Wir begegnen uns, endlich!

felice_sblack_jesus_117843_300dpi_kleiner

Der junge Soldat Lionel White kommt blind aus dem Irak-Krieg zurück und zieht wieder bei seiner Mutter Debbie ein, die mittlerweile in der aufgegebenen Eisdiele des kleinen Kaffs Gay Paris im Bundesstaat New York lebt. Lionel – den seine Army-Kumpel „Black Jesus“ getauft haben, weil er so hellhäutig ist und an Weihnachten geboren wurde – verbringt seine Tage depressiv, verbittert und zugedröhnt mit Schmerzmitteln, während seine Mutter Debbie zusammen mit ihrem Freund, dem Hilfssheriff und Halb-Mohikaner Joe, ihren täglichen Trödelmarkt vor dem Haus betreibt. Tagein, tagaus der selbe Trott in einem kleinen amerikanischen Ort, in dem alle irgendwie ums Überleben kämpfen.
Bis eines Tages die bildhübsche Gloria auf der Bildfläche auftaucht, Gloria mit der tollen Figur, dem verrückten Wesen und dem gebrochenen Bein. Das hat die aufstrebende Ballerina (und Stripperin) ihrem Ex-Freund Ross zu verdanken, einem neurotisch-wahnsinnigen Musikkritiker der LA Times, der die Tanzerfolge seiner Freundin nicht verkraftete und ihr deshalb mit einem Baseballschläger das Bein brach. Die Flucht vor ihm hat sie auf ihrem Moped von Kalifornien quer durch die USA bis in die Catskill Mountains gebracht. Sie findet Zuflucht bei Lionel und seiner Mutter, und alles ändert sich …

Was wie eine nicht überraschende Liebesgeschichte zwischen zwei Außenseitern klingt, ist in diesem Buch jedoch viel mehr, aber auch viel weniger. Lionel und Gloria sind zwar die zentralen Persönlichkeiten der Handlung, doch wird Debbie und ihrem Freund Joe sowie dessen Mutter Bea, die im Altersheim unglücklich ist und bald an Krebs sterben wird, genauso viel Platz eingeräumt wie auch Glorias verrücktem Ex-Freund Ross. Die Liebesgeschichte findet fast nebenbei und kaum erwähnt statt, und doch erlebt man sie als Leser – das ist dem Autor Simone Felice wirklich gut gelungen, ebenso wie einige zarte, melancholische und sehr berührende Momente im Leben dieser ganzen Underdogs. Lionel und Gloria finden sich, doch noch vor den romantischen Gefühlen kommt die Gewissheit, nicht länger allein zu sein in dieser hoffnungslosen Welt und sich einen eigenen Kokon zu schaffen.

Simone Felice hat ein wirklich gutes Auge für Atmosphäre, für skurril-liebenswerte Gestalten, für das „andere“ Amerika. Doch gerade das Einfangen des Momentes hat mich beim Lesen auch ein klein wenig enttäuscht, da die Geschichte eben auch in Momenten erzählt ist, oft zwischen den Hauptcharakteren hin und her springt, immer nur kurze Szenen beleuchtet, viele lyrisch-nachdenkliche Passagen einschiebt, die sich schön lesen, aber nicht handlungsorientiert sind. Das Personal bleibt bei aller Sympathie etwas spröde und fern, ein wirkliches Bild der einzelnen Menschen wird nicht greifbar.
Bei einer Gesamtlänge von sehr großzügig gesetzten 200 Seiten kann man allerdings eine epische Aufbereitung der Handlung nicht erwarten, sondern muss sich einfach auf Simone Felices Stil einlassen. Das Buch ist auf jeden Fall lesenswert für alle, die Outsider-Geschichten aus Amerika, schräge Charaktere und ungewöhnliche Liebespaare mögen.

:buch: :buch: :buch: :buch: :buch2:

Simone Felice, 35, ist ein amerikanischer Folk/Country-Musiker, der zuerst mit der Gruppe The Felice Brothers, seiner eigenen Band The Duke & The King und zuletzt auch als Solo-Künstler große Erfolge feiern konnte. Er hat neben Black Jesus noch weitere Bücher, Novellen und andere Texte veröffentlicht. Black Jesus ist sein erstes Buch auf Deutsch.

Titel der amerikanischen Originalausgabe: Black Jesus
Übersetzer: Bernd Gockel
Verlag: Heyne Hardcore, 207 Seiten, Hardcover
Preis: 14,99€ (Kindle-Ausgabe: 11,99€)

Seite des Autors

amazon

Heyne

 

(1343)