Reise: Subkultur in Japan – Teil 6: Koenji und Shimokitazawa

Koenji und Shimokitazawa (Tokio)

Nur zwei Stationen mit der Chuo-Line Rapid Service von Japan Rail liegt westlich von Shinjuku Koenji, ein alternativ dominiertes Stadtviertel, das viele junge Leute anzieht, denn es gibt hier jede Menge Kneipen, Clubs und Cafés. Es sind auch einige große Live-Clubs hier beheimatet (Links am Ende des Artikels). Zur Zeit unseres Aufenthalts in Tokio ist leider keine für uns interessante Veranstaltung dabei, dennoch ist das Viertel einen Besuch wert, denn es gibt hier unzählige Second Hand Läden und weitere interessante Geschäfte. Obwohl wir mitten in Tokio sind, wirkt Koenji eher wie eine Kleinstadt. Die Häuser haben überwiegend nur zwei Etagen, und in den schmalen Gassen geht es ruhig zu, viel ruhiger als im hektischen Downtown oder Shinjuku.IMG_7868
Die Haupteinkaufsstraße, die vom Bahnhof aus nach Süden führt, wurde überdacht und bildet somit eine lange Passage, was bei schlechtem Wetter ungemein praktisch ist. Die Geschäfte sind liebevoll und abwechslungsreich dekoriert, sodass es nicht so schnell langweilig wird. Viele der Second Hand Läden haben sich spezialisiert, zum Beispiel auf T-Shirts, Turnschuhe oder auf ein bestimmtes Jahrzehnt, so ist für jeden etwas dabei. Das einzige Manko: Vintage scheint ein Trend zu sein in Tokio, und so muss man für ein gebrauchtes T-Shirt schon fast standardmäßig 35 Euro bezahlen. Dabei kostet ein T-Shirt bei H&M oder Uniqlo, deren einheimischer Konkurrenz, nur 15 Euro wie bei uns. Aber nur Geduld, in den abgehenden Seitenstraßen sind die Geschäfte oftmals günstiger. In der letzten Querstraße, bevor dIMG_7866ie Überdachung endet, liegt östlicherseits beispielsweise der große Laden 2nd Street, und hier können wir ein paar tolle Schnäppchen machen (4 Chome-6-7 Koenjiminami in Google Maps). Auch nördlich des Bahnhofs sollte man unbedingt durch das Viertel streifen, am besten durch die kleine Gasse Richtung Nordwesten, und dann neben einem Geschäft mit Monster-Augen auf der Markise den kleinen Laden im ersten Obergeschoss am Ende einer verrotteten Treppe suchen (3 Chome-4-11 Koenjikita in Google Maps). Ich wette, Lady Gaga kauft hier ein, so verrückt ist das Zeug.

Interessant sind aber auch die Bewohner Koenjis, denn anders als im übrigen Tokio haben hier sehr viele sichtbare Tattoos, auch auf Händen, Hals und Gesicht, die man nicht mehr verstecken kann. Dazu muss man wissen, dass man in Japan als Tätowierter als Mitglied der Yakuza gilt, der japanischen Mafia. Damit ist es fast unmöglich eine Arbeit zu finden, und auch der Zutritt zu den Bädern und heißen Quellen wird einem verwehrt, dabei ist der Besuch dieser tief in der japanischen Kultur verwurzelt. Wenn man sich jetzt also quasi sagt „scheiß drauf“, ist das schon eine weitreichende Aussage, und hier scheint langsam ein Wandel in der Gesellschaft stattzufinden. Vor allem das für Japan berüchtigte „Arbeit Arbeit über alles“ wird in Frage gestellt. Viele eröffnen daher einfach ihren eigenen Laden in Koenji oder Shimokitazawa, wo sie weiterhin sie selbst bleiben können, unabhängig von den Zwängen der Gesellschaft.

Das Stadtviertel Shimokitazawa ist schon deutlich schwerer zu finden als Koenji. Wir müssen dreimal in der Shibuya Station nachfragen, bevor wir im richtigen Vorortzug der privaten Keio-Inokashira Line sitzen, der uns nach Shimokitazawa bringt, dabei sind es nur vier Stationen. Die grundsätzlichen Rahmenbedingungen sind hier ähnlich wie im vorher beschriebenen Koenji, nur wirkt das Viertel rauer, weniger aufgeräumt, weniger zurechtgemacht. Der Kontrast ist ein bisschen wie München/Berlin. Vor allem der Bereich nördlich des Bahnhofs ist interessant. Die Preise sind aber wie in Koenji, doch dann entdecken wir irgendwo die Treppe hoch einen Laden, in dem alles 290 Yen kostet, umgerechnet drei Euro, der ultimative Vintage-Schäppchen-Himmel. Ich bekomme sogar einen schwarzen Kimono, die sonst gebraucht ab 30 Euro aufwärts kosten. Was außerdem toll ist, wir sind die einzigen Touristen hier, aber auch in Koenji waren es nur wenige.

An dieser Stelle möchte ich eine Empfehlung aussprechen, in Tokio unbedingt auch einmal die klassischen ausgetretenen Touristenpfade zu verlassen und einfach auf Entdeckungsreise zu gehen. Die einzelnen Stadtviertel sind tatsächlich allesamt unterschiedlich und verbreiten jeweils eine ganz eigene Atmosphäre. Selbst normale Wohnviertel, die wir auf der Suche nach versteckten Tempeln durchquert haben, sind für uns Ausländer sehr interessant, bieten sie doch einen Einblick in den Alltag und die dortigen Wohnverhältnisse.

Clubs:
unit-tokyo.com/
liquidroom.net/
den-atsu.com/
live-missions.com/

Für die Späteinsteiger: Hier geht es zu Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5

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