Ein postapokalyptisches Märchen

Vor ungefähr zehn Jahren in der nahen Zukunft trat ganz plötzlich ein Virus auf, das die Welt und die Menschheit verwüstete. Gleichzeitig gab es das Phänomen, dass überall Hybrid-Babys geboren wurden, Mischwesen zwischen Mensch und Tier. Nicht immer dasselbe, nein, Mischungen zwischen Mensch und allen Arten von Tieren. Weil sie zeitgleich mit der großen Katastrophe auftraten, die so viele Menschen tötete, wurde den Hybriden die Schuld gegeben. Es begann eine Jagd auf sie. Gus ist so eine arme Kreatur. Herzallerliebst sieht das Mensch-Hirsch-Hybrid-Baby aus, doch es muss versteckt werden. Sein Vater hat einen Unterschlupf im Wald gefunden und perfektioniert. Fast zehn Jahre lebt er hier zusammen mit Gus, sie sind völlig autark. Hart, aber auch liebevoll wird Gus erzogen, sein Vater spielt mit ihm, liest ihm vor, schreibt und malt ihm Kinderbücher. Doch es gibt ganz klare Regeln: Geh nicht aus dem Zaun heraus.

Doch das Leben außerhalb des abgesteckten Reviers ist so verführerisch, dass Gus irgendwann nach draußen geht, was leider dazu führt, dass sie entdeckt werden. Die „Last Men“ sind ja immer noch unterwegs, sie spüren erbarmungslos Hybriden auf und fangen sie ein. Gus‘ Vater kann ihn retten, doch kurz darauf verstirbt er. Ein Jahr ist der kleine Hirsch-Mensch alleine und versucht, sich über Wasser zu halten, als er plötzlich auf einen umherziehenden Fremden trifft. Eigentlich will dieser rein gar nichts mit ihm zu tun haben, aber irgendwie kommt es, dass er sich des Jungen annimmt. Er nennt ihn „Sweet Tooth“, Naschkatze, weil Gus Süßigkeiten über alles liebt und nicht ohne seinen Ahornsirup kann. Die Naschkatze will nach Colorado, weil er dort seine Mutter wähnt. Jepperd, von Gus „Großer Mann“ genannt, nimmt ihn mit, und da beginnt ein aufregendes Abenteuer quer durch ein postapokalyptisches, dystopisches Amerika. Gus in seiner infantilen Unschuld knüpft Freundschaften, die er sehr schnell wieder aufgeben muss, er stellt viele Fragen und klärt dabei am Ende seine Herkunft auf. Gus scheint für die Welt sehr viel wichtiger zu sein, als es ursprünglich erscheint.

Zwischendrin gibt es immer wieder Rückblenden zum Zeitpunkt, als das Virus ausbrach und die Zeit danach. Wie war das damals mit dem Arzt und seiner Frau? In der Jetztzeit forscht er verzweifelt nach einem Vakzin. Eine Frau hat sich in einem entvölkerten Zoo als Selbstversorgerin eingerichtet, und nach und nach wurde es ein Refugium für Hybrid-Kinder.

Diese kleine Serie ist einerseits eine familienfreundliche Fantasysaga, hat dann aber gleichzeitig sehr reale Horrormomente. Und dann mutet sie wieder an wie eine Coming-of-Age-Saga, hat dabei Motive aus Mark Twains Geschichten über Tom Sawyer und Huckleberry Finn, um dann im nächsten Moment wie Mad Max oder I am Legend daherzukommen. Lieblich und mystisch wird es aber auch, wenn ganze Felder von schönen blauen Blumen übersät sind, die leider aber nur dort wachsen, wo die Seuche wütete. Oder als Gus im Wald einer Hirschkuh begegnet und sie für seine Mutter hält. Allerliebst. Dennoch handelt die Serie vorrangig von einer Pandemie, und hier ist beklemmend, dass die Produzenten damals noch nichts von der realen Corona-Pandemie wussten. So sitzt man manchmal fassungslos da und sieht sich an, was seit langem für uns Realität ist: Hysterie und Angst vor der Krankheit, Maskentragen, Abstand halten und das verzweifelte Forschen nach Impfstoff.

Sweet Tooth ist die märchenhafte Verfilmung eines Comics von Jeff Lemire, von niemand anderem produziert als von einem der derzeit bekanntesten Comic-Helden, nämlich Robert Downey Jr. mit seinem Team.

Wunderschön gemacht und mal ganz was anderes!

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Sweet Tooth
Produktionsland: USA
Drama, Action & Adventure, Sci-Fi & Fantasy
Produktion: Team Downey
Mit: Nonso Anozie, Will Forte, Christian Convery, Adeel Akhtar, Stefania LaVie Owen, Dania Ramirez, Aliza Vellani u.v.a.
8 Episoden seit 4.6.2021 auf Netflix

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