Rezension: Christoph Marzi – Nimmermehr

Echte Geschichten und wahre Lügen

marzi_cnimmermehr_76974Christoph Marzi wird von seinen Fans seit seiner Uralten-Metropole-Reihe als wahrer Meister des Geschichtenerzählens geschätzt. Doch nicht jede Geschichte kann ein mächtiges Epos sein, das das Schicksal der Welt beinhaltet; dennoch sind auch sie es wert, erzählt zu werden. Unzählige Gute-Nacht-Geschichten, Märchen, Sagen und Mythen begleiten uns seit unserer Kindheit und geraten viel zu oft in Vergessenheit. Genau diese „wahren Lügen“ ruft Christoph Marzi dem Leser in 15 Kurzgeschichten ins Gedächtnis und bringt den Zauber zurück, der an kalten Winterabenden den Lesesessel umweht.
In einem ausführlichen Vorwort gibt er außerdem einen schönen Einblick in Hintergründe und Inspiration für seine Geschichten, die ich hier kurz zusammenfassen will.

Scarlet erweckt eher den Anschein eines Gemäldes als einer Erzählung, ein richtiger Plot fehlt. Magie in Worte gefasst. In knappen Eindrücken nimmt Marzi ein beinahe vergessenes Detail der Uralten Metropole wieder auf und spinnt eine winzige Geschichte weiter, die eine letzte Lücke auffüllt.

In Die lügenhafte Liebe der Lady Lynx erfahren wir die Wahrheit über Katzen und warum man sie lieben muss. Endlich sagt‘s mal einer!

Nachtfahrt ist eine schlichte, aber irgendwie abgedrehte Gruselgeschichte im Stil von Stephen King. Basierend auf einem Springsteen-Song skizziert Marzi ein befremdliches Szenario einer Busfahrt, die auch aus einem Trash-Horror-Streifen stammen könnte.

Wolfsgesang räumt mit Märchenklischees auf und erzählt Rotkäppchen einmal anders. Leider fand ich persönlich das Ende aber irgendwie vorhersehbar.

Sukkubus ist eine klassische Vampirgeschichte im Stil von Dracula. Marzi spielt gewohnt elegant mit einer ganzen Reihe von Anspielungen und lässt dabei von Carmilla bis Edgar Allen Poe kaum einen Genreklassiker aus. Im berühmt-berüchtigten Londoner Stadtteil Whitechapel entwickelt sich eine überraschend erotische Gruselgeschichte, die die Geheimnisse der Uralten Metropole aufleben lässt.

Rauchzeichen – Eine reichlich militante Anti-Raucher Kampagne, gewohnt flüssig und fesselnd geschrieben, aber einfach nicht mein Thema, obwohl ich nicht rauche.

The Way it is – Die Entstehung des Lebens auf der Erde. Reichlich merkwürdig, aber irgendwie einfach … cool! Kurz und knackig beschreibt Marzi den wohl abgedrehtesten Gesangswettbewerb der Weltgeschichte. Wortwörtlich.

Marten ist ein Adventskalender mit 24 kleinen Kapiteln, in denen mit dem Bild der heimeligen Weihnachtszeit ordentlich aufgeräumt wird. Stephen King meets Nordische Mythologie, garniert mit einem Hauch Konsumkritik und einer cleveren Wendung.

Briefe vom Abgrund lässt den Leser in die Gedankenwelten einer Selbstmörderin eintauchen, die noch viel zu stark mit der Welt verbunden scheint.

Auch in Vardoulacha findet sich der Leser in einer Welt wieder, die an die Uralte Metropole angeknüpft ist. Marzis Talent, Fakt und Fiktion so glaubwürdig zu verweben, dass die Grenzen nahezu verschwinden, macht diese Geschichte zu einem echten Leseerlebnis. Genau wie bereits Sukkubus ist auch Vardoulacha stilistisch stark an Dracula angelehnt, und das so geschickt, dass sie trotz ihrer Länge kein bisschen langweilig wirkt.

Prinzessin Parvati und der Elefantengott entführt uns ins ferne Indien, wo eine Prinzessin mit strahlendem Lächeln große Weisheit erfährt. Mit dem perfekt angepassten Stil erzählt Marzi eine waschechte Fabel.

Die passende Beschreibung für Herbsttage singen ihre Lieder wäre wohl Gedicht. Ein Gedicht über Impressionen und Erinnerungen an eine lange (oder vielleicht auch nicht ganz so lange) vergangene, aber nie ganz vergessene Kindheit, die jeder von uns in sich trägt.

Vom Herbst in den Winter führt Wintermärchen und erzählt die Geschichte vom Mädchen mit den Schwefelhölzchen etwas anders. Wie so oft ist die Quintessenz dieses zauberhaften kleinen Märchens der Glaube an Geschichten.

Cheapanooka’s Creek – Noch so ein niedergeschriebenes B-Movie. Das muss man wohl mögen.

In Nimmermehr spürt man die ganze Macht der Geschichten. Ein Märchen, das zweifellos auch auf Marzis späteres Werk Grimm hinführt und den Leser mit seinem zauberhaften Charme in seinen Bann zieht. Für mich Marzi in Höchstform!

Nimmermehr ist nicht umsonst die titelgebende Erzählung in dieser Sammlung. Ein zauberhaftes Märchen, eine wahre Lüge, die darum kämpft, nicht vergessen zu werden. Ein warmer Platz am Kamin, ein verrückter Traum, der Hauch einer Erinnerung, der Geruch einer alten Bibliothek – das alles ist Nimmermehr.
Marzi beweist hier seine enorme Vielseitigkeit, doch obwohl er nicht nur Märchen schreiben kann, sind doch genau diese zauberhaften Geschichten es, die ich persönlich am meisten liebe. Nicht jede Geschichte hat meinen persönlichen Nerv getroffen, aber der Rest ging mir wie immer bis ins Mark und verzauberte mich.
Nimmermehr ist für Fans ein Muss und für Einsteiger eine gute Möglichkeit, sich in seinen einzigartigen Stil einzulesen, denn hier ist wirklich für jeden etwas dabei.

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Christoph Marzi – Nimmermehr
Heyne, Taschenbuch, 2007
399 Seiten
9,95€

ebook: 8,99€

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