Station 3: London

 

dsc00886Die Stadt der Städte, Stadt der Schornsteine, Old London Town. Was kann ich schreiben? Samuel Johnson sagte schon 1777: „If a man is tired of London, he is tired of life; for there is in London all that life can afford.“, also etwa: Wenn ein Mann Londons müde ist, ist er des Lebens müde; denn in London ist alles, was das Leben zu bieten hat. Im Grunde beinhaltet dieser schlichte Satz alles, was ich sagen möchte. Ich bin das achte Mal in London und finde noch immer Dinge, die mich überraschen, faszinieren, berühren. Natürlich gelten für Erst-Besucher die üblichen Empfehlungen: Westminster, London Eye, Busrundfahrten, mit dem Boot die Themse hinunter nach Greenwich und dort auf beiden Hälften des Globus gleichzeitig stehen. Etliche Museen und Galerien, die meisten davon mit freiem Eintritt. Buckingham Palace, Hyde Park … ich könnte ewig so weitermachen. Aber ich will mich kurz fassen und nur die Dinge erwähnen, die ich in diesem achten Londonurlaub kennengelernt habe.

Nahe Baker Street Station, westlich von Oxford Circus, liegt die wohl berühmteste Adresse des Landes neben dem Sitz des Prime Ministers in der Downing Street 10: 221b Baker Street. Wem diese Hausnummer nichts sagt, der sollte sich erst mal in eine Ecke stellen und schämen, und danach dringend die nächste Bibliothek bemühen, denn dies ist die Adresse von Sherlock Holmes, und hier befindet sich in einem viktorianischen Reihenhaus das ihm gewidmete Museum. Leider stehen zwischen dem Besucher und dem Museum noch die halbe Straße voller dsc00896_kleinanderer Touristen, besonders zur Urlaubszeit muss man hier wohl mit Wartezeiten von einer Stunde und mehr rechnen (Tickets kauft man übrigens vor dem Anstellen im Souvenirshop nebenan, um böse Überraschungen am Einlass zu vermeiden). Hat man es schließlich bis zur Haustür geschafft, darf man in Gruppen von etwa 20 Leuten die Wohnung betreten und findet sich in einem originalgetreuen viktorianischen Stadthaus wieder, das mit viel Liebe zum Detail ausgestattet worden ist. Man fühlt sich förmlich hineinversetzt in die Arbeit des berühmten Detektivs, kann einen Blick in Watsons Tagebuch werfen und allerhand kuriose Beweisstücke betrachten. Natürlich darf auch ein Foto mit Hut und Pfeife nicht fehlen. Leider teilt man sich das winzige Haus mit gefühlten vierhundertdrölfzig Menschen aus aller Welt, sodass der Spaß sich in Grenzen hält und man irgendwann nur noch flüchten möchte.

Das Sherlock Holmes Museum ist großartig ausgestattet und liebevoll gestaltet, auch wenn es mehr eine Ausstellung ist, als ein Museum, und zugegebenermaßen ist es recht übersichtlich. Die Touristenmassen sind schwer nervenschädigend, lassen sich aber vielleicht außerhalb der Saison vermeiden. Alles in allem ist das Museum für echte Fans und Kenner der Geschichten (und nicht nur der zahllosen Verfilmungen) ein echtes Highlight, für Gelegenheitsleser aber wohl allenfalls interessant, und die stundenlange Warterei wird nur bedingt belohnt.

Wer solches Glück mit dem Wetter hat wie wir, der kann sich einen Tag Zeit nehmen, um in einem der vielen großen Parks zu verschnaufen. Dabei muss man nicht mal nur auf der Wiese liegen, sondern kann auch mit den von der Stadt für wenig Geld zur Verfügung gestellten Fahrrädern auf Tour gehen. Die charakteristischen blauen Drahtesel, von den Londonern scherzhaft „Boris-Bikes“ genannt (nach Bürgermeister Boris Johnson), findet man an nahezu jeder Ecke.

Eines der beeindruckendsten Gebäude der Stadt, die Houses of Parliament, ist schon von außen ein echter Hingucker. Mit Vorausbuchung kann man sie sogar von innen betrachten, und wer lange genug vorausbucht darf sogar einen gepflegten Afternoon Tea dort einnehmen. Nach strengen Sicherheitsmaßnahmen betritt der Besucher Westminster Hall, den ältesten noch intakten Teil des Gebäudes, dessen Decke in großen Teilen über 600 Jahre alt ist. Hier wird man von kompetenten Führern eingesammelt, die einem sodann zeigen, wo Lords und Commons diskutieren, wo die Queen sich umzieht und durch welche Hallen bereits Winston Churchill und Margaret Thatcher schritten. Man bekommt einen Einblick hinter die Kulissen eines Parlaments, das gerade für Deutsche ungewohnt wüst debattiert, und kann dort stehen, wo der Prime Minister feurige Reden schwingt.

Trotz Zwang zur Vorabbuchung ist die Tour durch die Houses of Parliament, gerade für Geschichts- und Politikbegeisterte, wirklich empfehlenswert und nicht nur informativ, sondern auch sehr unterhaltsam. Für Fußschwache ist sie allerdings nichts, da man die Sitzungsräume zwar betreten, aber sich so gut wie nirgends setzen darf. Politikerhintern sind eben was Besonderes.

dsc00956Ich muss beinahe Asche auf mein Haupt streuen, denn nach sieben Trips in meine Lieblingsstadt ist dies tatsächlich das erste Mal, dass ich den Bus nach Camden Town nehme, um die Markets zu besuchen. London kann mit einer Vielzahl von Wochen- und Wochenendmärkten aufwarten, von Portobello bis Borough, doch keiner ist so groß und beeindruckend wie Camden Town Market, der quasi das ganze Viertel einnimmt. Und hier gibt es nichts, was es nicht gibt. Auch wenn die Menschenmassen etwas stressig sind, ist diese Gegend auf jeden Fall einen Besuch wert – allerdings sollte man von vornherein einfach kein Geld mitnehmen, denn viele Stände locken mit allerhand Schönem.

London ist und bleibt für mich eine Stadt wie keine andere. Sie zu besuchen ist wie einen alten Freund treffen, man fühlt sich sofort wohl und vertraut, und kann doch ständig Neues entdecken. Der ganz eigenartige, besondere Charme dieser Metropole nimmt mich immer wieder aufs Neue gefangen und lässt mein Herz höher schlagen. Ich kann jedem, der noch nie dort war, nur wärmstens einen Besuch empfehlen. Und diejenigen, die sie kennen, wollen meist sowieso zurück.

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