends (das Eis ist inzwischen weitgehend geschmolzen und hat die Bühne in eine Wasserfläche verwandelt) noch der wohl prominenteste Überfallene der Maximilianstraße ausgiebig zu Wort. Benny Claessens lamentiert als äußerlich erschreckend perfekte Moshammer-Kopie über „seine“ Straße, die es wagt, auch ohne seinen Glanz weiter zu existieren („Mein Laden ist mit mir gestorben, und die Straße ist auch gleich mitgegangen, nur weiß sie es nicht“), über sein jämmerliches Ende und all die vermeintlichen Freunde aus der Münchner Schickeria, die am Tag seiner Beerdigung zum Skirennen nach Kitzbühel gefahren sind.

Die Wortkaskaden ziehen einen zwar in ihren Bann, doch die Kapitalismuskritik an der Oberflächlichkeit des in München im allgemeinen und auf der Maximilianstraße im speziellen zur Schau gestellten Reichtums wirkt auf Dauer etwas zu wohlfeil und inhaltsleer. Jelinek lässt hier die Bissigkeit und Bösartigkeit vermissen, mit der sie sonst gekonnt über Themen wie das Dritte Reich oder die Ausbeutung von Mensch und Natur räsoniert. Hat hier vielleicht ihre eigene Begeisterung für Mode den Blick ungewohnt milde gestimmt?

„Sie werden ins Nichts treten, wenn Sie rausgehen, ein Jüngstes Gericht für diese Straße, und ich habe es ihr bereitet“ heißt es im Stück, das selber im ganzen wie ein zwar unterhaltsames, aber letztlich doch nur buntschillernd verpacktes Nichts wirkt – und damit schließlich doch eigentlich prima zur Scheinwelt der Maximilianstraße passt.

Münchner Kammerspiele

Elfriede Jelinek

 

Interview mit Black Blitz

Handgemachter Riff Rock

Nachdem ich die Band im Blog bereits ein wenig vorgestellt habe, wollte ich die Jungs zusätzlich noch interviewen. Sänger Thomas Bauer nahm sich die Zeit und das kam dabei raus:

Likiwing: Erzählt ein bißchen was zu Eurer Musik! Was steckt dahinter? Was macht sie so besonders? Was sind Inspirationen für Texte?
Black Blitz: Wir machen klassischen Hard Rock. Bewusst einfach gehaltene Musik, wo jeder Song aus einem markanten Riff besteht, dazu gibts kraftvollen Gesang und ein Gitarrensolo. Besonders macht uns vielleicht, dass wir als Trio wirklich auf die Minimalbesetzung für eine Rockband reduziert sind und jeder Einzelne dann vor allem auf der Bühne voll gefordert ist. Diese Leidenschaft merkt und honoriert dann auch der Zuschauer.
Für die Texte lasse ich mich von einzelnen Zitaten aus einem Buch oder Film inspirieren, aber eigentlich von allem, was den ganzen Tag um mich rum passiert. Eine Panne mit meinem Motorrad hat mich zum Beispiel zu „Hell Breaks Loose“ inspiriert, eine Hommage an den Viertaktmotor.

L: Gibt es Vorbilder, die Euch inspirieren?
BB: Da gibt es viele, AC/DC natürlich, aber auch Guns N‘ Roses und Metallica zählen zu meinen Lieblingsbands.

L: Wer hat den Namen gewählt und warum?
BB: Wir haben etwa eine Stunde lang Brainstorming mit allen möglichen Namen gemacht und gleich auf Google gegengecheckt, ob es schon eine Band gibt, die sich so oder so nennt. Ich kann sagen, es gibt wirklich schon fast alles was man sich vorstellen kann. Black Blitz hat dann sämtliche Kriterien erfüllt, die wir an einen guten Bandnamen gestellt haben: Man weiß sofort wie man ihn schreibt und ausspricht, er ist leicht zu merken, man merkt welche Musik wir ungefähr machen, er klingt gut und steht für viel Energie.

L: Wie ist es überhaupt zu dem Projekt gekommen?
BB: Ich bin im Sommer 2008 von Passau nach München gezogen, um Rockstar zu werden. Ein Jahr später hatte ich die beiden Mitstreiter gefunden, um das Ganze zu realisieren.

L: Arbeitet Ihr an einem neuen Album? Wenn ja: Wann erscheint es und kann man mit Überraschungen rechnen?
BB: Das zweite Album hat gerade absolute Priorität, wir nehmen dafür auch unsere Live-Aktivitäten sehr zurück. LWir hoffen die Scheibe im Sommer 2013 veröffentlichen zu können. Man kann sich aber drauf verlassen, dass wir an unserem Sound nicht viel verändern werden.

L: Was wollt Ihr mit den Texten vermitteln? Neues Lebensgefühl?
BB: In unseren Texten geht es um das Leben als Rocker. Man kann das am ehesten mit einem Actionfilm vergleichen: Markante Sprüche, Vollgas, Frauen und Bier.

L: Gibt es Nebenprojekte, in die Ihr Euch noch einbringt?
BB: Ich bin mit Black Blitz voll ausgelastet, Drummer Thomas ist ein gefragter Mann bei vielen Bands in allen möglichen Stilrichtungen und auch Bassist Christian tobt sich musikalisch in anderen Bands aus.

L: Wieviele Auftritte habt Ihr noch geplant in diesem Jahr und ganz speziell wann und wo wieder in München ?
BB: Das lassen wir immer auf uns zu kommen. Wir wollen heuer vor allem raus aus München und Bayern und spielen vermehrt Supportshows für größere Bands und Festivals. In München spielen wir eine große CD-Release Party, wenn im Sommer die neue Scheibe rauskommt, einen Termin gibts dafür aber noch nicht.

L: Support von Eisbrecher, eine Ehre oder ein Auftritt wie jeder andere? Was verbindet Euch mit Alex und Mannen?
BB: Das war so ziemlich das Größte, was wir je erlebt haben, vor so vielen Leuten haben wir noch nie gespielt. Es war natürlich eine Ehre, dass uns Alex von Eisbrecher da eingeladen hat. Wir tanzten ja rein musikalisch schon ein bisschen aus der Reihe. Das hat er glaub ich einfach gemacht, weil er uns pushen wollte. Den Kontakt zu ihm hat ein Fan von uns hergestellt, die ihn ganz gut kennt. Er hat sich dann mal ein Konzert von uns angesehen und danach war auch er ein Fan – und wir seine Vorband.

L: Was ist das für ein Gefühl auf der Bühne zu stehen? Gibt es ein Ritual vor den Auftritten der Band?
BB: Es gibt bloß dann ein Ritual, wenn wir wo spielen, wo nur die berühmten ‚paar Hanseln‘ vor der Bühne stehen. Dann sage ich zu den Jungs bevor wir loslegen: „Stellt euch vor, wir spielen in der Olympiahalle vor tausenden von Menschen!“. Es war im Zenith einfach unglaublich sich all diese Menschen nicht mehr vorstellen zu müssen, weil sie wirklich da waren. Ich habe während des ganzen Konzerts mein Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht gekriegt. Danach sowieso nicht. Mit dieser Resonanz auf unsere Musik haben wir überhaupt nicht gerechnet. Es hat an diesem Abend wirklich alles gepasst.

L: Warum sollte man ein Black Blitz Konzert nicht verpassen?
BB: Wer auf handgemachten Riff Rock steht, vorgetragen von drei Burschen, die immer Vollgas geben, der darf uns wirklich nicht verpassen. Jedes Black Blitz-Konzert ist einmalig, keines ist wie das andere. Es wird viel improvisiert und wir arbeiten von Konzert zu Konzert an unserer Performance. Es hört sich vielleicht blöd an, aber das letzte Konzert von uns ist auch immer das Beste, was wir je gespielt haben.

L: Was machen Black Blitz, wenn sie nicht auf der Bühne stehen und rocken? Normale Jungs in Anzug und Krawatte zur Arbeit?
BB: Ich bin Gitarrenlehrer, Drummer Thomas ist Schlagzeuglehrer und Bassist Christian ist Lektor.

L: Was findet ein ‚Zugereister‘ toll an der Stadt München? Welche Locations besucht Ihr gern? Was würdet Ihr empfehlen?
BB: Als jemand, der für die Musikkarriere von Passau nach München gezogen ist, mag ich an München die internationale Größe, zum Beispiel kommen alle großen Bands nach München. Ich mag ganz gern die Gegend um die Isar, vom Flaucher bis zum Deutschen Museum. Ich empfehle am Hauptbahnhof den Kaffee bei Yormas für 1 € statt den für 4 € bei Starbucks zu kaufen.

L: Und vielleicht noch ein paar Worte zum Abschluss?
BB: Schaut Euch auf unserer Webseite die Videos an und hört Euch unser Debütalbum in voller Länge an.

Rezension: Terry Pratchett – Steife Prise

Wenn einer eine Reise macht …

Samuel Mumm, Kommandeur der Stadtwache von Ankh-Morpork und seit der Heirat mit Lady Sibyl Käsedick obendrein ein steinreicher Herzog, wird von seiner Herzensdame zum Urlaub auf dem gemeinsamen Landsitz verdonnert. Als Stadtkind, das nie aus der Zwillingsstadt herausgekommen ist, tut Mumm sich auf dem Lande reichlich schwer, insbesondere die Kultur der Teepartys und jungen Frauen, deren einzige Perspektive eine gewinnbringende Heirat ist, will ihm so gar nicht in den Kopf. Noch dazu kommt ihm ständig irgendetwas verdächtig vor, und sei es nur die lärmende Stille des Getiers vor seinem Schlafzimmerfenster. Wo ein Polizist, da auch ein Verbrechen, heißt es so schön – und als der aufmüpfige Schmied verschwindet, dem Mumm vor der Dorfkneipe eine kleine Abreibung verpasst hatte, findet er sich plötzlich mitten in einem Verbrechen wieder, dessen Ausmaße erst langsam ans Licht kommen.

Pratchett lässt sich wie üblich viel Zeit, um das eigentliche Geschehen in Gang zu bringen, und ich habe lange gerätselt, wie denn die neue Rasse der Goblins, die uns vorher so noch nicht auf der Scheibenwelt begegnet ist, wohl ins Bild passen würde. Auch der Titel blieb mir lange schleierhaft, doch die Zeit wird gut genutzt. Die Handlung läuft ganz in Ruhe an, und der Leser bekommt die Gelegenheit, sich in die Gefühlswelt und das Familienleben von Samuel Mumm hineinzuversetzen.
Mumm, der rechtschaffene Polizist, der treuen Fans aus vielen Scheibenwelt-Romanen bekannt ist, dürfte wohl fast jedem sympathisch sein. Früher oft bloß ein Spielball von Lord Vetinari hat er sich zu einer noch stärkeren Persönlichkeit gemausert, und in Steife Prise hat es sogar den Anschein, dass er den Patrizier von Ankh-Morpork tatsächlich überrascht. Sein innerer Kampf zwischen Polizist und Verbrecher tritt stärker zutage als in früheren Romanen und verleiht dem Charakter eine neue Tiefe. Er scheint sich vor etwas zu fürchten, das aus ihm werden könnte, wenn er kein Polizist wäre, und hält deshalb nur mit umso größerer Kraft an Gesetz und Ordnung fest.

Die Goblins wurden zwar in einer Handvoll früherer Scheibenwelt-Romane erwähnt, fanden jedoch nie Beachtung. Endlich widmet „Sir Pterry“ ihnen mehr Aufmerksamkeit und erschafft so eine neue Rasse, für die der Leser nur tiefste Sympathie und Mitleid empfinden kann. Vom Rest der Welt als Ungeziefer angesehen, gesteht die zivilisierte Scheibenwelt ihnen nicht einmal den Rang einer vernunftbegabten Rasse zu. Als wäre das nicht schon schlimm genug, scheint die immerwährende Isolation und Verdrängung dieser hässlichen, stinkenden kleinen Kerle sie selbst davon überzeugt zu haben, wertlos zu sein. So fristen sie ihr karges Darsein in abgelegenen Höhlen und warten auf ihre gänzliche Verdrängung aus der Welt. Doch Pratchett wäre nicht Pratchett, hätte er diesen bemitleidenswerten Wesen nicht auch ein paar ganz einmalige Qualitäten mitgegeben, und so lernt Sam Mumm, dass auch diese Geschöpfe ihn brauchen, um ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Steife Prise ist thematisch einer der ernsten Scheibenwelt-Romane und wird nur durch Pratchetts urkomischen Stil zu einem echten Lese“vergnügen“. Die Geschichte ist ein actiongeladener Krimi, dessen Setting etwas an viktorianische Romane à la Jane Austen erinnert. Die Verdorbenheit der Gesellschaft, insbesondere der Aristokratie, steht im Mittelpunkt und wird nur langsam und mühevoll ausgetrieben, indem ehrliche Menschen wie die Eheleute Mumm und Dorfpolizist Volker Aufstrich sich für die Schwachen einsetzen.
Der übliche Slapstick, Pratchetts einmalige Beobachtungsgabe und sein lockerer, humorvoller Stil machen Steife Prise zu einem lesenswerten, kurzweiligen Abenteuer mit viel Hintergrund und Tiefgang. Der Roman zählt meiner Meinung nach zwar nicht zu den besten Scheibenwelt-Romanen, doch da die Messlatte extrem hoch liegt, bleibt er dennoch eine Empfehlung – für Fans ein Muss, für Einsteiger ein großer Lesespaß!

:buch:  :buch:  :buch:  :buch:  :buch2:

Terry Pratchett – Steife Prise
Manhattan, Taschenbuch, 2012
448 Seiten
17,99€
ebook: 13,99€

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Terry Pratchett

 

13.12.12 – Obituary, Macabre, Psycroptic, The Amenta – Backstage Halle, München

Rotting slow in Europe

Im Moment scheint es angesagt zu sein, dass etablierte Bands spezielle „Frühwerk-Tourneen“ machen (zum Beispiel letztens bei Covenant miterlebt) und dem Publikum noch einmal die Lieder oder ganze Platten präsentieren, mit denen sie ursprünglich berühmt wurden. Eine großartige Sache, hat man so doch Gelegenheit, sich entweder wieder sehr jung und nostalgisch zu fühlen oder aufgrund zu später Geburt etwas nachzuholen.

Zu diesem Zweck versammelte sich eine doch ansehnliche Zahl von Langhaarigen in der Backstage Halle, um die quicklebendige Florida-Death-Metal-Legende Obituary und ihre ersten drei Alben Slowly we rotCause of death und The end complete aus den Jahren 1989, 1990 und 1992 gebührend zu feiern. Davor galt es aber noch, drei andere Bands kennenzulernen und teilweise auch zu bejubeln.

The Amenta

The Amenta - 2012 -12

Den Anfang machten um kurz nach halb acht Uhr die Australier von The Amenta, die mit viel schwarzer Farbe auf der nackten Haut, viel Engagement und düster-wahnsinniger Mimik (der Sänger) das leider noch extrem spärlich vertretene Publikum versuchten auf ihre Seite zu ziehen. Die Band existiert mit diversen Line-up-Wechseln seit 2001 und spielt eine Mischung aus Meshuggah-artigen Riffs, Industrial-Metal-Anleihen und Black-Metal-Drumming, gepaart mit aggressiv-heiserem Brüllgesang. Sie kann auf mittlerweile zwei Full-length-Alben und diverse EPs zurückblicken, aus denen ein schöner Querschnitt geboten wurde, mit leichter Konzentration auf die Alben Occasus (2004) und nOn (2008). Songs wie „Sekem“, „Mictlan“, „Erebus“ oder „Vermin“ wurden sehr sauber, präzise und brachial gespielt, die Band ist definitiv erfahren und routiniert, doch konnte sie leider das Publikum nur zu vereinzeltem Kopfnicken animieren, da der Wiedererkennungswert der Stücke doch etwas gering war. Kein schlechter Auftritt, aber nichts für die Ewigkeit. Nach einer halben Stunde Spielzeit räumten sie die Bühne für die zweite Band des Abends.

Psycroptic

Psycroptic - 2012-12

Ebenfalls vom anderen Ende der Welt angereist, präsentierten die 1999 im tasmanischen Hobart gegründeten Psycroptic eine hämmernde Mischung aus technischem Death Metal, Grindcore und einigen Hardcore-Anleihen, die die ersten Besucher vor die Bühne locken konnte. Die Band agierte sehr routiniert und präzise, Sänger Jason Peppiatt brüllte sich die Seele aus dem Leib bei Titeln wie „Carriers of the plague“, „Sleepers have awoken“ oder „Euphorinasia“. Die Songauswahl konzentrierte sich auf das aktuelle Album The inherited repression und den Vorgänger Ob(Servant) aus den Jahren 2012 bzw. 2008.
Auch hier ein grundsolider, engagierter Auftritt, der einige begeisterte Reaktionen im Publikum hervorrufen konnte, im Gegensatz zu The Amenta schienen Psycroptic etwas bekannter gewesen zu sein. Ein einsamer „Zugabe“-Ruf verhallte nach einer guten halben Stunde Spielzeit allerdings ungehört.

Macabre

Macabre - 2012-12

Um viertel nach neun betrat mit Macabre aus Chicago eine Band mit einem doch recht speziellen Thema die Bühne, die ihre Musik als „Murder-Metal“ bezeichnet. 1985 gegründet, hat man sich von Anfang an auf die berühmtesten Serienkiller der Menschheitsgeschichte konzentriert und vielen davon eigene Lieder oder sogar ein eigenes Album (Dahmer) gewidmet. Sänger Corporate Death gab dann auch zu jedem Song eine liebevoll-schwarzhumorig-augenzwinkernde Einführung in die thematischen Untiefen, was den Auftritt – gepaart mit den sehr eingängigen Death-Metal-lastigen Stücken – zu einem großen Vergnügen machte. Man gab einen schönen Querschnitt durch alle bisher erschienen Alben (u.a. mit den Songs „The Iceman“, „Nightstalker“, „Hitchhiker“, Scrub a dub dub“), würdigte auch die deutschen Serienmörder Fritz Haarmann („Fritz Haarmann der Metzger“) und den „Vampir von Düsseldorf“ Peter Kürten („Vampire of Düsseldorf“) und begeisterte die mittlerweile doch ordentlich gefüllte Halle mit einem gelungenen Venom-Cover („Countess Bathory“). Ein wirklich guter und unterhaltsamer Auftritt der seit Bandgründung in unveränderter Besetzung spielenden und entsprechend kauzig wirkenden Truppe!

Obituary

Obituary - 2012-12

Nach diesmal etwas längerer Umbaupause betraten unter frenetischem Jubel um halb elf dann endlich Obituary die Bühne, vor der sich ein dichter Pulk aus Die-hard-Fans versammelt hatte (Pech für die Fotografin des Abends, da war kein Durchkommen mehr). Instrumente umgeschnallt, beeindruckende Haarprachten ins Gesicht geschüttelt, und los ging es mit „Intoxicated“ vom Debütalbum Slowly we rot. Die Stimmung in der Halle war sofort großartig und ließ auch während der folgenden 100 Minuten nicht nach. Ohne nennenswerte Ansagen (was typisch für die eher distanzierten Amis ist), aber mit einem fetten Grinsen im Gesicht schleuderten Sänger John Tardy (diese Haare!), Gitarrist Trevor Peres (diese Haare!!) und die übrigen Mannen eine Oldschool-Granate nach der anderen ins Publikum und verursachten sicher nicht nur bei mir Herzrasen vor Begeisterung. Ich habe Obituary schon diverse Male gesehen, sie waren immer gut, aber an diesem Abend waren sie großartig. Man merkte ihnen den Spaß an, den sie beim Spielen der alten Klassiker hatten, und dieser Spaß übertrug sich eins zu eins aufs Publikum. „Immortal visions“, „Infected“, „Cause of death“, „Body bag“, „Killing time“, mein Favorit „Back to one“, „The end complete“ … es hörte gar nicht mehr auf. In der Zugabe gab es noch das obligatorische Drum-Solo von Donald Tardy (diesmal ohne die „Unterstützung“ seines Bruders John) sowie „I’m in pain“ und „Slowly we rot“ zu hören, inklusive eines kleinen Ausflugs ins Publikum des zweiten Gitarristen, den seine Bandkollegen grinsend verfolgten. Zum Abschluss bat die sichtlich bewegte und erfreute Band das Publikum vor der Bühne zum Gruppenfoto und bedankte sich vielmals mit Handschlag vom Bühnenrand aus. Generell gaben sie sich an diesem Abend sehr viel fanfreundlicher und offener, als ich sie bisher erlebt hatte, Stagediver wurden geduldet und sogar angefeuert, unzählige Plektren flogen in die Halle, Drumsticks sowieso … ein wirklich schöner und denkwürdiger Auftritt!

 

Rezension: Maarten Vande Wiele u.a. – Paris

Schönheit, Mode und (Un-)Glück

paris

Hope nimmt schon früh erfolgreich an Schönheitswettbewerben teil, allerdings wird ihr Gesicht im Alter von zwölf Jahren aufgrund eines Unfalls entstellt. Aber ihre großen Träume bleiben: Mode, Schönheit, Paris. Vier Jahre nach ihrem Unfall ist sie an ihrem Ziel angekommen. Auf Hopes zukünftigen Weg begleiten sie Chastity, die sich aufgrund ihrer Schönheit an Männer verkauft und somit ihren Lebensunterhalt sichert, sowie Faith, die sich ihren Weg zur zukünftigen erfolgreichen Sängerin hart erarbeiten muss. Drei Frauen haben große Ziele – werden sie erfolgreich sein?

Eine überraschende und doch wieder nicht überraschende Geschichte (Models eben), schöne Frauen mit prägenden Kindheitserinnerungen, dies alles locker, aber auch tragisch, düster erzählt. Bekannte Gesichter aus den Hochglanz-Zeitschriften und Modelabels kommen hierin genauso vor wie die Gehässigkeiten einer Modelagentur-Chefin, Sex ebenso Drogen.
Die Erzählung liest sich gut und schnell. Aber diese Geschichte überzeugt mich vor allem dadurch, wie sie dargestellt wird: durch eine Graphic Novel (Näheres dazu siehe unten) mit Schwarz-Weiß Zeichnungen, die sehr gut gelungen sind und das Geschriebene besser rüberbringen können als nur Worte. Überrascht war ich von den beruflichen Entwicklungen der niederländischen Autoren, die am Ende des Buches amüsant erzählt werden.

:buch:  :buch:  :buch:  :buch:  :buch:

Maarten Vande Wiele, Peter Moerenhout, Erika Raven: Paris
Carlsen Verlag, 2012
216 Seiten, Hardcover mit Spotlack und Gummiband
€ 19,90
Amazon

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Graphic Novels

Auf die Graphic Novels wurde ich bereits im Oktober durch Herrn Ronald Hanke, Bücher am Schloss (Oberschleißheim) aufmerksam gemacht. Hier ein Auszug aus seinem damaligen Bericht während der Bibliothekswochen:

Der aus den USA stammende Begriff Graphic Novels ist nur eine andere Bezeichnung für Comics, Comics für Erwachsene oder auch Comics in Buchformat. Graphic Novels unterscheiden sich vom normalen Heftcomic aufgrund des thematischen Anspruchs und der Komplexität der Geschichten.
Der neue Ausdruck wurde vorwiegend für literarisch ausgerichtete Comics als Abgrenzung zum Mainstream gebildet.

Was bedeutet Comic? Hier findet eine Überschneidung von Literatur und bildender Kunst statt. Das Wort ist eine Ableitung von comic strip „komischer Streifen“. Der französische Literaturwissenschaftler Francis Lacassin ordnete 1971 den Comic als neunte Kunst in den Kanon der bildenden Künste ein.

In Europa entwickelte sich der Comic in langen Geschichten, Reihen und Fortsetzungen, wie zum Beispiel Tim und Struppi, Spirou & Fantasio, Asterix oder Lucky Luke.
Es entstand auch eine Form von Underground-Comics, herausgegeben von kleinen unabhängigen Verlagen, die oftmals scharf am Rand der Zensur entlang schrammten.
Was in Amerika undenkbar gewesen wäre, wurde in Europa ohne Altersfreigabe verkauft (Schwermetall, U-Comix und Pilot). Ebenfalls zu erwähnen sind im Genre Comics zum Beispiel die Edelwestern Leutnant Blueberry und Comanche, im Genre Krimi beispielsweise Torpedo. Gerade diese und viele andere zeichnen sich durch ihre Authentizität und teilweise brutale Kompromisslosigkeit aus.

In Brüssel gibt es seit 1989 sogar ein Comic-Museum für belgische Comics, das Belgische Comic-Zentrum (Centre belge de la bande dessinée (CBBD).

Aktuell gibt es viele Comiczeichner, sowohl in Nordamerika als auch in Europa, die eine stetig wachsende Fangemeinde haben. Beispiele: Alan Moore und David Lloyd (V wie Vendetta), Alan Moore und Dave Gibbons (Watchmen), Robert Kirkman (Walking Dead) und Steve Niles (30 Days of Night).

Einer erfolgreichen Comicreihe folgt in der Regel bzw. im günstigsten Falle eine erfolgreiche Verfilmung. In vielen Fällen ist das leider nicht so, die Verfilmungen blieben weit hinter den Erwartungen zurück, trotzdem die Macher sehr ambitioniert gearbeitet haben.
Im Gegensatz dazu steht die Verfilmung der Comicreihe The Walking Dead, die bei der ersten Ausstrahlung in den USA enorme Einschaltquoten verzeichnen konnte und somit als eine der erfolgreichsten Dramaserien bezeichnet werden kann. Aktuell läuft in den USA auf dem Sender AMC die dritte Staffel. In Deutschland strahlt der Pay-TV-Sender FOX die aktuellen Folgen nahezu zeitgleich aus. Im Free-TV kam RTL II Anfang November 2012 zum Zug und zeigte die ersten beiden Staffeln der Serie in einem Serienmarathon.

Review: Josef Wilfling – Warum jeder zum Mörder werden kann (VHS – Unterschleißheim)

Josef Wilfling, Münchner Mordkommission

07.12.2012, VHS-Unterschleißheim
Josef Wilfling, Unheil: Warum jeder zum Mörder werden kann
Unheil ist Josef Wilflings zweites Buch, 2010 erschien sein Erstling Abgründe. Beides sind seine Erfahrungsberichte.

Josef Wilfling war bis 2009 als Ermittler und zuletzt Leiter der Münchner Mordkommission tätig; hier hat er die höchste Aufklärungsquote aufzuweisen. Am 07.12.2012 sitzt mir ein fülliger Herr gegenüber, seine fränkische Sprachfärbung, die Art und Weise wie er meist offen über seine Arbeit spricht, kommen bei mir gut an.

Nach eigenen Angaben war Josef Wilfling zu gutmütig für die Verkehrspolizei und wurde daher bei der Mordkommission eingesetzt. Die „Faszination des Bösen“ trat damit in sein Leben. Wenn man das Böse kennengelernt hat, ist die Faszination allerdings weg und die Angst kommt zum Vorschein. Für den Zeitungsleser oder Nachrichtenhörer ist es auch nur faszinierend, wenn die Geschehnisse weit weg sind.

Obwohl der Polizist viel Schreckliches gesehen hat, verlor er nie den Glauben an die Menschheit, denn es gibt immer noch genug gute Menschen. Wilfling spricht auch davon, dass man ein intaktes (privates) Umfeld braucht und nach dem Dienst abschalten können muss sowie mit Kollegen über die beruflichen Schrecknisse sprechen soll, um sich dem Bösen immer wieder stellen zu können. Mit seiner Frau ist er seit über 40 Jahren verheiratet, aber zuhause wurde nie vom Dienst gesprochen. Er geht davon aus, dass seine Frau seine Bücher bisher nicht gelesen hat – obwohl sein Neuling bei ihr auf dem Nachttisch liege.

In der Zeit von 1987 bis 2009 gab es in München und im dazugehörigen Landkreis über 300 Morde und 800 Mordversuche. Bei der Mordkommission ist Teamarbeit angesagt, um die Fälle von Sexualmord, Raubmord und andere mit den ER-Tötungsarten (erschlagen, ersticken, erschießen) lösen zu können.

Die Motivlage der Täter wird unterschieden in emotional (aus Leidenschaft) und rational (eiskalter Mörder). Ebenso hat Wilfling drei Serienmörder-Fälle bearbeitet und aus jedem Fall gelernt. Diese Taten sind meistens sexuell motiviert. Eine besondere Kategorie sind für ihn die Ehrenmorde. Sechs davon musste er unter die Lupe nehmen, sie haben ihn sehr erschüttert.

Bei diesem Vortrag geht es um das Böse im Alltag. Was ist böse? Der Mensch kommt nicht als Mörder zur Welt. Jeder hat gute Seiten, wie auch böse, letztendlich ist das eine persönliche Entscheidung, für welche man sich entscheidet.

Ein Mörder will nicht gefasst werden, er würde ansonsten alles verlieren. Jeder probiert den perfekten Mord. Gibt es diesen? Nein, vollkommen, perfekt ist nur Gott (besagt eine philosophische Antwort). Fehlerfrei? Ja, fehlerfrei ist möglich. Es gibt viele unentdeckte Tötungsdelikte, vor allem in Zusammenhang mit älteren Menschen. Nicht umsonst fordern die Ermittler eine zweite Obduktion vor der Beisetzung der Opfer; allerdings sieht der Gesetzgeber dafür keinen Handlungsbedarf. Die Regierung will das subjektive Sicherheitsgefühl der Bevölkerung nicht beunruhigen.

Es hat mich nicht überrascht, dass der Mörder meist im Nahbereich des Opfers zu suchen ist. In der Anfangsphase der Ermittlungen werden zuerst Ehemann, -frau, Lebensgefährte, -in verhört. Ein Ausspruch von Herrn Wilfling an diesem Abend ist: „Erst Rosamunde Pilcher, dann TATORT“.
Eine bedenkliche Entwicklung stellt der eskalierende Konflikt zwischen Eltern und Kindern dar. Man erkennt eine zunehmende Verrohung, und dass den Kindern keine Werte mehr vermittelt werden.
Einen weiteren Krisenherd birgt die Erbschaft. Wenn Gier, Neid und Missgunst aufkommen, die Enterbung droht, entwickelt sich das Böse. Das konnte Wilfling auch bei den Untersuchungen zum Mord des Schauspielers Walter Sedlmayr verfolgen.
Eine hohe Dunkelziffer gibt es in der Altenpflege. Nicht jeder Fall, bei dem ein/eine Altenpfleger(in) die zu pflegende Person tötet, wird entdeckt.
Nachbarschaftskriege (Orginalton Wilfling: „Gibt es eigentlich noch gute Nachbarschaften?“) werden auch vielfach blutig beendet. Auslöser kann der Ast sein, der über den Zaun hängt, und enden kann es bei dem großen Blumentopf, der auf dem Kopf von einem der Kontrahenten landet. Der Tod, das Gefängnis, die Zerstörung von Familien sind die Folge.
Mobbing hat sich mittlerweile zum riesigen Problem entwickelt. Nicht nur im Beruf und am Arbeitsplatz, auch an Schulen, vor allem Mädchenschulen, wird dank Internet anonym agiert.

Die schlimmsten Verbrechen in Bayern und Deutschland wurden durch Polizisten und Postboten verübt. Man nehme als Beispiel den BND-Mitarbeiter, der 2001 seine Frau grausam mittels zwei Hämmer tötete oder auch den Mädchenmörder von Krailling (Postbote), der seine zwei kleinen Nichten schrecklich zugerichtet hat (vom Täter wurden drei Tötungsmöglichkeiten angewendet).

An diesem Abend gibt es auch ein paar wissenswerte Zahlen:
Jährlich flüchten 45.000 Frauen in Frauenhäuser.
2011 wurden 146 Kinder umgebracht, das sind drei pro Woche! 2010 waren es noch 183; zweidrittel der Opfer waren jünger als sechs Jahre. 70.000 Kinder wurden schwer verletzt. Wo ist das passiert? In der Familie! Totgeschüttelt, erschlagen, verhungert …
Unter den Senioren gibt es 12.000 Opfer; wie oben schon beschrieben ist allerdings die Dunkelziffer groß.

Wie wird man zum Mörder? Leider reduziert sich die Hemmschwelle immer mehr, negative Emotionen kochen hoch, das Böse schwappt über – ein Schwelbrand.
Wer sind die Täter? 10 % sind Frauen, 90 % Männer.
Warum passiert ein Mord? Ein Hauptgrund ist die Verlustangst. Aus Neid, Hass und Rache, Habgier, Raffsucht oder zur materiellen Bereicherung: Dafür geht man über Leichen.

Laut Herrn Wilfling ist Deutschland die Insel der Glückseligkeit und München ist das Paradies! Als Gegensatz nennt uns der noch immer engagierte Ermittler Zahlen aus Honduras bzw. Mexiko: Jährlich passieren dort 80 bis 120 Morde.
In München gab es 37 Morde im Jahr 1987 – 15 Morde von Januar bis Juli, einer im Dezember 2005 – 2009 drei Morde, 2012 zwei.
Sind die Menschen besser geworden? Mag sein, aber die verbesserten sozialen Verhältnisse tun das ihre.

Könnte auch ich zum Mörder werden? Emotionen sind nicht kontrollierbar. Eine Empfehlung des Redners ist: Sollte man bei Hass- und Rachegedanken nach drei Tagen immer noch nicht frei davon sein, sollte man professionelle Hilfe annehmen.

Ich hoffe, demnächst Unheil hier rezensieren zu können.

Rezension: Jonathan L. Howard – Johannes Cabal: Seelenfänger

Es irrt der Mensch, solang er strebt

howard_seelenfaenger

Johannes Cabal ist Nekromant, und versteht noch dazu überhaupt keinen Spaß. Um sein geheimes Wissen zu erlangen, verschacherte er dereinst seine Seele an den Teufel, doch ein Bund mit diesem Zeitgenossen geht bekanntlich nie so aus, wie man es gern hätte. Deswegen will Cabal seine Seele zurück, und da Geduld nicht gerade zu seinen Stärken zählt, macht er sich auf in die Hölle, um dort etwas Unfrieden zu stiften und schließlich mit dem Satan um seine Seele zu wetten: Bringt er ihm innerhalb eines Jahres 100 andere Seelen, so bekommt er seine eigene zurück. Klingt doch fair. Und als Hilfe gewährt der Leibhaftige ihm sogar Unterstützung durch einen Jahrmarkt, denn wo könnte man den Menschen schließlich besser das Geld und die Seele aus der Tasche ziehen? So macht sich Johannes auf eine verrückte Reise, um mit seinem Bruder Horst, einer Krähe und einem Haufen wahrlich jahrmarkt-tauglicher Mitarbeiter die Wette zu gewinnen.

Die Story von Seelenfänger ist natürlich keine neue, bereits Goethe hatte die Idee mit dem Wissenschaftler, der seine Seele verkauft. Und genau da liegt der Hund begraben (oder vielleicht auch nicht, bei einem Totenbeschwörer?) – denn wie so oft sind die simpelsten Geschichten doch die, die uns am meisten beeindrucken.
Wie auch Faust im weltberühmten Drama, so ist Johannes Cabal nicht unbedingt der sympathischste Typ von Hauptcharakter. Genau genommen hat fast jede andere Person freundlichere Wesenszüge abbekommen. Sein triefender Sarkasmus und die Absurdität seiner vollkommen analytischen Denkweise sorgen zwar für einige Lacher, aber kaum jemand würde diese Sorte Mensch als „nett“ beschreiben. Unterstrichen wird dies dadurch, dass Howard nur sehr selten seinen Vornamen benutzt, meist ist schlicht von „Cabal“ die Rede – sein Bruder wird jedoch stets Horst genannt. Es ist nicht schwer zu bemerken, dass sogar Horst, der sicher auch seine Leichen im Keller hat und sogar selbst eine solche war, menschlicher ist als der Nekromant. Sogar Satan kommt als bemerkenswert nett beim Leser an. Trotzdem schafft Howard es auf wundersame Weise, dass man dem gewissenlosen Nekromanten nichts Böses wünscht und irgendwie auch Mitleid mit ihm hat.
Große Überraschungen bietet Seelenfänger zwar nicht, doch bei dieser Art von Geschichte ist es nahezu unmöglich, sie so hinzudrehen, dass tatsächlich etwas gänzlich Unerwartetes passiert. Es gibt Dinge, die müssen geschehen, und es gibt Geschichten, die nur einen möglichen Ausgang nehmen können. Howard schreibt dennoch mitreißend genug, dass man ständig hofft und still fleht, Cabal möge Einsicht haben und zu einem guten Menschen werden. Und schließlich muss er erst beinahe alles verlieren, fast sogar sich selbst, bevor der gefühlskalte Nekromant zeigt, dass er sich seine Seele doch irgendwie verdient hat.
Neben Faust sind auch Anspielungen an H.P. Lovecrafts Cthulhu-Mythos zu finden, und ich meinte sogar, kleine Zitate von Monty Python und aus Charles Dickens‘ Klassiker A Christmas Carol zu entdecken.
Der aberwitzige Stil und tiefschwarze Humor erinnert zum Teil an Neil Gaiman oder Terry Pratchett, generell ist Howards Roman aber düsterer, sowohl thematisch als auch im Detail. Der Zombie-Zirkus hat einen geradezu burtonesquen Hauch und bietet eine so herrliche Vorlage, dass man sich wünschen würde, jener Filmemacher würde sich des Buches annehmen.
Johannes Cabal: Seelenfänger ist eine schwarzbunte Achterbahnfahrt, die die Lachmuskeln schwer beansprucht. Eine alte Geschichte mit einem modernen Antihelden, den man wirklich nur mögen kann, wenn man ihn nicht persönlich ertragen muss. Ein garantierter Lesespaß für Fans von Tim Burton, Neil Gaiman und den guten, alten Geschichten über das Austricksen des Teufels. Macht definitiv Lust auf Teil zwei und drei der Reihe!

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Jonathan L. Howard – Johannes Cabal- Seelenfänger
Goldmann, Taschenbuch, 2009
384 Seiten
12,00€

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Jonathan L. Howard 

 

CD-Review: Rabia Sorda – Eye M The Blacksheep

“We’re going to be free”

rabia-sorda

Wütend, anklagend und unbequem, so präsentiert sich das Soloprojekt von Hocico-Fronter Erk Aicrag. Was 2003 als Ein-Mann-Ding begann, ist mittlerweile von vielen eher als Trio angesehen, Grigory Feil gehört dazu, ehemaliger Mitstreiter der Electro-Industrial-Formation UnterArt, und Jeans. Erk Aicrag ist kein Unbekannter; der Mexikaner macht leidenschaftliche Electro-Musik, die unter Insidern sehr beliebt ist.
Nun melden sich die drei mit einer Scheibe zurück, die ein richtig guter Vorgeschmack auf das kommende Album Anatomia Frenetica ist.
Doch der Reihe nach. Zuerst sollte man sich nämlich auf youTube das Video zur Single anhören, die am 30.11.12 in die Läden kam. Eye M The Blacksheep klingt schon nach Sünde und Vergehen, nach Schuld und Anklage, aber wenn man nun ein ganz plakatives Video erwartet, täuscht man sich. Die Szenen spielen in einem Wald, durch den zwei junge Frauen in roten Kleidern laufen, die einen jungen Mann beobachten, der mit einer Augenbinde umherirrt. Etwas später gibt es einige homoerotische Einblendungen der beiden Schönheiten, einen Feuerkreis, Alkohol, ja, fast eine kleine Orgie. Dieser Clip gehört zu denjenigen, die man nicht wirklich in Worte fassen kann, sondern einfach selbst sehen muss, um zu spüren, was alles darin steckt. Mehrfach anschauen lohnt sich auf jeden Fall – dabei sollte man dann auch ein Augenmerk auf die Lyrics lenken. Da geht es nämlich um haltlose Vorurteile und wie sich einer dagegen wehrt. Es ist vorbei damit, immer der Schuldige zu sein, es ist aber vor allem damit Schluss, blind, stumm und angepasst der Gesellschaft anzugehören, über die man doch nur hinter vorgehaltener Hand jammert. „No one’s gonna shut me up“ singt Erk Aicrag und hat damit einen Text verfasst, den man zeitweise aus voller Kehle durch die Straßen schreien möchte. Es ist ein Protestsong, der auf harte Musik und Brutalität verzichtet, sondern durch Worte glänzt und überzeugt.
Dieser Song befindet sich sechsmal auf der Single, fünfmal sind es Remixes, die mal härter, mal elektronischer einschlagen. Chris „The Lord“ Harms hat es sich nicht nehmen lassen, den Song selbst zu interpretieren, mit dabei war Corvin Bahn, der unter anderem am aktuellen Lord Of The Lost-Album mitgewirkt hat und definitiv ein Händchen für Kompositionen hat. Da Erk Aicrag sich an der Die Tomorrow-Scheibe beteiligt hat, ist diese Retoure keine Überraschung.
PankowAbsolute Body ControlKuroshio und Officers heißen die anderen Interpreten, die sich an den Song gewagt haben. Vielleicht nur wenigen bekannt, lohnen sich aber die unterschiedlichen Varianten des Stückes, die die verschiedene Facetten mal mehr, mal weniger betonen.
Erk Aicrag kann auch anders. Ein wundervolles, emotionales Lied hat er geschrieben. Darin nimmt ein Sohn Abschied von seinem Vater. Dieser Text gipfelt in der Bitte: “When we meet one day just hold me…“. Mir fällt es da doch schwer, keine Träne zu verdrücken.
Zuletzt findet der Zuhörer ein Cover von „She’s Lost Control“ auf der Scheibe. Joy Devision haben das Original geschrieben und performt und sind vielen wohl kaum noch bekannt. Es ist eine schöne Hommage an eine Band, die leider viel zu früh schon wieder aufhören und unter anderem Namen in anderer Besetzung weitermachen musste, nachdem sich Sänger Ian Curtis im Mai 1980 erhängt hatte.

Rabia Sorda – auf Deutsch in etwa „taube Wut“ – haben eine gute, auf 1000 Stück limitierte Single veröffentlicht. Sie besticht nicht durch musikalische Glanzleistungen, sondern durch textliche Höhenflüge, Ausdruckskraft und Kampfgeist, die es vielleicht schaffen, den ein oder anderen aus seiner Lethargieaufzuwecken.

:mosch: :mosch: :mosch: :mosch: :mosch2:

Rabia Sorda – Eye M The Blacksheep (Single)
Out Of Line, 2012
6,99 €
Amazon

Tracklist:
1. Eye M The Blacksheep
2. Father
3. Eye M The Blacksheep (Lord Of The Lost Remix by Chris Harms & Corvin Bahn)
4. Eye M The Blacksheep (Pankowremix)
5. She’s Lost Control (and me too)
6. Eye M The Blacksheep (Absolute Body Control Remix)
7. Eye M The Blacksheep (Kuroshio Pitch Black remix)
8. Eye M The Blacksheep (Officers Remix)