Interview mit My Tide

Die Gezeiten einer Band

img_4390Aus Hamburg kommt eine Gothic-Doom-Metal-Band, die seit 15 Jahren Musik macht. Das Trio hat bereits mehrere CDs produziert und gibt auch auf der Bühne richtig Gas. My Tide sind vielseitig und erfinden sich selbst immer wieder neu, so kommt keine Langeweile auf. Stefan Frost, Sänger der Band, hat sich zu einem Interview bereit erklärt und bringt uns My Tide ein bisschen näher.
Kyra Cade: Stellt Euch bitte kurz vor.
Stefan: Die Band My Tide besteht derzeit wieder aus drei Musikern und das wird wohl auch so bleiben. Tobias Norff macht bei uns den Bass, die Vocals und Keyboards, Jörn Dackow spielt die Drums und ich (Stefan Frost) bin für die Gitarre und ebenfalls für die Vocals und Keyboards zuständig. Tobias und ich teilen uns die Stimmen, um so mehr gesangliche Bandbreite zu erlangen. Er growlt und ich singe klar bis halb klar mit angerauter Stimme. Seit dem Jahr 1997 sind wir jetzt mit My Tide unterwegs, Jörn stieß 2007 dazu, nachdem unser vorheriger Drummer ausgestiegen war. Angefangen haben wir mit weiblichen Vocals und Drum-Computer, im Laufe der Zeit entschieden wir uns aber für einen Drummer aus Fleisch und Blut, außerdem passen männliche Vocals besser zu unserem Stil. Seitdem haben wir mehrere Demos und Alben produziert, waren auf Samplern zu hören und haben natürlich einige Live-Konzerte gegeben.

K.C.: My Tide ist ein Bandname, den man nicht sofort verstehen und einordnen kann. Könnt ihr erklären, wie es zu dem Namen kam?
S.: Tobias und ich kamen auf den Namen 1997. Wir hatten damals noch nichts Passendes gefunden, also verabredeten wir uns zum Essen, um zu überlegen, was am besten zu uns und unserer Musik passen würde. Da wir eine sehr enge Bindung zum Wasser und dem Meer haben, wir sind ja Nordlichter, wollten wir einen Namen haben, der das auch wiedergibt. Übersetzt heißt der Name My Tide „Meine Gezeiten“. Tide kommt von Tidenhub, also dem Scheitelpegel einer Flut und dem untersten Pegelstand einer Ebbe. Da unsere Texte hauptsächlich die Gedanken unseres realen Lebens wiederspiegeln und das Leben auch Höhen und Tiefen für uns bereit hält, entschieden wir uns letztendlich für den Namen My Tide, also „Meine Gezeiten“.

K.C.: Welches Genre bedient ihr?
S.: Unsere heutige Musikrichtung würden wir wohl am ehesten als eine Mischung aus Gothic, Metal und Doom beschreiben. Allerdings sind wir sehr offen für andere Einflüsse, so waren auf unserer letzten CD beispielsweise auch Blackmetal-Einflüsse zu vernehmen. Ich kann gar nicht genau sagen, ob wir nur ein spezielles Genre abdecken. Unsere produzierten CDs waren dafür sicherlich zu unterschiedlich. Wenn wir zum Beispiel das 2007 produzierte Album Love, lies, anguish nehmen, das wirklich sehr melodische und poppige Songstrukturen innehat und es der letzten CD This cold age gegenüberstellen, mit weitaus mehr Doom- und Blackmetal-Einflüssen, dann müsste ich sagen, wir decken das Gothic-Genre genauso ab, wie zum Beispiel die Fraktion der Hörer, die auf eher härtere Klänge stehen. Es ist eben ein Prozess; auf der bald erscheinenden CD wird es beispielsweise eine gekonnte Mischung aus den beiden vorherigen genannten CDs geben. Wir machen keine Musik um ein Genre zu bedienen oder einer Strategie zu folgen. Wir sind eben Musiker und machen Musik, die uns gefällt.

K.C.: Euch gibt es bereits seit 1997. Mit welchen Erwartungen, Wünschen und Hoffnungen habt ihr My Tide aus der Taufe gehoben?
S.: Ich denke, wir unterschieden uns mit unseren Erwartungen nicht von anderen Musikern. Wenn man anfängt selbst Musik zu machen, hat man beispielsweise den Traum auf einer Bühne seine Musik anderen Menschen zu präsentieren, die im Idealfall die Musik dann auch gut finden. Da spielt sicherlich auch immer eine Portion Narzissmus eine Rolle. Natürlich hat man mit Anfang 20 den

Traum, einen guten Label-Vertrag zu bekommen und von seiner Musik leben zu können. Das relativiert sich mit den Jahren. Ich habe mit der Zeit so viele Musiker kennengelernt, die wirklich nichts anderes machen als Musik und wirklich nicht gut davon leben können. Unterhält man sich oberflächlich mit diesen Menschen, dann klingt das Profi-Musikerdasein immer sehr blumig, fragt man näher nach, dann erkennt man schnell, dass diese Musiker sich häufig am Existenzminimum bewegen. Nur die wenigsten können sehr gut davon leben, daher sind wir alle drei froh, uns in anderen Bereichen hauptberuflich etabliert zu haben.img_4417

K.C.: Hat sich alles erfüllt?
S.: Teilweise schon, immerhin haben wir insgesamt fast sechs CDs produziert und durften unsere Musik häufig anderen Menschen präsentieren, ob nun live, im Internet oder auf Sampler-Beiträgen. Das mit dem Label hat bis heute leider nicht funktioniert. Allerdings hatten wir 2002 einen Vertriebs-Deal mit Twilight Distribution, unser Album Impressions from a dying world war damals beispielsweise bei Mediamarkt und Saturn erhältlich. Mein größter Wunsch hat sich allerdings erfüllt, nämlich dass ich nach 22 Jahren des GitarreSpielens immer noch nicht müde bin, weiterhin Musik mit Leidenschaft zu produzieren und diese dann anderen Menschen zu präsentieren.

K.C.: Was war bisher das absolute Highlight? 
S.: Als Highlights würde ich unsere Club-Konzerte zwischen 2002 und 2005 bezeichnen. Bei diesen Konzerten haben wir viele musikbegeisterte Menschen kennengelernt, mit denen wir einen guten Austausch hatten.

K.C.: Ihr sagt selbst, ihr erfindet euch immer wieder neu. Heißt das im Umkehrschluss, ihr habt euch noch nicht gefunden?
S.: Um auf jeder CD immer wieder dasselbe zu machen, sind wir uns zu schade. Ich würde sagen, wir ergänzen den Stil der vorhergegangenen CD mit wieder neuen Einflüssen. Das „immer wieder selbst erfinden“ ist tatsächlich eine Tatsache, zu der wir uns selbst verpflichtet haben. Wenn ich mir heute Bands anhöre, die ich bereits vor 10 Jahren gehört habe und sie klingen heute immer noch genauso, dann kann es meiner Meinung nach nur an zwei Dingen liegen.
Erstens: Die Band hat keine Ideen.
Zweitens: Sie müssen die Fans mit immer demselben Stil bedienen, wie bereits vor zehn Jahren, um diese nicht zu verlieren.
Die Angst etwas Neues auszuprobieren haben wir nicht. Natürlich spielen beim Songwriting-Prozess auch äußere Faktoren eine Rolle, wie zum Beispiel die Stimmung der Musiker. Ich denke, wir erfinden uns immer wieder neu, ohne den roten Faden zu verlieren.

K.C.: Bisher sind fünf Alben von euch erschienen, die auch richtig reinhauen. Gibt es eins, das ihr besonders empfehlen würdet?
S.: Mein persönlicher Favorit ist das Love, lies, anguish-Album. Wir hatten 2007 ganze zwei Jahre für das Songwriting und die Produktion aufgewendet, weil die äußeren Umstände dies zuließen. Ich denke, das hört man der CD an. Tobias würde an dieser Stelle sicherlich unser letztes Album This cold age nennen, weil er eher auf einen sehr rohen Sound steht.

img_4489K.C.: Wer schreibt bei euch die Songs?
S.: Das variierte bislang von CD zu CD. Das Songwriting für unsere erste Demo Tired haben Tobias und ich gemeinsam gemacht. Das zweite Demo Sounding Lead habe ich komplett alleine geschrieben und aufgenommen. Zu unserem ersten Album Impressions from a dying world habe ich die Musik geschrieben und Tobias die Texte. Genauso haben wir das bei dem zweiten Album Love, lies, anguish gehandhabt. Für unsere letzte CD This cold age hat Tobias fast (bis auf einen Titel) die komplette Musik und die Texte im Alleingang geschrieben. Ich habe mich quasi nur noch ins Studio begeben, um die Gitarren einzuspielen und meine Gesangsparts beizusteuern. Die bald erscheinende Scheibe ist ein Gemeinschaftsprodukt von allen drei Musikern. Wir verfolgen beim Songwriting-Prozess keine Regeln.

K.C.: Gibt es Themen, die ihr am liebsten besingt?
S.: Wir schreiben über Dinge, die die Menschen beschäftigen (außer Bildzeitungsleser vielleicht). Es geht viel um zwischenmenschliche Beziehungen (nicht nur Frau/Mann-Beziehungen) und den Umgang damit. Dabei schildern wir unsere teilweise sehr skurrilen Gedanken, die sicherlich häufig nicht leicht nachzuvollziehen sind. Im Schwerpunkt geht es in den Texten, zur Musik passend, um die Schattenseiten und Abgründe des menschlichen Daseins.

K.C.: Kann man My Tide auch außerhalb Hamburgs live erleben?
S.: Natürlich, wir sind zu jeder Schandtat bereit und sind auf Hamburg nicht festgelegt.

K.C.: Wo würdet ihr gerne mal auftreten?
S.: Wacken wäre für uns sehr attraktiv, dann müssten wir nicht mal besonders weit fahren.

K.C.: Wer inspiriert euch?
S.: Musikalisch haben uns häufig skandinavische Bands inspiriert. Die alten Sachen von Sentenced finden wir sehr gut. Intelligente Musik in Verbindung mit ausdrucksstarken Texten, die über das 08/15 Larifari hinausgehen. Als einzelnen Musiker muss ich hier auch noch mal Taneli Jarva nennen. Er war früher Sänger bei Sentenced und ist mittlerweile Kopf der Band The Black League. Seine Stimme, seine Texte und sein Songwriting sind außergewöhnlich. Wir mögen generell Bands, die einzigartig sind. Wer braucht schon den 100. Klon von Band x oder y.

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K.C.: Welche Pläne habt ihr für die nahe Zukunft?
S.: Wir wollen jetzt erst mal unsere aktuelle CD fertigstellen und danach so oft live spielen wie möglich.

K.C.: Ein paar Worte zum Abschluss?
S.: Wir möchten uns bei Dir für das Interview bedanken und STAY METAL!

K.C.: Vielen Dank für das Interview!

Mehr über die Band erfahrt ihr im Bandblog, dort gibt es auch die CDs zu bestellen.

Fotos by My Tide.

19.01.2013 Visage – Die Perlen, Garage DeLuxe

New Wave Look in der Garage

Visage? Ja, der Name kommt mir doch bekannt vor. Hatte diese Band nicht den Hit „Fade to Grey“?
Richtig! Und die kommen nach all den Jahren nach München in die Garage? Das konnte ich mir auf gar keinen Fall entgehen lassen. So dachte anscheinend nicht nur ich, denn an dem kalten Samstagabend hatte sich vor dem Einlass eine recht ordentliche Schlange gebildet. Bibbernd standen die aufgestylten Fans in der Kälte und sehnten sich in den warmen Club.
Und dieser füllte sich rasend schnell. Zur Einstimmung in den Abend legten DJ Bat und DJ Siggi Sputnik ein paar Scheiben auf. Ein paar tanzten, die anderen holten sich Getränke und verloren sich in Gespräche mit Freunden.

Eigentlich sollte Hubert Kah als Support fungieren, doch aufgrund gesundheitlicher Probleme musste er das Konzert absagen. Als Ersatz sprang die Nürnberger Electroclash Gruppe Die Perlen ein.
Seit über 10 Jahren machen Ferdinand Ess und Katja Hah Musik und dazu brauchen sie nicht viel. Für andere Musiker ist die Bühne in der Garage eigentlich immer fast zu klein, doch für Die Perlen reichte der Platz, um bequem darauf zu performen. Pünktlich starteten sie gleich mit einem neuen Titel ihres aktuellen Albums: Zurück
Der Klang, sowie Texte waren etwas ungewöhnlich, aber nachhaltig. Das Publikum war zunächst etwas zurückhaltend, gewöhnte sich aber schnell an die Musik und applaudierte brav nach jedem Song. Man merkte deutlich, dass sie das Ganze noch nicht so wirklich in eine Richtung zuordnen konnten. Katja und Ferdinand hatten sehr viel Spaß auf der Bühne, sie lachten viel, alberten mit dem Publikum und versuchten es immer wieder zu animieren, was leider nur teilweise gelang. Die ersten Reihen standen eher wie Zinnsoldaten im Setzkasten an der Bühne, ohne Regung in Mimik und Körper. Doch davon ließ sich die Band nicht beirren und sie spielten ihr Liedgut aus neuen und alten Werken ordentlich ab. Von Deutsch und Englisch bis hin zum Französischen war alles dabei, sie boten eine große Vielfalt und Abwechslung. Für mich mal etwas ganz anderes. Ein sehr schöner Auftritt, den die beiden sicherlich sehr genossen haben. Ein paar Fans werden sie auch dazugewonnen haben.

Bis zum Auftritt von Visage schien eine Ewigkeit zu vergehen. Die Djs spielten immer wieder eine neue Platte an und so langsam wurde das Publikum ein wenig ungeduldig. Auf der Bühne hatte sich während der Umbauphase nicht viel getan. Zwei Mikrophone standen einsam herum und warteten auf Einsatz. Dann endlich kam das Zeichen für die Djs und die Musik verstummte. Steve Strange betrat als erster die Bühne gefolgt von einer blonden, sehr hübschen Sängerin. Steve kam elegant in Anzug mit Hut, die letzten Jahre sind sichtlich nicht spurlos an ihm vorbeigegangen, auch wenn ein paar Fältchen durch Botox verschwunden sind. Dank des tollen Make ups fielen die restlichen nicht ganz so stark auf. Aber er strahlte und startete auch mit vollem Elan in sein Programm. Am Anfang dachte ich, er wäre ein wenig nervös, weil er recht offensichtlich stark zitterte, doch im Laufe des Auftrittes bekam man immer mehr das Gefühl, dass Herr Strange nicht ganz nüchtern auf der Bühne stand. Er hatte sich, bis auf kleine Stolperer, soweit ganz gut unter Kontrolle. Vor der Veröffentlichung dieses Artikels wollte ich aber sicher gehen und kontaktierte den Veranstalter. Dieser dementierte das Gerücht um den vermutlichen Alkoholkonsum, Steve kam wohl erst recht spät in der Garage an, hatte Grippe mit Fieber und war wirklich sehr aufgeregt. Der Gesang kam wohl deshalb leider hauptsächlich vom Band, hin und wieder hörte man seine eigenen Töne, die auch auf Anhieb saßen und klar rüberkamen. Die Blicke der Anwesenden sprachen dennoch Bände, doch sie jubelten und applaudierten dem Künstler zu, feierten den einstigen Star, der auf der Bühne sein Bestes gab und sichtlich viel Spaß hatte. Er genoss den Auftritt nach so langer Abstinenz. Er schüttelte immer wieder Hände im Publikum, tanzte wild mit dem Mikrofonständer über die Bühne und freute sich über das zahlreiche Erscheinen. Seine Ausdrucksstärke hatte er in den ganzen letzten Jahren nicht verlernt. Selbst eine kaputte Hose am Ende brachte ihn nicht in Verlegenheit.

Seine Begleitung ging ein wenig unter, trotz des aufwändigen Stylings kam ihre Stimme leider nur teilweise hervor. Sie stand immer ziemlich abseits, wirkte schüchtern und sang stets in die Richtung von Steve Strange. Als hätte sie ständig ein wachsames Auge auf den Sänger gelegt. Der Auftritt war zu schnell vorbei, ein paar alte bekannte Songs wie „Night Train“ waren dabei. Doch der grosse Hit fehlte noch. Vor der Zugabe zog sich Steve Strange kurz in den Backstage Bereich zurück, lange ließ er sich nicht zurück bitten und zum Abschluss gab es dann natürlich das berühmte „Fade to Grey“, welches er mit voller Inbrust und Leidenschaft performte.
Ich fand es schade, dass dieses Konzert schon zu Ende war, man war gerade warm geworden und hatte Fahrt aufgenommen. Bin gespannt, wann wir Visage mal wieder in Deutschland sehen dürfen, es war ein Genuss, eine Erinnerung an alte Zeiten und schon das Auftreten des Künstlers war der Besuch wert. Ein wunderbarer Abend.

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Weitere Bilder von Steffi Schaaf: FanniPics

Rezension: Greg F. Gifune – Blutiges Frühjahr

Verdammt viele Fragen

Seit der Kindheit gehen Alan, Rick, Donald und Bernhard durch dick und dünn. Doch dann begeht Bernhard Selbstmord, wählt den Freitod in einer einsamen Kellerwohnung. Geschockt begeben sich die drei verbliebenen Freunde in die Wohnung des Toten, um in den Habseligkeiten nach Erinnerungsstücken zu suchen. Sie denken, dass er sich aus Schwermut das Leben genommen hat, doch dann erhalten sie Post von dem toten Bernhard, eine bespielte Kassette. Diese führt sie zu einem dunklen Geheimnis und in ein „blutiges Frühjahr“.

Nachdem ich bereits einige Bücher anderer Festa-Autoren gelesen hatte, fehlte mir jetzt noch einer: Greg F. Gifune
So schnappte ich mir eines der angebotenen Werke und machte es mir voller Erwartung auf der Couch bequem.
Im Gegensatz zu vielen anderen Rezensenten, die gleich von der ersten Seite an begeistert und gefesselt waren, hat es bei mir ziemlich lang gedauert, ehe ich mich in die Geschichte eingelesen habe. Zu Beginn werden die Charaktere vorgestellt. Drei Männer, die sich seit der Kindheit nie getrennt haben, jetzt so langsam auf die 40 zugehen und mit alltäglichen Problemen zu kämpfen haben. Ohne Besonderheiten, es könnte auch der Nachbar von nebenan sein.
Die besprochene Kassette bringt dann endlich Leben in das Buch. Alan kämpft die ganze Zeit schon mit Visionen und Albträumen, die schwer an seiner Psyche kratzen und auch an seinem Leben und seiner Beziehung. Doch er steigert sich immer weiter rein, er möchte einfach die Wahrheit erfahren. Ab da hat mich das Buch dann nicht mehr losgelassen, natürlich will der Leser selber herausfinden, was Bernhard so getrieben hat. Ich fühlte mich zeitweise selbst wie Alan. Die drei Freunde dringen immer weiter in die Vergangenheit ein und kommen bald hinter das Geheimnis von Bernhard, der anscheinend, ohne ihr Wissen, völlig besessen und wahnsinnig war.

Der Schreibstil ist klasse, Greg F. Gifune beschreibt wichtige Details sehr genau, und unwichtige Sachen werden kurz und schmerzlos in zwei Sätzen zusammengefasst. Er konzentriert sich auf das Wesentliche. Viel Blut darf man nicht erwarten, der Autor arbeitet mit der Psyche des Lesers und versteckt das Grauen hinter ausführlichen Sätzen. Das Bild im Kopf baut sich auf. Und auch wenn man es regelrecht wegschütteln möchte, man kann es nicht, denn es kommen immer wieder neue hinzu, die einen regelrechten Film abspielen. Er hebt sich mit seinem Schreibstil etwas von den anderen Horrorautoren ab und gibt der Geschichte eine ganz besondere Note.

Dieses Buch ist nervenaufreibend und dramatisch, spannend bis zum Schluss, ein reines Lesevergnügen mit abenteuerlichen und grauenhaften Elementen. Ein Autor, der sein Talent sehr gut ein- und umsetzen kann. Nach anfänglichen Schwierigkeiten konnte das Buch sämtliche Erwartungen erfüllen und bekommt von mir eine absolute Leseempfehlung.

Zum Autor:
Greg F. Gifune wurde am 12. November 1963 in Framingham, Massachusetts geboren. Er gilt als einer der besten Thrillerautoren seiner Generation. Er hat bereits zahlreiche Romane veröffentlicht. Ihr dunkel-melancholischer Ton hat ihm unter Kritikern und Lesern fanatische Fans gesichert. Er lebt mit seiner Frau Carol und einer ganzen Schar Katzen in Marion, Massachusetts.

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Greg F. Gifune
Verlag: Festa Verlag (20.03.2011)
416 Seiten
Originaltitel: The Bleeding Session
€ 13,95
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Nikolai Gogol „Der Revisor“ – Residenztheater München

 Gogol im Fritsch-Panoptikum

Nikolai Gogol: Der Revisor

Residenztheater München

Wie schön haben sie es sich doch eingerichtet in ihrem Dorf irgendwo in der russischen Provinz: Vor allem die Stadtoberen – der Bürgermeister, der Richter, der Leiter des Krankenhauses, der Polizeichef und andere Honoratioren – pflegen eine Mischung aus vollkommener Pflichtvernachlässigung und „Leben und leben lassen“-Toleranz. Das einzige, was die Gemeinschaft noch am laufen hält, ist das von jedem jederzeit gern angenommene Schmiermittel Geld.

In diese korrupte Beschaulichkeit platzt auf einmal die Ankündigung, ein Revisor aus der Hauptstadt werde den Ort und seine Bewohner auf Herz und Nieren prüfen. Und es herrscht Einigkeit: Wer anders soll das sein als der vornehme Herr, der schon seit zwei Wochen mit seinem Diener im Gasthof wohnt, freilich ohne bisher auch nur eine Kopeke bezahlt zu haben? Dass der aber nur ein kleiner, mittelloser Beamter auf der Durchreise ist, der den Irrtum jedoch rasch erkennt und finanziell wie amourös weidlich ausnutzt, wird allen erst nach seiner Abfahrt klar.

Soweit das Grundgerüst von Nikolai Gogols 1835 entstandener Komödie. Daraus könnte man einen schön bebilderten, ebenso feinsinnigen wie harmlos netten Abend machen, doch wer die letzten Arbeiten von Regisseur Herbert Fritsch verfolgt hat, vor allem seine Oberhausener Nora aus dem Jahr 2010 und die zum Berliner Theatertreffen 2012 eingeladene(S)panische Fliege, der weiß, dass dies nicht seinem Stil entspricht.

Fritsch versucht nicht zu psychologisieren, er steht vielmehr für ein extrem körperliches, die Charaktere überzeichnendes Theater, bei dem alles erlaubt ist außer Langeweile. Und dementsprechend ist auch sein Revisor ein slapstickhafter Parforceritt in Hochgeschwindigkeit.

Das Bühnenbild, für das ebenfalls Herbert Fritsch verantwortlich ist, zeigt kein russisches Dorfidyll, sondern ein rundes Dutzend hintereinander gehängter durchsichtiger Plastikplanen in Hausform, die herauf- und hinuntergefahren werden können. Diese auf das Symbolische reduzierte Kulisse bevölkert ein bleich geschminktes Panoptikum fast schon zombiehafter Gestalten: die Männer verwahrlost anmutend mit strähnigen, gelblichen Haaren, gekleidet in schmutziges beige-grau, die Frauen schrille Püppchen mit monströsen Frisuren (Kostüme: Victoria Behr).

Die Nachricht von der Ankunft des Revisors löst Panik in dieser seltsamen Gesellschaft aus und macht aus ihr einen aufgescheuchten, hysterisch überdrehten Hühnerhaufen. Sebastian Blomberg als dieser (vermeintliche) Revisor Chlestakow ist ein tuntig wirkender Schönling im engen rosa Anzug, der seinem Diener Ossip (Stefan Konarske, der die vom Rezensenten besuchte Vorstellung bewundernswerterweise mit Bänderriss auf Krücken spielte) gerne mal den Hintern tätschelt, dennoch aber auch erfolgreich der lokalen Damenwelt nachsteigt (Barbara Melzl als lüsterne Gattin des Bürgermeisters, Britta Hammelstein als dessen piepsig-mädchenhafte Tochter).

Vor ihm buckeln und kriechen alle, und das im wörtlichen Sinne. Die Furcht vor der Enttarnung ihres korrupten Gemeinwesens macht aus den Obrigkeiten armselige Speichellecker, deren Angst sich in verzerrter Mimik und grotesk verdrehten und verrenkten, nahezu nie stillstehenden Körpern ausdrückt. Chlestakow nutzt jeden einzelnen gnadenlos aus und erleichtert ihn um sein Geld. Die Szenen mit ihm und seinen jeweiligen Opfern sind teils herrlich absurde Kabinettstückchen mit pantomimisch geschwungenen Säbeln oder skurrilen Spielchen mit einer von Mund zu Mund weitergegebenen Zigarre.

Das ist schräg, schrill und hemmungslos albern, und vor allem in der ersten Hälfte der Aufführung wird der Klamauk bis an die humoristische Schmerzgrenze (und mitunter auch darüber hinaus) getrieben. Dazu trägt auch die sehr freie, mit mal mehr, mal weniger originellen Wortspielen nicht geizende Textfassung von Sabrina Zwach bei.

Doch zwischendurch stoppt plötzlich das sich rasant drehende Komödienkarussell abrupt, und Fritsch schafft eines der eindrucksvollsten Bilder, wenn er im Bühnenhintergrund das gesamte Personal mit Chlestakow in der Mitte aufreiht und dort eine gute Minute lang stumm und bewegungslos stehen lässt, bevor es im Gleichschritt aufs Publikum zumarschiert. Da schleicht sich etwas unterschwellig Bedrohliches in die bisherige Komik.

Deren Doppelbödigkeit äußert sich auch, wenn schließlich Geld in Massen vom Bühnenhimmel regnet und von einer Schar maskierter Statisten, die das Geschehen bis dahin immer wieder stumm beobachtet hatten, gierig eingesammelt, aber auch von Chlestakow und Ossip ins Publikum geworfen wird – sind nicht auch wir ein Teil einer sich um des lieben Geldes willen selbst belügenden Gesellschaft?

Dieser Revisor ist sicher kein Abend für Freunde fein ziselierter Seelenanalysen, doch durchaus ein Vergnügen, wenn man sich auf den präzise choreografierten und vom famos aufgelegten Ensemble lustvoll gespielten, grellen Irrwitz einlässt. Über die eine oder andere Peinlichkeit oder Platitüde kann und muss man dann schmunzelnd hinwegsehen.

Residenztheater München

Rezension: Berni Mayer – Black Mandel

Flammenwut der Antichristen

black-mandel

Max Mandel und Sigi Singer sind ehemalige Musikjournalisten und Privatdetektive. Um auf ein Konzert von Dark Reich zu kommen, nehmen sie eine lange Reise mit dem Auto nach Norwegen auf sich. Dort angekommen lernen sie Vilde kennen, die Schwester des Sängers. Das Konzert besuchen sie zwar doch nicht, stattdessen wacht Singer am nächsten Morgen wild geschminkt in einem Regal auf – und Baalberith, Sänger von Dark Reich ist spurlos verschwunden. Dafür taucht ein Foto von ihm auf, auf dem er blutend und irgendwie tot wirkend zu sehen ist.

Berni Mayer hat einen spannenden Thriller geschrieben. Neben der Geschichte an sich lernt man einiges über die vor allem norwegische Metal-Szene, über bekannte Bands, die man selbst einmal gehört, vielleicht sogar auf der Bühne gesehen hat. Sigi Singer erzählt die Geschehnisse und wirkt dabei wie Raoul Duke, Hauptfigur aus Hunter S. Thompsons Kultroman Fear and Loathing in Las Vegas. Obwohl der Start sehr langatmig ist, wenngleich mit dem ein oder anderen guten Satz, nimmt der Roman Fahrt auf und ehe man sich versieht, ist man mitten drin in Kirchenbränden, Kreuzigungen, blutigen Konzerten und einer sehr düsteren Okkultistenwelt, von der der norwegische Metal zu leben scheint.
Mandel hingegen wirkt wie ein wandelndes Lexikon, das restlos alles über die Bands weiß und sich nicht scheut, jeder Gefahr ins Auge zu sehen – und kopflos in sie hineinzurennen.

Was ein netter Roadmovie zu sein scheint, entpuppt sich als atemloser Krimi, der mitten in der Szene stattfindet und nebenbei einen kleinen, aber sehr feinen Bildungsauftrag erfüllt. So macht das Lesen Spaß und man möchte das Buch nicht mehr aus der Hand legen, bis … Das muss jeder selbst entdecken.
Mayer zeichnet seine Charaktere mit groben Strichen, verpasst ihnen Eigenschaften, die man erwartet: ob es nun ein kettenrauchender Klugscheißer ist; ein müder Privatdetektiv, der eigentlich seine Pflicht erfüllen will, aber immer unter dem Pantoffel des Kollegen steht; oder aber die Schwester des Sängers, die einen Hang zu SM hat und sich auf jeden schmierigen Typen einlässt, der sie schlecht behandelt. Die Figuren sind fleischgewordene Klischees – und dadurch so herrlich sympathisch.
Drummer Bela B. von Die Ärzte hat über das Buch gesagt, er hoffe, dass es verfilmt würde. Das hoffe ich allerdings auch, denn ein guter Regisseur würde daraus im Handumdrehen einen kultigen Blockbuster machen.

Ein Buch, auf das die Welt und vor allem die Schwarze Szene gewartet haben, voller Spannung, Kult und Heavy Metal.

Berni Mayer ist 1974 in Niederbayern geboren und hat unter anderem als Chefredakteur bei MTV und VIVA gearbeitet. Black Mandel ist sein zweiter Kriminalroman, der an das Debüt Mandels Büro anknüpft. Einen Vorgeschmack bekommt man hier: Trailer

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Berni Mayer – Black Mandel
Heyne Hardcore, 2012
384 Seiten, broschiert
8,99 €
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Rezension: Justin Cronin – Die Zwölf

„Denn es begab sich,
dass die Welt im Argen lag …“

Die Vereinigten Staaten von Amerika existieren nicht mehr. Stattdessen eine unverbundene Ansammlung von größeren und kleineren Kolonien von Überlebenden – denn die Bevölkerung in diesem Teil der Erde wurde fast vollständig ausgerottet. Nach einem missglückten Experiment an Schwerverbrechern breitet sich ein Virus über Nordamerika aus, das die Infizierten in „Virals“ verwandelt – blutrünstige, lichtscheue Monster, die, angeführt von den „Zwölf“, über die Menschheit herfallen. Doch nicht nur diese zwölf tragen das Virus in sich – auch Amy, das Mädchen, das seit hundert Jahren 14 ist. Und nur sie hat die Macht, die Virals und ihre Anführer zu stoppen.

Die Zwölf ist der zweite Teil der „Passage“-Reihe von Justin Cronin, und knüpft vermutlich direkt an Der Übergang (original: The Passage) an, den ich leider nicht gelesen habe. Trotzdem findet man schnell einen Eingang in die Welt und die Geschichte, der durch den Prolog im biblischen Stil erleichtert wird. So wird der Leser kurz ins Gesamtbild eingeführt, bevor in episodischen Abschnitten das Leben der Menschen im zerstörten Amerika beschrieben wird. Einige Zeitsprünge sind etwas verwirrend, und die ausgewählten Einzelgeschichten wirken fast willkürlich ausgewählt. Durch geschickte Kapiteleinteilungen und fesselnde Handlungsbögen gelingt es Cronin allerdings, dass man sich zwar wundert, aber nie gelangweilt ist. Doch was anfangs zufällig wirkt, entpuppt sich im Laufe der Geschichte als gekonnt verwobener Plot. Jedes der post-apokalyptischen Einzelschicksale hat eine Bedeutung für die spätere Handlung, denn in diesem „Vorgeplänkel“ wird dem Leser ein tiefer Einblick in verschiedenste Charaktere gewährt, die im Verlauf der Geschichte eine wichtige Rolle spielen sollen.
Gerade die Erlebnisse von Amy, dem ewig mystischen Mädchen, werden oft nur indirekt beschrieben und einige Handlungsstränge werden offen gelassen, sodass man nie genau weiß, was mit ihr eigentlich passiert. Amy ist selbst ihren Freunden stets ein Rätsel gewesen, und so fügen sich diese nebulösen Ereignisse nur dem Mythos um sie hinzu. Nie ist ganz klar, ob sie von Gott geschickt und befähigt wurde, um gegen die Virals anzutreten, oder ob sie schlicht ein misslungenes Experiment ist. Diese Schwebe zwischen Wissenschaft und Religion verbindet in Die Zwölf einen typischen Endzeit-Thriller mit einem Hauch von Fantasy – eine gelungene Kombination.
Cronin beweist ein großes Talent darin, sich in verschiedenste Personen hineinzuversetzen und dem Leser ihre Beweggründe und Gefühlswelt zu vermitteln. Die Erzählperspektive wechselt von Kapitel zu Kapitel, sodass man bald eine tiefe Verbundenheit zu den Charakteren empfindet. Dies erleichtert auch das Verständnis für Leser wie mich, die den ersten Band der Reihe, die offenbar eine Trilogie werden wird, nicht gelesen haben.
Lange bleibt der Leser im Unklaren darüber, wohin sich die Geschichte eigentlich entwickeln könnte. Die große Handlung bleibt zugunsten kleiner Events im Hintergrund und bewegt sich nur langsam, doch Cronins fesselnder Schreibstil und seine überraschenden Wendungen und Verknüpfungen machen jedes Kapitel zu einem Genuss, auch wenn man die Verbindung zur Handlung nicht sofort erkennt. Das eigentliche Finale, das Zusammenführen aller Handlungsstränge, die lang ersehnte Auflösung, geschieht erst im letzten Viertel des Romans, doch es könnte beeindruckender kaum sein. Es schließt Die Zwölf in sich ab, und macht doch Lust auf den letzten Teil.
Die vielen handelnden Personen werden zwar eingehend beschrieben, doch man könnte bemängeln, dass es irgendwann schlicht ein paar zu viele werden, sodass ich teilweise bei der Erwähnung eines Namens erst überlegen musste, wo genau er vorher eine Rolle gespielt hatte. Doch dieses Problem hält sich in Grenzen und tut dem Lesespaß keinen Abbruch.

Die Zwölf ist ein spannender und komplexer Endzeit-Roman, der auf keiner einzigen Seite Langeweile aufkommen lässt. Cronin schreibt flüssig und reißt den Leser mit, selbst, wenn gerade nicht die wortwörtlichen Fetzen fliegen. Er versteht es, Gänsehautsituationen zu schreiben, übertreibt es aber nie damit.
Der Roman ist eine Empfehlung für Fans von Zombie- und Vampirgeschichten genauso wie Liebhaber von post-apokalyptischen Szenarien und Fantasy, und macht definitiv Lust auf den dritten Teil.

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Justin Cronin – Die Zwölf
Goldmann, Gebundene Ausgabe, 2013
832 Seiten
22,99 €
Ebook: 18,99 €

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Justin Cronin

 

Elfriede Jelinek „Die Straße. Die Stadt. Der Überfall“ – Münchner Kammerspiele

Wortrausch und Modewahn

Elfriede Jelinek: Die Straße. Die Stadt. Der Überfall.

Münchner Kammerspiele

100 Jahre alt sind die Münchner Kammerspiele vergangenes Jahr geworden, und eines der Geschenke zu diesem Jubiläum hat sich Intendant Johan Simons selbst gemacht, indem er bei Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek ein Stück in Auftrag gegeben hat, das sich thematisch um die Heimat der Kammerspiele, die Maximilianstraße also, und damit unweigerlich auch um Mode, Nobelmarken und München an sich dreht.

Theaterstücke im eigentlichen Sinne, d. h. mit klar verteilten Rollen und einer erkennbaren Handlung, schreibt Jelinek aber schon seit langem nicht mehr, und so ist auch Die Straße. Die Stadt. Der Überfall. erstmal nur einer der für die Autorin charakteristischen gut 100-seitigen Textbrocken, der übrigens in voller Länge auf ihrer Homepage nachgelesen werden kann.

Ein Minimum an Regieanweisung findet sich dann dort aber doch: Bei dem Sprecher / der Sprecherin der Textmassen handelt es sich nämlich um ein „Doppelgeschöpf“, einen „Mann, an den eine Frau angenäht ist“, aber: „Man kann auch was ganz andres machen, wie immer“.

Was ganz anderes, aber indirekt diese Idee aufgreifend, macht dann Regisseur Simons, indem er als groteske Travestienummer zunächst mal fünf Herren auf High Heels auftreten lässt: Hans Kremer in nichts als einem hautfarbenen Bauch-Weg-Höschen und mit Vuitton-Handtasche als Accessoire – Stefan Bissmeier in ähnlichem Outfit, aber zusätzlich noch mit Sonnenbrille und einer hüftkurzen Pelzjacke – Steven Scharf im goldglitzernden Kleidchen – später noch die aufgrund ihrer schulterlangen blonden Haare sowieso schon zwillingshaft wirkenden Marc Benjamin und Maximilian Simonischek in identischen roten Babydolls (Kostüme: Teresa Vergho).

Nacheinander steigen sie aus einem an einen U-Bahn-Zugang erinnernden Schacht in der Mitte der Bühne (von Eva Veronica Born), die ein gutes Stück ins Parkett hineingerückt ist, dessen erste Sitzreihen auf die andere Seite der Spielfläche verlegt wurden. Auf dieser hatten gleich zu Beginn Bühnenarbeiter säckeweise zerstoßenes Eis verteilt und sie so in eine Ebene aus knirschenden, rutschigen Bröckchen verwandelt. Ansonsten ist die Bühne leer, bis auf einen schaufensterartigen Glaskasten an der Seite, in dem eine fünfköpfige Band plaziert ist, die den Abend mit einer angeschrägten Mischung aus Jazz und Blues untermalt (Musik: Carl Oesterhelt).

„Ich habe gehört, es gibt jetzt eine Satzung im Gesetz, dass man Orgien feiern muss“, so lautet der erste Satz, der Auftakt ist zu einer auf die fünf „Herren Damen“ verteilten Tirade über gesellschaftliche Mode-, Marken- und Konsumdiktate. Später gesellt sich noch die einzige Frau des Abends dazu, Sandra Hüller, die gleich mit ihrem ersten langen Monolog zum unangefochtenen Kraftzentrum der Aufführung avanciert. Wie sie in Jelinek-typischen, schier endlos um sich selbst kreisenden Worten über den Kauf eines Rocks jammert („Ich nähere mich ihr an, dieser Frau auf dem Foto, nur ihretwegen habe ich diesen Rock gekauft … ich schaue, obwohl der Rock genau der gleiche ist wie auf dem Foto, niemals so aus, wie der Rock aussehen sollte, allerdings an jemand anderem, weil ich die bin, die ich bin … ich möchte mir nicht gehören, wenn ich der Rock wäre“), dabei aber ironische Distanz zu sich und zum Text bewahrt, das überzeugt auf ganzer Linie.

Nach der Pause kommt dann im letzten Teil des insgesamt rund dreistündigen Abends (das Eis ist inzwischen weitgehend geschmolzen und hat die Bühne in eine Wasserfläche verwandelt) noch der wohl prominenteste Überfallene der Maximilianstraße ausgiebig zu Wort. Benny Claessens lamentiert als äußerlich erschreckend perfekte Moshammer-Kopie über „seine“ Straße, die es wagt, auch ohne seinen Glanz weiter zu existieren („Mein Laden ist mit mir gestorben, und die Straße ist auch gleich mitgegangen, nur weiß sie es nicht“), über sein jämmerliches Ende und all die vermeintlichen Freunde aus der Münchner Schickeria, die am Tag seiner Beerdigung zum Skirennen nach Kitzbühel gefahren sind.

Die Wortkaskaden ziehen einen zwar in ihren Bann, doch die Kapitalismuskritik an der Oberflächlichkeit des in München im allgemeinen und auf der Maximilianstraße im speziellen zur Schau gestellten Reichtums wirkt auf Dauer etwas zu wohlfeil und inhaltsleer. Jelinek lässt hier die Bissigkeit und Bösartigkeit vermissen, mit der sie sonst gekonnt über Themen wie das Dritte Reich oder die Ausbeutung von Mensch und Natur räsoniert. Hat hier vielleicht ihre eigene Begeisterung für Mode den Blick ungewohnt milde gestimmt?

„Sie werden ins Nichts treten, wenn Sie rausgehen, ein Jüngstes Gericht für diese Straße, und ich habe es ihr bereitet“ heißt es im Stück, das selber im ganzen wie ein zwar unterhaltsames, aber letztlich doch nur buntschillernd verpacktes Nichts wirkt – und damit schließlich doch eigentlich prima zur Scheinwelt der Maximilianstraße passt.

Münchner Kammerspiele

Elfriede Jelinek

 

Interview mit Black Blitz

Handgemachter Riff Rock

Nachdem ich die Band im Blog bereits ein wenig vorgestellt habe, wollte ich die Jungs zusätzlich noch interviewen. Sänger Thomas Bauer nahm sich die Zeit und das kam dabei raus:

Likiwing: Erzählt ein bißchen was zu Eurer Musik! Was steckt dahinter? Was macht sie so besonders? Was sind Inspirationen für Texte?
Black Blitz: Wir machen klassischen Hard Rock. Bewusst einfach gehaltene Musik, wo jeder Song aus einem markanten Riff besteht, dazu gibts kraftvollen Gesang und ein Gitarrensolo. Besonders macht uns vielleicht, dass wir als Trio wirklich auf die Minimalbesetzung für eine Rockband reduziert sind und jeder Einzelne dann vor allem auf der Bühne voll gefordert ist. Diese Leidenschaft merkt und honoriert dann auch der Zuschauer.
Für die Texte lasse ich mich von einzelnen Zitaten aus einem Buch oder Film inspirieren, aber eigentlich von allem, was den ganzen Tag um mich rum passiert. Eine Panne mit meinem Motorrad hat mich zum Beispiel zu „Hell Breaks Loose“ inspiriert, eine Hommage an den Viertaktmotor.

L: Gibt es Vorbilder, die Euch inspirieren?
BB: Da gibt es viele, AC/DC natürlich, aber auch Guns N‘ Roses und Metallica zählen zu meinen Lieblingsbands.

L: Wer hat den Namen gewählt und warum?
BB: Wir haben etwa eine Stunde lang Brainstorming mit allen möglichen Namen gemacht und gleich auf Google gegengecheckt, ob es schon eine Band gibt, die sich so oder so nennt. Ich kann sagen, es gibt wirklich schon fast alles was man sich vorstellen kann. Black Blitz hat dann sämtliche Kriterien erfüllt, die wir an einen guten Bandnamen gestellt haben: Man weiß sofort wie man ihn schreibt und ausspricht, er ist leicht zu merken, man merkt welche Musik wir ungefähr machen, er klingt gut und steht für viel Energie.

L: Wie ist es überhaupt zu dem Projekt gekommen?
BB: Ich bin im Sommer 2008 von Passau nach München gezogen, um Rockstar zu werden. Ein Jahr später hatte ich die beiden Mitstreiter gefunden, um das Ganze zu realisieren.

L: Arbeitet Ihr an einem neuen Album? Wenn ja: Wann erscheint es und kann man mit Überraschungen rechnen?
BB: Das zweite Album hat gerade absolute Priorität, wir nehmen dafür auch unsere Live-Aktivitäten sehr zurück. LWir hoffen die Scheibe im Sommer 2013 veröffentlichen zu können. Man kann sich aber drauf verlassen, dass wir an unserem Sound nicht viel verändern werden.

L: Was wollt Ihr mit den Texten vermitteln? Neues Lebensgefühl?
BB: In unseren Texten geht es um das Leben als Rocker. Man kann das am ehesten mit einem Actionfilm vergleichen: Markante Sprüche, Vollgas, Frauen und Bier.

L: Gibt es Nebenprojekte, in die Ihr Euch noch einbringt?
BB: Ich bin mit Black Blitz voll ausgelastet, Drummer Thomas ist ein gefragter Mann bei vielen Bands in allen möglichen Stilrichtungen und auch Bassist Christian tobt sich musikalisch in anderen Bands aus.

L: Wieviele Auftritte habt Ihr noch geplant in diesem Jahr und ganz speziell wann und wo wieder in München ?
BB: Das lassen wir immer auf uns zu kommen. Wir wollen heuer vor allem raus aus München und Bayern und spielen vermehrt Supportshows für größere Bands und Festivals. In München spielen wir eine große CD-Release Party, wenn im Sommer die neue Scheibe rauskommt, einen Termin gibts dafür aber noch nicht.

L: Support von Eisbrecher, eine Ehre oder ein Auftritt wie jeder andere? Was verbindet Euch mit Alex und Mannen?
BB: Das war so ziemlich das Größte, was wir je erlebt haben, vor so vielen Leuten haben wir noch nie gespielt. Es war natürlich eine Ehre, dass uns Alex von Eisbrecher da eingeladen hat. Wir tanzten ja rein musikalisch schon ein bisschen aus der Reihe. Das hat er glaub ich einfach gemacht, weil er uns pushen wollte. Den Kontakt zu ihm hat ein Fan von uns hergestellt, die ihn ganz gut kennt. Er hat sich dann mal ein Konzert von uns angesehen und danach war auch er ein Fan – und wir seine Vorband.

L: Was ist das für ein Gefühl auf der Bühne zu stehen? Gibt es ein Ritual vor den Auftritten der Band?
BB: Es gibt bloß dann ein Ritual, wenn wir wo spielen, wo nur die berühmten ‚paar Hanseln‘ vor der Bühne stehen. Dann sage ich zu den Jungs bevor wir loslegen: „Stellt euch vor, wir spielen in der Olympiahalle vor tausenden von Menschen!“. Es war im Zenith einfach unglaublich sich all diese Menschen nicht mehr vorstellen zu müssen, weil sie wirklich da waren. Ich habe während des ganzen Konzerts mein Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht gekriegt. Danach sowieso nicht. Mit dieser Resonanz auf unsere Musik haben wir überhaupt nicht gerechnet. Es hat an diesem Abend wirklich alles gepasst.

L: Warum sollte man ein Black Blitz Konzert nicht verpassen?
BB: Wer auf handgemachten Riff Rock steht, vorgetragen von drei Burschen, die immer Vollgas geben, der darf uns wirklich nicht verpassen. Jedes Black Blitz-Konzert ist einmalig, keines ist wie das andere. Es wird viel improvisiert und wir arbeiten von Konzert zu Konzert an unserer Performance. Es hört sich vielleicht blöd an, aber das letzte Konzert von uns ist auch immer das Beste, was wir je gespielt haben.

L: Was machen Black Blitz, wenn sie nicht auf der Bühne stehen und rocken? Normale Jungs in Anzug und Krawatte zur Arbeit?
BB: Ich bin Gitarrenlehrer, Drummer Thomas ist Schlagzeuglehrer und Bassist Christian ist Lektor.

L: Was findet ein ‚Zugereister‘ toll an der Stadt München? Welche Locations besucht Ihr gern? Was würdet Ihr empfehlen?
BB: Als jemand, der für die Musikkarriere von Passau nach München gezogen ist, mag ich an München die internationale Größe, zum Beispiel kommen alle großen Bands nach München. Ich mag ganz gern die Gegend um die Isar, vom Flaucher bis zum Deutschen Museum. Ich empfehle am Hauptbahnhof den Kaffee bei Yormas für 1 € statt den für 4 € bei Starbucks zu kaufen.

L: Und vielleicht noch ein paar Worte zum Abschluss?
BB: Schaut Euch auf unserer Webseite die Videos an und hört Euch unser Debütalbum in voller Länge an.