Richard Wagner „Siegfried“ – Bayerische Staatsoper München

Selbstfindung eines (Anti-) Helden

Richard Wagner: Siegfried
Bayerische Staatsoper München

Zwischen der düsteren Walküre und der apokalyptischen Götterdämmerung bildet Siegfried in Wagners Ring-Tetralogie eine Art heiteres Zwischenspiel, und nach der tendenziell etwas statisch geratenen Walküre durfte man nun gespannt sein, wie Regisseur Andreas Kriegenburg und sein Team dieses Spielmaterial nutzen würden. Und sie tun es ohne Scheu vor ausgefallener Bebilderung und zum Teil auch mit Mut zum fröhlichen Unfug.

Vor allem die im Rheingold für beeindruckende Bilder genutzte und in der Walküre arg an den Rand gedrängte Statisterie, choreographiert von Zenta Haerter, kommt in diesem Siegfried von Anfang an wieder voll zum Einsatz.

Zu den einleitenden Orchesterklängen des Grübelmotivs stehen die ganz in Weiß gekleideten Komparsen dicht beieinander auf der ansonsten leeren, dunklen Bühne und bewegen sich, wechselnd beleuchtet in orange-roten Farben, mal langsamer, mal schneller hin und her, lösen sich voneinander und finden wieder zusammen: Ein lebendes Feuer als Einleitung für den in Mimes Schmiede spielenden ersten Akt, das ästhetisch dem ebenfalls aus Menschenkörpern gebildeten wogenden Rhein am Beginn des Rheingold ähnelt.

Solche und ähnliche Ideen gibt es im Laufe des Abends häufig. Die Segmente von Mimes Schmiede, nicht mehr als eine kleine bronzefarbene Zelle, werden von den Statisten zusammengesetzt und immer wieder auseinandergenommen, um den Blick freizugeben auf das Hintergrundgeschehen, das szenisch verdoppelt und kommentiert, was vorne von den Protagonisten gesungen wird; weitere optische Einfälle sind zum Beispiel aufeinander stehende Statisten mit Zweigen in der Hand als Bäume, eine lebende Blumenwiese mit an Stangen hereingetragenen weißen Wölkchen und nicht zuletzt, besonders beeindruckend, der über der Bühne schwebende, rotglühende Drachenkopf aus Menschenkörpern.

Das hat in seiner unbekümmerten Fantasie beinahe etwas von Kindertheater und Weihnachtsmärchen; und wenn Siegfried die Trümmer von Nothung, dem Schwert seines Vaters Siegmund, wieder zusammenfügt, dann lässt Kriegenburg seinem Einfallsreichtum endgültig freien Lauf und kreiert ein lebendes Wimmelbild. Da wird vom Bewegungschor ein riesiger Blasebalg und allerlei weitere mechanische Maschinerie bedient, glitzerndes Konfetti zur Darstellung der sprühenden Funken in die Luft geworfen, Mime beim Kochen des Tranks unterstützt, mit dem er später Siegfried außer Gefecht setzen will – ein enormes Gewusel, das Witz hat, aber fast schon ein wenig von der Musik abzulenken droht.

Dieser Siegfried ist ein pubertäres Bürschchen, ein Adoptivkind, das die Selbstzweifel über seine Herkunft mit Kraftmeierei kompensiert, zum Muskelaufbau Werkzeugkästen stemmt und dem verhassten Ziehvater Mime (Wolfgang Ablinger-Sperrhacke grandios als schmieriger, machtgieriger Underdog) ganz im Wortsinne in die Suppe spuckt. Wahres Heldentum sieht anders aus – Siegfried stolpert in seiner Naivität eher unfreiwillig von einem Abenteuer zum anderen, von der Tötung Fafners über die Auseinandersetzung mit dem Wanderer (das heißt Wotan, wieder eindrucksvoll dargestellt und gesungen von Thomas J. Mayer) bis hin zur Erweckung und Befreiung Brünnhildes.

Und es ist beim großen, abschließenden Liebesduett durchaus amüsant und mit ironischer Brechung dargestellt, wie dieser Siegfried trotz allem Ungestüm, trotz aller Heldentaten ein Jugendlicher mit Angst vor dem „ersten Mal“ ist, der zunächst beim bangen Zurückweichen vor Brünnhildes Annäherungsversuchen von der Bettkante plumpst, dennoch aber in der Liebe zu ihr auch zu sich selbst findet.

Lance Ryan beweist, warum er derzeit einer der gefragtesten Wagner- und speziell Siegfried-Sänger ist: Ohne erkennbare Ermüdungserscheinungen bewältigt er mit seinem kraftvollen, aber niemals metallisch harten Tenor diese Mammut-Partie, und das mit einer Textverständlichkeit, die umso mehr erstaunt, als Ryan Kanadier ist.

Großartig auch die stimmlich brillante und ausdrucksstarke Catherine Naglestad als Brünnhilde, hin- und hergerissen zwischen der Zuneigung zu ihrem Retter Siegfried und dem Wissen, dass diese Liebe endgültig den Verlust ihrer einstigen Göttlichkeit bedeutet.

Nicht zu vergessen im exzellenten Sängerensemble der düstere und stimmgewaltige Alberich von Wolfgang Koch, der perlende Sopran von Elena Tsagallova als Waldvogel im weißen Tutu (der, auch einer dieser zahlreichen kleinen Gags, dem sterbenden Fafner mit einem energischen Klaps seines Flügels endgültig den Rest gibt), Jill Grove als einem aus Menschenleibern gebildeten Hügel entsteigende gruselig-bleiche Erda und Rafael Siwek als Fafner.

Kent Naganos Dirigat ist zwar weiterhin relativ langsam, aber nicht schleppend, und findet an den richtigen Stellen auch zur notwendigen Dynamik.

Fazit: Eine auf jeden Fall kurzweilige, wenn auch vielleicht manchmal etwas zu verspielte Inszenierung und musikalisch eigentlich schon der siebte Wagnerhimmel. Die Maßstäbe für die finale Götterdämmerung sind damit jedenfalls hoch gesetzt.

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Richard Wagner „Die Walküre“ – Bayerische Staatsoper München

Von Liebe und Tod

Richard Wagner: Die Walküre

Bayerische Staatsoper München

Endlich! Endlich haben Teile des gediegenen Münchner Opernpublikums die Möglichkeit, sich rebellisch zu geben und während der Aufführung durch „Buh“- und „Aufhören“-Rufe auf sich aufmerksam zu machen. Wie Regisseur Andreas Kriegenburg, der sich doch eigentlich mit provokanten inszenatorischen Einfällen zurückhalten wollte, das geschafft hat? Dazu gleich mehr …

Wir befinden uns nach dem gestrigen Rheingold-Vorabend am ersten Tag des Ring des Nibelungen, in Die Walküre. Mehr als bei allen anderen Teilen steht hier das Beziehungsgeflecht zwischen den Figuren im Fokus, insbesondere die Liebe: die erkaltete zwischen Wotan und seiner Gattin Fricka, die enthusiastische des von Wotan gezeugten Zwillingspaars Siegmund und Sieglinde und nicht zuletzt auch die väterlich-töchterliche Liebe zwischen Wotan und der Walküre Brünnhilde. Doch ist Liebe überhaupt noch möglich vor dem Hintergrund von Intrigen, Gewalt und Machtspielen? Vielmehr ist auch der Tod allgegenwärtig.

Wie schon im Rheingold ist das Bühnenbild geprägt von Harald B. Thors universellem Riesenkasten, der sich im ersten Akt zu Hundings Haus wandelt, das freilich alles andere als heimelig wirkt: In den Ästen der Esche hängen Tote, im Hintergrund sind Frauen damit beschäftigt, Leichen zu waschen oder zu präparieren. Die Bedrohlichkeit der Situation, in die Siegmund hier geraten ist, ist unterschwellig permanent fühlbar, nicht zuletzt auch durch das herrische Auftreten Hundings (Ain Anger), der seine Ehefrau Sieglinde eher als stets verfügbares Objekt zu betrachten scheint denn als Mensch. Immer wieder zieht er sie gewaltsam zu sich heran, und ihr Kleid muss auch schon mal zum Abwischen der Hände herhalten.

Was für ein kaum fassbares Glück, dass ihr verschollener, innigst geliebter Bruder sie aus dieser Ehehölle befreit! Die im Inzest endende Annäherung der beiden wirkt jedoch irgendwie statisch, auch wenn die Darsteller stimmlich mehr als zu überzeugen wissen.

Klaus Florian Vogt ist der vom Publikum frenetisch gefeierte Siegmund, und es ist ein Genuss, seinem samtweichen, hellen Tenor zuzuhören, auch wenn es ihm an den hochdramatischen Stellen vielleicht ein wenig an Durchschlagskraft mangelt. Nicht weniger umjubelt Anja Kampe als Sieglinde, die mit ihrem klaren Sopran mühelos sowohl die ruhigen als auch die leidenschaftlichen Momente dieser Partie bewältigt.

Für den zweiten Akt haben Kriegenburg und Thor die Bühne zunächst weitgehend leergeräumt. Nichts als ein Schreibtisch signalisiert, dass wir uns jetzt in Walhall, der Macht- und Schaltzentrale Wotans, befinden. Wirklich viel hat er allerdings nicht mehr zu melden, insbesondere wenn es um die von ihm eingefädelte, in der Zeugung des späteren Helden Siegfrieds mündende Begegnung Sieglindes und Siegmunds geht. Seine Frau Fricka (Sophie Koch, stimmlich weitaus prägnanter und präsenter als im gestrigen Rheingold) ist jedoch kein zänkisches Eheweib, sondern eine präzise Analytikerin und Realistin, die Wotan seine Grenzen aufzeigt und gleichzeitig ihr Anliegen als Hüterin der Ehe durchzusetzen vermag, indem sie erfolgreich den Tod des Ehebrechers Siegmund einfordert.

Wotan hingegen ist ein Verzweifelter und Getriebener, sowohl stimmlich als auch schauspielerisch glaubhaft verkörpert durch Thomas J. Mayer, insbesondere in seinem langen Monolog, wenn er Brünnhilde seine Hoffnungslosigkeit über den unaufhaltsamen Gang der Dinge darlegt, sich lediglich das Ende herbeiwünscht und sich sogar deren Schwert an den Hals setzt. Die kurzfristig für die erkrankte Katharina Dalayman als Brünnhilde eingesprungene Iréne Theorin ist ein weiterer vokaler Glücksfall des Abends und beherrscht alle Facetten zwischen lyrischer Intensität und dramatischer Schärfe.

Für die anschließenden Szenen der Flucht Siegmunds und Sieglindes, die Todverkündung Brünnhildes (ein ergreifend intensiver Moment zwischen ihr und Siegmund) und den Kampf zwischen Siegmund und Hunding verengt sich der Bühnenkasten zu einem schmalen Spalt, einem bläulich beleuchteten und von Nebelschwaden durchzogenen, von Toten übersäten Schlachtfeld – eines der an diesem Abend leider insgesamt eher raren eindrucksvollen Bilder.

Und dann der dritte Akt … Der beginnt mit dem selbst den meisten Wagner-Unkundigen hinlänglich bekannten Ritt der Walküren, ein „Hit“ sozusagen, auf den jeder wartet. Doch Kriegenburg bricht mit dieser Erwartungshaltung und provoziert auf diese Weise die eingangs erwähnten Unmutsbezeugungen.

Denn statt des wohl berühmtesten aller Ring-Motive erklingt zunächst – nichts. Was wir hingegen sehen, ist etwa ein Dutzend junger Frauen in knielangen, silbernen Kleidchen und Springerstiefeln, die eine stumme Tanzperformance hinlegen, eine symbolische Darstellung der ungestüm auf ihren Einsatz wartenden Pferde der im Hintergrund bereits präsenten Walküren. Fünf Minuten Trampeln, Stampfen und Haareschwingen ohne jede Musik, zu dem gleichzeitig auf Pfählen aufgespießte Leichen vom Bühnenboden emporgefahren werden. Das hat durchaus Spannung und Dynamik, ist aber vielleicht ein wenig zu lang geraten und ein derart ungewöhnlicher Angriff auf die tradierten Hör- und Sehgewohnheiten, dass es dem einen oder anderen zuviel wird. Die Zwischenrufe halten sich allerdings die Waage mit demonstrativem Applaus, bevor schließlich die Töne des Walkürenritts aufbranden.

Wenn Wotan am Ende Brünnhilde als Strafe für ihren Ungehorsam in Schlaf versetzt und den Flammenring um sie legt, geschieht das auf komplett leerer Bühne. Einerseits ist die Abkehr von effekthascherischem Bühnenzauber erfreulich, und in der Tat geschieht ja auch nicht viel in dieser Schlusspassage, doch wirkt die Reduktion in diesem Fall eher wie eine Kapitulation des Regisseurs vor dem Stoff.

Szenisch ist diese Walküre sicher dennoch nicht schlecht, aber auch nicht der wirklich große Wurf; einzelne gute Einfälle bleiben voneinander isoliert, ohne sich zu einem abgerundeten Ganzen zu fügen. So tauchen die im Rheingold als originelle lebende Bühnenbilder fungierenden Statisten nur noch als etwas beliebig wirkende Staffage auf, beispielsweise als Butlerschar in der Götterburg Walhall, die Getränke servieren oder auch als Sitzmöbel für Wotan und Fricka herhalten muss. Im ungleich aktionsreicheren Siegfried gilt es hier einiges nachzuholen.

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Richard Wagner „Das Rheingold“ – Bayerische Staatsoper München

Der Anfang vom Ende

Richard Wagner: Das Rheingold
Bayerische Staatsoper München

Was für ein Unterfangen! Das Vorhaben der Bayerischen Staatsoper, innerhalb nur einer Spielzeit den gesamten Ring des Nibelungen, Richard Wagners opus magnum, auf die Bühne zu bringen, hat in dieser Form wohl noch kein anderes Haus gewagt. Normalerweise verteilen sich die Produktionen von Rheingold, Walküre, Siegfried und Götterdämmerung auf drei bis vier Jahre; hier in München gab es das Opernkleeblatt nun also ein Jahr vor Wagners 200stem Geburtstag innerhalb nur einer Saison, inszeniert von Andreas Kriegenburg zusammen mit Harald B. Thor (Bühne) und Andrea Schraad (Kostüme), die an der Staatsoper vor wenigen Jahren bereits eine beeindruckende Aufführung von Alban Bergs Wozzeck erarbeitet hatten.

Im Rahmen der momentan stattfindenden Opernfestspiele steht der Ring nun zweimal in einem Zeitraum von jeweils sechs Tagen auf dem Spielplan; den Auftakt zur zweiten Runde machte gestern der Vorabend Das Rheingold, heute gefolgt von Die Walküre, dem Siegfried am Freitag und der Götterdämmerung am Sonntag, die übrigens im Rahmen von „Oper für alle“ auch kostenlos auf einer Großbildleinwand auf dem Max-Joseph-Platz zu sehen sein wird.

Im Vorfeld hatte Kriegenburg zu seinem Inszenierungskonzept gesagt, er wolle nicht mit der x-ten Neuinterpretation oder opulenten Effekten aufwarten, sondern sich auf die Erzählung der Geschichte konzentrieren und diese mit Bildern versehen, die man so vielleicht noch nicht gesehen hat.

Zumindest zu Beginn wird diese Ansage voll eingelöst. Beim Betreten des Zuschauerraums fällt der Blick sofort auf den von Harald B. Thor geschaffenen riesigen, hellen Bühnenraum (ein Einheitsbühnenbild, das sich gleichwohl im Laufe der Aufführung durch verschieb- und kippbare Boden- und Deckenelemente als vielseitig veränderbar erweist), in dem sich in Picknickatmosphäre allerlei jugendliches Volk in weißer Sommerkleidung tummelt. Auf einmal beginnen diese Statisten sich bis auf die hautfarbene Unterwäsche auszuziehen, sich mit blauer Farbe zu beschmieren und im vorderen Bühnenbereich auf den Boden zu legen. Wenn sie dann mit dem Einsetzen der Klänge des Es-Dur-Vorspiels und während der gesamten ersten Szene Oberkörper, Arme und Beine auf- und abbewegen, ist das in der Tat eine faszinierende Bildfindung für die Darstellung des wogenden Rheins.

Auch später wird die Statisterie noch zu sehen sein, zum Beispiel als die Burg Walhall symbolisierende zinnenbewehrte Mauer – gewöhnliche Menschen (die ja im Ring ansonsten kaum vorkommen) als Bühnenbilder: eine interessante Idee, und es wird spannend sein zu sehen, wie diese in den noch folgenden Teilen fortgeführt werden wird.

Darüber hinaus gelingen noch weitere bestechende Bilder, etwa die auf gewaltigen Blöcken aus toten Körpern stehenden Riesen oder Alberichs Nibelheim-Bergwerk: ein düsteres Szenario aus Gewalt, Feuer und Tod, fast schon in einer Art Rammstein-Videoästhetik.

Kriegenburg interessiert sich erfreulicherweise wenig für den mythologischen Unterbau des Stoffes. Seine Figuren sind im zeitlichen Nirgendwo verortet, am ehesten noch im Hier und Jetzt, wozu auch die neutralen Kostüme von Andrea Schraad beitragen. Deren Charakterzeichnung bleibt zwar im Wesentlichen eher konventionell, verlangt den Sängern aber dennoch auch große schauspielerische Fähigkeiten ab.

Wotan (solide: Johan Reuter) ist zu Beginn ein mehr als selbstbewusster Chefgott, der entgegen mahnender Worte vor allem seiner Gattin Fricka (Sophie Koch, teilweise merkwürdig unsauber in den Tiefen) alles im Griff zu haben glaubt. So einer kann den Riesen (Thorsten Grümbel und Phillip Ens) auch schon mal die Göttin Freia (Aga Mikolaj) als Lohn für die Fertigstellung der Burg Walhall versprechen, die nach ihrer Befreiung aus der Geiselhaft Fasolts und Fafners als gebrochene Frau zurückbleibt. Am Ende ist von dieser Selbstgerechtigkeit jedoch nicht mehr viel übrig; der Verlust des Rings als Lösegeld für Freia hat die Katastrophe und den Anfang vom Ende in Gang gesetzt. Dessen ist sich Wotan bewusst, da gerät schließlich auch der Einzug in die neu geschaffene Götterburg wenig glorios.

Stimmlich und darstellerisch der Star des Abends und zu Recht mit stürmischem Beifall und Bravos bedacht ist Wolfgang Kochs Alberich. Wie dieser sich vom allseits abgelehnten Proleten nach dem Raub des Rheingolds und dem Schmieden des Rings zum eiskalten Machtmenschen wandelt und letztlich nach Verlust all dessen zum Enttäuschten und Erniedrigten mit Hass auf alles und jeden, das ist eine durchaus überzeugende Charakterstudie.

Ebenfalls eindrucksvoll der Loge des Stefan Margita: ein zynischer Dandy im roten Anzug, schwankend zwischen blankem Egoismus und Unterstützung der anderen Götter, die aus ihrer Ablehnung für ihn, den Halbgott, keinen großen Hehl machen.

Kent Nagano dirigiert das alles unaufgeregt und durchaus sängerfreundlich. Etwas mehr Energie und etwas weniger Lyrismus wären hier teilweise wünschenswert, aber dies bedeutet schon Jammern auf hohem Niveau.

Alles in allem eine Inszenierung des Vorabends, die man vielleicht als eine Art Exposé für die folgenden Teile verstehen kann. Wäre es eine Tätowierung, so könnte man eventuell von den Outlines sprechen, die es in den kommenden Tagen zu füllen gilt. Ich bin gespannt!

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Rezension: Daniel Krause – Tattoo Krause. Deutschlands prominentester Tätowierer sticht zu

Tattoos sind für alle da

krause

Daniel Krause – dank der Fernsehshow „Berlin sticht zu“ und regelmäßiger Auftritte im Sat1-Frühstücksfernsehen einer der prominentesten Tätowierer Deutschlands – erzählt in seinem Buch aus seinem bewegten Leben und was das Tätowieren und die ganze Szene für ihn bedeuten.

Aufgewachsen in Ost-Berlin, gerät er als Punk schon im Teenageralter mit der Staatsgewalt aneinander und landet schließlich kaum volljährig wegen wiederholter Renitenz im Gefängnis. Dort kommt er zum ersten Mal richtig mit dem Tätowieren in Kontakt und ist fasziniert von der symbolischen Bedeutung, die es über die pure Farbe unter der Haut hinaus gerade in einem DDR-Knast hatte. Sich gegenseitig im Gefängnis zu tätowieren wurde nämlich mit hohen Strafen geahndet, und ein Tattoo war die einzig wahre Form der Rebellion dort. Dennoch sollte es noch eine Weile dauern, bis Daniel Krause sein erstes richtiges (abgesehen von einer stümperhaften Rose mit 16) Tattoo bekommt und voll in die Tätowiererszene, die sich nach der Wende in Ost-Berlin erst etablieren muss, einsteigt.

Die Jahre nach der Wende verbringt er als Reisekaufmann und Türsteher, und vor allem letzterer Job bringt ihn mit der rauen Welt der Rockergangs und zwielichtigen Tattoo-Studios in Kontakt. Doch erst 1999 steigt er als Geldgeber in ein Studio ein, das Tätowiererhandwerk lernt er sogar noch später. Seit 1999 existiert das „Classic Tattoo“ (mittlerweile mit mehreren Filialen in Berlin) in Berlin-Mitte und ist zu einer festen Institution im Kiez und der Berliner Tattoo-Szene geworden. Nicht zuletzt durch die Persönlichkeit von Daniel Krause, der redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, oft derb, oft großkotzig, aber immer ehrlich und oft auch mit einer Prise Selbstironie; er präsentiert sich als herzlicher Mann, dem seine Nachbarn, sein Studio und seine Kunden alles bedeuten, der sich aber auch von niemandem dumm kommen lässt. Der Mann mit dem auffälligen Äußeren – muskulös, tätowiert bis zu den Handgelenken, Glatze und kleines Zöpfchen im Nacken – ist aber auch Vegetarier, sehr an Spiritualität interessiert und ein sehr nachdenklicher Mensch, der seinen Horizont auf ausgedehnten Reisen um den ganzen Erdball erweitert.

Einen großen Teil des Buches nehmen dann nach Eröffnung von „Classic Tattoo“ Geschichten über Kunden ein, über verrückte Erlebnisse, über die harte Macho-Welt der Tätowierer, über die unzähligen Frauen, die man in den Anfangstagen der Szene vernaschen konnte, generell über die wilden Zeiten damals. In der zweiten Hälfte des Buches wird es dann zum Glück etwas ernster, die hier vorgestellten Episoden handeln von tragischen und berührenden Begegnungen mit Kunden und von Leuten, deren Leben von ihrer Tattoo-Leidenschaft bestimmt wird. Außerdem werden die Zeit der Doku-Soap-Produktion und die enorme Popularität nach ihrer Ausstrahlung beschrieben, die ihm viele prominente Kunden (darunter Sarah Connor und andere Musiker, Schauspieler etc.) einbrachte.

Das Buch ist ein flüssig zu lesender Abriss von Daniel Krauses Leben und Karriere als Tätowierer und Tattoo-Shop-Besitzer, er will das Tattoo aus seiner Schmuddelecke holen und zeigen, wie normal der Körperschmuck mittlerweile geworden ist, dass er ein Ausdruck von Individualität ist und Respekt verdient. Leider erfährt man für meinen Geschmack zu wenig über das Tätowieren an sich, außerdem haben mich neben der extrem schnodderigen Sprache auch seine hobbypsychologischen Exkurse über das Wesen der Frau, Beziehungen und den Sex genervt – ein kleiner Macho ist Daniel Krause schon.
Wenn man das Buch aber mit dem Anspruch liest, etwas über ihn als Menschen zu erfahren und dabei auch über die für viele sicher fremde Welt des Tätowierens, wird man nicht enttäuscht werden.

:buch: :buch: :buch: :buch2: :buch2: (mit Tendenz zu vier Smileys)

Autor: Daniel Krause
Verlag: Droemer Paperback
Format: Paperback mit Klappenbroschur, 248 Seiten
Preis: € 14,99 (eBook: € 12,99)

Classic Tattoo
Berlin sticht zu

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Rezension: Lynda Hilburn – Kismet Knight, Vampire lieben länger

Vampire!

Kismet Knight ist in der Welt der Vampire, gute wie böse, angekommen. Ihre Arbeit als Vampirpsychologin wird von der Um- wie Unterwelt zur Kenntnis genommen und genutzt. Während eines Radiointerviews mit dem unverschämten Carson Miller meldet sich erstmals der Vampir Lyren Hallow bei ihr. Er gibt an, ein Vampirjäger auf der Suche nach seinem nächsten Opfer zu sein, das aus ihrem Bekanntenkreis kommt. Devereux, ihr so eleganter, beeindruckender Vampirfreund, will sie daraufhin in Gewahrsam nehmen, da er um die Gefährlichkeit von Lyren Hallow weiß. Kismet lehnt dies ab und begibt sich mit ihrer neuen Freundin Maxie Westhaven, Reporterin des National Skeptic, zu einer Vampirpfählung. Dieses Erlebnis verändert mal wieder ihren Lebensweg und bringt sie in so manche Gefahr.

Der zweite Teil der Vampirgeschichte um Kismet Knight enthält eine Ansammlung von bekannten und unbekannten Menschen bzw. Vampiren im Leben der Vampirpsychologin, die durch Kämpfe, Leidenschaft, Widerwillen, Vampirbisse, Blut, Zerstörung, Verwirrung, Liebe, Wandlung und neue Erkenntnisse diese Erzählung beleben sollen. Dies wurde von der Autorin sehr fantastisch (Ableitung von Fantasie!) und monströs niedergeschrieben. Der Witz aus dem vorhergehenden Buch ist nicht mehr so gut beschrieben bzw. vorhanden. Leider konnte ich diesem Teil nicht so viel abgewinnen, wie dem ersten Band: siehe hier.

:buch:  :buch:  :buch2:  :buch2:  :buch2:

Lynda Hilburn: Kismet Knight, Vampire lieben länger
ursprünglich PAN-Verlag / Droemer Knaur Verlag, Dt. Erstausgabe 2011
€ 9,99
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Rezension: Lynda Hilburn – Kismet Knight, Vampirpsychologin

Vampire?

Kismet Knight 1Die Psychologin Kismet Knight betreibt eine Praxis in Denver. Zu ihren Patienten gehört unter anderem Midnight, die ihr von ihren Vampir-Freunden berichtet. Kismet ist aus ihrer rationalen Sichtweise heraus nicht bereit, sich auf diese Geschichte einzulassen. Aber die Zusammentreffen mit den vermeintlichen Vampiren Devereux und Bryce, dem FBI-Agenten Stevens, sowie die tote und blutleere Emerald belehren sie eines anderen. Kismet kann sich auch nicht ihrer Eindrücke aus dem Club „Crypt“ und weiterer eigenartiger Vorfälle (u.a. ihrer Entführung, nach der sie in einem Sarg auf einem Friedhof erwacht – Erfahrungen während eines Schutzrituals – die Erlebnisse mit Luzifer) entziehen. Ihre normale, erklärbare Welt wird gehörig auf den Kopf gestellt – und auch ihr Liebesleben profitiert davon.

Lynda Hilburn lässt ihre Hauptdarstellerin in die Welt der Vampire eintauchen. Ihr Widerwillen bzw. Unglauben demgegenüber werden dem Leser amüsant geschildert („Devereux‘ Privatbad! Hätte ich vor der Tür einen Knicks machen sollen?“ S. 262). Dies entlockt einem so manches Lächeln während der Lektüre.
Die Spannung wird immer wieder durch Kismets Gegenspieler und die Vampirkämpfe erzeugt. Wer gewinnt? Was passiert als nächstes?
Schöne, gut gebaute Männer entfachen auch so manche erotische Situationen, die schon mal dazu führen können, seitenweise beschrieben zu werden. Dies würzt sicher die ganze Geschichte, aber für mich hätten diese Beschreibungen gerne kürzer ausfallen können.

Als unerfahrene Leserin von Vampir-Geschichten finde ich diese Erzählung unterhaltend und amüsant. Die Anspannung der Protagonistin ist immer wieder nachvollziehbar und auf einen selbst übertragbar – wird aber nicht überreizt. Mir ist nur so manch andere beschriebene Person zu schön, um nicht zu sagen, „zu kitschig“.

 :buch:  :buch:  :buch:  :buch:  :buch2:

Lynda Hilburn: Kismet Knight, Vampirpsychologin
ursprünglich PAN-Verlag / Droemer Knaur, 2010
ISBN 978-3-426-28302-
€ 9,95
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Rezension: Oliver Uschmann – Überleben auf Festivals

„Nichts ist blöd genug, um nicht mal darüber nachzudenken“
– Sylvia Witt –

Jedes Festival gleicht der Wildnis und die Besucher der bunten Fauna, die man dort antrifft. Keiner weiß das besser als Oliver Uschmann, der in seinem Buch die über Jahre hinweg gesammelten Erkenntnisse vorstellt. Neben den Besuchern, werden auch die Künstler in Kategorien unterteilt, das Festivalessen unter die Lupe genommen und – ganz wichtig: alle Rituale erklärt. Ein Musikfestival ist eine eigene, kleine Welt, mit speziellen Regeln und Gattungen, die hier allesamt ausführlich vorgestellt werden.

Oliver Uschmann ist Musikjournalist und Autor. Er hat sie mitgemacht, die großen Festivals wie Wacken oder Rock am Ring. Die dabei gesammelten Erfahrungen waren viel zu wertvoll, als dass er sie für sich behalten konnte. Gut so, denn nun hat jeder eingefleischte Besucher von Rock im Park oder der schüchterne Neuling beim Summer Breeze den ultimativen Führer. So kann man schnell und einfach herausfinden, welcher Kategorie der Nachbar auf dem Zeltplatz zuzuordnen ist.
Gut: Die Krankenschwester, weil sie alles dabei hat, was man auf jeden Fall braucht; der Kegler, weil keiner großherziger selbstgemachten Nudelsalat und gutes Bier anbietet.
Schlecht hingegen: Der Barbar, der ist dann doch etwas rauer; der Choleriker, weil man von vornherein verloren hat; die Vandalen – da ist es egal, ob sie in direkter Nachbarschaft randalieren oder weiter entfernt: Sie finden immer ihre Opfer, zünden Müllberge und Dixiklos an und vermöbeln gerne mal jemanden. Ihre Trophäen sind die Kabelbinder der Security, mit denen sie endlich dingfest gemacht wurden.
Bereits hier erkennt man sich selbst, seine Mitreisenden und die umgrenzenden Festivalbesucher des letzten Konzertsommers wieder und kann sicherlich uneingeschränkt zustimmen. Uschmann bietet einen besonderen Service: Die fünf Lieder einer jeden Kategorie, das Motto derselben und Verhaltenshinweise, trifft man auf ein Exemplar dieser Spezies.

Weiter geht es mit den Rockern selbst, die auf, hinter, vor der Bühne stehen und das Publikum anschreien, begeistern, ignorieren oder mit lustigen roten Kappen amüsieren.
Da ist die Elfe, die fein über die Bühne schwebt und mit zartem Stimmchen ihre Lieder ins Mikro haucht, etwa eine Katie Melua oder Björk. Daneben steht die Röhre, ebenfalls weiblich, die so manchem männlichen Frontmann die Show stiehlt und ihm zeigen kann, wie man nun richtig growlt – man denke an Bonnie Tyler oder Arch Enemy-Frontfrau Angela Gossow.
Manche Musiker können ohne Nikotin gar nicht mehr überleben, frische Luft würde zum sofortigen Tod führen, daher sieht man Peter Maffay, E-Gitarren-Gott Slash oder Lemmy Kilmister nur mit Glimmstängel im Mund.
Tragisch wird es, so weiß Uschmann zu berichten, wenn man auf die Kategorie Männerherzen trifft: Der Sänger war unsterblich und leider auch unglücklich verliebt. Das gebrochene Herz spiegelt sich fortan in jeder Platte und ausnahmslos jedem Song wider, etwa bei Bruce Springsteen oder Jupiter Jones.
Schließlich wird die Fangemeinde endlich mal aufgeklärt, wie das mit den „Amtlichen Brettern“ ist: Todesbretter, Britische, Satanische, Wahre, Christliche Bretter stehen da auf den Bühnen. Dazu zählen unter anderem Marduk, Korn, Manowar oder Overkill.
Überhaupt glänzt der Autor nicht nur mit viel Wissen über Bands und kategorisiert diese übersichtlich, nein, für den Laien bietet er auch nach jeder Beschreibung eine Auswahl an Musikgruppen und Alben, damit das Einordnen beim nächsten Open Air leichter fällt.

Auch die Verhaltensrituale sind genauestens aufgeführt. Schließlich wäre es kein guter Festivalführer und ein Überleben auf diesen Veranstaltungen unmöglich, kennte man sich nicht mit Dingen wie der Bierrutsche, dem Beflaggen, Crowdsurfing oder gar der Festivalreligion „Helga!“ aus. Wichtig ist auch die richtige Benutzung der aufgestellten Dixiklos, nämlich … genau: Mit dem Einkaufswagen reinfahren, die blauen Häuschen anzünden oder sie einfach ignorieren. Außerdem darf man nicht die Skulpturen, die Beuys Tränen der Rührung in die Augen treiben würden, oder gar die Schilder mit hochgeistigen Sprüchen, wie „Titten raus, es ist Sommer!“ vergessen.

Wenn sich Uschmann um die Ernährung bemüht, denkt man sicherlich lächelnd an die eigenen Vorräte, die unbedingt dabei sein müssen: Bier. Das Grundnahrungsmittel eines jeden Festivalbesuchers. Keine Mixgetränke, denn: „Das vorgefertigte Biermischgetränk ist der Untergang des Abendlandes.“ (S. 263), und untergräbt zudem das strikte Obstverbot auf dem Gelände.
Obst, genau: Obst sieht man teilweise verschüchtert bei Lese-Lauras rumliegen, wird der Genuss desselben aber entdeckt, drohen harte Strafen. Bleiben noch nie verzehrtes Toastbrot, das die Weltherrschaft plant, Fertignudelgerichte, die süchtig machen und das Grillen. Ohne Grillen geht gar nichts! Dazu gehört ordentliches Fleisch. Vegetarier-Weltverbesserer legen lieber Auberginen und Zucchini auf den Rost, eine Freude für Gott, der beide Gemüsesorten nur zum eigenen Amüsement erschaffen hat.

Auch die Schlafplätze sind beschrieben. Dabei sollte man die Finger von 1er-Zelten lassen und alleine in einem 2er-Zelt nächtigen! Sofa nicht vergessen und tunlichst die Nachbarschaft zur lautbrummenden Generatorhölle vermeiden, rät Uschmann.
Ganz zum Schluss kommt die Security: die Sicherheitskräfte der Finsternis und des Lichts. Der Autor behält auch hier recht, sollte sich aber bei zukünftigen Festivalbesuchen vor ersteren in Acht nehmen, möchte er das Gelände lebend verlassen.
Im Anhang befindet sich ein Register aller genannten Bands.

Das kleine Büchlein würde sich schnell lesen lassen, denn es ist flüssig geschrieben. Doch beim Lesen denkt man an vergangene Festivalbesuche und küsst des Öfteren den Boden, weil man vor Lachen vom Stuhl gefallen ist, das unterbricht den Lesevorgang. Mit viel Witz und Charme beschreibt Uschmann das Rockreich. Da kann keiner widersprechen, denn der Autor hat recht: So ist es! Das Buch macht sehr viel Spaß und es erscheint zum richtigen Zeitpunkt, beginnt doch gerade wieder die Festivalsaison, hängen die Tickets für Wacken, Summer Breeze oder RIP schon lange an der Pinnwand und wird bereits fleißig geplant, wer wann wie zum Campingplatz kommt.
Zusätzlich amüsiert Uschmann mit Vor- und Nachwort. Darin sind zwei Dialoge mit seiner Frau Sylvia Witt enthalten.
Um das Beschriebene zu veranschaulichen, enthält das Buch noch ca. 30 Schwarzweißfotos vom Open-Air-Leben.

Ein sehr gelungenes Buch, das jedem Hardcorefestivalbesucher ans Herz zu legen ist, wenn er die Zeit zwischen Wachwerden und der ersten Band, die er sich anhören wird, überbrücken möchte. Aber auch für jeden Grünschnabel, der endlich alt genug ist, um sich in die Hölle zu begeben, ist die Lektüre geeignet, sollte man doch niemals unvorbereitet Neuland betreten.
Vielleicht wird man in diesem Sommer nicht nur bei Lese-Lauras die neue Pflichtlektüre mit entsprechenden Markierungen auf dem Zeltplatz vorfinden.


Zukünftiger Anblick auf Festivals?

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Oliver Uschmann – Überleben auf Festivals. Expedition ins Rockreich
Heyne Hardcore, 2012
368 Seiten, Broschiert
12,99 €
Oliver Uschmann bei Heyne
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Interview mit Tiefenstadt

Tiefenstadt sind eine noch junge Band aus Nürnberg. Dabei haben die fünf Bandmitglieder bereits reichlich Erfahrungen in der Musikbranche sammeln können. Doch unter diesem Namen fanden sie sich laut Bandseite erst im Oktober 2011 zusammen. Tiefenstadt ist mehr als nur Musik, mehr als nur Gothic: Wie der Namen schon vermuten lässt, gehen die Songs tiefer, sprechen vom Inneren, vom Verborgenen und von noch viel mehr. Die Fünf haben sich Zeit für ein Interview genommen und stellen sich vor.


Tiefenstadt aus Nürnberg

Kyra Cade: Wer steckt hinter Tiefenstadt?
Tiefenstadt: Hinter dem Namen steht eine ganze Reihe von Begriffen und Personen. In erster Linie eine Band und ein wunderbares Team an Freunden, die diese Band aktiv unterstützen. Wenn man sich auf die Idee Tiefenstadts einlässt, sind wir die Lithonauten, eine Gesandtschaft einer sehr alten Zivilisation, die tief im Inneren der Erde existiert. Gesandte mit einer Botschaft, enormen Wissen und der Fähigkeit, durch die Tiefen der Erde zu reisen.

K. C.: Welchem Genre kann man eure Musik zuordnen?
Tiefenstadt: Es ist melancholische aber auch harte Musik. Wir sind keine Vertreter der sogenannten Neuen Deutschen Härte. Wir sind auch keine klassische Gothic-Band. Die unterschiedlichen Erfahrungen jedes Einzelnen verdichten sich zu etwas Eigenem. Wohin unsere Musik tatsächlich zuzuordnen ist, überlassen wir daher gern der schreibenden Zunft. Vielleicht ist es Tiefenrock!

K. C.: Tiefenstadt ist eine Stadt, ein phantastischer Ort; aber auch die innere Welt eines jeden. Was verbindet ihr mit diesem Ort?
Tiefenstadt: Zuflucht, Ursprung, geistige Heimat. Rückzugsort ohne Mobilfunkempfang und Internet. Ein Ort der Stille. Ein eigener Kosmos mit eigener Energiequelle.

K. C.: Es klingt ein bisschen nach Atlantis oder Vernes „Reise zum Mittelpunkt der Erde“. Hatten solche Fantasien Einfluss auf den Bandnamen?
Tiefenstadt: Natürlich kennen wir diese Geschichten. Die Idee zu Tiefenstadt war aber eher ein isolierter Prozess, der wie eine Treppe zum Ziel führte. Wir versuchen uns von ähnlichen Themen aus Literatur und Film abzuschirmen, um der Fantasie die größtmögliche Freiheit zu gewähren.

Aus den Augen verloren: Die wirklich wichtigen Dinge im Leben

K. C.: In euren Texten soll die innere Welt des Menschen eine Rolle spielen. Kann man sagen, ihr singt über die Seele, über Träume, Hoffnungen und den Schmerz des Menschen?
Tiefenstadt: Genau so würden wir das beschreiben. Viele Texte behandeln die Selbsterkenntnis des Einzelnen. Die Einsicht der eigenen Schwächen und Ängste ist der Anfang, ein besserer Mensch, ein besseres Wesen zu werden. Nur so kann eine Gemeinschaft entstehen, die nicht in der eigenen Auslöschung endet.

K. C. Welche Sehnsüchte habt ihr?
Tiefenstadt: Der Mensch, mit seiner bis jetzt entwickelten Technologie, verliert den Blick für die wirklich wichtigen Dinge im Leben. TV, Internet und andere Medien fressen die Lebenszeit ohne
Spuren zu hinterlassen. Wir leben im Informationszeitalter und es wäre dringend notwendig, dass der Mensch aufwacht, seinen Verstand benutzt und sich und seine Umwelt nicht freiwillig vergiftet.

K. C.: Sind Gott oder der Glaube von Bedeutung?
Tiefenstadt: Den Glauben oder eine Gottheit gibt es in Tiefenstadt nicht. Unsere „Religion“ basiert auf einem kollektiven Bewusstsein. Allerdings gibt es alte Schriften, die das Schwinden des Götterglaubens belegen. Der Song „Do We Cheat God Now“ versucht an diese Zeit zu erinnern.

„Eine musikalische Symbiose“

K. C.: Dann kann man sagen, dass ihr eine eigene Philosophie habt? Wie lautet diese genau? 
Tiefenstadt: Es ist nicht mit einer Philosophie zu vergleichen – Tiefensadt ist eine sehr alte Zivilisation. Ein Vielvölkerstaat, der durch viele Kriege vor der eigenen Auslöschung stand. Nur durch das kollektive Bewusstsein können die verschiedenen Arten zusammenleben. Wie genau sich dieses Denken und Fühlen entwickelt hat, würde jetzt den Rahmen sprengen. Wir werden, wenn uns der Zeitpunkt richtig erscheint, einige Texte und Songs veröffentlichen, die Einsicht in diese Themen geben.

K. C.: Spielt ihr noch in anderen Bands?
Tiefenstadt: Bis auf unseren Schlagzeuger Robert (Ignis Fatuu) und Bassisten Michael (Sanity Obscure) gilt es, unsere Energie effizient und ohne Ablenkung auf ein Ziel gerichtet einzusetzen.

K. C.: Martin und Robert haben aufgrund des übereinstimmenden musikalischen Verständnisses die Band gegründet. Was ist euch denn in dieser Hinsicht besonders wichtig?
Tiefenstadt: Es ist wie ein Bund, den wir eingegangen sind. Dieser Bund, davon sind wir überzeugt, führt unweigerlich zu einer musikalischen Symbiose, die großartige Songs hervorbringen wird.

Tiefenstadt ist immer eine Reise wert

K. C.: Ihr wart vorher bereits in Bands: Vier von euch bei Soul in Isolation, Martin u.a. bei Deadone Sign. Konntet ihr euch da nicht so ausleben, wie es jetzt möglich ist?
Tiefenstadt: Tiefenstadt ist etwas anderes. Wenn zwei Komponisten aufeinander treffen, gibt es entweder Streit und Machtkämpfe oder etwas Neues entsteht. Es ist eine musikalische Bewusstseinserweiterung, sich auf den anderen einzulassen. Dies kann nur funktionieren, wenn gegenseitige Wertschätzung, Achtung und Respekt vor der Kreativität des anderen vorhanden sind. Das geht nicht, wenn man sich das nur vornimmt – es muss bereits vorhanden sein. So gesehen sind Soul In Isolation und Deadone Sign an ein Ende gekommen.

K. C.: Gibt es Vorbilder?
Tiefenstadt: Nein, nur Einflüsse aus unterschiedlichen Stilrichtungen und Epochen. Die bringst Du automatisch mit, wenn Du schon ein paar Jahre Musik machst. Aber nicht wirklich benennbare. Auch entwickelt man im Laufe der Zeit etwas Eigenes – allein aus der Intension, etwas Eigenes zu schaffen. Sei es ein bestimmter Sound, bestimmte Harmonien oder auch Gestaltung der Titel. Wir sind noch am Anfang unseres Weges. Aber schon jetzt ist unser Sound unverkennbar Tiefenstadt.

K. C.: Arbeitet ihr bereits am Debutalbum?
Tiefenstadt: Ja und nein. Das ist mehr ein Parallelprozess. Um ein Debutalbum veröffentlichen zu können, sind zwei Voraussetzungen notwendig: Einmal eine größere Auswahl an probaten Songs und zum anderen natürlich ein gewisser Bekanntheitsgrad. Da Tiefenstadt offiziell erst seit Januar 2012 als eine Band existiert, ist beides natürlich noch nicht vorhanden.

K. C.: Man kann derzeit auf Facebook abstimmen, ob man euch beim DMF 2013 sehen möchte. Wäre dieser Auftritt etwas Besonderes für euch?
Tiefenstadt: Auf jeden Fall, da wir bis dahin vielleicht schon mit einem kompletten Album wieder aus Tiefenstadt auftauchen werden.

K. C.: Zukunftspläne für Tiefenstadt?
Tiefenstadt: Wir möchten die Musik und die Geschichte von Tiefenstadt weiterbringen. Das ist ein lebendiger Prozess und wir hoffen, dadurch möglichst vielen Menschen und allem, was Ohren hat einen Anstoß zu geben. Eine Reise nach Tiefenstadt ist und wird immer eine wunderbare Erfahrung sein.

K. C.: Ein paar Worte zum Abschluss?
Tiefenstadt: Wir denken, das langt fürs erste. Vielen Dank!

K. C.: Vielen Dank für das Interview!