Wenn was nur ein Mann kann

c) Armands Virbulis / WDR

Die Mozarts in Salzburg sind finanziell nicht gut aufgestellt. Wolfgang Amadeus, der junge talentierte Mann, macht was er will, und das ist oft und ausführlich seine Auftraggeber gegen sich aufzubringen. Da nützt es auch nichts, dass die etwas ältere, ebenso talentierte Maria Anna („Nannerl“) gut und gerne spielt: Man will eben Mozart sehen, und der ist männlich.

Der Mozart-Papa will Maria Anna verheiraten, Amadeus und sie hauen ab in Richtung Wien. Der kaiserliche Hof wird doch wohl Mozart brauchen! Sie nehmen Abschied von der Mutter am Grab auf dem Friedhof, wundervoll romantisch-morbide mit schwarzen, vom Regen glänzenden Schirmen. Anschließend laufen sie sorgenfrei und lachend noch einmal durch die Altstadtgässchen Salzburgs und kommen kurz danach in einer Kutsche in Wien angefahren. Man beachte die herrlichen Schuhe beim Aussteigen aus der Kutsche! Die beiden schönen Geschwister tauchen in Wien ein, mit dunkler Sonnenbrille wie das Vampirpärchen in Only Lovers left alive in Marokko! Parallel reist Marie Antoinette an (göttlich: Verena Altenberger, so frech und lasziv wie in ihrer Rolle als Buhlschaft in Salzburgs „Jedermann“!) und der Kaiser. Ihr Bruder hat bald Geburtstag. Dabei gibt es auch herrlich politisch und zeitlich unkorrekte Szenen: Es werden Fingernägel zur Schau gestellt, fast schwarz, metallic-glänzend, lang und in Mandelform, wie sie jetzt im Nagelstudio modern sind. Frankreichs Königin trinkt Ziegenmilch frisch aus dem Euter, die Hofdamen schlabbern Austern und probieren Petit Fours, fast wie Kirsten Dunst in Sofia Coppolas Film. Ja eben, wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen! Gut, dass diese Marie Antoinette auf der Suche nach ein bisschen Spaß in Wien ist, denn läge es am Kaiser allein, würde am Hof kein Mozart eine Chance haben, schließlich gibt es ja schon den Haus- und Hofkomponisten Salieri. Weil aber Marie Antoinette ein Auge auf den schmucken jungen Amadeus geworfen hat, darf er vorspielen. Dumm wiederum ist, dass dieser sich mit Laudanum zugedröhnt hat, und als Lösung aus dem Dilemma Maria Anna nun spielen muss. Praktisch hingegen ist, dass Constanze, die junge Frau, die die Geschwister gleich am ersten Tag kennengelernt haben, Näherin ist und ganz tolle eigene Kleider kreieren kann. Zur Unkenntlichkeit geschminkt und gekleidet kann das Nannerl also spielen und punkten.

Man sieht: Es passiert sehr viel in diesen sechs 45-minütigen Episoden. Amadeus lernt sofort die Liebe seines Lebens kennen, Maria Anna lernt kennen, was sie definitiv nicht will, Salieri lernt seine Grenzen kennen, die französische Kaiserin wird endlich schwanger, eine ehemalige Opernsängerin wird reaktiviert, und der karrieregeile Vater der jungen Mozarts hat ein Herz und hatte vor allem auch einmal ein Leben. Am Ende sind Mozart und Mozart vereint, denn sie dürfen in der Volksoper spielen. Der Kaiser lädt sein Volk hierzu ein, und es nimmt staunend Platz und erlebt das Theater als etwas Wunderbares. Man erkennt grob Szenen aus der „Zauberflöte“. So wie die musikalischen Szenen nicht korrekt dargestellt sind, man sieht, dass die Schauspielerin, die Anna Maria spielt, keineswegs dirigieren kann, ist es trotz aller Unperfektheit ein kleines, fantastisches Stück, das passt.

Die ganze Serie ist vielleicht insgesamt eine Hommage an die Stärke von Frauen. Hier waren zumindest immer die Frauen die Lösungsbringerinnen. Das war in der Realität der „echten Mozarts“ natürlich anders, hier waren Frauen noch nicht so viel wert, hier gab es nur Heirat und Familie für Frauen. Es sei denn, man war Kaiserin (doch auch die musste performen).
Die Kritiken fallen fast einstimmig schlecht aus. Ich weiß nicht, wieso. Im Vorspann steht doch schon, dass es eine Geschichte ist: „Nicht wie die historische Überlieferung sie schreibt, sondern die Vorstellungskraft“. Es ist eine kleine, gut gemachte, an die Historie angelehnte Serie, die von den beiden Mozart-Geschwistern handelt. Politisch nicht korrekt, modetechnisch nicht korrekt, ohne groß die Originalmusik in Szene zu setzen. Na und? Es ist fast sowas wie ein Märchen, wie es jedes Jahr mindestens ein neues zur Weihnachtszeit im TV gibt. Dieses Jahr gab es Der Schwanensee. Da habe ich auch nicht viel von Tschaikowski gehört, und ein Ballett war es auch nicht. Schön war’s trotzdem.

Mozart/Mozart
Regie: Clara Zoë My-Linh von Arnim
Cast: Havana Joy, Eren M. Güvercin, Peter Kurth, Sonja Weißer, Verena Altenberger, Philipp Hochmair u.v.m.
Die sechs Teile laufen seit dem 12. Dezember 2025 in der ARD Mediathek.

 

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