Ankalætha
Nachdem mir am Vorabend von den Stummfilmkonzerten im Grassi Museum vorgeschwärmt wurde, sind wir für unsere Verhältnisse ziemlich früh unterwegs und um viertel vor elf – eigentlich relativ pünktlich – im Museums-Foyer. Dort sitzt allerdings schon ein Bekannter mit betrübtem Gesichtsausdruck – die Karten sind alle schon weg. Nun ja, da kann man nix machen. Wir drehen erstmal, ganz wie so echte Goths, eine Runde über den Alten Johannisfriedhof.
Das Wetter ist eher nur so halbgut, was zwar dem Ambiente dienlich, ansonsten aber eher ungemütlich ist, und außerdem habe ich mein Handy in der Wohnung vergessen. Deshalb müssen wir danach nochmal zurück, anstatt gleich mit in die Absinthbar zu fahren – vermutlich besser so, sonst wären wir wohl diesmal nicht mehr zum Viktorianischen Picknick gekommen (und vielleicht auch sonst nirgendwohin …). So aber sind wir, erstaunlich trocken und fit, dieses Mal tatsächlich sogar noch vor den zu treffenden Freunden im Clara Zetkin Park. Dort herrscht natürlich schon wieder wildes Gewühle, wir sehen einer sehr barock gekleideten Band beim Aufbau zu, die dann lustigerweise amerikanischen Bluegrass zum Besten gibt, und treffen auf Vertreter einer Wildvogel-Auffangstation, die nicht nur eine Krähe und eine kleine Schleiereule, sondern sogar einen Uhu dabei haben (natürlich spenden wir auch was!). Dann kaufe ich mir erstmal einen Kirschmet, und wir lassen uns von unseren Freunden finden (das funktioniert irgendwie immer besser als andersrum).
Ein paar Runden Wiedersehensfreude, Getränke und Erinnerungsfotos später ist es dann aber auch schon wieder Zeit, sich um den Rest des Tagesprogramms Gedanken zu machen. In unserem Fall bedeutet das, die Tram zu finden und zur Agra runterzufahren, wo als erste Band des Abends Then Comes Silence aus Stockholm über die Bühne toben dürfen. Etwaige Bedenken, dass die Location eine Nummer zu groß für die Band sein würde, schaffen die seit einiger Zeit zum Trio geschrumpften Schweden recht überzeugend auszuräumen – auch wenn die Halle natürlich nicht gerade voll wird, verloren fühlt man sich im Publikum definitiv auch nicht, und die Stimmung ist gut. Über die Stimme von Sänger Alex an diesem Abend kann man geteilter Meinung sein, keine Zweifel gibt es dagegen daran, dass Schlagzeuger Jonas gerade auch live durch seine beeindruckende Schnelligkeit und Präzision der Musik eine eigene Qualität mitgibt. Nach dem Gig nutzen wir die Gelegenheit für ein veganes Curry, wenn man schon mal zeitlich passend zum Abendessen auf der Agra ist, fahren danach aber auch schon – entgegen dem Strom – zurück in die Innenstadt und dann in Richtung Felsenkeller. Bei “in die Richtung” bleibt es aber auch, denn als wir schon aus der Tram heraus die absolut endlose Schlange vor dem Einlass sehen, drehen wir gleich wieder um und fahren zurück zur Moritzbastei, wo nämlich als Letzte an diesem Abend die ganz großartige
Aux Animaux, ebenfalls aus Stockholm, in der Konzerttonne ihr Ritual zelebrieren darf. Und um in die Tonne zu kommen, und vielleicht sogar was zu sehen, muss man ja eh mindestens zur Band vorher schon da sein … Wir haben Glück, aus der circa vierten Reihe sieht man zwar nicht alles, aber doch genug, dass es sich lohnt. Aux Animaux, die hier nach eigener Aussage ihre Tournee abschließt, ist ausgesprochen gut drauf und genießt merkbar das auch wirklich perfekt passende Ambiente des alten Gewölbes. Das Publikum lässt sich gerne in den Bann ziehen, es gibt eine gute Mischung aus älteren und auch ziemlich neuen Songs und gegen Ende des Sets sogar ein Duett mit dem amerikanischen Dark Electro Artist Dancing Plague. Fazit: Wieder einmal absolut faszinierend und wirklich schade für alle, die nicht mehr reingekommen sind. Zurück in der Wohnung verquatschen wir uns noch ein bisschen über die diversen Bands und Erlebnisse des Tages, aber fallen dann doch relativ bald in die Betten.
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Phoebe
Dieses Jahr bin ich raffinierter, was die kleinen Locations anbelangt. Wenn etwas um 13.30 Uhr beginnt und es dazu um 13.00 Uhr einen Einlass gibt, dann heißt das noch lange nicht, dass es ausreicht, 13.00 Uhr dort zu sein, um einen schönen Platz zu bekommen. Ich suche das witzige, alte Theaterhaus Schille schon so gegen 12.30 Uhr auf und habe danach einen schönen Platz in der zweiten Reihe, neben einem Pärchen aus Hamburg, das auch etwas München-kundig ist. Netter Austausch.
Den Berliner A-capella-Chor Stimmgewalt habe ich vor ein paar Jahren zufällig kennen- und lieben gelernt. Letztes Jahr hatte ich den Eintritt verbockt und keinen schönen Platz mehr bekommen, aber heute! Sie performen etwas von Nightwish, eigene Sachen und auch wieder diese wunderschöne Version von „Paint it black“, Rolling Stones. Danach ist eine Viertelstunde Pause, die wir zum Luftschnappen, Merchandise kaufen, Toilette gehen und Getränke holen nutzen können (O-Ton des Veranstalters). Bisschen viel für 15 Minuten, es hat gerade so für die Toilette gereicht. Christian von Aster tritt auf. Ich habe ihn noch nie live gesehen und weiß eigentlich gar nicht, was mich erwartet: dieser einzelne Mann dort auf einem Sessel an einem Tischchen ganz nah an der ersten Reihe. Schnell wird klar: Es wird gleich sehr lustig, aber auf eine charmante und vor allem intellektuelle Art und Weise, nicht gewöhnlich, nicht derb und nicht auf Kosten anderer. Er sitzt inmitten von Van-Helsing-Energy-Drinks, hat auch noch ein paar Dosen Bloodweiser dabei und legt los mit seinen Geschichten, die im Gothic-Milieu spielen und alle persönlich sind (ganz sicher!). Urkomisch, sich diese bildlich vorzustellen: Er, der damals mit Oswald Henke und noch anderen Jungs als Stripper aufgetreten ist, fast wie die Chippendales, auf Junggesellinnenabenden, später dann in Altersheimen, weil da die Damen einfach großzügiger waren.
Er liest auch noch eine „bezaubernde“ kleine Weihnachtsgeschichte vor, in der ein Junge den Weihnachtsmann in den Wahnsinn und zur Kündigung getrieben hat und liest den Brief eines Vaters an den Kindergarten seines Sohnes vor. Er beschwert sich, dass das Kind im Keller schlafen muss, und dass die abgedunkelten Zimmer viel kleiner als die der anderen sind. Ebenso kann er die Beschwerde eines Vaters nicht gelten lassen. Dieser andere Junge WOLLTE doch gebissen werden! Unterzeichnet: Vlad. Wir müssen so lachen! Eigentlich will ich danach gleich ins Heidnische Dorf zu Mila Mar, aber was danach im Theaterhaus kommt, ist viel netter. Ich bin enttäuscht, dass es gar kein Merch von Stimmgewalt gibt. Auf meine Frage am Tresen hin wird mir erklärt, das hat alles in diesen besagten 15 Minuten stattgefunden. Also holt man mir nochmal den Koffer mit allen CDs, Sticker und Aufklebern. Ich suche mir eine CD aus und bekomme den Sticker geschenkt. „Danke, dass du Werbung für die Band machst!“ Aber gern! Christian von Aster ist auch noch in der Theaterkneipe und schabernackt herum, ist ja fast lustiger als auf der Bühne! Danach fahre ich zur Agra, gönne mir köstliche Udon Nudeln mit kross gebratenem Tofu. Dann gehe ich zu Nouvelle Vague in die Halle. Ich kenne diese Band schon ewig, habe sie aber noch nie live gesehen. Ich erwarte irgendwie zwei etwas distinguierte Damen, die lasziv Coverversionen von internationalen Hits zum Besten geben. Weiß nicht, warum ich das meine, vielleicht die CD-Covers, vielleicht die YouTube-Videos à la „Girls from Ipanema“.
Denn die Performance der Band ist überraschend anders! „Love will tear us apart“, „People are people“ wird rausgehauen, dann „Guten Abend, bon jour, bon soir, nous sommes Nouvelle Vague!“ Sympathisch, lässig und gleichzeitig professionell. Die beiden Sängerinnen sind top gestylt, im schwarzen Lack- und im schwarzen Fransenkleid. „Making plans for Nigel“, „This is not a love song“, sogar „Forest“ von The Cure, „Marian“ von den Sisters of Mercy, „Should I stay or should I go“, jeder Song ein Wahnsinnshit, toll performt. Die Damen sind alles andere als distinguiert, sie sind Rampensäue! Sie animieren uns bei „Eisbär“ mitzusingen, die Lacklady pfeift ins Mikro, und der Schluss ist „Shout“. Ein wunderschöner Abschluss, ganz toll, habe ich ewig danach noch im Kopf. Der Schatz holt mich ab, und wir holen uns noch was Schönes zu trinken. Ein perfekter erster Tag!
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Yggdrasil
Erwacht mit einem freudigen Lächeln auf den Lippen und gefühlt voller Energie wie schon lange nicht mehr, begann der Tag bei einem außerordentlich wohlschmeckenden Kaffee in der Küche, und wie sollte es auch anders sein, mit der WGT App immer parat in Griffweite. Während des Kaffees dachte ich daran, wie schnell ich vollkommen eingetaucht war in das freudige Treiben. Natürlich hatte ich wie mindestens 90 % der Festivalbesucher im Vorfeld meine Konzerte und Veranstaltungen abgesteckt, aber man schaut dann doch gern noch einmal nach. Fast schon zur Tradition geworden war mein Freitag dem Neofolk und damit dem Volkspalast vorbehalten. Fast schon familiär trifft man dort fast jedes Jahr nette Leute und vor allem Bekanntschaften. Das gebotene Line-up war leider ein wenig unspektakulärer als das letztjährige, an dem große Namen wie Ostara gespielt hatten. Dies tat meiner Freude jedoch keinen Abbruch. Da mein Tag aber erst um 18:00 Uhr so richtig begann, beschloss ich, ein wenig zur Moritzbastei zu fahren. Ich habe dieses Gewusel, das dort eigentlich zu jeder Tageszeit während des WGTs herrscht, so sehr genossen, dass ich vollkommen die Zeit vergessen hatte. Auf zum Dreh- und Angelpunkt Augustusplatz und in die Tram 16 Richtung Neofolk! Einige wenige hatten sich auch schon vor dem Volkspalast versammelt, suchten nach Schatten, da es fast pervers warm und schwül war in der prallen Sonne. Tatsächlich traf ich einige Bekannte (virtueller Art), und schnell stellte sich so ein freudiges Beisammensein ein. Es wurde gefachsimpelt, Unfug getrieben (ja, war recht lustig) und in Erwartung diskutiert, wie wohl die anstehenden Auftritte werden würden. Punkt 17.30 Uhr öffnete die Security die Türen, und alle eilten hinein in den immer wieder beeindruckenden Volkspalast. Mir persönlich imponiert das Gebäude alleine schon wegen dieser massiven Macht und Energie, die man förmlich in sich einsaugt während der Veranstaltungen. Pünktlicher als alle Schweizer betraten um 18.00 Uhr In Gowan Ring die Bühne der sich langsam füllenden Kuppelhalle.
Ehrlich gesagt war mir die Formation nur von einigen Sampler-Beiträgen bekannt, und das was ich gehört hatte, gefiel mir durchaus. Bereits seit 1990 ist die amerikanische Folk Band, gegründet von Bobin Eirth (kurz B’eirth) aktiv und kann bereits auf einige Veröffentlichungen zurückblicken. Sehr bedächtig begann das Konzert, und so bedächtig blieb es auch. Eine wunderbare melancholische Stimmung machte sich breit. Ich war zuerst ein wenig enttäuscht, muss ich zugeben, da ich normalerweise eher Neofolk mit Schlagwerk und einigen anderen Instrumenten gewohnt bin. Seine Art zu singen hatte etwas Beruhigendes und zutiefst Bewegendes. Mit Applaus würdigten die mittlerweile zahlreichen Besucher die Darbietungen, die teilweise auch den Touch von Mittelerde (durch Einsatz von Flöten) transportierten. Meine beiden Highlights waren „Who knows what the crow knows“ und „The wind that cracks the leaves“. Beide unglaublich schön und erhaben dargeboten. Mit Applaus wurde er verabschiedet, und für mich ging es erst einmal raus an die frische Luft, bevor die nächste Formation Mars aus Deutschland die Kantine der Kuppelhalle bespielte. Draußen sah ich erst, dass die Veranstaltung mittlerweile sehr gut besucht war. Kurz am Merchandise Stand vorbeigeschaut und dann angestellt zur Kantine. Mars, mir leider ebenfalls unbekannt, boten dann genau das, was ich mir unter Neofolk vorstelle: klangvolle Gitarren, kräftiges Schlagwerk und Texte, die Mythologie und nordische Themen aufgreifen. Wie schön, dass man noch von Künstlern, die man das erste Mal hört, sprichwörtlich umgehauen wird. Definitiv auf meiner Liste diese Band! Das Repertoire bestand aus einem Querschnitt ihrer bisherigen Veröffentlichungen. Wirklich beeindruckend, das ein oder andere Mal habe ich mich an Forseti erinnert gefühlt. Im Anschluss an das Konzert war für mich erstmal Schluss, da die schwüle Luft, die den ganzen Tag herrschte, ihren Tribut forderte und ich keinen wirklichen Elan mehr hatte. Rein in die Bahn und ab zur AGRA, wo ich meine bessere Hälfte nach dem Konzert von Nouvelle Vague abholte. Gemütlich tranken wir noch was und ließen den Tag ausklingen.
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Torshammare
Nachdem Freitag und Samstag die Läden noch offen haben, bietet sich da eigentlich immer ein Stadtbummel an, doch ich fahre mittags gleich mal zur Agra, um dort über den Markt zu schlendern und mit meinen Freund*innen bei HANDS und Edition Roter Drache zu quatschen. Das klappt auch hervorragend, nachdem noch nicht so viel los ist, und es ist so schön, alle wiederzusehen. Musikalisch soll es für mich heute im Stadtbad losgehen, wo ich einige Freunde treffe – und gefühlt das halbe WGT.
Das Stadtbad platzt noch vor der ersten Band Ruined Conflict aus allen Nähten, was ungewöhnlich, für die Band aber natürlich großartig ist. Xavier Morales klingt mittlerweile nicht mehr nur wie Ronan von VNV Nation, sondern ähnelt ihm auch im Aussehen und der ganzen Bühnenshow. Das kann man platt finden oder auch fast ein bisschen besser als VNV, zumindest werden die Songs wie „Solitude“ schön dynamisch ins ehrwürdige Stadtbad geknallt, und geredet wird zwischendurch auch wenig. Als erste Band des Festivals (abgesehen vom Heidnischen Dorf) eine ausgezeichnete Wahl, und wir sind bestens aufgewärmt, als danach Cryo auf die Bühne gehen. Einige Leute verlassen den Raum, sodass ich mich nach vorne in die zweite Reihe schieben kann, denn auf Torny und Martin freue ich mich sehr. Auch die beiden liefern ein sehr dynamisches Set ab, die Setlist ist voller bekannter Kracher wie „Sanitarium“, „Believer“ oder dem wunderbaren „Control“.
Cryos Musik ist nicht ganz so eingängig wie zum Beispiel die von Ruined Conflict, die beiden spielen heute aber alles mit extra viel Druck, sodass auch die mittleren bis hinteren Reihen tanzen. Ein schöner Auftritt, der alles andere als „Valium“ ist und mit lautem, verdientem Applaus endet.
Danach organisiere ich mir etwas zu essen und will zu Rue Oberkampf in den Felsenkeller, bin auch eine knappe Stunde vor Beginn da – und wieder gefühlt das halbe WGT mit mir. Die Schlange, die vor den Türen wartet, zieht sich beeindruckend lang die Karl-Heine-Straße entlang, ich überlege einen Moment, ob ich mich anstellen soll, fürchte jedoch, am Ende doch nicht reinzukommen (zumal ein überfüllter Felsenkeller so schön auch wieder nicht ist). Ich fahre daher gleich weiter zur Agra, zu der ich danach sowieso wollte, treffe dort wieder ein paar Freunde, und zusammen gehen wir schon mal in die Konzerthalle (um auch ganz bestimmt wegen Kite – die um Mitternacht spielen – drin zu sein). Die Strategie soll sich auch noch als richtig erweisen. Leider verpasse ich dadurch Aux Animaux in der Moritzbastei, aber zum Glück haben Mrs. Hyde und ich Gözde Ende Mai erst in München gesehen (LINK). Dort spielt gerade noch Skynd, das australische Duo, dessen Songs die Geschichte von Massenmörder*innen vertonen. Musikalisch klingt das genauso verstörend, wie das Thema vermuten lässt, grob im Industrial Metal verortet und ganz auf die wirklich fantastische und sehr wandelbare Stimme der Sängerin Skynd zugeschnitten. Mich stressen die letzten Songs des Auftritts etwas, in einem etwas kleineren Umfeld als der großen Agra-Halle, wo ich mich mehr auf die Darbietung konzentrieren kann, würde es mir wahrscheinlich besser gefallen. Hinter uns drängen außerdem die Massen herein, die die nachfolgenden Alphaville (was für ein Kontrast zu Skynd …) sehen wollen, und die Halle füllt sich blitzschnell bis in den letzten Winkel.
Ich war nie Alphaville-Fan, die wichtigsten Songs kennt man aber natürlich, und ich bin gespannt auf den Auftritt. Der dann überraschend beeindruckend wird – astreine Gesangsleistung von Marian Gold (der mittlerweile 71 Jahre alt ist!), sehr engagierte Band, ein euphorisches Publikum, das die alten Pop-Perlen – die gar nicht so poppig, sondern fast schon ein bisschen rockig dargeboten werden – gnadenlos abfeiert. Bei den großen Hits „Big in Japan“ und „Sounds like a melody“ jubelt alles, und bei „Forever young“ leuchten die Handylampen, und nicht wenige Leute haben verdächtig feuchte Augen. Das ist schon ein bisschen ergreifend, trotz der wirklich unangenehm vollen und stickigen Halle. Nach dem Auftritt gehen zum Glück auch viele (sodass alle, die draußen wegen Einlass-Stop eine Stunde standen, auch reinkönnen), und ich schiebe mich für Kite in die zweite Reihe. Das schwedische Duo habe ich zwar schon sehr oft gesehen – zuletzt Anfang Februar in Stockholm bei Kite on Ice (LINK) -, aber die Magie, die Nicklas Stenemo und Christian Hutchinson Berg live entfesseln, macht süchtig. Nachdem der Sound bei Alphaville schon überraschend gut war, besteht die Hoffnung, dass auch Kite nicht dem berüchtigten Soundfresser der Halle zum Opfer fallen.
In der ersten und zweiten Reihe verteilt stehen viele Freund*innen von mir, und gemeinsam genießen wir dann den wie immer einstündigen Auftritt von Kite, der vor (wie ich später lese) 8000 Leuten zum Triumphzug wird. Sound, Laser, Licht, Songs, Nickos Stimme, Atmosphäre – eine Gänsehaut jagt die andere. „True colours“, „I can’t stand“, „Glassy eyes“, „Jonny Boy“ und natürlich „Don’t take the light away“ – nur ein paar der großen Hits, die Kite für diesen Auftritt auch umarrangiert haben, was noch mal mehr Druck und einige Überraschungen hineinbringt. Tack så jättemycket, Kite!
Danach sind wir erst einmal überglücklich und aufgekratzt, und es dauert noch eine ganze Weile, bis wir zur Trambahnstation gehen, wo überraschenderweise gleich ein Bus kommt, in den alle stürzen, weil sie ihn für den Nachtbus halten. Fast richtig – es ist ein Expressbus, der ohne Halt zum Hauptbahnhof fährt. Per se fantastisch, für mich und andere Freund*innen blöd, weil wir am Südplatz hätten aussteigen wollen. Nachdem der Bus aber so durch die Stadt brettert, schaffen wir am Hauptbahnhof noch den knappen Umstieg in den Nachtbus zurück und sind dann trotzdem recht bald in unseren Unterkünften. Ein aufregender erster WGT-Tag geht zu Ende.
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Mrs. Hyde
Nach einer Nacht im campingtauglich ausgebauten Auto beginnt der Tag mit einem sehr zu empfehlenden Frühstück bei Café Kater, bevor wir unser Zimmer beziehen, das leider erst ab Freitag angeboten wurde. Aber es bleibt genügend Zeit, um uns herzurichten und zur Agra zu fahren. Am Nachmittag ist es angenehm leer in der Markthalle, wo wir allerdings nur ein neues Shirt von Gothicat mit Bauhaus-Motiv kaufen. Viele reisen erst noch an, das Viktorianische Picknick muss völlig überfüllt sein (ein Freund zeigt uns später Fotos), und an der Agra genießen die meisten draußen erst einmal das angenehme Wetter und wir einen traditionellen Himbeer-Caipi sowie einen griechischen Teigfladen.
Die Zeit verfliegt, und wir müssen los zum Täubchenthal. Noch kurz zum dortigen dm, weil der Lidschatten alle ist, sodass Sweet Emengarde leider schon spielen, als wir endlich drin sind. Auch als erste Band haben sie eine gut gefüllte Kulisse vor der Bühne, und mit dem neuen Sänger Drew Freeman machen sich coole Vibes von The Fields Of The Nephilim breit. Das ist auf jeden Fall ein gelungener Auftakt für das Wave Gotik Treffen mit der Betonung auf Gotik. Überhaupt kann ich viele Fields-Logos im Publikum ausmachen, schließlich ist hier heute der Gothic Rock Abend. Im Anschluss spielen The Sweet Kill, doch die Stimme des Sängers kickt mich leider gar nicht, weil sie seltsam schief klingt. Daher gehe ich zu Freunden draußen im Innenhof, bevor dann alle beschließen, der Band noch eine Chance zu geben. Außerdem wollen sie den hübschen Sänger aus der Nähe sehen. Das ist eine gute Entscheidung, denn Pete hat in der Zwischenzeit seine Stimmlage wiedergefunden, sodass sich die zweite Hälfte doch noch zu einem schönen Death-Rock-Konzert entwickelt.
Als Nächstes haben die altehrwürdigen Nosferatu ihren Auftritt und halten die Fahne des Gothic Rock unbeirrt hoch, sehr zur Freude der zahlreichen Fans, viele auch aus dem englischen Mutterland. Auch ich kann dem Sound ebensowenig widerstehen wie dem neuen T-Shirt mit Fledermauslogo. Insgesamt ist das Täubchenthal allerdings nur etwa halbvoll. Für viele ist der Freitag eben auch noch ein Anreisetag. Anschließend fahren wir noch einmal zur Agra und sehen Noctulus in den Büschen lärmen. Nicht unbedingt schön, aber ungemein wichtig. Ohne ihn würde beim WGT einfach etwas fehlen. Wir schließen uns der Goethe-Wanderung in die Agra an, denn Alphaville stehen auf dem Programm, die wir noch nie live gesehen haben. Dabei sind ihre Hits ein unverzichtbarer Teil jeder 80er-Jahre-Playlist, der musikalische Inbegriff für die Achtziger schlechthin. Dennoch sind die Erwartungen nicht hoch, denn die im Vorfeld gehörte Live-Aufnahme auf YouTube war alles andere als überragend und offenbarte große Stimmprobleme bei Marian Gold. Doch wir sollten eines besseren belehrt werden, denn der Auftritt gerät zum Triumphzug. Schon der Sound ist unerwartet großartig in der Agra, wie auch immer die das hingezaubert haben in der gefürchteten Blechhalle. Dazu die Band, die einfach überragend aufspielt, vor allem der Keyboarder Carsten Brocker legt schon fast eine eigene Show hin. Und nicht zuletzt der Gesang, einfach großartig.
Marians Stimme ist toll gealtert, klingt etwas wärmer und reifer, aber immer noch unverkennbar, auch wenn er sich die ganz hohen Töne aufspart. Mit mittlerweile 71 ist das aber auch nachvollziehbar. Erst geht bei “Sounds like a melody” ein Aufschrei durch die Menge und gefühlt jedes zweite Handy hoch, dann auch bei “Big in Japan”. Dabei ist mein persönliches Highlight das vergleichsweise eher unbekannte “Summer in Berlin”, und ich habe durchgehend Gänsehaut. Es erscheint jetzt undenkbar, aber irgendwie habe ich den Song etwas verdrängt. Doch sofort ist alles wieder da, und ich kann den Moment ganz ohne nervige Handys mit einem Tränchen im Auge in mir festhalten. Mehr als nur ein Tränchen verdrücke ich beim absoluten Höhepunkt “Forever young”, den die ausverkaufte Agra-Halle wohl geschlossen mitsingt. Und hier haut Marian Gold bewusst auch die ganz hohen Töne raus, das will er unbedingt so singen. Gänsehaut pur, und auch Marian ist sichtbar bewegt wegen des enthusiastischen Publikums. Für mich ist das eines der besten zehn Konzerte seit dem siebten WGT anno 1998. Danach schauen wir noch einmal in die Verkaufshalle, und tatsächlich muss ich noch drei Plüschfledermäuse bei Flez Art kaufen, die ich am Nachmittag am gleichen Stand völlig unverständlicherweise übersehen habe. Emotional aufgewühlt ist der Abend für mich durch, und so verzichten wir auf die When we we’re young Aftershow-Party im Naumann’s/ Felsenkeller. Scheinbar zum Glück, denn Freunde werden uns berichten, dass es brechend voll und wahnsinnig heiß gewesen ist.
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