Unser WGT 2018: Sonntag, 20. Mai

Mrs.Hyde:

Suld_IMG_4542Der Tag beginnt für uns im Heidnischen Dorf. Die Einlassschlange reicht krasserweise vor bis zur Hauptstraße, doch mit Bändchen kann man diese auslassen und direkt vorgehen, was viele scheinbar nicht wissen. Leider haben Schandmaul wohl abgesagt, sodass der gesamte Tagesablauf eine Stunde nach hinten raus verschoben wird, was uns den weiteren geplanten Ablauf etwas zersägt. Nytt Land mit ihrem Schamanen-Ritual-Black-Metal sind uns zu anstrengend, aber man kann sich ja anderweitig vergnügen, solange man nichts trinken möchte, denn die Schlangen an den Getränkeständen sind wegen des heißen Wetters teilweise dreißig Meter lang. Endlich kommen mit siebzig Minuten Verspätung die Mongolen Suld auf die Bühne und heizen dem Publikum mit ihrer Version von Folk Metal ein, deren besonderes Merkmal die traditionelle zweisaitige mongolische Pferdekopfgeige ist. Haare fliegen und Leiber zucken, Band und Publikum haben mächtig Spaß, was die Mongolen mit einigen CDs honorieren, die in die Menge fliegen.

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Nun geht es ins Stadtbad, das heute zum Glück zwar voll, aber nicht überfüllt ist. Spark! liefern eine tolle und mitreißende Show, deren tanzbarer EBM-Electropop vor allem von jeder Menge angereister und reichlich betrunkener Schweden abgefeiert wird. In der Bandpause rücken wir nach vorne vor, denn als Kaffeejunkie brauche ich einen Sturm Café. Die hörbar von DAF beeinflussten Schweden legen gut vor, und dann kommt auch schon „Koka-Kola-Freiheit“, zu dem der Tanz in Pogo ausartet. Derart aufgeputscht rasten die Leute beim folgenden „Scheißnormal“ allesamt völlig aus – Circle Pit! – und brüllen den Refrain „Ich bin ein scheißnormaler Jugend!“ quer durch den Saal mit. Dabei sind wir alle eher „alter bekloppter Freaks“. Dass der E-Schlagwerker links scheinbar technische Probleme hat (er schraubt immer wieder an irgendwelchen Knöpfen und seine Schläge passen nicht zu den Beats) – geschenkt. Und von dem peinlichen Typ in weißem Deutschland-Trikot und Schiffchenmütze hoffe ich jetzt einfach mal, dass das ein Schwede war, der nicht wußte, dass so etwas nicht witzig ist.

©ThenComesSilence-HP

©ThenComesSilence-HP

Die nächsten Schwimmzüge machen wir in der neuen Location Westbad, wo mit Then Comes Silence die nächsten Schweden warten. Stimmungsmäßig ist die Gothic-Post-Punk-Kombination natürlich ein Kontrastprogramm, lässt dafür aber mein schwarzes Herz höher schlagen. Es folgen noch Zeraphine mit dem gewohnt sympathischen Sven Friedrich, nach fünf Songs reicht uns das aber heute. Stellungswechsel ins Werk2 zur Gothic Pogo Party, deren Konzerte ziemliche Verspätung haben, was sich dann auch auf die Shockwave-Party auswirkt. Es spielt erst noch Nina Belief, bevor die eigentliche Party richtig losgeht. Dafür ist das Publikum ein Augenschmaus. Die meisten tragen klassische Pikes wie früher und haben die Haare auftoupiert oder zum Iro gestylt. Sogar einige Tellerfrisuren sind dabei. Darüberhinaus tragen auffällig viele original-authentische Kleidung aus den 80er Jahren, Old School Wave Gotik Treffen statt Fasching. Die Party wird noch bis gegen Mittag laufen, doch gegen sechs in der Früh streichen wir die Segel.

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torshammare:

Der Sonntag beginnt mit einem Spaziergang in der Hitze durch Gohlis zum Gohliser Schlösschen, in der Annahme, dass ich dort das Victorian Village vorfinde. Tatsächlich treffe ich nur normal-buntes Publikum an und bin weit und breit die einzige Schwarze – was ist da los? Tja, wer sich rechtzeitig informiert, hat mehr vom WGT – das Victorian Village war nur am Samstag, aber so bin ich jetzt immerhin im wirklich wunderschönen Gohlis unterwegs und sehe was von der Stadt. Danach ist eigentlich nach einem Essenszwischenstopp der Hands-Wummertag im Täubchenthal geplant, aber nachdem das Essen unerwartet lange dauert und mir irgendwie nach Gesellschaft ist (zu Hands muss ich meistens allein), werfe ich spontan den Tagesplan um und spaziere ins Stadtbad, wo ich spätestens bei Spark! viele Freunde treffen werde. Zuerst gibt es aber noch das Projekt Akalotz, das eingängigen, klassischen EBM macht und laut der Facebook-Seite schon seit 2007 existiert. Mir sind Akalotz bisher kein Begriff, doch das ändert sich im Lauf des Auftritts, der mir immer besser gefällt. Vordergründig ist das zwar klassischer EBM mit typisch testosteronlastiger Bühnenshow, die Sounds und Rhythmen hinter dem Gesang sind jedoch um einiges avancierter als das übliche Gestampfe. 2014 hat die Band das Album Shift to evil herausgebracht, aus dem sich die Setlist sicher speist. Ein Highlight des Auftritts ist das Duett mit dem Ehrengast von à;GRUMH…, der legendären belgischen Elektroband, die im Publikum allerdings nicht mehr viele zu kennen scheinen. Die Stimmung bleibt trotzdem gut, und nach einer Stunde Spielzeit ist das mittlerweile ordentlich volle Stadtbad gut aufgewärmt.

20180520_182846In der Umbaupause treffe ich gefühlt halb München, alle sind gespannt auf Spark! aus Schweden, deren Songs ja auch in München schon seit einiger Zeit auf den einschlägigen Partys rauf und runter laufen. Einige hatten im Vorfeld befürchtet, nicht mehr ins Stadtbad zu kommen (nach diversen unerwarteten Schlangen und Einlasstopps in den letzten Tagen, u. a. bei Dive und [:SITD:] im Westbad), aber trotz Enge haben alle Platz. Christer Hermodsson und Mattias Ziessow haben ihre Show und ihr Bandkonzept mittlerweile perfektioniert und eröffnen den Auftritt mit einer Art Zirkusclown-Performance, die sich erfrischend vom üblichen ernsten EBM abhebt. Die Songs treiben die Temperatur aber natürlich trotzdem ordentlich in die Höhe, zumal mindestens die vordere Hälfte der Halle geschlossen ab dem ersten Ton tanzt – das habe ich auch noch selten erlebt. Bei Songs wie „Alla på en gång“, „Zombie“, „Genom stormen“ oder „Tankens mirakel“ kann man aber auch nicht stillstehen, und zumindest bei den Refrains erweist sich das Publikum als außerordentlich textsicher. Christer nutzt die große Bühne, über der eine kleine Leinwand mit schickem Spark!-Logo hängt, bis zum letzten Meter aus und springt wild hin und her und ab und zu auch zu seiner Synth-Station in der Ecke. Die stimmliche Leistung ist dabei sensationell gut! Nur „Ett lejon i dig“ wirkt ein wenig verhaspelt und hektisch, aber das tut der Dynamik des Liedes keinen Abbruch. Bei „Dysfunctional“ (Christers Beitrag zum Album Spektrum) passt wieder alles. Die aktuellen Hits „Maskiner“, „Stå emot“ und „Brinner som vackrast“ krönen den Auftritt, bei dem Christer immer wieder Textzeilen auf Deutsch singt, damit alle ein bisschen verstehen, wovon die Texte eigentlich handeln (von allen wichtigen Fragen des Lebens, wie er anfangs erklärte). Den Abschluss bildet eine sensationelle und emotionale Version von „Frihet“, bei der Christer mit seiner Stimme brilliert und sicher nicht nur mich sprachlos zurücklässt. Ich bin dann jedenfalls heiser, die Füße sind plattgetanzt, und das T-Shirt ist durchgeschwitzt. Sverige levererar!

20180520_200537Und weil es gerade so schön ist, schaue ich mir Sturm Café auch noch an, auch wenn das Stadtbad mittlerweile unangenehm voll ist. Die Schweden spielen ziemlich klassischen EBM mit deutlichen DAF-Einflüssen, allerdings mit (fast korrekten) deutschen Texten, die auch quasi akzentfrei vorgetragen werden. Auch hier tanzt das Stadtbad nahezu geschlossen bis in die hinteren Reihen und brüllt liebevoll Textzeilen aus Songs wie „Scheissnormal“, „Koka Kola Freiheit“ und der „Stiefelfabrik“ mit. Bei „Europa“ zeigt Sänger Jonatan Löfstedt, dass er tatsächlich richtig gut singen kann, und dieser Ohrwurm wird mich noch tagelang begleiten. Ich gestehe, bisher waren mir Sturm Café immer nur oberflächlich bekannt, aber dieser Auftritt macht richtig Laune – es ist heiß, voll, ich sehe nichts, meine Füße tun weh, aber ich tanze trotzdem, als wäre ich fluffige zwanzig Jahre alt! Das sieht der Rest des Stadtbads auch so, denn die vordere Hallenhälfte gibt wirklich alles. Ich seile mich dann allerdings trotzdem schon vor Ende des Konzerts ab, das Frischluftbedürfnis ist zu groß, und außerdem wollen Mitbewohnerin 2 und ich doch noch versuchen, beim absoluten Kontrastprogramm und Hightlight des WGT reinzukommen: Rosa Crvx aus Frankreich. Im Schauspielhaus. Wo vorher schon Qntal spielten und die Schlange zweimal ums Gebäude reichte. Aber auch wenn man keine Chance hat, sollte man sie nutzen. Auf zum Schauspielhaus!

20180520_212408Tatsächlich kommt es aber wie befürchtet, unsere platten Füße werden beim intensiven Stehen noch platter, wir sehen den wunderschönen Mond am klaren Himmel aufgehen und freuen uns, dass es immerhin nicht regnet und auch ein wenig kühler wird. Als die offizielle Ansage kommt, dass das Schauspielhaus wirklich wirklich wirklich voll ist und das Konzert auch schon beginnt, wollen wir weitergehen, doch dann kommt noch mal hektische (verzweifelte?) Bewegung in die Menge, alles drückt auf die Eingangstüren zu – wie jetzt? Doch falscher Alarm, wir werden nochmals freundlich und bedauernd weggeschickt. Das Café Luise freut sich, wir nehmen dort einen Absacker, und ich bin froh, dass ich Rosa Crvx wenigstens vor einigen Jahren schon auf dem Amphi gesehen habe. Irgendwann klappt es schon mal wieder.

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littlenightbird:

Der Sonntag verläuft so gar nicht, wie ich ihn bandtechnisch geplant habe, aber ich bin im Nachhinein sehr froh darüber. Da ich keine Lust auf Alleingang habe und in der Gesellschaft meiner Freunde sein will, folge ich diesen zur Kirchenruine Wachau, um die Heavenly-Voices-Gruppe Arcana zu sehen (mein Kommentar, als mein Freund sie mir kurz anspielte: „Ach, DIE sind das! Ja, die kenn‘ ich noch aus der Pulverturm-Zeit!“). Ein wunderschönes Ambiente erwartet uns, ein malerischer Friedhof mit einer Ruinenkirche, die mich an ähnliche Orte in England oder Schottland erinnert. Es ist perfekt und einladend, die Kamera wird benutzt, und dem Klischee vom „Grufti “ entsprechend entstehen Fotos mit Gräbern und Kirchengemäuer als Hintergrund.
Wir hätten weniger Fotos machen als uns eher anstellen sollen, als wir nämlich so weit sind, hat sich wieder mal eine lange Schlange gebildet (O-Ton von Freunden: „Wo immer wir hingehen, wir bringen eine Schlange mit!“, was sich auf diesem WGT noch mehrmals bewahrheiten soll). Die Band beginnt bereits mit ihrer Darbietung, da gibt es wieder einmal den berüchtigten Einlassstopp. Während mein Freund es sich gleich in der Wiese des Friedhofs gemütlich macht, um zuzuhören, lohnt sich für uns das Warten doch irgendwann und wir rücken bis ins wunderschön romantische Kirchenschiff vor. Man hat trotz der dichten Menge auch noch Platz zum Stehen, eine gute Akustik und eine schöne Kulisse. Ich genieße Arcana sehr, mit nostalgischen Gefühlen und Erinnerungen an meine Gothic-Anfangszeit vor über 20 Jahren.

© Arcana FB

© Arcana FB

Nachmittags folge ich weiter eher „klassischem“ Programm: Wir beschließen nach einem Snack in der Fußgängerzone (ich teste die Extra-WGT-Speisekarte eines Italieners und bestelle einen „Dark Burger“, der tatsächlich – vermutlich dank Aktivkohle – pechschwarz ist), zeitig das Schauspielhaus aufzusuchen. Auch hier bringen wir die Schlange mit, die sich prompt hinter uns formiert. Doch auch hier haben wir Glück, und unsere Taktik geht auf, vor Jo Quail reinzukommen und dann bis zum Headliner Rosa Crvx im Schauspielhaus zu bleiben, von dem alle schwärmten und sicherlich jeder hinwollte.
Die mir bis dahin unbekannte Solo-Cellistin Jo Quail beeindruckt mich sehr mit ihrer emotionalen und berührenden Musik, die zu einer optisch sehr ansprechenden Lichtshow vorgetragen wird, die die Künstlerin in ihrem Paillettenkleid glitzern lässt. Mir laufen die Tränen der Rührung nur so runter, wobei Jo auch noch eine aufgeschlossene und nette Person zu sein scheint, die recht menschliche Kommentare von sich gibt (z.B. dass nicht alle ihre Songs SO lang seien oder sie froh sei, bald aus dem engen Kleid herauszukommen).

© Jo Quail FB

© Jo Quail FB

Danach sind Qntal an der Reihe, die ich auch tatsächlich auf meinem Programm habe. Schon jetzt erreichen uns die ersten verzweifelten Nachrichten von draußen abgewiesenen oder gar nicht erst zum Schauspielhaus fahren wollenden Freunden, die sich keine Hoffnungen mehr auf Rosa Crvx machen. Wir sind froh, im Theater zu sein. Allerdings erfordert auch die Versorgung mit Getränken oder der Gang zu den sanitären Einrichtungen eine gewisse Logistik, da man wie im Theater oder der Oper nur Zeit für „entweder oder“ hat und keine Getränke in den Zuschauerraum mitnehmen darf. Und irgendeiner muss ja auch unsere Plätze frei halten. So wird also reihum in die Pause gegangen oder einer organisiert für den zweiten schon Getränke, während der zweite auf Toilette geht. (Es endet dann aber mitunter auch so, dass ich vom Klo komme, mir die Freundin, die gerade fertig getrunken hat, mein Getränk präsentiert und zum Platz zurückkehrt, ich gerade zum Trinken ansetze, als Freund Nummer drei sich dann dürstend auf mein Getränk stürzt, weil er weder Zeit für das eine noch das andere gehabt hat und bisher Plätze bewachen musste …).
Qntal haben anfangs mit kleineren technischen Problemen zu kämpfen, bis sie sich Gehör verschaffen können, und müssen auch immer mal wieder an der Tontechnik herumkritisieren, aber ich als Zuhörer finde das Konzert großartig. Einziges Manko: Als mitten im Saal Sitzender kann man nicht einfach aufstehen und mittanzen wie manche, die am Rande sitzen und das Konzert tanzend im Gang verbringen. Das schwören sich auch meine auf ihren Sitzen zappelnden Freunde: Nie wieder ein Qntal Konzert, wenn man nicht tanzen kann!

Und dann warten alle Augen und Ohren gebannt auf Rosa Crvx. Draußen warten viele, die es nicht rein geschafft haben, darunter mein Freund – aber ich bin drin. Ich schäme mich fast, aber nur fast. Das Konzert ist der Hammer. Die unheimlichen und rituellen, sakralen Klänge schlagen mich sofort in ihren Bann und lassen mich bis zum Ende trotz Müdigkeit und „Längen“ nicht mehr los. Schon alleine der Aufzug auf der Bühne ist sehenswert. Die Drums werden von automatisierten Skeletten geschlagen, der Glockenspieler hat ein ganzes Kirchengeläut aufgefahren, es kommen Dudelsäcke, Orgel/Klavier und Gitarre zum Einsatz und vermischen sich zu einem hypnotisierenden und zugleich beängstigenden Klanggewitter. Ich habe Gänsehaut. Die Band lebt auch von visuellen Darbietungen wie die riesige Fahnen schwingenden langhaarigen „Mönche“ oder die bizarren Büßer (wenn jemand die Bedeutung dieses Rituales kennt, bitte bei mir melden!), die sich live auf der Bühne nackt und kniend ekstatisch immer wieder verbeugen, sich mit Gips bewerfen und darin wälzen, bis das Schauspielhaus in einen Nebel getaucht ist. Auch Videosequenzen wie Kamerarundumfahrten, die immer wieder um eine im Laufrad strampelnde Ratte oder eine schwingende Glocke kreisen, bannen mich total. Die Musik ist so unheimlich, so unheimlich kraftvoll und tiefgehend. Ich, die sonst eher andere Klänge gewöhnt ist, bin erschüttert und tief beeindruckt, nach schätzungsweise 20 Songs entlässt uns das Schauspielhaus wie aus einer Trance geläutert auf die Straße. Aber ich sehe davon ab, mir am Merchandise-Stand noch eine Reliquien-Replik oder einen Abguss einer mumifizierten Ratte oder ähnlichen Nippes mitzunehmen …

© Rosa Crvx-FB

© Rosa Crvx-FB

Zum „Runterkommen“ finden wir uns noch im nicht weit entfernten Haus Leipzig ein, dessen Charme einem Pfarrjugendheim nicht in viel nachsteht (aber die Toilette! Zum ersten Mal irgendwo KEINE Schlange!!), aber für ein, zwei Schirmchendrinks tut es das auch, es ist leerer als in der Moritzbastei und der Weg nach Haus für uns alle nicht weit.

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Phoebe:

Ich habe mich von der Sonne verleiten lassen, es mir im Garten zu lange gemütlich zu machen. Leider sind wir abends nicht mehr zu Qntal und Rosa Crvx reingekommen, obwohl wir lange anstanden. Enttäuscht haben wir aufgegeben und im Cafè an der Ecke noch ein bisschen verweilt. Gibt eben auch solche Abende auf dem WGT.

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Ankalætha:

Es ist warm. Eigentlich mag man gar nicht mehr aus dem Haus gehen, bevor die Sonne untergeht, aber das ist definitiv keine Option, denn heute spielen alle Bands, die ich am dringendsten sehen wollte. Dass man sich an solchen Tagen entscheiden muss, ist klar – rein theoretisch könnte ich meine vier „Muss-Bands” zwar der Reihe nach anschauen, müsste dafür aber kreuz und quer durch die Stadt fahren, und das bei der diesjährigen Einlass-Situation … ich verschiebe die Entscheidungen auf später und mache mich nachmittags mit ausreichend Zeit erst mal auf die Suche nach dem Haus Leipzig, wo um 16.30 Stahlr auf dem Programm steht.
Als ich ankomme, ist noch zu, was aber den Vorteil hat, dass die 20 bis 30 Schwarzgekleideten vor der Tür es leichter machen, die Location mitten im Wohngebiet überhaupt zu finden, und dass man, gemeinsam im spärlichen Schatten sitzend, recht schnell ins Gespräch kommt. Offensichtlich bin ich nicht die Einzige, die die niederländische Künstlerin erst bei der Vorbereitung aufs WGT entdeckt und spontan beschlossen hat, dass man sich das mal anschauen muss. Keiner von uns weiß so wirklich, was uns jetzt erwartet. Entsprechend gemischt ist das Publikum auch stilmäßig, vom abgerissenen Punk bis zum Victorian Goth ist alles vertreten. Nur leider auch zu Konzertbeginn noch etwas zu wenig davon. Stahlr mit ihrer beeindruckenden Stimme, die, nur von eher minimalistischem Electro und einer sehr zurückhaltenden Lightshow untermalt, so richtig zur Geltung kommt, hätte definitiv mehr Aufmerksamkeit verdient gehabt. Gänsehaut bis in die Zehenspitzen, trotz der Hitze.
Westbad Crepe - 1Anschließend beschließe ich, eingedenk der Einlassstops der vergangenen Tage, schweren Herzens, nicht zu Spark! ins Stadtbad zu fahren, sondern lieber gleich weiter. Trotz Schienenersatzverkehr bin ich also relativ früh im Westbad, es ist noch nicht allzu viel los. Die ehemalige Badeanstalt ist dieses Jahr zum ersten Mal Teil des WGT, ich bin entsprechend gespannt. Während Felsenreich auf die Bühne kommen und ihr Set beginnen, schaue ich mich erst mal um – der Café-Bereich direkt neben der Halle im zweiten Stock bietet neben Kaffee und Crêpes auch veganes Curry, kalte Getränke und als besonderes Zuckerl Stehtische, von denen aus man sogar die Bühne sehen kann. Felsenreich waren mir bisher nicht mal vom Namen her bekannt, obwohl sie, wie vom Sänger eingangs erwähnt, gerade ihr 20-jähriges Bandjubiläum feiern. Ich erwarte mir also nichts, stelle aber fest, dass es sich bei der Musik um recht abwechslungsreichen Goth-Rock handelt. Trotz einer gewissen Theatralik, was mir auf meine alten Tage immer ein wenig albern vorkommt, durchaus ein netter Auftritt.
Dennoch beschließe ich gegen Ende, zunächst mal in den Keller zu gehen, und schaue auf dem Rückweg schnell im Erdgeschoss beim Merch vorbei. Hier wird noch aufgebaut, ich kucke mich trotzdem schon mal um, und stelle plötzlich fest, dass es sich bei dem leicht hektisch rumräumenden Herren neben mir um Alex Svenson von Then Comes Silence handelt! Nachdem ich eine Weile unschlüssig herumgestanden bin, kaufe ich aus lauter Verlegenheit erstmal eine CD. Und zwei Pins, weil noch kein Wechselgeld da war. Glücklicherweise fragt dann ein anderer Fan nach einem Autogramm, sodass ich mich auch endlich traue. Alex und der inzwischen dazugekommene Schlagzeuger Jonas sind total nett und finden im doch eher dunkel gehaltenen Booklet die eine Seite, auf der man mit schwarzem Stift unterschreiben und es hinterher auch lesen kann. Sogar die Gitarristen holen sie noch extra aus dem Backstagebereich, sodass ich dann alle vier Unterschriften habe – und für den Rest des Abends ein glückliches Lächeln im Gesicht.
The Arch - 1Als ich wieder im Saal bin, haben The Arch gerade angefangen. Ich hole mir noch schnell was zu trinken und finde, obwohl es sich inzwischen doch ganz gut gefüllt hat, noch einen Platz links außen in der ersten Reihe. Hier bleibe ich den Rest des Abends. The Arch erweisen sich als unterhaltsam und recht stimmungsvoll, was in erster Linie dem Sänger zu verdanken sein dürfte, der mit Loki-Grinsen über die Bühne schleicht und es trotz einer gewissen Attitüde schafft, mit dem Publikum zu interagieren, ohne dass es aufgesetzt wirkt. Sogar dass er beim letzten Song die Bühne verlässt, um vom Fotograben aus ein bisschen mit dem einen oder anderen Fan zu kuscheln, kommt recht natürlich rüber.

TCS 2 - 1Dann aber kommt mein Höhepunkt des Tages, wenn nicht gar des Festivals: Then Comes Silence. Die Schweden spielen sich größtenteils kreuz und quer durch die letzten beiden Alben, „Strange kicks”, „Warm like blood”, „Animals” heizen dem Publikum ordentlich ein. Hat man anfangs noch etwas das Gefühl, dass die meisten Zuschauer wohl doch schon für Zeraphine hier sind und TCS gar nicht kennen, spürt man das Energielevel im Saal förmlich exponentiell ansteigen. Jeder Song wird noch ein bisschen stärker bejubelt als der letzte, es wird getanzt. Auch auf der Bühne ist viel Bewegung, trotzdem ertappe ich mich immer wieder dabei, wie ich völlig fasziniert Jonas Fransson zusehe, der mit beeindruckender Präzision seinem – mir als Metalfan geradezu winzig erscheinenden – Schlagzeug ein wahres Gewitter nach dem anderen entlockt. Wie sehr dieser starke Drive die Musik der Band prägt und aus der Masse heraushebt, wird gerade live ganz besonders deutlich. Und so erscheint es schon fast logisch, dass „Can’t hide” vom zweiten Album als Ballade angekündigt wird, auch wenn die Ansage eigentlich viel besser zum das Set abschließenden „Mercury” gepasst hätte. Nach einer kurzen Pause kommen TCS dann noch für einen einzelnen Song zurück auf die Bühne – ob es sich hierbei vielleicht gar um eine echte, ungeplante Zugabe gehandelt haben könnte?
Zeraphine 3 - 1Danach hätte ich eigentlich Tiamat im Felsenkeller geplant gehabt, aber die Vorstellung, den bisher so perfekten Tag möglicherweise durch Schienenersatzverkehr, Überfüllung und schlechten Sound zu ruinieren, ist zu abschreckend, vor allem wenn die Alternative darin besteht, aus der ersten Reihe Sven Friedrich beim Singen zuzusehen. Zeraphine sind eigentlich keine meiner Lieblingsbands, aber wie so oft bei Musik, die mir auf Studioaufnahmen einfach zu ruhig ist, macht das Konzerterlebnis den entscheidenden Unterschied. Und live kann man wohl mit Sven Friedrich am Mikro nichts oder eben ruhig auch alles falsch machen, es würde sowieso niemanden stören. Eröffnet wird gleich mal mit dem Geständnis, dass man eigentlich ein viel kürzeres Set geplant hatte, aber ganz kurzfristig auf den Headliner-Slot verschoben wurde. Alle daraus resultierenden Unsicherheiten und andere Pannen werden aber so charmant überspielt, dass man sich zum Schluss fast wünscht, es würde nochmal eine Monitorbox abstürzen oder eine Saite reißen, damit Sven noch bisschen weiterreden muss. In Wahrheit gibt es jedoch auch musikalisch gar nicht viel auszusetzen, sogar das – mir auf Konserve viel zu zuckersüße – „Sterne sehen” erscheint durch den raueren Livesound eher episch als kitschig. Und als Sven dann in der Zugabe bei „Whiteout” seine Stimme nochmal voll ausfährt, beende ich den Tag genauso beeindruckt, wie ich ihn begonnen habe.

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