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Unterwegs: Die Fuggerei in Augsburg

Urlaub „Dahoam“ …

… ist immer so eine Sache: Einerseits ist es billig und stresslos, andererseits kann man dann doch nicht abschalten. Ein Ziel musste her, dass uns den Alltag vergessen lassen sollte. Augsburg war ein nahes Ziel und noch dazu eines, das mehrere Möglichkeiten bot, unter anderem die Fuggerei.

fu2Ein Besuch in der Fuggerei in Augsburg kostet 4,50 Euro, doch es lohnt sich. Auf den ersten Blick kommt sie einem ein bisschen wie die Borstei  in München vor. Das liegt sicherlich zum einen am ockerfarbenen Anstrich, zum andern aber auch daran, dass es ebenfalls eine Sozialsiedlung ist. Das sind aber auch schon die einzigen Gemeinsamkeiten. Der Bau der Borstei hier bei uns in München begann 1923, da war die Fuggerei schon Hunderte von Jahren alt. Borst hatte natürlich auch eine Sozialsiedlung geplant, aber schön musste sie sein, Kunst musste sie haben, Weite und Grün war wichtig. Die Fuggerei ist eine rein funktionale – aber dennoch wunderschöne – Siedlung für Arme. Doch zurück zum Anfang.

Die Fuggerei, gestiftet 1521 von Jakob Fugger, dem „Reichen“, ist die älteste bestehende Sozialsiedlung der Welt. Gebaut wurden die 67 Häuser zwischen 1516 und 1523 und waren als „Hilfe zur Selbsthilfe“ konzipiert. Den Armen, die z. B. wegen einer Krankheit keinen eigenen Haushalt führen konnten, sollten die Wohnungen zugute kommen. 1944 wurde die Fuggerei bei einem britischen Fliegerangriff zu ca. zwei Drittel zerstört. Ab 1945 begann man mit dem Wiederaufbau, 1947 konnten die ersten Gebäude wieder bezogen werden.

Heute wohnen in den 140 Wohnungen 150 bedürftige katholische Augsburger Bürger für eine Jahres(kalt)miete von 0,88 Euro. Sie sprechen dafür täglich Gebete für den Stifter und die Stifterfamilie Fugger. Die Siedlung wird aus dem Stiftungsvermögen Jakob Fuggers unterhalten.

fu15Das Ochsentor hat eine Nachtpforte mit einem Nachtwächter, der Heimkehrer nach 22 Uhr gegen einen geringen Obolus reinlässt.

Hier in der Nähe, in der Ochsengasse 52, lebte die 48-jährige Dorothea Braun, die von ihrer eigenen, erst 11 Jahre alten Tochter der Hexerei beschuldigt wurde. Die Krankenpflegerin „gestand“ nach „scharfer Marter“ und wurde noch am selben Tag, am 25. September 1625, enthauptet und verbrannt. Sie ist das erste dokumentierte Opfer des Augsburger Hexenwahns.

Alle Wohnungen der Fuggerei haben einen eigenen Hauseingang. Damit will man die Bewohner vor „sichtbarer Armut“ schützen. Die Türen sind unterschiedlich, da sie aus Vorgängerbauten stammen.

Die Heiligenfiguren, die man oftmals an Mauerecken oder in Giebeln über den Wohnungstüren sieht, erinnern die Bewohner an einen Teil ihrer Miete: täglich drei Gebete für die Stifter, u.a. ein „Ave Maria“, das es nur bei Katholiken gibt.

fu3Die Klingelzüge in den Hauseingängen sind großenteils individuell gestaltet. Dies sollte den Bewohnern im Dunkeln das Heimkehren in die eigene Wohnung erleichtern, sie sollten sich die Wohnung ertasten. Heutzutage gibt es natürlich eine Straßenbeleuchtung, die letzte Gasbeleuchtung in Augsburg.
Die Treppengiebel und Kamine sind nicht nur funktionell, hier wurde auch auf Qualität und Originalität bei der Gestaltung Wert gelegt.

Bevor man diese mittelalterliche, ruhige Welt ohne Autos wieder verlässt, kann man im Haus Nr. 13 noch das Fuggerei-Museum besichtigen. Hier ist eine Original-Wohnung mit den ursprünglichen Möbeln ausgestellt.

Man sollte auch im Museumsshop vorbeigehen und die Schauwohnung in der Ochsengasse 51 besuchen, sie zeigt eine – unbewohnte – Wohnung, möbliert nach dem Standard der Bewohner der Gegenwart. Ikea hat seinen Einzug gehalten!

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Als letztes sei zu erwähnen, dass es seit 2008 in dem ehemaligen Luftschutzbunker der Fuggerei die Dauerausstellung „Die Fuggerei im Zweiten Weltkrieg – Zerstörung und Wiederaufbau“ gibt. Es sind noch einmal sehr emotionale Momente, in diesem sticki

gen Bunker diese Dokumentation und Bilder als Zeugen einer mühsamen, entbehrungsreichen Vergangenheit zu sehen.

Da freut man sich danach, dass das „Fuggerei-Lädle“ einige kleine Köstlichkeiten anzubieten hat sowie auf den Besuch im entzückenden Biergarten. Dies ist eine schöne Art und Weise, wieder in der Gegenwart anzukommen.

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