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Sendling Walks – Juni 2014

Von Echsen und Pinguinen

Sendling an einem Sonntagnachmittag im Juni 2014.
Ein kleine Gruppe von Hobbyfotografen und München-Liebhaber hat sich getroffen, um gemeinsam unentdeckte und witzige Ecken Münchens zu erkunden.
Treffpunkt ist die U-Bahn-Haltestelle Brudermühlstraße, Ausgang Thalkirchner Straße, ein kleiner Platz, der seit ca. einem Jahr auf den Namen Resi-Huber-Platz getauft ist.
Die Ortsunkundigen sind betreten ob des vor ihnen liegenden hässlichen, auf Abriss und Neubau wartenden Gebäudekomplexes. Aber nein! Das gehört doch noch gar nicht zur Route!

Wir starten mit der Tour in Richtung Würzstraße. Die Türme des Kraftwerks München Süd, von denen ich mich nie entscheiden kann, ob ich sie hässlich oder schön finden soll, sind zum Greifen nah. Zu gewissen Zeiten wirken sie schön und imposant, so wie jetzt.
Am Zaun in der Arzbacherstraße, der uns vom Gelände des Großmarkts trennt, werden Mauereidechsen gesichtet. Die Vogel-, Eulen- und Eidechsen-Liebhaber unter uns sind entzückt!

echse_ramoneEtwa einen Monat später steht in der Presse, dass hier ganz in der Nähe ein Echsenhaus gebaut wird: tz: neues Zuhause für Eidechsen.
Echsen, die aus einem Haus ganz in der Nähe umgesiedelt werden müssen, finden dort ihr neues Zuhause. Wahrscheinlich wollten sie sich einfach schon mal die Gegend anschauen!

Unser Weg führt weiter am Zaun entlang parallel an dem unter Denkmalschutz stehenden Wohnblock der sogenannten Bediensteten-Wohnungen des Großmarkts München. Danach gehen wir wieder die Thalkirchner Straße entlang. Kurz bevor wir zur Schule am Gotzinger Platz kommen, wo übrigens Siggi Sommer, der bekannte München-Kolumnist, zur Schule ging, hat man einen freien Blick bis zu den Türmen zur Frauenkirche. Am Gotzinger Platz wird die Kirche St. Korbinian bewundert – zumindest von außen – sowie das pittoreske Brunthaler Eis-Kontorhaus mit seinen riesigen gemalten Pinguinen an der Fassade. Dies ist ein wirklich witziges Bild und bekannt in der ganzen Gegend.
Es gab den Plan, auf diesem Platz eine Moschee zu errichten, er wurde aber verworfen. Allein wegen der Pinguine hättes es mir sehr leid getan um den freien Platz.

pinguine2_prager

Wir schlendern Richtung Großmarkthalle, mit einem kleinen Abstecher in einen liebevoll gestalteten Hinterhof in der Kochelseestraße, am Eingang des Brunthaler Kontorhauses. Nur ein paar Schritte weiter liegt die Gaststätte Großmarkthalle. Diese und der nebenan liegende Kiosk waren Nebenschauplätze der großartigen Serie aus den 80er Jahren „Zur Freiheit“ von Franz Xaver Bogner mit Ruth Drexel und Ottfried Fischer. Wir gehen die paar Meter Kochelseestraße wieder zurück, biegen an der Thalkirchner Straße rechts ab und haben zur linken Seite das ehemalige Fruchtkontorhaus vor Augen, in dessen Hinterhof wir uns umsehen.

gruppe_ramoneAuf dem Weg zu den berühmten Großmarkthallen, die vor einigen Jahren einen Dacheinsturz erleiden mussten und lange wegen Renovierung geschlossen waren, kommen wir rechter Hand am „Klohäuschen“ der ehemaligen Großmarktbediensteten vorbei, einem nun öffentlich geförderten Kleinod der Münchner Kunstszene.
Wir gehen in den „Bauch von München“ hinein, dessen Tor heute offen ist, und spazieren und fotografieren nach Herzenslust auf dem Gelände herum. Leider hätten wir danach fast einen Personenverlust erlitten. Wir sind wohl nur reingekommen, weil das Tor zufällig offen war. Sieben von uns acht kamen auch durch das Tor wieder hinaus. Einer – Gott sei Dank der eher sportlichen Art – musste über den Zaun klettern. Tja, er hat sich einfach zu lange mit Fotografieren aufgehalten und den Anschluss verloren.

Dann, in dem Dreieck zwischen Gotzinger-, Thalkirchner- und Oberländerstraße, der sogenannten Ladenzeile mit den urigen Lädchen, die Fisch, Obst, Gemüse anbieten, und dem in ganz München bekannten Italiener Il Bussone, gehen wir in die Oberländerstraße rein.
Typisch für Sendling ist der hohe Ausländeranteil, nirgendwo kann man gelungene Integration so gut beobachten wie hier. Ein nettes Beispiel dafür sind die Häuser in der Oberländerstraße, wo jetzt, zum Zeitpunkt der Fußball-WM, die Fahnen verschiedenster Nationen auf den Balkonen friedlich nebeneinander im Wind wehen.

Wir überqueren die Implerstraße, folgen der Oberländerstraße bis zur Aberlestraße, biegen rechts ab und gehen ein Stück die Straße entlang. Diese Straße ist zwar eine unspektakuläre aber doch typische Sendlinger Straße, die von außen betrachtet vielleicht nicht so aufregend ist, die Innenhöfe aber sind oft wirklich bezaubernd. In einem dieser Hinterhöfe sehen wir schön angelegte Blumenbeete und witzige Dachterrassen sowie riesige, stolze und stoische Katzen auf vernetzten Balkonen! Am Ende der Besichtigung führt uns ein Ausgang zur Daiserstraße, dort wenden wir uns nach rechts. Ein kleines Wegerl kurz nach dem Sendlinger Kirchplatz führt bergauf – wunderschöner Blumenschmuck hier im Garten – dann steht man plötzlich in der Lindwurmstraße vor der Bronzestatue des Schmieds von Kochel, dem Wahrzeichen Sendlings.

schmied_pragerAuszug aus Wikipedia zum Schmied von Kochel:
„Während der Besetzung Bayerns durch kaiserliche Truppen des Habsburgers Joseph I. im Spanischen Erbfolgekrieg soll er einer der Anführer des Bauernaufstandes gewesen sein, der in der Sendlinger Mordweihnacht (1705) gipfelte. Literarisch wird der Schmied von Kochel zu dieser Zeit als über 70-jähriger Mann von großer Statur und Kraft beschrieben. Für den Aufstand soll er sich eine über einen Zentner schwere, mit Nägeln gespickte Keule gefertigt haben. Am Abend des Massakers bei der alten Sendlinger Pfarrkirche kämpfte der Schmied in den Reihen der Aufständischen gegen die Besatzer und soll – heroisch – als letzter Mann gefallen sein.“

Von der Lindwurm- bewegt sich die Gruppe links in die Plinganserstraße zum Stemmerhof. Wir schlendern durch diesen ehemaligen Bauernhof, der jetzt ein Restaurant sowie verschiedene Geschäfte birgt, u.a. einen hervorragenden Bio-Lebensmittelmarkt. Ab und an gibt es auch kulturelle Veranstaltungen und Ausstellungen. Einige bekommen schon leicht Hunger und würden zu gern dort schon ins Lokal gehen. Es riecht lecker und die Leute, die draußen sitzen, sehen glücklich und entspannt aus.

Aber es geht erst mal noch nach rechts in die kleine Jägerwirtstraße, dann links, an der Stemmerwiese vorbei in Richtung Margaretenplatz und -kirche, und genauso wieder zurück. Wir überqueren die Lindwurmstraße, schauen uns an der Sendlinger Kirche das Wandfresko an (wieder mit dem Schmied von Kochel als Mittelpunkt) und gehen über ein Treppchen nach unten und ein Stück die Kidlerstraße entlang, bis wir in der Alramstraße auf die Gaststätte „Sendlinger Augustiner“ stoßen. Jetzt kann uns aber kein anderes Ziel, keine Straße, kein Denkmal, keine Katze oder Echse mehr locken. Wir sind reif für eine Kneipe!
Wir finden Platz an einem großen Tisch im Freien. Jeder bestellt sich, wonach es ihn gelüstet, und dann sitzen wir noch lange zufrieden zusammen, wir sinnieren und diskutieren und fassen den Beschluss, diese Art von Stadtteilspaziergängen nicht das letzte Mal gemacht zu haben.

„Prost! Schee war’s! Bis zum nächsten Mal!“

Bild 1 und 3: Ramone
Bild 2 und 4: prager.student

 

(1928)

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