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Porträt: Zum 20. Todestag von Rio Reiser – dem König von Deutschland

Der König ist tot – lang lebe der König!

Rio Reiser wurde am 9. Januar 1950 mit dem bürgerlichen Namen Ralph Christian Möbius in West-Berlin geboren. Er war ein deutscher Sänger und Musiker, komponierte, schrieb Texte und war auch als Schauspieler tätig. Vor seiner Zeit als Solokünstler war er Sänger und Texter der legendären Polit-Rockband Ton Steine Scherben, Rio1[1]außerdem schrieb er Musik für zahlreiche Bühnenstücke und Filmmusiken. Er starb am 20.08.1996 in Fresenhagen.

Aber eigentlich war Rio Reiser viel mehr als das. Er war ein Rockpoet, der heute noch seinesgleichen sucht. Er war quasi der erste, der abseits von schwülstigen Schlagerschnulzen und Herz-Schmerz-Klischeereimen deutsche Texte voller Poesie und Ausdrucksstärke schrieb. Und mit seiner Band Ton Steine Scherben machte er im Grunde genommen schon Punk bevor Punk sechs Jahre später überhaupt geboren wurde. Somit gibt es in Deutschland bis heute keine etablierten Musiker, die nicht irgendwie von ihm beeinflusst sind.

In seiner Jugend musste die Familie wegen jobbedingter Versetzungen des Vaters oft umziehen – Traunreut, Nürnberg, Brühl, Stuttgart, Rodgau/Nieder-Roden. Rio tat sich daher schwer, sich irgendwo heimisch zu fühlen. Irgendwie blieb er sein Leben lang auf der Suche, nach einem Zuhause, nach der großen Liebe. Gefühle, die seine schöpferische Kraft begünstigen sollten, und aus denen so großartige Liebeslieder hervorgehen sollten wie „Halt dich an deiner Liebe fest“, dem vielleicht schönsten deutschsprachigen Liebeslied überhaupt. Die Beatles und später die Rolling Stones waren zu Jugendzeiten seine Lieblingsbands. Rio war ein Autodidakt, der lieber für sich selber lernte. Er brach erst die Schule ab zugunsten einer Fotografenausbildung, schmiss diese jedoch auch und haute kurzzeitig nach Liverpool ab. Klavierspielen, Gitarre und Cello brachte er sich selbst bei, wie sollte es anders sein.

1966 lernte er R.P.S. Lanrue kennen. Nach verschiedenen gemeinsamen Projekten gingen sie schließlich nach Berlin, wo sie 1970 zusammen mit Kai Sichtermann und Wolfgang Seidel die Band Ton Steine Scherben grüdeten. 1970 hatte Rio auch sein Coming Out und stand ab da auch öffentlich zu seiner Homosexualität, in einer Zeit in der das alles andere als üblich oder gar normal war.

Rio2[1]Schon beim ersten Auftritt von Ton Steine Scherben auf dem Love-and-Peace-Festival auf Fehmarn am 6. September 1970 zeigte sich das Charisma und die enorme Bühnenpräsenz von Rio, die die Konzertbesucher sofort gefangennahm. Nur wenige Stunden zuvor spielte der legendäre Jimi Hendrix sein letztes Konzert, und in der Zwischenzeit waren die Veranstalter mit den Einnahmen abgehauen, ohne die Musiker und die Ordner zu bezahlen. Daraufhin soll Rio die Besucher zu Konzertbeginn aufgefordert haben, die Veranstalter „ungespitzt in den Boden zu hauen.“ Als dritter Song wurde „Macht kaputt was euch kaputt macht“ gespielt, woraufhin die Besucher und Teile der Ordner Worten Taten folgen ließen und das Organisationsbüro in Brand steckten. Nach dem fünften Song brannte auch die Bühne ab. In Zeiten ohne Internet wurde die Band daraufhin deutschlandweit bekannt.

Die Mischung aus politischer Agitation und deutschsprachiger Rockmusik traf den Nerv der politischen Linken, die aus der 68er-Bewegung hervorgegangen war. Vor allem mit dem Album Keine Macht für Niemand von 1972 erlangten die Scherben Kultstatus, und vielfach kam es nach Konzerten zu spontanen Hausbesetzungen. Die Vereinnahmung durch die Linke wurde allerdings mit der Zeit so erdrückend, dass die Band aus ihrer Wohnung am Tempelhofer Ufer aufs Land flüchtete, in ein altes Bauernhaus in Fresenhagen in Nordfriesland. Die Kommune blieb allerdings bestehen.

In Fresenhagen vollzog sich langsam ein Wandel von politischen Themen weg zur mehr privaten und oft auch melancholischen Themen hin. Höhepunkt dieser Entwicklung war das legendäre schwarze Doppel-Album IV von 1981, auf dem jeder Song auf eine der 22 Karten aus dem Tarot zurückgeht. Politische Bezüge wurden hier in Wortspiele verkleidet und sind nur indirekt erkennbar. Gemeinhin gilt das Album als Meilenste in der deutschen Rockgeschichte.

Nach mehreren ausgedehnten Tourneen standen die Scherben vor einem Schuldenberg von 300.000 €, weil die politisch gewollten Eintrittspreise von unter zehn D-Mark die Kosten nicht einspielen konnten. Zu dieser Phase kam es zum Zwischenspiel von Claudia Roth, die mit dem Co-Management betreut wurde. Wegen der finanziellen Schwierigkeiten löste sich die Band 1985 auf.

Für Rio ging es aber als Solokünstler weiter, und so erschien 1986 das Album Rio I., das durch die geschickte Vermarktung und die wohl heute noch bekanntesten Singles „Junimond“ und „König von Deutschland“ den kommerziellen Durchbruch erzielte. Zu Gast im Studio waren dabei unter anderem Mitglieder der Band von Peter Maffay und den Einstürzenden Neubauten. Die Linke war ob des „Ausverkaufs“ empört, dabei waren die meisten Songs schon zu Scherben-Zeiten entstanden und auch Teil des Live-Repertoires. Doch Rio, endlich schuldenfrei, nahm den Kritikern ganz lapidar den Wind aus den Segeln: „Es gibt Schlimmeres, als Kunsthure zu sein.“

Ebenfalls 1986 fand das Anti-WAAhnsinns-Festival statt, das Rio in einer Allstar-Band mit unter anderem Herbert Grönemeyer, den Rodgau Monotones und den Toten Hosen beendete. Alleine am Klavier spielte er vor 120.000 Menschen als letzten Song „Somewhere over the Rainbow“. Ein weiterer Höhepunkt in seiner Karriere war das Doppelkonzert am 1. und 2. Oktober 1988 in der Seelenbinder Halle in Ost-Berlin. Als Rio bei „Der Traum ist aus“ die Textzeilen singt: „Gibt es ein Land auf der Erde, wo dieser Traum Wirklichkeit ist? Ich weiß nur eins, und da bin ich mir sicher“, brüllen 6.000 Menschen die Antwort: „Dieses Land ist es nicht! Dieses Land ist es nicht!“ Ein Jahr später fiel die Mauer. Selbst heute noch bekommt man beim Hören unweigerlich Gänsehaut, denn zum Glück wurde das Konzert auf dem Live-Album Rio Reiser live in der Seelenbinder Halle veröffentlicht.

Rio Reiser veröffentlichte insgesamt sechs Soloalben, bevor er im Alter von nur 46 Jahren am 20. August 1996 in seinem Zuhause in Fresenhagen unerwartet an Kreislaufversagen starb. Sein letzter Wunsch war es, dort auch begraben zu werden, nach deutschem Bestattungsrecht eigentlich unmöglich.
„Der Traum ist aus, aber ich werde alles geben, dass er Wirklichkeit wird.“ Und so wurde es dank dem Engagement seiner Familie und der Fürsprache der damaligen Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein, Heide Simonis (SPD), möglich, das Begräbnis im Garten seines Wohnhauses durchzuführen.

Zur Gedenkfeier „Abschied von Rio“, die sehr kurzfristig für den 1. September 1996 im Berliner Tempodrom organisiert wurde, kamen (je nach Quelle) über 10.000 Menschen. Das Zelt war völlig überfüllt, sodass viele draußen seiner gedenken mussten. Unter den auftretenden Künstlern waren unter anderem seine alte Band Ton Steine Scherben, Marianne Rosenberg, Ulla Meineke, Tim Fischer, Keimzeit, die Einstürzenden Neubauten und Herbert Grönemeyer. Die Moderation übernahm Corny Littmann. Der denkwürdige Abend wurde auf dem Live-Album Abschied von Rio – Das Konzert der Freunde für die Nachwelt festgehalten.

Das Wohnhaus von Rio in Fresenhagen entwickelte sich unter dem Namen Rio-Reiser-Haus fortan zur Pilgerstätte. Darüberhinaus wurde es als Tonstudio und Tagungsstätte genutzt. Finanzielle Schwierigkeiten zwangen die Erben Jahre später zum Verkauf, sodass die sterblichen Überreste von Rio Reiser am 11. Februar 2011 auf den Alten St. Matthäus Kirchhof in Berlin umgebettet wurden. Auch der Grabstein, der dem Albumcover von Blinder Passagier entlehnt war, ist mit umgezogen, sodass eine neue Pilgerstätte erhalten blieb.

Welchen Stellenwert Rio Reiser selbst heute noch in der deutschen Musiklandschaft hat, lässt sich am Besten anhand einiger Zitate zeigen.

Johannes Oerding: „Rio Reiser ist, glaube ich, gleichzusetzen mit der Liga, ich sag mal: Lindenberg, Grönemeyer, Maffay. Die heute deutschsprachige Musik machen, den Grundstein gelegt haben, mit der deutschen Sprache einfach mal ein bischen experimenteller umzugehen, ein bischen poetischer umzugehen und gleichermaßen in Songs eben immer Haltung zu verpacken.“

Udo Lindenberg: „Rio war ein Flammenwerfer, ein Anzünder für uns alle.“

Herbert Grönemeyer: „Er ist der einzige deutsche Sänger, den ich je bewundert habe.“

Blixa Bargeld: „Ich habe noch nie jemanden in Deutschland singen gehört und gesehen, der wie Rio in der Lage war, innerhalb von Sekunden eine intime Beziehung, geradezu eine Liebesbeziehung, mit jedem einzelnen seiner Zuhörer aufzubauen.“

Einen weiteren kleinen Überblick geben die Hommage-Alben Viva l’Anarchia – eine Gratulation an Ton Steine Scherben, Familienalbum und Familienalbum II. Darüberhinaus ist anlässlich des 20. Todestages von Rio Reiser am 20.08.1996 jetzt aktuell bei Sony Music die neue Best-Of-Sammlung Alles und noch viel mehr erschienen, auf deren Doppel-CD diverse etablierte deutsche Künstler Rio mit einer Coverversion die Ehre erweisen. Eine vollständige Liste von Coverversionen von Rio Reiser und seiner alten Band Ton Steine Scherben wäre natürlich unendlich viel länger.

Es muss aber gar nicht immer eine Coverversion sein, denn immer wieder wird der Einfluß von Rio bei jungen Künstlern mehr oder weniger offen sichtbar, wie zum Beispiel bei Casper mit dem Song „Lang lebe der Tod“ oder den erst unlängst im Magazin vorgestellten Isolation Berlin.

Ob Rio Reiser heute immer noch gern der König von Deutschland wäre, darf zumindest diskutiert werden. Denn wie heißt es im Song „Hoffnung“ auf seinem letzten Album Himmel und Hölle: „Nehmt mir die Krone ab, die mich erdrückt, nehmt mir die Krone weg, nehmt sie zurück. Ich weiß, irgendwo ist da ein Licht, doch ich kann euch nicht führen, denn ich weiß den Weg nicht.“

Trotzdem bleibt er als König von Deutschland unvergessen, gerade auch weil bislang niemand wirklich in der Lage gewesen ist, sein musikalisches Erbe anzutreten. Wer Rio noch mehr von seiner privaten Seite kennenlernen möchte, dem seien die beiden Alben Rio Reiser am Piano I und Rio Reiser am Piano II wärmstens empfohlen.

 

„Ich sing für Dich ich schrei für Dich
ich brenne und ich schnei für Dich
Vergesse mich erinner mich
für Dich und immer für Dich
Für immer und Dich.“

 

Danke, Rio.

Du fehlst.

 

Studio-Alben:
Rio I. (1986)                                                                 Mit Ton Steine Scherben:
Blinder Passagier (1987)                                              Warum geht es mir so dreckig? (1971)
*** (1990)                                                                    Keine Macht für Niemand (1972)
Durch die Wand (1991)                                                Wenn die Nacht am tiefsten – Doppelalbum (1975)
Über Alles (1993)                                                         IV (Die Schwarze) – Doppelalbum (1981)
Himmel und Hölle (1995)                                            Scherben (1983)

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1 Antwort
  1. modermichl
    modermichl says:

    Vielen Dank für den schönen Beitrag. In der heutigen Zeit eigentlich keine Zeile mehr wert, damals aber eine echte Provokation war sein öffentliches Bekenntnis zum Schwulsein. :)

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