„Einen Hexer oder eine Hexe
sollst du nicht leben lassen…“

Der junge Novize Gair wird der Hexerei beschuldigt und nach langer Folter dem alten Präzeptor Ansel vorgeführt. Der gesamte Rat erwartet die Todesstrafe – doch Ansel entscheidet sich dafür, den Jungen stattdessen zu brandmarken und zu verbannen. In seine Handfläche wird das Zeichen der Hexerei gebrannt und man lässt ihn laufen – allerdings ist er als Vogelfreier nun zum Abschuss freigegeben. Als ein mysteriöser Fremder auftaucht, der Gair seine Hilfe anbietet, hat der Junge kaum eine andere Wahl. Sein geheimnisvoller Begleiter heißt Alderan, und schafft den noch immer verwirrten und verletzten Ex-Novizen außer Landes, natürlich nicht ohne gewisse Schwierigkeiten, denn die Entscheidung des Präzeptors ist unter den fundamentalistischen Mitgliedern der Kirche nicht auf Verständnis gestoßen. So wird ein Hexenjäger auf ihn angesetzt, der Gair und Alderan auf ihrer mühsamen Reise das Leben schwer macht. Endlich außer Landes kehrt ein wenig Ruhe ein und Alderan eröffnet Gair, dass auch er die „Lieder der Erde“ hören kann, der „Sang“, die Grundenergie des Universums, die alles durchfließt, und die wenigen, die diese Lieder hören können, werden zur Magie befähigt. Außerdem bietet er ihm an, ihn mit auf die Westinseln zu nehmen, wo es eine Schule gibt, in der man ihn lehren kann, seine Fähigkeiten einzusetzen, denn bisher war Gair eher intuitiv und zufällig auf den Sang in ihm gestoßen. Da der ehemalige Novize weder Freunde noch Familie hat, entschließt er sich, mit Alderan zu kommen, und trotz weiterer Fallen des Hexenjägers und eines komischen Vogels namens Savin gelangen sie schließlich zu den Inseln.
Hier erhält Gair seine Ausbildung, obwohl sich schon beim Einstufungstest am ersten Tag herausstellt, dass er weit überdurchschnittlich begabt ist. Als sich zeigt, dass er offenbar neben Meisterin Aysha der einzige weit und breit ist, der seine Gestalt wandeln kann, wird diese auf ihn aufmerksam…
Die Zeit könnte schön und ruhig sein, wären da nicht die schrecklichen Nachrichten des Wächters Masen, der berichtet, dass der Schleier zwischen den Welten zerbricht. Als Gair auf einem Ausflug unerwartet angegriffen und lebensgefährlich verletzt wird, wird langsam klar, dass die Kirche, die Jagd auf Hexen macht, eigentlich das geringere Problem ist, und plötzlich scheint ein Kampf unvermeidbar…

„Die Lieder der Erde“ basiert auf einer wunderbaren Idee, die versucht, zwischen realer historischer Inquisition und High-Fantasy zu balancieren. Es wird eine sehr große und komplexe Welt skizziert, doch leider spürt man, je weiter man voran kommt, dass eigentlich außer der Grundidee nicht viel Neues dabei ist. Spätestens ab der Ankunft von Gair und Alderan in der Schule hat man mehr und mehr den Eindruck, dass eine Idee, die für etwa 100 Seiten gereicht hätte, auf 557 gestreckt wurde, und dass für viele Details, die eine Welt lebendig machen, die Ideen fehlten – daher findet man durch das ganze Buch verstreut Szenen, Beschreibungen und Rassen, die verdächtig an „Herr der Ringe“, Terry Pratchett, „Harry Potter“ und sicher noch ein halbes Duzend weiterer Fantasy Romane erinnern. So zum Beispiel die astolanische Prinzessin Tanith, Heilerin, die eine Art Elbin ist, deren Rasse zwischen den Welten lebt und sich aus den Angelegenheiten der Menschen heraushalten möchte, besonders ihr Vater drängt sie dazu, doch sie ist verliebt in den jungen Gair – klingt verdächtig nach Arwen und Elrond. Ebenso Gair und Savin, beide von Geburt an bemerkenswert begabt, doch Savin sein Leben lang böse – ein bisschen Harry und Voldemort?
Auch stilistisch fallen auf den zweiten Blick zum Teil Mängel auf. Cooper versucht, sehr ausdrucksstarke und malerische Vergleiche zu ziehen, meist gelingt das auch gut, aber manchmal passieren dabei einfach grobe Schnitzer. In etwa muss Masen sich beeilen, um vor der Dunkelheit durch eine Schlucht zu reiten, es ist fast Winter und die Sonne geht sehr schnell unter, die ganze Szene vermittelt Hektik und Panik. Der Vergleich, dass das Licht dabei so schnell schwindet, wie die Hitze aus einer abkühlenden Schmiede, ist ziemlich danebengegangen – soll das heißen, es ist nach drei Tagen immer noch hell? Auch kleinere Logiklücken finden sich, so ist zum Beispiel Gair mittags im Bad, und hängt dort ganz allein seinen Gedanken nach (mit der Betonung, er ist ganz allein weil es schon MITTEN am Tag ist!), dann kommt er nach draußen und plötzlich liegt ein Balkon noch im Schatten der Morgensonne.
Oft wird einem einzelnen Handlungsstrang so viel Aufmerksamkeit geschenkt, dass man die anderen vollkommen vergisst und sich dann wundert, wo eigentlich bestimmte Personen hin sind, und man sich dann erst mal wieder erinnern oder gar zurückblättern muss, wer da eigentlich gerade wieder aufgetaucht ist. Generell haben wenige Personen wirklich Tiefe bekommen, die meisten scheinen eher „Füllmaterial“ zu sein.
Gair, der Alleskönner, wirkt etwas zu heroisch. Gerade nach Folter aus der Institution geworfen, die jahrelang sein Zuhause darstellte, von Rittern und Hexenjägern durchs halbe Land gehetzt, kommt er in Hogwa… pardon, im Kapitelhaus an und kann im Grunde so gut wie alles, obwohl er vorher nie geübt hat und seine Fähigkeiten vor der Kirche verstecken musste.
Die Übersetzung ist ebenfalls nur teilweise gelungen, ich kann zwar keine direkten Beispiele anführen, da ich nur die deutsche Version gelesen habe, aber an vielen Stellen klingen Formulierungen holprig, nicht organisch, als hätte man nicht die richtigen Worte gefunden. Auch die Erwähnung eines „Dicken Kusses“ scheint in einem Roman, der versucht, auf einer hohen sprachlichen Ebene zu bleiben (wie es sich für High Fantasy gehört) etwas fehl am Platze, doch derartige Stilbrüche sind nicht selten. Einerseits drückt man sich sehr gewählt und höflich aus, andererseits gleiten dann beinahe flapsige, modern-umgangssprachliche Bemerkungen hinein. Auch einige grammatikalische Fehlerchen haben sich eingeschlichen.
All dies wäre einzeln genommen nicht weiter tragisch, aber wenn man einmal darauf aufmerksam wird, ist es schwer, das Buch weiterzulesen ohne immer mehr zu bemerken, was den Lesespaß zumindest für mich doch gemindert hat.
Zusammenfassend ist „Die Lieder der Erde“ ein durchschnittlicher moderner Fantasy Roman mit einigen wirklich schönen, neuen Grundideen, der dann mittelmäßig ausgebaut wurde. Die Kombination aus alttestamentarischen Elementen des katholischen Glaubens mit einer Tolkien-Welt ist ein sehr interessanter Ansatz, wirkt jedoch nicht organisch umgesetzt. Mich hat es kaum gefesselt, ich konnte das Buch problemlos mehrere Tage zur Seite legen, ohne dieses nagende Gefühl, unbedingt weiterlesen zu wollen.
Natürlich muss man sagen, dass es heutzutage sehr schwer ist, eine wirklich neue Fantasy Geschichte zu schreiben, weil so vieles schon da war. Doch hier sind die Ähnlichkeiten zu gleich mehreren anderen Werken nur mit viel gutem Willen zu übersehen.
Offenbar werden noch 2 Teile folgen, es sind auch einige lose Enden an den Handlungssträngen übrig. Vielleicht wird es ja mit der Übung etwas besser, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Millionen von Menschen sich den nächsten Band um Mitternacht am Erscheinungstag mit Sonderboten von der Post liefern lassen. Der erste Roman von Elspeth Cooper ist okay, kann für mich jedoch höchstens ein erster Versuch sein, und ich hoffe, dass die nächsten Bände in sich stimmiger sein werden.

 :lesen: :lesen: :buch2: :buch2: :buch2:

Elspeth Cooper – Die Lieder der Erde
Heyne, Paperback, 2011
558 Seiten
14,99 €
Ebook: 11,99€

Die Lieder der Erde bei Heyne

Die Lieder der Erde bei Amazon

(2255)