Reise: Subkultur in Japan – Teil 5: Tokyo Decadance

Tokyo Decadance

Wer hat nicht schon von dieser Veranstaltung gehört? Zumindest, wenn man sich für Japan und Gothic interessiert, stößt man früher oder später unweigerlich auf die Tokyo Decadance Party, die regelmäßig im Herzen Shinjukus stattfindet. Mit anderen Veranstaltungen im Gothic Bereich haben wir leider zum Zeitpunkt unserer Reise Pech, und so freuen wir uns zumindest auf den heutigen Abend. Mit 35 Euro Eintritt pro Person wird das aber auch mit Abstand die teuerste Party, auf der wir je gewesen sind. Wer zum heutigen außerirdischen Thema mottogerecht kostümiert erscheint bekommt aber fünf Euro Rabatt. Und obwohl wir zur Weiterreise am nächsten Morgen um neun Uhr im Zug sitzen müssen, hält uns nichts davon ab dabei zu sein. Wie oft kommt man schon nach Tokio?IMG_9165

Um nichts zu verpassen, sind wir pünktlich um 23:30 Uhr da, aber im Christon Café (5 Chome-17-13 Shinjuku in Google Maps), wo die Party stattfindet, sind die Vorbereitungen noch nicht ganz abgeschlossen. Ein Typ Marke völlig schräger Vogel mit weißer Schminke und grellbunten Klamotten gibt uns im Foyer des Gebäudes zu verstehen, dass wir noch etwas warten müssen. Nach zehn Minuten öffnet sich dann der Aufzug für die mittlerweile ca. 30 Feierwilligen, unter denen sich außer uns noch drei deutsche Mädels befinden. Man landet direkt im Vorraum, wo man seine Garderobe abgeben kann, und einmal ums Eck liegt die Kasse. Mit Stempel kostet der Wiedereintritt nur acht Euro, somit lohnt es sich nicht, beim 7-Eleven nebenan billige Getränke zu konsumieren. Ein Bier kostet scheinbar standardmäßig wieder sechs Euro, ein Longdrink schlägt mit zehn Euro zu Buche. Die Location, das Christon Café, in dem man auch tagsüber essen kann, ist ein sakral inspirierter Raum, dessen Deko das Herz eines jeden Gothics höher schläger läßt. Jede Menge Kreuze und ein riesiger Kronleuchter, der über der Tanzfläche schwebt. Leider ist es recht dunkel und nebelig, so dass sich nicht alle Details erkennen lassen.

IMG_9142Es gibt heute verschiedene DJs, der Sound bewegt sich aber generell im tanzbaren Electro-Bereich, wobei hier allerdings kein Bassverstärker eingesetzt wird, sodass der Magen angenehmerweise nicht mithüpft und die Musik auch für diejenigen hörbar ist, die sonst keinen Electro mögen. Somit ist es keine typische Cyberparty, auch wenn Cybers hier prima reinpassen würden. Den gefeiertsten Auftritt hat heute eindeutig DJane Sumi Rock, die als ältester DJ der Welt gilt. Die 90-jährige!!! kleine Dame rockt die Tokyo Decadance mit wirklich originellem japanischen Dancefloor, und die Leute flippen regelrecht aus, dabei hat sie erst vor drei Jahren mit dem Auflegen begonnen. Sie ist aber auch wirklich ein verrücktes Huhn mit blonder Afro-Perücke und neonpinker Sonnenbrille, und ich habe einen Riesenrespekt vor ihrer Energie in diesem hohen Alter.
Es gibt aber nicht nur DJs, sondern auch einige Showacts auf der Bühne und Gogo-Performances in wirklich abgefahrenen Kostümierungen. Aber auch die Besucher sind sehenswert, denn viele haben sich mottogerecht mit ihren Outfits kreativ ausgetobt. Derartige Kostüme sieht man nicht einmal auf dem Wave Gotik Treffen. Ein außerirdischer Plüschhase ganz in weiß posiert mit rot leuchtendem Laserschwert, ein weißes Alien hat am ganzen Körper große kugelförmige Gnubbel ins Kostüm eingenäht. Einer hat sogar einen Laubbläser umgebaut und schießt damit Toilettenpapier-Luftschlangen in die Menge.
EIMG_9184ine Show mit Hula Hoop Reifen ist eine tolle Kombination aus Artistik und Burlesque, man bekommt also wirklich einiges geboten auf der Tokyo Decadance. Die Mehrheit der Besucher ist aber eher „normal schwarz“ gekleidet, richtig nach Gothic sehen nur zwei oder drei aus, aber im herkömmlichen europäischen Sinne ist es eben keine Gothic Party, sondern schon eher ein Sammelbecken für Freaks aller Art, unter anderem auch von halbnackten Anhängern der SM-Szene. Es wird in der Tat dekadent gefeiert als gäbe es kein Morgen, und auch wir werfen unsere guten alkoholfreien Vorsätze über Bord. Auch viele in Tokio lebende Ausländer lassen hier die Sau raus, um für ein paar Stunden den ungewohnt harten japanischen Arbeitsalltag zu vergessen.
Während die Party noch völlig im Gange und noch lange nicht abgeflaut ist, machen wir uns völlig geflasht um halb fünf auf den Heimweg, damit wir wenigstens noch zwei Stunden Schlaf bekommen, bevor wir Tokio verlassen. Was für eine Erfahrung! Tokyo Decadance? Jederzeit wieder, wäre doch nur der Weg nicht so weit.

tokyodecadance.com

Weitere Gothic-Veranstaltungen:
clubwalpurgis.com
tokyodarkcastle.org
midnightmess.com

Für die Späteinsteiger: Hier geht es zu Teil 1, Teil 2, Teil 3 und Teil 4

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