Rezension: Carlton Mellick III – Ultrafuckers

 Ausfahrt gesucht!

Tony und Tammy sind auf dem Weg zu einer Dinnerparty. Dazu müssen sie in eine Einfamilienhaussiedlung in Eagle Hill. Dort angekommen suchen sie stundenlang nach der richtigen Adresse. Da aber alles gleich ausschaut und sie auf Hilfe der anscheinend geistig nicht anwesenden Bevölkerung verzichten müssen, irren sie ziellos umher. Dann verschwindet Tammy, ist nicht mehr auffindbar. Tony ist verzweifelt und auf sich alleine gestellt, bis er auf eine merkwürdige Truppe trifft: Die Ultrafuckers.

„Ich schreibe Bücher für aufgeschlossene Menschen“, so lautet Carlton Mellicks Leitmotto. Beeinflusst haben ihn vor allem Kinderbuchautoren, sagt er, zum Beispiel Roald Dahl oder Antoine de Saint-Exupery. In vielen seiner Bücher sieht er auch eher Kindergeschichten für Erwachsene. Gerade das Seltsame und Fremdartige verleitet die Menschen, zu seinen Werken zu greifen. Nachdem ich die „Kannibalen von Candyland“ schon gelesen hatte, wurde es wieder Zeit, den nächsten Mellick in die Hand zu nehmen. Titel und Cover des Buches „Ultrafuckers“ reichten mir schon, um es in meinen Warenkorb zu legen. Zudem sollten dieses Mal die Seiten orange gehalten sein. Wie schon erwähnt: Ungewöhnliches lockt.
Die Geschichte liest sich schnell und flüssig, neugierig und gespannt verfolgt man die Suche Tonys nach seiner Frau und dem Ausgang aus der Siedlung. Einen Moment gab es, an dem ich mich fragte: Wann geht es denn mal los mit Bizarro-Fiction? Diese schlich sich aber dann schließlich zwischen die Zeilen und beruhigt las ich weiter. Nachdem Tony die Ultrafuckers, verrückte japanische Punks, entdeckt, beginnt die Fiction. Eine Welt, gesteuert von Maschinen und Robotern, eine Welt, die sich immer wieder erneuert, immer gleich ausschaut, die Menschen in ihre molekularen Bestandteile umwandelt. Tony und seine neuen japanischen Ultrafuckers versuchen das zu verhindern.
Will der Autor uns damit darauf aufmerksam machen, dass wir selber dabei sind, die Welt zu zerstören, dass wir einfach nur zusehen und nichts unternehmen? Sind wir selber schon zu Robotern geworden, passen uns an? Ist es gut, wenn es solche Gruppierungen gibt, die sich auflehnen und uns wachrütteln? Wir sehen alles als selbstverständlich an, was, wenn die Roboter den Spieß umdrehen?

Mellick gibt mit diesem Werk nur einen kleinen Einblick in sein kreatives und abgedrehtes Hinterstübchen. „Ultrafuckers“ ist ein Buch, welches mich jetzt nicht ganz so faszinierte. Gegenüber dem Roman “Die Kannibalen von Candyland“ fehlt es dem Buch ein wenig an fesselnden Elementen. Wer jedoch ein Mellick-Fan ist, sollte sich schon allein wegen der Geschichte das Buch in sein Regal holen.

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Festa Verlag
Autor: Carlton Mellick III
123 orange Seiten
12,80 Euro (Hardcover)

Rezension: Xinran – Wolkentöchter

Die Liebe einer Mutter ist unendlich

xinran

Chinesische Hebammen auf dem Land bekommen für die Geburt eines Jungen den dreifachen Lohn – weibliche Säuglinge müssen sie ertränken oder werfen sie in einen Abfalleimer. Oft muss die Mutter selbst diese Aufgabe übernehmen – ein Mädchen ist eine Schande, keine Hilfe für die Familie, kann kein Land erben, und die chinesische Ein-Kind-Politik ist strikt.
Junge Frauen geben ihre neugeborenen Kinder – fast immer Mädchen – weg, setzen sie vor Waisenhäusern und Krankenhäusern aus, weil sie sich nicht um die Kleinen kümmern können, weil sie Schande über die Familie bringen, weil sie ihre Arbeit verlieren würden.
Selbst Eltern geben gemeinsam ihre Kinder weg – setzen eine Tochter an einem Bahnhof aus, geben eine Tochter zur Adoption frei.

Sind diese Menschen, diese Einwohner eines modernen Chinas, alles herzlose Monster? Nein, im Gegenteil. Jede Mutter, die sich aus welchem Grund auch immer von ihrer Tochter trennen, sie im schlimmsten Fall auf Druck der Familie sogar töten muss, leidet ihr Leben lang Höllenqualen. Von diesen Frauen berichtet die bekannte chinesische Autorin und Journalistin Xinran, die im Laufe der Jahre auf ausgedehnten Recherchereisen durch ganz China die erschütternden Lebensgeschichten gesammelt hat.

Seit den Achtziger- und Neunzigerjahren werden immerhin vermehrt chinesische Mädchen ins Ausland adoptiert, doch aufgrund der katastrophalen Verhältnisse in den örtlichen Waisenhäusern und der nicht existenten Aktenführung wissen diese Mädchen nicht das Geringste über ihre Herkunft und wachsen in dem Glauben auf, ihre chinesischen Mütter hätten sie schlicht nicht gewollt.

Für diese Mädchen hat Xinran Wolkentöchter geschrieben und um den chinesischen Müttern die Chance zu geben, ihre Trauer und die Umstände der Trennung von ihrem Kind zu schildern. Das Buch ist ihr aber auch ein persönliches Anliegen, da sie von beiden Seiten betroffen ist. Zwar kennt Xinran ihre leiblichen Eltern, doch die gaben sie schon als Kleinkind zu Verwandten, um sich voll und ganz der Kulturrevolution und der Umgestaltung des Landes widmen zu können. Xinran weiß also sehr gut, wie es sich anfühlt, nicht gewollt zu sein. Und sie hat eine Tochter verloren – eine wenige Monate alte Waise, die sie einige Zeit als Pflegekind bei sich aufnahm. Adoptieren durfte sie Kleiner Schnee nicht, da sie bereits einen leiblichen Sohn hatte, selbst die Pflege hätte ernsthafte Konsequenzen nicht nur für sie, sondern auch für ihre Kollegen beim Rundfunk gehabt. Schweren Herzens musste Xinran die geliebte Tochter an ein Waisenhaus geben, das schon kurz darauf abgerissen wurde; die Kinder wurden auf andere Institutionen verteilt … die Spur von Kleiner Schnee verliert sich an diesem Punkt.

Wolkentöchter ist ein herzzerreißendes Buch, das stellvertretend am Beispiel einiger Frauen vom Leid ganzer Generationen von Müttern erzählt. Von einer teils immer noch archaischen Gesellschaft – vor allem auf dem Land –, die sich nur langsam wandelt und auch weiblichen Säuglingen Achtung entgegenbringt. Von zwar moderneren Städten und einer moderneren Lebensweise, doch auch sexueller Unaufgeklärtheit und unerwünschten Schwangerschaften. Und von der Möglichkeit der Ultraschalluntersuchung, von den staatlichen Repressionen, wenn die Ein-Kind-Politik nicht eingehalten wird.
Gleichzeitig ist es auch ein wunderschönes Buch, weil darin so viel Liebe enthalten ist – die Liebe von Müttern zu ihren Töchtern. Unbedingt lesenswert!

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Xue Xinran, 1958 in Beijing geboren, war in China eine sehr bekannte Journalistin und Moderatorin einer einflussreichen Radiosendung namens „Verborgene Stimmen“. Seit 1997 lebt die Autorin mit Mann und Sohn in England.
Einen Namen hat sie sich vor allem mit einfühlsamen Interviews gemacht; sie besitzt das einzigartige Talent, dass Chinesen und vor allem chinesische Frauen sich ihr öffnen und ihr ihre Lebensgeschichten erzählen. In ihren Büchern verarbeitet Xinran seit Jahren ihre Erfahrungen, mal in dokumentarischer, mal in romanhafter Form. Alle ihre Werke geben hervorragende Einblicke in eine für uns Westler immer noch sehr fremde Gesellschaft, in ein Land, das wie kaum ein anderes dieser Welt während der Kulturrevolution von Grund auf umprogrammiert wurde und dessen Einwohner sich erst seit einigen Jahren davon emanzipieren.

2004 hat Xinran eine Organisation namens Mother’s Bridge of Love gegründet, die adoptierten chinesischen Mädchen helfen soll, ihre leiblichen Mütter zu finden bzw. ihnen die Gründe zu vermitteln, warum sie in ein Waisenhaus gegeben wurden. Mehr Infos dazu unter: http://www.mothersbridge.org/

Wer mehr von dieser großartigen Autorin lesen möchte: Verborgene Stimmen, Die namenlosen Töchter, Chinesen spielen kein Mao Mao, Gerettete Worte sowie Himmelsbegräbnis (mein persönliches Lieblingsbuch von ihr und auch sonst), sind auf Deutsch erschienen, alle bei Droemer bzw. im Taschenbuch bei Knaur.

http://www.xinranbooks.co.uk/

Titel der englischen Originalausgabe: Message from an unknown chinese mother. Stories of love and loss
Übersetzer: Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
Verlag: Droemer
Preis: 18,99 € (HC-Ausgabe) bzw. 16,99 € (Kindle-Ausgabe)

Verlag

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Rezension – Ransom Riggs: Die Insel der besonderen Kinder

 Eine Insel für Kinder mit besonderen Fähigkeiten – und Monster, die auf der Suche nach ihnen sind…

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Cover

Jakob liebt seinen Großvater und dessen abenteuerlichen Geschichten aus dem Waisenhaus über alles: Geschichten von kleinen Mädchen, die schweben können, von Hugh, dem Jungen, in dem Bienen wohnen, und dem unsichtbaren Zimmergenossen begleiten ihn durch seine Kindheit hindurch, bis Jakob zu alt wird, um ihm die Märchen zu glauben. Sein Vater sagt ihm, dass sein Opa durch pures Glück den Nazis und ihrer Vernichtungsmaschinerie entkommen ist und seine augenlosen Monster nicht mehr sind als übersteigerte Phantasien. Weiterlesen

Rezension – Max Barry: Maschinenmann

Der Schmerz ist ein Nebeneffekt des menschlichen Körpers, der so mangelhaft ist, dass man wesentliche Verbesserungen nur erreicht, wenn man das Vorhandene ausrangiert und ganz von vorne anfängt.

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Charlie Neumann ist ein Genie und am liebsten bei der Arbeit. Er entwickelt für den riesigen Techno-Konzern Better Future Kunststoffe, eine Tätigkeit, die es ihm erlaubt, wenig mit anderen Menschen in Kontakt treten zu müssen. Zu dumm, dass er Schlafen, Essen und Kacken muss, überhaupt ist sein Körper seinem Verstand eigentlich nur ein Klotz am zerebralen Bein. Dieser Zustand wird sogar noch schlimmer, als Charlie einen Arbeitsunfall erleidet, bei dem ihm eine riesige Presse ein Bein amputiert. Nicht, dass ihn der Verlust einer Gliedmaße sonderlich nahe ginge, wesentlich schlimmer sind die in seinen Augen vollkommen unzureichenden Prothesen. Warum ein Bein mangelhaft nachbilden, wenn man doch ein besseres bauen könnte? Wieder zurück an seinem Arbeitsplatz demontiert Charlie das verhasste Ersatzbein, um es anschließend zu überarbeiten. Jetzt ist sein künstliches Bein besser als das natürliche, das ihm geblieben ist – der Fall ist klar: Das Bein muss ab! Weiterlesen

Rezension: Christoph Marzi – Lyra

Odyssee und Heimkehr

Das Leben des Musikers Danny Darcy scheint ein Trümmerhaufen. Nachdem sein Bruder Colin ihm in Schottland geholfen hat, aus einem ziemlich blöden Deal herauszukommen, und das Problem mit seiner Mutter anscheinend gelöst ist, kehrt er in seine neue Heimat Minnesota zurück – nur um sich in den Scherben seiner Beziehung wiederzufinden. Kurz nachdem seine Frau Sunny ihm gestanden hat, dass sie ein Kind von ihm erwartet, trennt sie sich, weil sie ihn mit einer anderen Frau gesehen hatte, in einem Café, in dem Danny nie war. Schnell wird klar, dass dies die Lügengespinste seiner Mutter sind, die wieder einmal Gestalt annehmen und so seine Ehe ruinieren. Dannys Hoffnung, mit dem Verschwinden seiner verhassten Mutter würde auch die Lüge sterben, verrinnt schnell, nachdem Sunny sich bei ihm meldet und besorgt mitteilt, dass es „der Kleinen“ nicht gut gehe. Albträume quälen sie und ihr ungeborenes Kind. Durch einen Tipp erfährt Danny, dass er sich an die Sirenen wenden soll, denn nur ihre Macht reicht aus, um eine so starke Lüge aus Sunny zu entfernen. Doch vor diesen Frauen wird nicht grundlos gewarnt, und so wird der Ausflug in die Sümpfe Louisianas bald zur Gefahr nicht nur für Danny, sondern auch für Frau und Kind…

Lyra knüpft dort an, wo Fabula aufhörte: Die böse Mutter ist besiegt und weggesperrt, die Familiengeheimnisse gelüftet und Danny ist gerade nochmal so davongekommen. Nun beginnt der Leser zu verstehen, wieso er überhaupt versucht hat, seine Mutter loszuwerden. Es werden in Rückblicken noch einige offene Fragen geklärt, bevor die Geschichte nach den Geschehnissen in Schottland weitergeführt wird. Danny ist allein in Minnesota, seine Frau ist ausgezogen und spricht nicht mehr mit ihm, aber er hat immerhin einen Plan. Von Musiklegende Tyler Blake bekommt er den Tipp, nach New Orleans zu gehen und dort mit der Suche nach den Sirenen zu beginnen. Leider – und das ist eine der Schwächen des Buches – besteht diese Suche nicht etwa aus mysteriösen Rätseln, die es zu lösen gilt, vielmehr wird Danny noch zig Mal weiter geschickt, ganz nach dem Motto: „Ich kann dir nicht helfen, aber ich kenne jemanden, der‘s kann!“ Dadurch bekommt Lyra unnötige und auf die Dauer eher nervige Längen, da Danny und Sunny im Grunde über die Hälfte des Buches nur mehr oder weniger erfolgreich durch die Weltgeschichte irren. Als jedoch schließlich endlich die richtige Person gefunden ist, geht es Schlag auf Schlag, und einmal mehr überrascht Marzi den Leser mit seiner Fähigkeit, aus scheinbar aussichtslosen Situationen plötzlich eine schlüssige Wendung hervorzuzaubern, die alles zum Guten führt.
Danny sitzt inmitten eines Netzes aus Intrigen und perfiden Plänen seiner Mutter, deren Ausmaß erst ganz am Ende offensichtlich wird, als er erkennt, dass er ihr direkt in die Falle getappt ist. Hier wird schnell der charakterliche Unterschied zu seinem Bruder Colin (um den sich Fabula drehte) klar: Er ist hitzköpfiger, planloser, impulsiver und scheint dadurch eher dazu zu neigen, die Kontrolle über die Geschehnisse zu verlieren und ein hilfloser Spielball in den Plänen seiner Mutter zu werden. Marzi zeigt hier wieder sein Talent zum Schreiben: Fabula und Lyra sind sprachlich und stilistisch an ihre Hauptfiguren angepasst. Der ruhige, bodenständige Colin fällt stilistisch kaum auf, alles ist eher romantisch, während der aufbrausende junge Danny mit reichlich Schimpfwörtern garniert daherkommt und aus der Romantik des Öfteren auch Erotik wird.
Für Danny als Musiker darf natürlich der Bezug zu seiner großen Leidenschaft nicht fehlen, also flechtet Marzi geschickt wie immer diverse Lieder ein – hier auch erstmals selbst geschriebene (bzw. von Danny geschriebene), und zeigt dabei ein echtes Talent zum Verfassen von Songtexten. Eine Sammlung der Texte von Dannys Band „Dylan’s Dogs“ findet sich im Anschluss an die Geschichte.
Die drückend schwüle Atmosphäre der Sümpfe Lousianas mit ihren zahlreichen Gefahren – sichtbar wie auch unsichtbar – wird von Marzi magisch eingefangen und von Seite zu Seite greifbarer, als Danny und Sunny aus der Zivilisation in die gruselige Einsamkeit des riesigen Geflechts aus Brackwasser und Inseln eintauchen. Sie geraten in eine Welt, die geprägt ist von alten Voodoo-Bräuchen und Aberglaube, doch beide sind sich bewusst, dass in jeder Legende auch ein wahrer Kern steckt. Diese bedrohliche Stimmung reißt den Leser spätestens jetzt mit.

Lyra füllt alle Lücken, die Fabula gelassen hat, und bringt die Geschichte zu einem schlüssigen und glücklichen Ende, diesmal für alle beteiligten Charaktere. Marzi spielt dabei geschickt mit dem Bild, das man vom Sumpfland Lousianas hat und garniert es mit seinen zauberhaften Ideen über Geschichten, die niemand mehr erzählt, und altgriechischen Mythen. Durch die Längen am Anfang kommt dieser Teil für mein Empfinden leider etwas zu kurz. Auch ist Dannys charakterliche Entwicklung im Vergleich zu der seines Bruders aus dem ersten Teil eher übersichtlich gehalten, andererseits erwartet man von ihm auch keine besonderen Fortschritte. Alles in allem ist Lyra ein gelungener Fantasyroman und insbesondere, wenn man Fabula gelesen hat, ein Muss. Da Marzi sich selbst allerdings durch Werke wie die „Uralte Metropole“-Reihe, oder auch sein letzter Roman Grimm sehr hohe Maßstäbe setzt, wirkt Lyra im Vergleich eher durchschnittlich.

:buch:  :buch:  :buch:  :buch:  :buch2:

Christoph Marzi – Lyra
Heyne, Paperback, 2009
430 Seiten
14,00€

Ebook: 10,99€

Lyra bei Heyne

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Christoph Marzi

22.07.2012 Schandmaul – Vroudenspiel, Backstage Werk

Feel Free & Easy

Für alle, die das Free & Easy nicht kennen: Man kann auf Konzerte gehen für lau. Nur wenn die Hallen und Clubs mal voll sind hat keiner mehr eine Chance, dem Vergnügen beizuwohnen. Vroudenspil und Schandmaul, zwei Bands, die jede für sich ihre Fans haben. Die eine schon seit Jahren bekannt und aus dem Mittelalter-Folk-Rock nicht mehr wegzudenken. Die andere jung, dynamisch und ehrgeizig. In den letzten Jahren konnten Vroudenspil ihren Fankreis deutlich erweitern und nicht mehr nur in der Rosenheimer Gegend halten. Dass dieses kostenlose Spektakel lockte, ist nicht verwunderlich. So fanden sich bereits eine Stunde vor Einlass die Ersten ein, damit sie ganz sicher im Backstage Werk einen Platz bekämen. Und es wurden von Minute zu Minute immer mehr. Die Türen öffneten sich mit guten 15 Minuten Verspätung. Viele waren ein wenig ungeduldig und die Hitze schlug ebenfalls auf die Gemüter. Umso erleichterter waren die Massen, als sie endlich einströmen und an den Bars etwas Kühles kaufen konnten.
Schnell fand sich ein Platz vor der Bühne, wer jetzt da stand, sollte lieber dort bleiben. Sich durch die Menge zu kämpfen, um nur mal auf das Klo zu gehen oder sich was zu trinken zu kaufen, war gut zu überdenken. Wer daran dachte, mal zwischendrin eine Zigarette zu rauchen, musste befürchten, nicht wieder eingelassen zu werden. Also hieß es aus- und durchhalten.

Vroudenspil betraten mit gewohntem Intro die Bühne. Sie wirkten nicht ganz so lebhaft wie auf anderen Konzerten. Ohne großer Ankündigung stellten sie sich auf ihre Positionen und legten gleich los. Zu Beginn schienen sie noch ein wenig verhalten. Doch sie spielten sich recht schnell ein und gewöhnten sich an die Menschenmenge, die vor ihnen stand und ihnen zujubelte. Wahrscheinlich war dies der Grund, warum die Freibeuter ein bisschen schüchtern waren. Die Nervosität merkte man auch Sänger Ratz an, der ab und an eine wirre, komische Aussage herüberbrachte. Aber das machte ihn nur sympathisch, schließlich war das für die Band ein großer Auftritt, der ihnen sicherlich auch zahlreiche weitere Fans einbrachte. Das Publikum feierte, tanzte und pogte zu den Liedern der Truppe und ließ sich mitreißen. Ein sehr schöner, gelungener Auftritt.

Von Veldenstein nach München benötigt man gute zwei Stunden. Für Schandmaul ein kurzer Weg und Staugefahr bestand auch nicht. Sie schienen nicht müde als sie die Bühne betraten, nach dem neuen „A-Team“- Intro. Da sah man auch einige verwunderte aber amüsierte Gesichter. Die Setliste hatten sie vom Tag vorher einfach mitgebracht und warum sollte es mit diesen Liedern nicht auch im Werk klappen, wenn es schon auf dem Veldensteiner so gut funktionierte. Und das tat es auch im Werk; es war voll, laut, heiß, überfüllt und eine wahnsinnig tolle Stimmung. Es gab tatsächlich ein paar Probleme beim Einlass, einige Besucher durften nicht herein und mussten von draußen dem Konzert lauschen. Und das war wieder wirklich gut. Der Klang im Werk machte das Ganze wieder zu einem besonderen Auftritt. So wie die Vroudenspil-Mitglieder hatten auch Schandmaul viel Spaß auf der Bühne, diesmal ohne Tonprobleme. Und zum zweiten Mal überzeugte mich die Band. Ich konnte mich wieder darauf einlassen und mitfeiern.
Es war ein großartiger Abend mit sehr, sehr guter Musik und viel Spaß. Vroudenspil und Schandmaul: Eine durchaus gelungene Kombination.

21.07.2012 Veldenstein Festival

Die Burg mit Ambiente

Ein tolles Ambiente für ein wundervolles Festival bietet die Burg Veldenstein in Neuhaus an der Pegnitz. Bereits zum elften Mal versammelten sich die Freunde und Fans dieses besonderen Events im Burghof. Diesmal war es ratsam, Regenjacke und warme Kleidung im Gepäck zu haben, denn der Wettergott meinte es in diesem Jahr nicht gut. Doch es kam bei weitem nicht so schlimm wie erwartet und von den Meteorologen behauptet. Ein paar kurze heftige Schauer mussten die Besucher über sich ergehen lassen. Den meisten machte es aber überhaupt nichts aus und sie ließen sich ihre Fröhlichkeit nicht nehmen.

Pünktlich um 14 Uhr betrat Donar von Rabenschrey die Bühne, begrüßte das Publikum und kündigte die erste Band an. Den Auftakt durften Vermaledeyt aus Memmingen machen, die nach ihrem Auftritt die Pausen auf dem Mittelaltermarkt musikalisch verkürzten. Die junge Band überzeugte schnell mit ihren mittelalterlichen Klängen, die ersten Anwesenden begannen im Hof zu tanzen, die ersten Füllhörner streckten sich dem Himmel entgegen. Die Jugendlichkeit der Mitglieder konnte man deutlich in den Stücken hören: beschwingt, viel Elan und Fröhlichkeit. Der Mix aus deutschen und französischen Texten vermittelt ein unvergessliches Flair.

Die Band Rabenschrey gehört auf dem Veldensteiner Festival schon fast zum Inventar. So waren sie auch in diesem Jahr wieder auf dem Line-Up zu finden. Mit neuen Bühnenoutfits und neuem Make-up stellten sie sich dem angeheiztem Publikum gegenüber. Der Jubel klappte an diesem Tag nicht so besonders, vielleicht fehlten die zusätzlichen Endorphine der Sonne. In gewohnt rockiger Manier und bei bester Laune unterhielt Donar seine Fans mit bekannten alten Stücken wie „Dreckstück“, „Wir sind Heiden“ und natürlich auch „Walhalla“. Am 31.08.2012 erscheint die neue CD Hart aber ehrlich auf dem Musikmarkt. Einen kleinen Vorgeschmack hatte die Band für die Anwesenden im Gepäck. Die Stücke schienen sehr gut anzukommen und sicherlich wird die ein oder andere Scheibe über die Ladentheke gehen.

Schon eine halbe Ewigkeit sind die Mannen von Tanzwut auf den Beinen und auf den Bühnen unterwegs. Mit viel elektronischen Klängen und einem harten Industrialsound trafen sie genau den Geschmack des Publikums, wer jetzt noch saß, war entweder schon betrunken oder mochte die Band halt einfach nicht. Tanzwut wissen, wie sie sich in Szene setzen müssen, gekonnt binden sie ihre Fans mit ein und schaffen es auch die letzten Reihen zum Tanzen zu animieren. Im letzten Jahr brachten sie Weiße Nächte heraus; ein durchaus gelungenes Album, wie die Anwesenden mit Applaus bestätigten. Ein altbewährtes Stück durfte aber auch nicht fehlen, ohne „Bitte Bitte“ durften Tanzwut die Bühne nicht verlassen.

Die eigenwillig geformte Zigarette, die Donar während der nächsten Ankündigung rauchte, ließ schon erahnen, welche Band nun kommen sollte. Die niederländische Gruppe Omnia nahm ihren Platz auf der Bühne ein. Nach vielen elektronischen Klängen kehrte nun etwas Ruhe und Besinnlichkeit ein. Unterstützt von Harfe und Didgeridoo versetzten Jenny und Sic ihre Fans in einen Traum. Leider schüttete es bei diesem Auftritt dermaßen, dass doch viele versuchten, Zuflucht unter einem schützenden Dach zu finden. Laut Sic rächte sich Gott wohl in diesem Moment an den Menschen, die Umwelt und Natur nicht achten und schützen. Musikalisch gab es nichts auszusetzen, aber es fehlte ein bisschen an Schwung und Lebendigkeit.

Dass Fiddler’s Green eine Garantie für gute Stimmung und viel Spaß sind, bewiesen sie auch an diesem Abend. In der letzten Zeit waren sie recht viel unterwegs und ihre Stimmen hatten nicht viel Schonzeit. Wer nun meint: Die müssen doch auch mal müde werden, den muss ich enttäuschen: Ihr Bühnenprogramm riss jeden mit, gute irische Folkmusik, die einfach in Mark und Bein überging. Es ist immer wieder ein Genuss, diesen gutgelaunten Musikern zuzusehen und zuzuhören. Da kann man definitiv nichts falsch machen. Die Stimmung im Publikum war jedenfalls wieder deutlich gestiegen und die Menschen waren bereit für das große Finale.

In diesem Jahr waren Schandmaul die Headliner. In recht dunkel gehaltenem Bühnenlicht positionierten sich die Musiker und warteten auf ihren Einsatz. Die Klänge unter der beleuchteten Burg zu hören, verzauberte und faszinierte. Nach ein paar Stücken musste Thomas allerdings ein bisschen improvisieren, da es Tonprobleme gab. Doch alle nahmen es mit Humor und die Fehler wurden recht schnell beseitigt. Was mir persönlich an diesem Abend besonders gut gefiel? Schandmaul spielten viele alte Stücke, zum Beispiel: „Die goldene Kette“, „Herren der Winde“, „Vogelfrei“ und „Walpurgisnacht“. Das sind alles Lieder, die mich damals auf die Band aufmerksam gemacht haben. Und ich genoss die Reise in die Vergangenheit, genau wie die restlichen Anwesenden, die mitsangen und im Takt mitwippten. Und das sollte auch zwei Stunden anhalten. Dieser Auftritt war für mich einer der besten, den ich von Schandmaul gesehen habe, deswegen ein sehr gelungener und großartiger Abschluss.

Ein Highlight gab es auf dem Veldensteiner Festival auch noch. Ich warte ja schon seit Jahren darauf, dass ein Heiratsantrag auf der Bühne gemacht wird und an diesem Tag war es soweit. Es war zuckersüß, die Angebetete da oben stehen zu sehen. Erst der überraschte Ausdruck in ihrem Gesicht, gefolgt von strahlendem Lächeln, Berührtheit und Glück. Möge den beiden eine schöne Zukunft mit viel Liebe bevorstehen. Alles Gute.
Leider sieht es für ein erneutes Veldensteiner Festival im nächsten Jahr sehr schlecht aus. Der bisherige Pächter steigt aus und es wird immer noch ein Nachfolger gesucht. Drücken wir die Daumen, dass die Tradition fortgesetzt werden kann.

Rezension: Christoph Marzi – Fabula

Über die Macht der Geschichten

Colin Darcy führt in London ein langweiliges, aber im Grunde zufriedenes Leben. Zumindest bildet er sich das ein, und besser als seine Vergangenheit in Ravenscraig, dem unheimlichen Schloss seiner Kindheit und Jugend, ist es allemal. Das Verhältnis zu seiner Mutter ist zerrüttet, das zu seinem Bruder Danny erkaltet, und das letzte Mal war er in seiner schottischen Heimat, als sein Vater beerdigt wurde. So dümpelt Colins Leben vor sich hin, bis sich eines Abends die Ereignisse überschlagen: Die Trennung von seiner Freundin war mehr als überfällig. Doch als ihn danach auch noch die Nachrichten erreichen, dass sein bester Freund und Kollege gerade bei einem mysteriösen Autounfall ums Leben gekommen ist, und dass sowohl seine Mutter als auch sein Bruder spurlos verschwunden sind, bröckelt das perfekte „London Leben“. Ihm bleibt keine Wahl – Colin reist zurück in das verhasste Schloss seiner Vergangenheit, und auf dieser Reise kommen nicht nur die Erinnerungen an all das zurück, was geschehen ist. Warum er seine Mutter hasst, warum er seinen Bruder kaum mehr spricht, all dies und dutzende alte Geschichten werden wieder lebendig…

Fabula braucht etwas, um in Gang zu kommen, da man anfangs nicht wirklich etwas mit dem Lauf der Dinge anfangen kann. Es beginnt eher unspektakulär, nimmt dann aber zügig Fahrt auf und reißt den Leser mit. Wenn man die Geschichte zu fassen beginnt, erinnert sie zunächst ein wenig an „Big Fish“, in dem ein Mann durch seine Geschichten lebt, doch nach und nach wird klar, dass es sich bei den Geschichten von Colins Mutter nicht um charmante Märchen handelt … So kommt Fabula erwachsener daher, als die „Uralte Metropole“-Reihe; düsterer, gruseliger. Colin ist über weite Teile der Geschichte vollkommen hilflos und versteht kaum, in was er da hinein geraten ist. Einzig seine Jugendliebe Livia gibt ihm Kraft und schlussendlich auch den entscheidenden Hinweis auf des Rätsels Lösung.
Die Marzi-typischen Anspielungen fehlen natürlich auch hier nicht, maßgeblich sind in Fabula die Anlehnungen an alte Westernfilme und Schwarzweiß-Schinken der 50er Jahre, und natürlich wie immer allgegenwärtig Bob Dylan. Persönlich kann ich damit weniger anfangen, allerdings ist dies alles so flüssig in die Geschichte eingebaut, dass es auch nicht stört. Für Fans dieser Art von Film und Musik sollte es ein echtes Sahnehäubchen darstellen.
Das Setting in der abgeschiedenen schottischen Kleinstadt, wo sich die Schlinge um Colins Hals enger zieht, weil gleich zwei windige Ermittler ihn für tatverdächtig halten, gibt dem Leser das wohlig-gruselige Gefühl alter Krimis, dekoriert mit einem Hauch von Fantasy. Die mystische Komponente in Fabula bleibt die ganze Zeit über eher dezent. Selbst als man erfährt, dass es Fabelwesen gibt, bleiben sie eher im Hintergrund. Colins Welt ist weniger fantastisch als Emilys „Uralte Metropole“, vielleicht aber auch nur, weil er die Magie aus den Geschichten seiner Mutter über Jahre hinweg erfolgreich verdrängt hat. In seinem „London-Leben“ könnte Colin durchaus der Typ Mensch sein, der den Kampf von Engeln und Trickstern um sich herum überhaupt nicht wahrnimmt. Erst durch die Rückkehr nach Schottland, insbesondere durch das Wiederaufleben seiner alten Liebe zum Friedhofsmädchen Livia, lernt Colin, die Magie der Welt um sich herum wieder wahrzunehmen. Der Leser folgt der Entwicklung seines Charakters unmittelbar, man fühlt sich selbst sogar etwas verloren in dem Strudel der Ereignisse.

Fabula ist ein Märchen über die Macht der Worte und Geschichten, die wohl fast jeden Menschen in seiner Kindheit fasziniert hat. Wer hat sich nicht vorm bösen Wolf oder dem Monster unter dem Bett gefürchtet? Christoph Marzi bringt diese Geschichten zurück und konfrontiert einen Mann damit, der die Ängste seiner Kindheit verdrängt hat und sich fest in der Realität verankert fühlt. Dass hier ein Erwachsener gewählt wird, unterstreicht die Situation – plötzlich kehrt alles zurück und der reife Verstand findet sich in einer Welt wieder, die er so bemüht als Einbildung abgetan hat, dass er sie komplett verdrängt hat. Dieses geschickte Spiel macht Fabula reizvoll und zieht den Leser mit, sodass es nach kurzen Startschwierigkeiten ein absolut lesenswerter Roman ganz in gewohnter Marzi-Manier ist. So ganz kommt es allerdings nicht an die Magie heran, die die „Uralte Metropole“-Reihe inne hatte.
Am Ende dieser Ausgabe gibt es noch eine kleine Kostprobe der Kurzgeschichtensammlung „Nimmermehr“, die Lust auf mehr macht.

:buch:  :buch:  :buch:  :buch:  :buch2:

Christoph Marzi – Fabula
Heyne, Paperback, 2007
496 Seiten
14,00€

Ebook: 10,99€

Fabula bei Heyne

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Christoph Marzi