Rezension: Janika Nowak – Das Lied der Banshee

„Mist, ich hörte mich wie eine 10-Jährige an!“

banshee

Die 17-jährige Aileen lebt in Berlin, macht eine Lehre zur Tischlerin und führt ansonsten ein eher langweiliges Leben. Ihre Mutter ist bei ihrer Geburt verstorben, ihr Vater ist Alkoholiker. Ihre sozialen Kontakte beschränken sich auf Mitbewohnerin Bettina und Kollege Thomas, für den sie zwar schwärmt, dies aber nie zugeben würde.
Als sie nach einem Konzertbesuch mit Thomas von vier Schlägern verfolgt und angegriffen wird, schreit sie sich die Kehle heiser – um dann festzustellen, dass dies die Kerle offenbar abgeschreckt hat. In den nächsten Tagen ereignen sich allerhand Merkwürdigkeiten, mehrere Angriffe auf Aileen durch mysteriöse geflügelte Wesen und die Rettung durch einen Typen namens Macius. Als dann auch noch das ganze Wohnheim von diesen Flatterviechern angegriffen und ihre Mitbewohnerin vor ihren Augen getötet wird, bleibt Aileen und Thomas nur die Flucht zu Macius, der Aileen schließlich in ein jahrtausendealtes Geheimnis einweiht – Fabelwesen gibt es wirklich. Und sie ist eins davon: eine Banshee. Die letzte. Und irgendwer scheint es auf sie abgesehen zu haben.
So beginnt für Aileen ein neues Leben, gemeinsam mit Macius feilt sie an ihren Fähigkeiten und ihre Freunde, die Oni Aiko und die Sirene Pheme stehen ihr bald schon im Kampf gegen den verwirrten Wächter zur Seite, der die Götterkinder auslöschen will.

Ich hatte große Hoffnungen in „Das Lied der Banshee“ gesetzt, da der Klappentext mal etwas Neues versprach, statt der ewig gleichen Vampirgeschichten, die im Moment so fürchterlich in sind. Leider stellte sich schnell heraus, dass die Idee zwar gut, doch an der Umsetzung vollkommen gescheitert ist.
Es vergingen beim Lesen keine zehn Seiten, während denen ich nicht das Buch zuklappen und eine Wand suchen wollte, um meinen Kopf dagegen zu schlagen. Ganz fest.
Aileen ist eine 17-jährige Nervensäge, die sich die meiste Zeit über aufführt wie 14. Sie ist paranoid und kindisch, vollkommen überreizt und zuweilen so zickig, dass ich mich ständig gefragt habe, was Thomas eigentlich an ihr findet. Sie schaut fast jedem Kerl nach und versinkt in den unpassendsten Situationen in Schwärmereien. Sie zeigt auch kein Fünkchen Reue, als ganz offensichtlich ihretwegen das Wohnheim angegriffen und neben ihrer Freundin auch noch sechs weitere Studenten getötet werden. Ebenso wenig, als sie durch ihre Paranoia mal eben den Zorn der Gargoyles auf die Gruppe zieht. Sie heult wegen eines Piekses am Finger über Seiten hinweg herum und befürchtet eine Blutvergiftung, beschwert sich dann aber, dass Pheme ihr mit ihrer Art so auf die Nerven geht.
Dieser ach-so-erwachsene Kollege Thomas ist allerdings auch nicht wesentlich besser, neben heldenhaftem Eifer, seine Aileen zu beschützen, zeigt er zuweilen vollkommen unbegründet kindliche Eifersuchtsanfälle, sobald Aileen mit ihrem Mentor Macius übt. Die Hauptfiguren konnten nicht direkt mit Sympathie bei mir punkten, ich erwischte mich sogar dabei, wie ich mir deren baldigen Tod herbeisehnte, um endlich meine Ruhe vor dem ständigen Hin und Her zu haben. Es gibt kaum ein Kapitel, in dem nicht mindestens zweimal erwähnt wird, wie toll Aileen doch Thomas findet, aber dass sie natürlich NUR Freunde und Kollegen sind, und überhaupt nie nicht irgendwas laufen könnte.
Die Nebencharaktere sind zwar sympathischer, allerdings vollkommen überzeichnet. Sie wirken wie aus einem Manga entsprungen. Aiko, die Japanerin, die ständig in ihrer Schuluniform rumläuft, und Pheme, die belesene Automechanikerin (HÄ???), die man stets in Latzhose und mit Schraubenschlüssel antrifft. Ihre Skizzierung bleibt ansonsten bis auf Äußerlichkeiten sehr flach, sodass man keine wirkliche Beziehung zu ihnen aufbauen kann, obwohl sie zweifellos angenehmer sind als Aileen und Thomas.
Die Geschichte ist simpel aus einem einzigen Handlungsstrang konstruiert und leider extrem vorhersehbar, der Schreibstil ist einfach und erinnert zuweilen an durchschnittliche Fanfiction. Es passieren keine groben Schnitzer, doch man spürt deutlich die Unerfahrenheit der Autorin. Es gibt einige Merkwürdigkeiten in der Logik, z.B. dass Thomas zwar am anderen Ende von Berlin lebt, aber innerhalb von „ein paar Minuten“ bei Aileen sein kann. Auch wundert es Thomas kein Stück, als Aileen das Chaos in ihrem Zimmer damit erklärt, dass ein Geier zum Fenster herein geflogen sei. Den Wächter Polyphemos fürchteten angeblich schon die alten Griechen, und das, obwohl jeder Wächter elftausend Jahre schläft und Polyphemos demnach das letzte Mal im Jahr 9000 v.Chr. auf der Welt gewandelt sein muss.
Die Mitbewohnerin Bettina heißt vor ihrem Tod kurz Beate, und die Sirene Pheme verwandelt sich über ein paar Seiten auf mysteriöse Weise in eine Nymphe, sodass ich begann mich zu fragen, ob die Autorin nicht mal selbst durch ihre eigenen Fabelwesen durchsteigt.
Stilistisch ist aufgefallen, dass penetrant oft Punkte statt Fragezeichen am Ende von rhetorischen Fragen gesetzt wurden („Was würde aus Thomas werden.“). Außerdem bemühte sich Nowak zuweilen um einen unnatürlich gehobenen Sprachstil, insbesondere bei Aileen, der weder zu ihrem Charakter passt, noch konsequent durchgezogen wird, so fällt sie allzu oft in eine moderne Jugendsprache zurück, die den vorher benutzten Fremdwörtern kaum angepasst erscheint. Generell hatte ich teilweise den Eindruck, sie hätte gerade ein beeindruckendes neues Wort gelernt und wollte es nun überall benutzen.
Positiv zu bemerken sind die sehr liebevoll und schön gezeichneten Illustrationen, die neben ihrer Ästhetik auch die praktische Auswirkung haben, dass weniger Text auf die Seiten passt. Generell ist „Das Lied der Banshee“ kurzweilig und zum Glück nicht noch länger ausgewalzt, sodass man es zügig durchlesen kann, falls man nicht zu lange Pausen macht, um sich an den Kopf zu fassen. Die Idee ist neu und interessant, und immerhin hat die Autorin gute Recherche betrieben und ein Talent für fantasievolle Verknüpfungen. Die mythologischen Hintergründe sind gut zusammengefügt und ergeben durchaus Sinn, was man von Handlung und Spannungsbögen leider nicht behaupten kann.
Für mich bleibt der Eindruck einer nur bedingt literarisch begabten Schülerin, die die Fantasien aus langweiligen Mathestunden zusammengefasst und niedergeschrieben hat.

:lesen: :buch2: :buch2: :buch2: :buch2:

Janika Nowak – Das Lied der Banshee
Pan-Verlag, Hardcover, 2011
479 Seiten
14,99€
Ebook: 12,99€

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