Unser WGT 2019: Montag, 10.06.2019

prager.student:

Der Montag beginnt mit einem Stadtspaziergang und einem Rundgang auf dem Moba-Mittelaltermarkt. An Konzertveranstaltungen ist zunächst das Schauspielhaus geplant: Hackedepicciotto sind Alexander Hacke von den Einstürzenden Neubauten und seine Frau Danielle de Picciotto, die Musik lässt sich am ehesten als schamanistische Liedermacher beschreiben. Drone mit Kehlkopfgesang wechselt mit melancholischen Balladen über Heimat und Unterwegssein. Ein tolles Konzert, das wir Donnerstag (13.06.) in München im Unterdeck in familiärer Atmosphäre gleich noch einmal erleben konnten.

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hackedepicciotto © prager.student

Ganz anders das nächste Konzert. Michael Cashmore ist eigentlich als Avantgarde-Neofolker von Nature and Organization und als Current93-Mitglied bekannt, aber was er hier abliefert, kann ich nur so beschreiben: Was für eine (Entschuldigung) Schei***e. Zu irgendwelchen schlechten elektronischen Klängen rezitiert eine Dame in schlechtem Englisch über ihre Unfähigkeit zur Liebe und ihren Aufstieg zur mächtigen Hexe. Zunächst in roter Kutte, dann in roten Lackhöschen und Bluse – dann bin ich gegangen. Der Vorteil: Ich erreiche die Kuppelhalle noch vor dem großen Gewitter, höre mit halbem Ohr noch bei Meta Meat zu (netter Tribal Industrial) und stelle mich in die Einlassschlange fürs TangerineDream-Konzert.
Tangerine Dream sind ein LSD-Trip ohne Drogen, das Konzert dauert fast drei Stunden und wechselt gekonnt zwischen ruhig-spacigen und bombastischen Phasen. Die ersten zwanzig Minuten denke ich noch, ist ja ganz nett, aber da kann ich mir auch zu Hause eine CD anhören und dazu die alten Winamp-Visual-Plugins laufen lassen, aber dann werde ich richtig geflasht. Neben New Model Army das beste Konzert dieses WGTs. Danach geht’s wiederum in die Moba zum WGT-Ausklang bis in den frühen Morgen.

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Tangerine Dream © prager.student

Dieses Jahr haben wir einen Tag länger gebucht, deswegen können wir dienstags ausschlafen, dann in der Stadt shoppen gehen und mit Freunden abendessen. Das aufziehende Gewitter vereitelt den Plan, auf den „Blaue Stunde“-Friedhofsspaziergang zu gehen, dafür entdecken wir eine Musikkneipe (Tonellis), in der ein ruhiges Folkkonzert (Cian from Kalpa) stattfindet. Wir dösen hinten in den Ledersesseln vor uns hin, um dann bald in die Unterkunft zurückzugehen und am nächsten Morgen wieder nach München zu fahren.

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Mrs.Hyde:

Ziemlich fertig von viel zu wenig Schlaf machen wir uns auf Richtung Täubchenthal, kehren aber noch für einen Zwischenstop bei einem neuen Vietnamesen in der Zschocherschen Straße gleich hinter dem Felsenkeller ein. Sehr lecker, authentisch wie in Vietnam und unglaublich günstig. Wir sind ab sofort Stammkunden, nur ist leider heute schon Montag, und wir müssen fahren, weil am Dienstag um neun die Arbeit beginnt, zum Glück nicht für mich. Eric Cohen spielen im Täubchenthal, können uns aber im Gegensatz zum YouTube-Check daheim nicht überzeugen, also entern wir die letzten zwei Schattenplätze im Hof, chillen einfach und lassen das bisherige Festival Revue passieren. Erst das Joachim Witt Cover „Der goldene Reiter“ lässt mich aufhorchen, weil das konsequent und im eigenen Gewand musikalisch umgesetzt wird.

©Banane Metalik FB

©Banane Metalik FB

Anschließend begeben wir uns aber doch vor die Bühne, denn die Shows von den verrückten Zombie-Franzosen Banane Metalik sind stets sehenswert. Allein die Bühne, die Verstärker sind in große Särge eingebaut, überall befinden sich Leichenteile, und sogar der Roadie sieht aus wie ein Zombie aus The Walking Dead. Auch die Band besteht aus übel verrottenden Zombies, am schlimmsten sieht Sänger Cédric Lava mit einem verwesenden Irokesenschädel aus. Dann startet die Gore’n’Roll Show, und Banane Metalik machen keine Gefangenen. Schon beim ersten Song steht Cédric Lava vorn am Pressezaun, die Band gibt Vollgas, im Publikum gibt es den ersten Pogo. Nach drei Songs gibt es kein Halten mehr, der Pogokessel ist auf ca. dreißig Leute angewachsen, und die Stimmung ist großartig. Zusätzlich heizt der Roadie die Menge an, er taucht immer wieder unerwartet auf der Bühne für spezielle Einlagen auf. Einmal tanzt er sogar mit einer rothaarigen Puppe einen schaurigen Walzer zwischen der Band hindurch. Irgendwann klettert er sogar auf den Bühnenzaun und springt von dort ins Publikum, das ihn bis zum Mischpult trägt. Aber auch Cédric ist stets in Bewegung und unternimmt wiederholt Ausflüge ins Publikum, soweit das Mikrokabel ausreicht. Was für ein Spaß, das ist die beste Show vom WGT.
Nun geht es als Kontrastprogramm zu Lene Lovich ins Westbad. Im Dunkel vor der Bühne treffen wir überraschend Scarlet Dream zusammen mit ihrer Mutter Eva O., die sich umdreht und uns sofort freudig begrüßt. Jetzt oder nie, ich nehme all meinen Gothic Spirit zusammen und frage, ob sie ein Foto mit mir machen würde. „Yes, absolutely no problem!“ I’m in Gothic heaven now! Aber zurück zur Band, Lene Lovich ist sich als Künstlerin stets treu geblieben, und so präsentiert sie sich auch heute als unheimlich sympathische, schrullige, ältere Dame mit eigensinnigem Kopfschmuck und den charakteristischen zwei langen Zöpfen. Ihre Auftritte haben stets auch Züge von schräger Performance-Kunst. Leider ist wieder mal ein unsmarter Smartie vor der Bühne zugange, doch irgendjemand wirft ihm von hinten mehrere Hustenbonbons an den Kopf und schreit ihn an: “Pack mal dein scheiß Handy weg, du Penner!“. Großartige Aktion, ich muss dringend Hustenbonbons kaufen. Trotz der einschlagenden Bonbons braucht der Typ einen Moment, bis er es checkt, dass er gemeint ist, und nimmt endlich den Arm runter. Überraschend früh wird schon der große Hit „Bird song“ präsentiert, denn dann erklärt Lene Lovich: „I’ve written my first album in 1978 and now we gonna play it. But for those who don’t know, we don’t play it in correct order because I don’t like that.” Ich kann mein Glück kaum fassen und lasse mich einfach von der Musik tragen und tanze dazu. Das Publikum reagiert insgesamt etwas merkwürdig, es lauscht still, steif und gebannt, als ob niemand die Musik kennt, doch nach jedem Song bricht enthusiastischer lauter Jubel und Applaus los. Vielleicht fehlen den meisten aber auch einfach nur die Kräfte, um nach vier oder fünf Tagen noch groß zu tanzen. Doch beim Intro zu „Lucky number“ ist jeder dabei, als Lene Lovich das Publikum animiert, ähnlich wie sie zu kieksen. Das ist wirklich witzig und insgesamt der beste Auftritt vom WGT.

©Lene Lovich FB

©Lene Lovich FB

Auch bei den folgenden Escape With Romeo wirkt das Publikum etwas statisch, damit reflektiert es aber auch ein wenig die Band, die ohne große Bewegungen agiert. Allerdings sitzt Bassist Ralf Weifenbach mit einem Beinbruch zwangsweise auf einem Beinhocker. Das muss unbequem sein, aber die Show absagen ist keine Option. Keyboarder Martin ‚Potti‘ Pott, Schlagzeuger Frenzy und Sänger Thomas Elbern passen sich energetisch also etwas an. Zum Ausgleich gibt es Videoeinspieler auf der großen Leinwand hinter der Bühne und teilweise sogar auf dem Vorhang, der hoch in der Saalmitte hängt. Viele Hits werden bejubelt, vor allem natürlich der ewige Szene-Hit „Somebody“. Schade, dass es wohl der vorletzte Auftritt gewesen ist, denn Escape With Romeo haben ihre Auflösung für Ende des Jahres angekündigt.
Wir sollen den Freunden nach noch für Janus bleiben, lassen das aber genauso sausen wie The Adicts, die ohnehin erst kürzlich mit ihrer wie immer fantastischen Show in München waren (Bericht im Webzine), und treten aus Vernunftgründen die Heimfahrt an. Zwei Club Mate helfen mir dabei wach zu bleiben, der Akkordeon-Kleinkunst-Punker Quetschenpaua liefert den unterhaltsamen Soundtrack der Fahrt. Bei Bayreuth überholt uns ein Polizeiauto, und dann blinkt es auf: Bitte folgen. Wir werden im Grenzgebiet für Drogenkuriere gehalten, doch stattdessen steige ich in voller WGT-Montur aus dem Auto. Der Blick des jungen Beamten ist ein Bild für Götter, denn er hat tatsächlich noch nie etwas vom WGT gehört und ist etwas überfordert. Nach erfolgter Aufklärung und einem kurzen Blick in den vollgepackten Kofferraum hat er keine Lust mehr, nach irgendwelchen Drogen zu suchen, und so können wir weiter. Nach nur 3,5 Stunden Fahrt sind wir daheim, aber „The war against sleep“ habe ich nun endgültig verloren.
Ach ja, wer hat denn nun den besten Auftritt beim WGT gehabt? Verzeiht mir meinen Running Gag, aber ich habe so viele unheimlich tolle Auftritte gesehen, die in ihrer Art und von der Musik her so unterschiedlich gewesen sind, dass man sie eigentlich nicht miteinander vergleichen kann. Aber mein wirkliches Highlight waren Shadow Project 1334. So düster und kraftvoll, soviel Ausdruck – Eva O. hat dem Nachwuchs eindrucksvoll gezeigt, was Gothic ist.

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Phoebe:

Der Schatz braucht wieder Eindrücke, ich brauche Kultur. Mittags fahre ich zum Grassimuseum. Ich schaue mir die wirklich sehr interessante Bauhaus-Ausstellung an. Sie zeigt Arbeiten der in Sachsen gebürtigen und tätigen Bauhäusler*innen. Verbindungen zu den anderen Ländern werden gezeigt, die verschiedenen Zweige, mit denen man sich beschäftigt hat, etwa die Textilindustrie, Fotografie, Theater- und der Leuchtenbau. Besonders für Leipzig waren Mustermessen, wo die Ideen der Künstler*innen vorgestellt wurden. Es werden Werke gezeigt von Wassily Kandinsky, László Moholy-Nagy, Paul Klee und Josef Albers. Bauhaus war damals bahnbrechend, und viele Dinge sind heutzutage noch ultracool und wunderschön. Sie schlagen eine Brücke in die Gegenwart. Ich sehe nun Dinge, die ich schon gesehen habe, wie zum Beispiel die meterhohen Fenster, mit ganz anderen Augen.

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Es ist eine Rekonstruktion der zerstörten Original-Werke des Bauhausmeisters Josef Albers, und ich bin beeindruckt. Danach gönne ich mir im wunderschönen Außenbereich des Cafés einen schönen Milchkaffee. Ich gehe noch ein wenig hinten im alten Johannis-Friedhof spazieren, verlasse dann das Grassimuseum, um mich wieder einmal – anzustellen! Heute wird in der Oper Der fliegende Holländer gespielt, diesmal schon etwas früher, um 18 Uhr. Deshalb muss man sich eigentlich auch schon um 15 Uhr anstellen. Doch es herrscht eine infernalische Hitze, ich kann es kaum ertragen. Ich gehe dann erstmal Riesenrad fahren!

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Hui, hoch hinaus, der Wind weht frisch, ist das ein Spaß! Rechtzeitig, bevor Helene Fischer vom Band so richtig loslegt, darf ich aussteigen. Leider werde ich für dieses freche Ausbrechen aus der Hitzehölle bestraft. Ich stehe zwar noch ca. 30 Minuten an, komme mit reizenden Leuten ins Gespräch, doch als die Karten verteilt werden, ist eine Handvoll Menschen vor mir Schluss mit der Ausgabe. Hurtig entschließe ich mich, mir eine Karte aus dem knappen Restkartenkontingent zu kaufen. Auch hier muss man schnell sein, es hat sich längst herumgesprochen, dass eine Karte für ausgewiesene WGTler – also Bändchen herzeigen – nur 18 Euro anstatt 73 kostet. Das kann man schon mal machen.

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Ich sitze wunderschön im Rang in der zweiten Reihe zwischen Herrschaften, die weitaus mehr bezahlt haben, und unterhalte mich nett. Der fliegende Holländer ist eine romantische Oper in drei Aufzügen von Richard Wagner von 1843. Es handelt von einem Kapitän, der wegen eines Fluches als Untoter so lange über die Meere segeln muss, bis eine liebende Frau seinetwegen in den Tod geht. Alle sieben Jahre hat er die Gelegenheit, an Land zu gehen und eine Frau zu finden. Die Geschichte zieht mich sofort in ihren Bann. Die Inszenierung ist fantastisch. Wie das rote Segelschiff des Untoten tatsächlich in den Zuschauerraum reindirigiert wird und hereinragt, das ist schon etwas ganz Besonderes. Am Ende opfert sich Senta, das dumme, schwärmerische Mädchen, für ihren Holländer und stürzt sich für ihn in den Tod. Der fliegende Holländer ist erlöst. Frenetischer Jubel! Auch ist es total schön und anrührend, dass man am Ende auf der Bühne einem unspektakulären Ensemble-Mitglied so viel Ehre erweist. Eine Frau aus der Menge hat wohl Geburtstag, und sie bekommt einen Blumenstrauß und ist so richtig die Hauptperson an diesem Abend, an dem die Zuschauer am Schluss die Schauspieler und Musiker feiern. Dass mich das Stück so fesselt, hätte ich nicht zu hoffen gewagt. Es packt mich, es rührt mich, ich muss nachher, als ich vom Schatz vor dem Opernhaus abgeholt werde, sofort erzählen und bewältigen. Nun haben wir Hunger! Nun nur schnell was essen, der Italiener an den Höfen am Brühl ist ideal, um danach ins Schauspielhaus weiterzuziehen. Leider kommt es nun zu einem Wahnsinnsgewitter, das wir im Restaurant mehr oder minder aussitzen müssen. Auch das hätte uns schlimmer treffen können, aber es ist leider zu spät fürs Schauspielhaus. Mein kleines Alu-Ansteh-Sitzkissen über dem Kopf schützt mich vor den letzten Regentropfen, die 7er-Tram bringt uns in die Wohnung. Wir machen es uns gemütlich, ratschen noch lang, zappen ein wenig herum und stoßen auf Kir Royal, diese alte Serie aus der Heimat. Wir haben noch gar keinen Bock drauf! Dennoch: Das diesjährige WGT ist zu Ende.

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Yggdrasil:

Schon am Sontagabend denke ich über den Montag nach. Einerseits war das WGT dieses Jahr bis zu diesem Zeitpunkt wirklich etwas Besonderes, andererseits schleicht sich bei mir ein wenig der verhasste Blues ein. Aber egal, den Tag nehmen wir noch voll mit! Um den besagten Blues zu bekämpfen und zu vernichten (Letzteres hat nicht ganz funktioniert) beschließe ich, mir meine Gehörgänge von Harsh Noise und Death Industrial mit Black Ambient durchspülen zu lassen. Genauso wie mein WGT am Freitag begonnen hat, nämlich bei Industrial und Martial im Volkspalast, so endet es auch mit selbiger Musik in eben dieser Location. Um 16 Uhr beginnt in der Kantine das Set der aus Frankreich stammenden Imperial Black Unit. Gut gefüllt wäre untertrieben, der Volkspalast war so voll, wie ich ihn selten zuvor erlebt habe. Die Musik der Franzosen ist anfangs noch etwas noisiger und gefällt mir richtig gut. Dann auf einmal ein Bruch! Einflüsse von Front 242 und Nitzer Ebb! Mein erster Gedanke ist „was zum Aasgeier soll das“? Beide genannten Formationen sind mir absolut ein Gräuel … ich beschließe, mir etwas zu trinken zu holen und die letzen 15 bis 20 Minuten von draußen mitzuverfolgen.

©Job Karma FB

©Job Karma FB

Meine italienischen Schatten, so möchte ich sie mal nennen, weil sie auf jeder Veranstaltung sind, auf der ich auch bin, sind natürlich allesamt in der ersten Reihe der Kuppelhalle, als der zweite und von mir heiß erwartete Act Job Karma aus Polen die Bühne betritt. Zuvor habe ich mir am Merchandise ihr zuletzt veröffentlichtes Album Society Suicide geholt, ein absolutes Meisterwerk. Auf der Bühne ein großer Synthesizer, mit allerlei Verzerrungen und Fiepen beginnt ein Sturm aus Dark Ambient mit leichten, beiläufigen, rhythmischen Industrial-Sprengseln. Vor der Bühne schauen alle auf die mehr als gelungene dystopische Projektion, die im Hintergrund läuft. Sichtlich von der Musik eingenommen tanzen alle im gleichen Rhythmus, was manchmal lustig aussieht. Sehr einnehmend und auch ein wenig luftabschnürend das Ganze.
Zwei Becks Lemon später hört man von draußen, wie sich in der Kantine die Maschinen breitmachen. Ein Gefiepe, Gezische, Screams, Noises, ein Rhythmus, der dem einer Fabrik gleicht. Das kann nur eines heißen, AM NOT bereitet sich für sein Set vor. Ein in London lebender japanischer Künstler mischt seit noch nicht allzu langer Zeit die Post Industrial Szene auf. Gleich die erste Noiseschleife fühlt sich an wie ein Fingernagel, der an einer Tafel entlangkratzt. Herrlicher Oldschool, Harsh Noise / Industrial der Marke SPK / Einleitungszeit und Genocide Organ. Gelegentlich kann man sogar einen leisen Ansatz von Rhythmus erkennen. Der Großmeister lässt eine Projektion laufen, während der alle Probleme und Konfliktherde auf der Welt gezeigt werden und einem die wirkliche Grausamkeit vor Augen führt. Völlig ekstatisch lasse ich mich zu einem Tänzchen hinreißen, und so tun es auch alle um mich herum. Eine surreale Angelegenheit ist dieses Konzert von AM NOT. Leider benutzt er nur ein Mikrophon für die Shouts und kein Megaphon.

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AM NOT © Yggdrasil

Platt und hungrig treffe ich mich mit Schatz am Gördelerring, und wir gehen zu „unserem“ Italiener zum letzen WGT-Schmaus, denn bei vollem Magen lässt es sich besser trauern. Leipzig, wir sehen uns wieder!

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Langsam beginnt der Montag, ein leichter Letzter-Tag-Blues macht sich schon breit, den ich mit energischem Shopping auf dem agra-Markt und einem ausgedehnten Ratsch am Hands-Stand bekämpfe (hier bekommt man neben exzellenter Musik und kultiger Kleidung auch die besten Überlebenstipps für wehe Festivalfüße. Danke, Nicola!). Danach lasse ich mich mit Freunden im Schatten bei einem kühlen Getränk nieder, irgendwann muss man ja auch mal ein bisschen Leute schauen. Bei zunehmender Schwüle – es ist ein schweres Gewitter für den Abend angekündigt – laufe ich irgendwann im Haus Leipzig ein (tolle Location übrigens), um mir die Russen Human Tetris anzuschauen, nachdem man mich am Vortag von Freundesseite dazu zwangsverpflichtet hat. Das Ganze ist dann auch sehr netter Post Punk mit charmant-nervöser Band, der gut in die Füße und ins Gehör geht. Ich mag vor allem die kleinen elektronischen Beiträge von Tonia Minaeva, die dem Sound etwas Besonderes verleihen. Gegen Ende des Gigs nimmt allerdings die Begeisterung im Publikum etwas ab.

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Human Tetris

Ganz anders dafür bei den Dänen von The Foreign Resort, die von der ersten bis zur letzten Minute Gas geben und diese Stimmung auch ins Publikum übertragen. Hier wird gerockt, mit niedlichem dänischem Akzent Ansagen auf Deutsch gemacht und sogar ein Lied zwei Anwesenden aus dem Publikum gewidmet. So lässt sich das mittlerweile über Leipzig hereinbrechende Gewitter hervorragend aushalten (HeiDo und der Markt auf der Moritzbastei wurden allerdings frühzeitig geschlossen, die Konzerte abgesagt, und das war auch gut so), The Foreign Resort haben mal wieder gezeigt, was für eine großartige Live-Band sie sind.

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The Foreign Resort

Danach werde ich luxuriös mit dem Auto ins Westbad mitgenommen, weil ich mir gern mal Janus ansehen möchte. Ich kenne nicht viel, es sind sehr getragene, „gothische“ und eher außergewöhnliche Sachen – und genau das wird mir ein bisschen zum Verhängnis. Ich habe nämlich nicht auf dem Schirm, dass Janus eher der härteren, metallo-gothischen Fraktion zugerechnet werden, und bin erst einmal sehr von den harten Gitarren und dem aggressiven Gesang überrascht. Auch das eigentlich sehr ungewöhnliche „Paulas Spiel“ wird mit Bratgitarre präsentiert, weshalb ich dann recht bald beschließe, doch nach Hause zu fahren (Luft gibt es auch keine im Westbad). Der Auftritt an sich ist völlig in Ordnung, ich hätte nur vorher besser recherchieren sollen. Aber alles hat ein Gutes, ich treffe nämlich auf dem Heimweg kurz vor der Ferienwohnung völlig unerwartet noch eine liebe Bekannte auf der Straße. Ein schönes Ende eines grandiosen WGTs. Bis zum nächsten Jahr!

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Ankalaetha:

Auch der letzte WGT-Tag beginnt für mich viel früher, als ich es von früheren Jahren gewohnt bin, denn ich muss schauen, dass ich um eins fertig bin, um am großen Trauermarsch für die aussterbenden Arten, zu dem der Entwickler der WGT-Guide-App aufgerufen hat, teilzunehmen. Mit Rede- und Gesangsbeiträgen von einigen Szenegrößen wie Oswald Henke, Mark Benecke und Mila Mar ist es vielleicht nicht allzu überraschend, dass etliche Leute der Sonne und den Nachwirkungen der letzten Nächte trotzen, dass es aber (laut MDR) um die 2000 Teilnehmer werden würden, damit hatten wohl auch die Veranstalter nicht gerechnet. Ein beeindruckender Zug, vor allem auf der ersten Hälfte des Marsches, vom Bayrischen Bahnhof bis zur Moritzbastei, wo die Menge von der Polizei flankiert wird und auf der Fahrbahn laufen darf. Schwieriger wird es hinterher, als es in Schnörkeln und Spiralen kreuz und quer durch die Innenstadt zum Bahnhof gehen soll. In den engen Gassen voller Touristen wird die hohe Teilnehmerzahl plötzlich fast zum Nachteil, die Geschlossenheit der Gruppe geht verloren, die Botschaft scheint bei den Schaulustigen, die in Scharen lachend und feixend das „Spektakel” filmen und knipsen, kein bisschen anzukommen. Als wir endlich, endlich am Zielpunkt angekommen sind, muss ich mich noch vor der Abschlusskundgebung aus dem Staub machen, weil ich die Menschenmasse einfach nicht mehr ertragen kann.

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Trauermarsch © Ankalætha

Ich fahre zurück in die Wohnung und kann da zumindest nochmal kurz „runterkommen”, bevor wir uns auf den Weg zum agra Gelände machen, um die Patenbrigade: Wolff zu sehen. Schon als wir aus der Tram aussteigen, sticht eine auffällig hohe Anzahl Warnwesten und Bauhelme deutlich aus der Menge der szenetypisch gekleideten Besucher heraus. Wir drehen erstmal eine kurze Runde durch die Markthalle, sind aber dann doch früh genug im Saal, um einen Platz recht nah am Geschehen zu erwischen.
Das ist natürlich von Vorteil, bei der Patenbrigade rumzustehen und nichts zu sehen, wäre ja fast schon sinnlos. Besonders schön fand ich die Teddybären-Hose (obwohl mir der arme Bär gegen Ende der Show doch langsam leid tat, so ein Geschleppe!), aber auch die Bier-Pipeline kam zum Einsatz. Am Ende wurde ein Keyboard zerstört und stattdessen auf einem Absperrbrett „weitergespielt”. Beim Blick ins Publikum wird aber auch klar, dass die Musik für die Fans keineswegs Nebensache ist, gerade bei den Jüngeren wird innbrünstig mitgesungen und ekstatisch getanzt. Dennoch muss man sagen, dass die Show bei dieser Truppe mindestens die halbe Miete ist. Ich finde die ganze Sache lustig, meine Begleitung dagegen ist genervt.

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Patenbrigade: Wolff © Ankalætha

Und wo wir anschließend hin wollen, wissen wir auch nicht so genau, also gehen wir erst nochmal in die Markthalle, besuchen unter anderem den Hands-Stand, kaufen sogar einiges, es wird später – und dann kommt das Unwetter. Jetzt noch zur Kuppelhalle zu fahren, um im losbrechenden Gewitter Schlange zu stehen und vermutlich sowieso nicht mehr reinzukommen, erscheint uns als ziemlicher Irrsinn, also beenden wir stattdessen „unser WGT” vorzeitig und fahren zurück zum Bahnhof. (Mit einer alten Rattertram durch Leipzig, während draußen die Welt untergeht. Hat auch was …). Hier ergattern wir kurz vor „alles macht zu” zumindest noch eine Pizza, und, tja, das war’s dann auch schon wieder. Bis zum nächsten Festival.

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littlenightbird:

Meine angeschlagene Stimme lässt hörbar nach, ich muss mich heute schon sehr anstrengen, um überhaupt verstanden zu werden. Shoppen gehen kann ich aber auch ohne Stimme, heute sind die Gothic-Shops in der Innenstadt dran. Aber ich finde nichts. Es folgt der Pflichtbesuch auf dem Mittelaltermarkt auf der Moritzbastei, wo ich zufällig auch einer Reihe von Münchner Bekannten über den Weg laufe. Das finde ich schön am WGT, früher oder später trifft man sich ohnehin.
Später zieht es mich wieder zum agra-Gelände, wo ich schon früh eine meiner absoluten Favoriten, Patenbrigade: Wolff, sehen will. Ich genieße es, dass bei der lustigen Berliner Bauarbeitertruppe die Halle quasi leer ist im Vergleich zum gewohnten Füllgrad. Ein guter Freund begleitet mich aus Höflichkeit und stellt dann hoch erfreut fest, dass der Elektrobeat, den die Gruppe macht, Goa und Trance ist, was auch mir einleuchtet, warum ich sie eigentlich die ganze Zeit schon so ansprechend finde. Das Konzert ist musikalisch große Klasse, ich habe viel Spaß an der sinnbefreiten Bühnenaktion der Jungs mit Requisiten wie Bauhütchen, Ghettoblaster, Absperrbalken und Bierkisten. Aber auch ein als Roboter verkleidetes Bandmitglied mit programmierten bewegten LED-Augen im Eimerkopf schlurft rhythmisch über die Bühne. Der Alkoholkonsum als Lebenszweck wird bei dieser Band zelebriert, als Höhepunkt der Show gibt es für das Publikum stets Bier aus einem Alu-Fass durch ein langes Plastikrohr, und jeder versucht, seinen Schluck zu ergattern. Heute reitet mich der Teufel, und ich, ansonsten kein Bier-Fan und Vermeiderin der prolligen Aktion, dränge mich auch mit meinem Plastikbecher unter die Quelle und zapfe mir triumphierend meinen Anteil vom „Brigadier-Bier“. Vielleicht hilft‘s ja gegen meine Heiserkeit.
Nach Patenbrigade: Wolff besuche ich mit dem Freund im Gegenzug das Konzert von Velvet Acid Christ, die er unbedingt sehen möchte und noch nicht live erlebt hat. Ich finde die Band zwar nicht überragend, aber ganz nett, sie erinnern mich aufgrund der musikalischen Härte an Funker Vogt und wegen der geschmacklosen Videountermalung an Suicide Commando. Selbstmord-, Verstümmelungs-und Horrorfilmszenen gehören einfach nicht zu den Dingen, die ich als angenehme Unterhaltung empfinde. Deswegen bin ich auch optisch eher mit meiner Handy-Kommunikation beschäftigt, bis das Video-Backdrop auf angenehme psychedelisch-organische Formen wechselt. Das einzige Lied, das ich erkenne, ist „Futile“, es erinnert mich an meine Zeit im legendären Münchner Pulverturm.

©Velvet Acid Christ HP

©Velvet Acid Christ HP

Offenbar haben wir in der Halle während des Konzerts den Weltuntergang verpasst. Zwar hatte ich vorher schon Regentropfen und Blitze am Himmel wahrgenommen, aber wir wurden dann informiert, dass Open-Air-Veranstaltungen wie die Konzerte im HeiDo gestrichen wurden, die Essensstände und Mittelaltermärkte geschlossen sind und die Leute aufgrund der Unwetterwarnung gebeten werden, Indoor-Veranstaltungen aufzusuchen. Nach dem Konzert schwimmt draußen alles, Pfützen sind knöcheltief, und es regnet noch zu gelegentlichem Wetterleuchten. Jetzt erst macht auch die SMS „Schwimm nicht zu weit raus!“, die ich zuvor von Freunden aus dem Innenhof der MoBa bekommen habe, für mich Sinn. Doch es macht wenig Unterschied, ob man schon nassgeschwitzt aus der Sauna-ähnlichen Halle taumelt oder draußen durchgeregnet wird. Der Freund sorgt sich zu recht, ob er zuvor das Dachfenster seines Wohnwagens geschlossen hatte (ja, hatte er). Ich nehme mir ein Taxi zur Moritzbastei, um mit meinen dort wartenden Freunden zusammen zu sein, wie es sich für den letzten WGT-Abend gehört. Für mich endet dieser dann relativ früh, aber auch passend mit dem Glockenschlag des Krochhochhauses um 0:00 Uhr.
Dieses Mal bleiben wir einen Tag länger in Leipzig und nutzen diesen für einen entspannten Stadtbummel in Zivil. Ich muss zugeben, es ist gut, nach vier Tagen wieder ohne Korsett, Haarteile, Plateaustiefel oder Make-up außer Haus gehen zu können. Diverse Körperteile danken es mir. Zu meiner Schande habe ich in den Höfen am Brühl und in der Fußgängerzone mehr Kleidung und Accessoires eingekauft als diesmal auf dem ganzen WGT. Lustig ist auch die Beobachtung, dass nach den vier Tagen WGT in den Geschäften jegliche „schwarze“ Schaufensterdeko und -puppen, Modekollektionen oder gotische Extras wieder verschwunden sind. Zusammen mit einem befreundeten Paar gehen wir abends in der Innenstadt essen, dann vertreibt uns das Wetter mit Regen, Gewitter und unheimlichem, aber harmlosem Hagel verglichen mit dem, was am Vortag offenbar in der Nähe von München herunterkam. Der geplante romantische Friedhofsspaziergang der „Blauen Stunde“–Macher wird trotz der vergeblichen Hoffnung meiner Freundin, es handle sich doch nur um kleine Schauer, mit Nachdruck von uns abgesagt. Stattdessen kehren wir in einer kleinen gemütlichen Musikkneipe ein, doch die Tatsache, dass dort geraucht wird, gibt mir und meiner an diesem Tag gar nicht mehr vorhandenen Stimme den Rest, und wir halten uns dort nicht allzu lange auf.
Fazit: Ein nettes, angenehmes WGT bis auf meinen beklagenswerten Gesundheitszustand, ich habe die gewünschten Bands gesehen und viel Zeit mit lieben Freunden verbracht. Leider ging sich trotz optimalen Wetters keine Cyber-Poolparty im NonTox aus, aber sonst hätte ich Bands versäumt. Aber wir wissen ja: Nach dem WGT ist vor dem WGT, und es bleibt uns die Vorfreude auf nächstes Jahr …

 

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