Reise: Subkultur in Japan – Teil 3: Punk in Shinjuku (Tokio)

Punk in Shinjuku (Tokio)

In Shinjuku gibt es viele verschiedene Clubs, und wir haben Glück, dass während unseres Aufenthalts in Tokio im Anti-Knock (4 Chome-3-15 Shinjuku in Google Maps) ein Zwei-Tage-Punk-Festival vom Label Pogo77 Records mit 24 japanischen Bands stattfindet. Am ersten Tag sind wir dabei, weil uns da die Bands beim YouTube-Check am besten gefallen haben.
Zunächst gibt es Probleme, den Club zu finden, da er mitten im um 16 Uhr noch wuseligen Shopping-Viertel liegt. Die Uhrzeit ist ungewöhnlich früh, doch die Party endet auch bereits um 22 Uhr, damit die Besucher noch die letzten Züge nach Hause erwischen. Nachts Taxi fahren ist in Tokio unbezahlbar. Doch dann entdecken wir vor einem 7-Eleven bunte Irokesen, Stacheln und hunderte Nieten blitzen uns entgegen. Die Punks trinken hier noch schnell ein billiges Bier, bevor es ein paar Meter weiter die Treppe hinunter in den Keller zum Anti-Knock geht.IMG_8025
Der Eingangsbereich ist stilecht zuplakatiert und macht Lust auf mehr. Die Jungs am Einlass sind überrascht wegen uns Europäern, aber sehr freundlich. Das erste Bier wird gleich auf den Eintrittspreis von 25 Euro zusätzlich draufgeschlagen, was wiederum uns überrascht. Aber okay, andere Länder, andere Sitten, das hatten wir ja schon. Dafür gibt es eine Demo-Kassette der Band SKAAdA geschenkt.
Der Laden ist von innen klein, aber saucool, wie man es erwartet. Im Vorbereich von der Bar hängt ein Flachbildschirm, der die Konzertbühne live zeigt, sodass man auch beim Getränkeholen nichts verpasst. Wir sind kaum drin, da werden wir schon von einem leicht angetrunkenen Irokesenpunk begrüßt, der sich sichtlich über uns Ausländer freut. Leider verstehen wir nicht viel, das leidige Sprachproblem wieder. Später finden wir heraus, dass er der Sänger der Headliner Band Tom and Boot Boys ist. Wir holen unser Bier an der Bar, und verstehen erst einmal nicht, was wir mit der „Losbox“ sollen, die auf dem Tresen steht. Tom kommt uns zu Hilfe und gibt uns zu verstehen, dass wir pro Getränk einen der kleinen Umschläge ziehen sollen. Wir werden mit typischen Baseball-Sammelkarten überrascht, nur dass hier Punkrock-Musiker abgebildet sind. Das ist eine sehr witzige Idee, die Leute dazu animieren soll, ihre Getränke nicht nur beim 7-Eleven nebenan zu konsumieren, und in der Tat zeigen sich die Umstehenden jedes Mal interessiert, wen wir gezogen haben. Darüber hinaus hat man die Bierpreise gnädigerweise von regulär sechs auf drei Euro reduziert. Punks sind eben auch in Tokio notorisch knapp bei Kasse.

Allein schon das Publikum ist den Eintritt wert. Ich habe in Deutschland oder England schon lange nicht mehr so gut gestylte Punks gesehen, das ist wie in den glorreichen Zeiten der 80er Jahre. Wirklich tolle bunte Frisuren, kunstvoll zerrissene Hosen und endlos Nieten auf den Jacken und Westen. Viele sind auch schon deutlich älter und haben sich nicht der Gesellschaft und dem Arbeitsleben angepaßt. Wenn die Japaner etwas machen, dann aber auch IMG_7976zu 100 Prozent. So wie The Erections, die den Nachmittag eröffnen. Mit ihrem Oldschool Streetpunk sind sie auch gleich einer unserer Favoriten. Sie wirken auf uns optisch sehr jung, existieren jedoch schon seit 2003 und sind dementsprechend routiniert. Die Stimmung ist sofort sehr gut, und es gibt direkt auch die ersten Pogo-Einlagen. Was auffällt, es gibt quasi keinen Beifall wie bei uns üblich, sondern zustimmende Rufe, die ungefähr wie „rröööööhhhhhiii“ klingen. Keine Ahnung, was das heißt, vielleicht ist das auch nur die japanische Variante von Oi. Povlacion gefallen uns ebenfalls gut, vor allem, wenn die zierliche Dame am Bass in den Gesang miteinsteigt und überraschend brüllt, wie man es der kleinen Person überhaupt nicht zutrauen würde. Eine Besonderheit im Club ist die strikte Mülltrennung. Es gibt Mülleimer für Plastik, Dosen, Glas und Restmüll, die sich schnell füllen, da sich nach jeder Band eine kleine Karawane zum 7-Eleven nebenan aufmacht, weil die Getränke dort doch billiger sind. Mit steigendem Alkoholpegel klappt das mit der Mülltrennung allerdings naturgemäß irgendwann nicht mehr so gut.

IMG_8073Außer uns sind nur zwei weitere Ausländer da, die aber offensichtlich in Tokio leben, und so werden wir immer wieder neugierig angesprochen. Aber die Verständigung ist jedes Mal schwierig, und manchmal bleibt nur, sich gegenseitig zuzuprosten. Mit Cracks ist auch eine Psychobilly-Band dabei, die eine wilde Mischung aus Mad Sin und Demented Are Go präsentieren, stilecht mit Flat und Horrorschminke. Zwei anwesende Psycho-Fans freuen sich über unsere T-Shirts von Nekromantix und den japanischen Battle of Ninjamanz und laden uns auf eine weitere Party ein, wo die japanische Psychobilly Band Spike auftreten wird, aber dazu später mehr (im nächsten Teil meiner Japan-Erlebnisse). Richtig beeinIMG_8107druckt bin ich von System Fucker, auch wenn der Bandname aus westlicher Sicht etwas peinlich plakativ ist. Sie spielen knallharten Crust-Punk, und der Sänger mit seinem endlangen Iro brüllt sich die Seele aus dem Leib, als sei er vom Teufel besessen. Wirklich schade, dass wir die Texte und Ansagen zwischen den Songs nicht verstehen können. Denn wie bei allen anderen Bands auch sind die Texte auf Japanisch, den englischen Bandnamen zum Trotz. Als am Ende Tom and Boot Boys spielen, ist Sänger Tom mittlerweile leider so besoffen, dass er nur noch gröhlen kann. Ärgerlich, denn auf YouTube klang die Band eigentlich recht vielversprechend.

Egal, das ist eben auch Punk. Es war ein toller Abend, auch wenn nicht jede Band unseren Geschmack getroffen hat. Das Eintauchen in den Punk Untergrund von Tokio war eine einmalige Erfahrung und mit ein Highlight der gesamten Reise.

antiknock.net/
pogo77.com/

Lineup (in Reihenfolge):
The Erections, Rigid, Povlacion, Crucial Section, Tropical Gorilla, Esperanza, Cracks, System Fucker, Flipout A.A, Reality Crisis, Ferocious I, Tom and Boot Boys

Für Späteinsteiger: Hier geht es zu Teil 1 und Teil 2

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