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Unterwegs in München: Schellingstraße 134

Können Baugerüste Kunst sein?

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Baugerüste sind ja generell erst einmal für einen Beteiligten ätzend. Wenn man in dem zu verschönernden Haus wohnt, lernt man alsbald die Handwerker persönlich kennen, weil sie einen morgens um 7 vom eigenen Balkon aus grüßen, die Wohnung selbst ist dunkel unter der Plane, und das Leben macht in dem Haus nicht mehr so viel Spaß. Handelt es sich um eine historische Fassade, ist auf den Stoffbannern, wenn man Glück hat, von außen das Bauwerk zu sehen, und Investoren in Fußgängerzonen lassen sich meist einiges an Werbung kosten – in München am Marienplatz war das im Frühjahr ein riesiges Bikinimädchen – frei nach dem Film „Der Angriff der 20-Meter-Frau“.


Kerstin Ullsperger, eine junge Kunststudentin, hat sich etwas ganz Besonderes ausgedacht für ein Wohnhaus in der Schellingstraße, das seit Monaten eingerüstet ist. Sie befasst sich mit dem Gegensatz von Innen und Außen, das Innere von Gebäuden wird fotografisch nach außen gekehrt. Bei dem Haus hat sie die Räume mit der Erlaubnis der Bewohner fotografiert, die Fotos wurden auf Vinylgewebe gedruckt und an den entsprechenden Stellen am Gerüst befestigt. So sieht jeder Passant, wie es hinter dem Vorhang aussieht. 14 Wohnungen wurden mittlerweile auf diese Art und Weise dargestellt, die Bewohner finden es cool. Frau Ullsperger ist dort nur noch „die Kerstin mit dem Fassadenprojekt“. In einer Zeit, in der viele sich mittels Facebook und Co. öffentlich selbst darstellen, mag das jetzt vielleicht gar nicht außergewöhnlich erscheinen. Aber es ist doch so, dass die eigene Wohnung der letzte private Rückzugsort ist. Schaut man von außen in hell erleuchtete Fenster und sieht den Menschen in ihrer Privatheit zu, kommt man sich unweigerlich wie ein Voyeur vor, weil es eben faszinierend ist. So ergeht es den Passanten, sie sind interessiert an diesen Bienenwaben mit menschlichem Leben darin. Kerstin Ullsperger würde gerne weitere Wohnungen an der Fassadenverkleidung sichtbar machen, wenn sie Sponsoren findet. Die technische Umsetzung kostet nämlich Geld. Und die Komponente, ob der Betrachter sogar Geld zahlen würde, interessiert sie außerdem. Ihr Projekt wurde am 2. November an der Kunstakademie vorgestellt. Später gab es vor dem Haus in der Schellingstraße 134 eine Vernissage.

Es bleibt spannend, ob weitere Geldgeber gefunden werden. Vielleicht ab und an dran vorbeigehen. Das ist lebende Kunst.

Nachschlag:
Die SZ schrieb eine Woche später von Umwandlung in Eigentumswohnungen, Rausekeln von Mietern, Spekulationen mit Wohnungen. Das Gerüst stünde seit fünf Monaten, und keiner benutze es (außer der Kunststudentin).

Das entromantisiert das Ganze mit der Kunstaktion auf dem Gerüst leider etwas. Ich werde um so kritischer dann und wann nachsehen.

 

 

 

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