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Münchner Kirchen mit dem gewissen Etwas

Take me to Church

asam6Eine Kirche kann ein Ort des Glaubens sein, zum Beten, sie ist möglicherweise aber auch eine Belastung für manche, eine Verpflichtung, ein Zwang, dem man sich vielleicht an Allerheiligen oder Weihnachten der lieben Familie wegen aussetzen muss. Ganz für sich betrachtet kann eine Kirche aber ein wundervoller Ort des Friedens sein, des Rastens mitten in einer hektischen Stadt, oder auch ein Ort, an dem es Kunst zu entdecken gibt.

Ich möchte euch ein paar Kirchen in München vorstellen, jenseits der Frauenkirche mit ihren zwei prägnanten Türmen oder des Alten Peter mit seiner Möglichkeit, mitten in der Innenstadt einen Turmaufstieg zu machen. Kirchen, die vielleicht nicht ganz so bekannt sind, es aber auch in sich haben – oder vielmehr etwas in sich haben.

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Ein kleines Kunstwerk an sich ist von außen schon die Neuapostolische Kirche Laim. Es ist ein Kirchenneuplatz mit Platzanlage. Der monolithische Kirchenbau ist vom Platz abgesetzt durch ein Wasserbecken, in dem ein großes Kreuz steht. Die helle Kirchenfassade ist im oberen Drittel mit Lichtöffnungen durchbrochen, durch die Licht ins Innere kommt. So lautet auch das bauliche Leitthema: „Der Weg ins Licht“. Architekten waren Haack + Höpfner. In diesem Jahr war die Kirche in der Langen Nacht der Bauwerke mit im Programm.

In der Schwabinger Erlöserkirche gab es im Frühjahr dieses Jahres das Kunstprojekt „Falling“ der Münchner Künstlerin Alix Stadtbäumer. Sie verarbeitete hier Motive der bemalten Kirchendecke. Josef Helich hat 1901 die hölzerne Kassettendecke der Kirche gestaltet. Florale Blütenmotive zieren den Mittelpunkt jedes einzelnen Rechtecks der Kirchendecke. Frau Stadtbäumer holte das Paradies mit ihrem Kunstprojekt vom Himmel auf die Erde. Sie hat die originalen Blumenmotive Helichs übernommen, sie vergrößert, auf Karton übertragen und mit einem Messer ausgeschnitten. Und dann einfach auf die Erde fallen lassen, daher der Name „Falling“ des Projekts. Auch wenn es aktuell nicht mehr zu sehen ist, bin ich mir sicher, dass es bald wieder etwas Interessantes in der Schwabinger Erlöserkirche zu sehen gibt. Eine Kirche, die solchen Projekten zugetan ist, nutzt immer wieder die Gelegenheit, wenn sich eine bietet.

Wie die Heilig-Geist-Kirche am Viktualienmarkt. Dort hat der Münchner Künstler Michael Pendry in diesem Jahr 2000 Papiertauben fliegen lassen. Die Installation „Les Colombes“ war beeindruckend. Wer dies versäumt hat, sollte eventuell auf der Homepage des Künstlers regelmäßig nachsehen, es hieß nämlich, die Tauben gingen auf Reisen und wären dann in anderen Kirchen zu sehen. Ich hingegen weiß zusätzlich aus eigener Erfahrung, dass in der Heilig-Geist-Kirche immer mal wieder Kunsthappenings stattfinden. „Les Colombes“ zum Beispiel gab es mindestens zweimal innerhalb eines Jahres.

 

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Die Pfarrkirche St. Benno in der Maxvorstadt steht auch in kaum einem Reiseführer. Tatsächlich aber sind Kirche und Vorplatz sehr schön, nicht überlaufen und ruhig. Innen hat der Künstler Andreas Horlitz eine Installation geschaffen, die der Verstorbenen gedenken und an unzählige funkelnde Sterne erinnern soll. Die Sterne schmiegen sich an eine schwarze Glasfläche, die vertikal an einer Wand befestigt ist. Wer ganz nah davor steht, sieht seine eigene Silhouette. Horwitz lebt seit mehr als 20 Jahren in München. Er hat sich mit seinem Muster wirklich etwas ausgedacht: Es ist eine künstlerische Darstellung des Genoms, eine fast komplette, genetische Darstellung eines Menschen. Er hat hier mit dem Molekulargenetiker Hans Georg Klein zusammengearbeitet. Die Installation ist dauerhaft, man kann sie täglich von 8 bis 17 Uhr sehen.

 

1simeonskirche-hadernIn Hadern gibt es die Simeonskirche. Sie wurde 1964 nach Plänen von Dirk Haubold gebaut. Da auf den 350 Plätzen der Kirche zuletzt nur noch ca. 80 Gläubige saßen und sie außerdem marode war, hat man sie abgerissen und neu aufgebaut. Die neue Simeonskirche entstand in einem alten Café, dem Café Nashorn. Der Architekt Robert Rechenauer hat es zur Kirche umgebaut. Es hat nun einen viel intimeren Charakter, die wenigen Leute verlieren sich nicht in der großen Kirche. Die Glasfenster des Künstlers Heiner Schuhmann, die vorher seitlich im Kirchenschiff angebracht waren, hängen nun dicht gedrängt auf zwei Seiten der neuen Kirche, jeweils zwei übereinander. Wenn es draußen dunkel ist, werden sie von hinten beleuchtet.

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Die Kirche Heilig Kreuz ist die wahrscheinlich älteste Kirche im Münchner Stadtgebiet. Dieses Jahr feierte sie ihr 1200-jähriges Jubiläum. Nicht nur die Kirche, auch die Geschichte drum herum ist erzählenswert. Es gab einmal ein Dorf namens Fröttmaning. Es wurde von der Landkarte getilgt, und stattdessen wurde ein Müllberg errichtet. Einzig und allein die Heilig Kreuz Kirche hat allen Widrigkeiten getrotzt, unterhalb des Windrads, das man von der A 9 aus sieht, gegenüber der Allianz-Arena. Sie ist mit ihren romanischen Fresken ein kunsthistorisches Kleinod, und sie ist ein kleines Wunder. Fröttmaning nämlich, die Münchner wissen es, ist verschwunden, es wurde dem Müllberg geopfert. Zuerst kamen die Autobahnen, die Fröttmaning vom Durchgangsverkehr abschnitten. Und dann kam der Münchner Abfall. Der Müllberg im Süden der Kirche wuchs an, und das Dorf musste weichen. Die Kirche aber blieb und war auch weiterhin in Betrieb – auch ohne Dorf. Es gibt dort Hochzeiten und Beerdigungen, auch wenn es, je nach Windrichtung, stinkt.

2006 hat der Künstler Uwe Timm das Kunstwerk „Versunkenes Dorf“ geschaffen. Es ist eine Replik der Kirche, die so wirkt, als wäre sie teilweise verschüttet. Sie ist nicht begehbar. Die richtige Heilig-Kreuz-Kirche mit Friedhof steht einige Meter davon entfernt.

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Und noch eine Heilig-Kreuz-Kirche gibt es: Die Kirche in Giesing, bei der Umwelteinflüsse eine umfassende Renovierung notwendig machten. Vier Jahre dauerte die Sanierung, und am 22. November 2015 war der Tag der Wiedereröffnung. Pfarrer Engelbert Dirnberger verfasste bis dahin jede Woche in der SZ am Wochenende einen kleinen Beitrag zu seiner Kirche, um die Vorfreude auf die Eröffnung noch zu steigern. Mit den von 1885 bis in die frühen Zwanzigerjahre entstandenen bunten Glasgemäldefenstern, sowie mit den von Wilhelm Geyer in den Sechzigerjahren geschaffenen drei Fenstern im Chor muss wohl etwas ziemlich Großartiges, Innovatives geschaffen worden sein, um all das wieder harmonisch zusammenzuführen, wenn die Kirche wieder eröffnet sein würde. Am Wochenende der Eröffnung war die Lichtinstallation des Weilheimer Künstlers  Philipp Geist zu bestaunen:

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Bildmaterial:
Neuapostolische Kirche Laim: http://www.muenchenarchitektur.com/events/22538-lange-nacht-der-architektur-2015
Simeonskirche in Hadern: http://www.sueddeutsche.de/muenchen/katholiken-und-protestanten-gesundgeschrumpft-1.2490974 (Foto: Lukas Barth)

Kirche Heilig Kreuz Fotos: Horusauge
Heilig-Kreuz-Kirche Giesing: Modermichl
Restl. Bilder: Phoebe

 

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