Die Liebe einer Mutter ist unendlich

 

xinran

Chinesische Hebammen auf dem Land bekommen für die Geburt eines Jungen den dreifachen Lohn – weibliche Säuglinge müssen sie ertränken oder werfen sie in einen Abfalleimer. Oft muss die Mutter selbst diese Aufgabe übernehmen – ein Mädchen ist eine Schande, keine Hilfe für die Familie, kann kein Land erben, und die chinesische Ein-Kind-Politik ist strikt.
Junge Frauen geben ihre neugeborenen Kinder – fast immer Mädchen – weg, setzen sie vor Waisenhäusern und Krankenhäusern aus, weil sie sich nicht um die Kleinen kümmern können, weil sie Schande über die Familie bringen, weil sie ihre Arbeit verlieren würden.
Selbst Eltern geben gemeinsam ihre Kinder weg – setzen eine Tochter an einem Bahnhof aus, geben eine Tochter zur Adoption frei.

Sind diese Menschen, diese Einwohner eines modernen Chinas, alles herzlose Monster? Nein, im Gegenteil. Jede Mutter, die sich aus welchem Grund auch immer von ihrer Tochter trennen, sie im schlimmsten Fall auf Druck der Familie sogar töten muss, leidet ihr Leben lang Höllenqualen. Von diesen Frauen berichtet die bekannte chinesische Autorin und Journalistin Xinran, die im Laufe der Jahre auf ausgedehnten Recherchereisen durch ganz China die erschütternden Lebensgeschichten gesammelt hat.

Seit den Achtziger- und Neunzigerjahren werden immerhin vermehrt chinesische Mädchen ins Ausland adoptiert, doch aufgrund der katastrophalen Verhältnisse in den örtlichen Waisenhäusern und der nicht existenten Aktenführung wissen diese Mädchen nicht das Geringste über ihre Herkunft und wachsen in dem Glauben auf, ihre chinesischen Mütter hätten sie schlicht nicht gewollt.

Für diese Mädchen hat Xinran Wolkentöchter geschrieben und um den chinesischen Müttern die Chance zu geben, ihre Trauer und die Umstände der Trennung von ihrem Kind zu schildern. Das Buch ist ihr aber auch ein persönliches Anliegen, da sie von beiden Seiten betroffen ist. Zwar kennt Xinran ihre leiblichen Eltern, doch die gaben sie schon als Kleinkind zu Verwandten, um sich voll und ganz der Kulturrevolution und der Umgestaltung des Landes widmen zu können. Xinran weiß also sehr gut, wie es sich anfühlt, nicht gewollt zu sein. Und sie hat eine Tochter verloren – eine wenige Monate alte Waise, die sie einige Zeit als Pflegekind bei sich aufnahm. Adoptieren durfte sie Kleiner Schnee nicht, da sie bereits einen leiblichen Sohn hatte, selbst die Pflege hätte ernsthafte Konsequenzen nicht nur für sie, sondern auch für ihre Kollegen beim Rundfunk gehabt. Schweren Herzens musste Xinran die geliebte Tochter an ein Waisenhaus geben, das schon kurz darauf abgerissen wurde; die Kinder wurden auf andere Institutionen verteilt … die Spur von Kleiner Schnee verliert sich an diesem Punkt.

Wolkentöchter ist ein herzzerreißendes Buch, das stellvertretend am Beispiel einiger Frauen vom Leid ganzer Generationen von Müttern erzählt. Von einer teils immer noch archaischen Gesellschaft – vor allem auf dem Land –, die sich nur langsam wandelt und auch weiblichen Säuglingen Achtung entgegenbringt. Von zwar moderneren Städten und einer moderneren Lebensweise, doch auch sexueller Unaufgeklärtheit und unerwünschten Schwangerschaften. Und von der Möglichkeit der Ultraschalluntersuchung, von den staatlichen Repressionen, wenn die Ein-Kind-Politik nicht eingehalten wird.
Gleichzeitig ist es auch ein wunderschönes Buch, weil darin so viel Liebe enthalten ist – die Liebe von Müttern zu ihren Töchtern. Unbedingt lesenswert!

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Xue Xinran, 1958 in Beijing geboren, war in China eine sehr bekannte Journalistin und Moderatorin einer einflussreichen Radiosendung namens „Verborgene Stimmen“. Seit 1997 lebt die Autorin mit Mann und Sohn in England.
Einen Namen hat sie sich vor allem mit einfühlsamen Interviews gemacht; sie besitzt das einzigartige Talent, dass Chinesen und vor allem chinesische Frauen sich ihr öffnen und ihr ihre Lebensgeschichten erzählen. In ihren Büchern verarbeitet Xinran seit Jahren ihre Erfahrungen, mal in dokumentarischer, mal in romanhafter Form. Alle ihre Werke geben hervorragende Einblicke in eine für uns Westler immer noch sehr fremde Gesellschaft, in ein Land, das wie kaum ein anderes dieser Welt während der Kulturrevolution von Grund auf umprogrammiert wurde und dessen Einwohner sich erst seit einigen Jahren davon emanzipieren.

2004 hat Xinran eine Organisation namens Mother’s Bridge of Love gegründet, die adoptierten chinesischen Mädchen helfen soll, ihre leiblichen Mütter zu finden bzw. ihnen die Gründe zu vermitteln, warum sie in ein Waisenhaus gegeben wurden. Mehr Infos dazu unter: http://www.mothersbridge.org/

Wer mehr von dieser großartigen Autorin lesen möchte: Verborgene Stimmen, Die namenlosen Töchter, Chinesen spielen kein Mao Mao, Gerettete Worte sowie Himmelsbegräbnis (mein persönliches Lieblingsbuch von ihr und auch sonst), sind auf Deutsch erschienen, alle bei Droemer bzw. im Taschenbuch bei Knaur.

http://www.xinranbooks.co.uk/

Titel der englischen Originalausgabe: Message from an unknown chinese mother. Stories of love and loss
Übersetzer: Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
Verlag: Droemer
Preis: 18,99 € (HC-Ausgabe) bzw. 16,99 € (Kindle-Ausgabe)

 

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