Unterwegs: Istanbul

Orient meets Okzident

 

istanbul-vom-balkon… auf wenige Orte der Welt trifft dieser Spruch mehr zu als auf Istanbul. Schon allein die Lage der Stadt am Bosporus, sowohl im europäischen Thrakien als auch im asiatischen Anatolien, macht sie zu etwas Außergewöhnlichem. Keine andere Metropole der Welt kann von sich behaupten, gleich auf zwei Kontinenten zu liegen.

Vorneweg: Wir hatten nur drei Tage, da wir nur auf der Durchreise waren. Viel zu kurz also, um die Stadt wirklich in ihrer Gesamtheit zu entdecken. Immerhin zählt allein der europäische Teil von Istanbul mit seinen etwa 8 Millionen Einwohnern zu den größten Städten Europas. Wir haben uns daher auf Sultanahmet im Bezirk Fathi beschränkt, die historische Altstadt, in der auch unsere Pension lag.
Im Flugzeug war noch etwas Zeit, um ein wenig im Reiseführer zu schmökern. Die Geschichte Istanbuls reicht erheblich weiter zurück als lang angenommen wurde. Neben 400.000 Jahre alten Artefakten fanden sich bei Grabungen mesolithische, neolithische, kupferzeitliche und jüngst auch eisenzeitlich-hethitische Spuren. Später siedelten hier Thraker. Die Griechen gründeten etwa 700 v. Chr. die Stadt Byzantion, die aufgrund ihrer Lage schnell zu einem bedeutenden Handelszentrum und schließlich unter dem Namen Konstantinopel zur Hauptstadt des oströmisch-byzantinischen Reichs aufstieg. Im Laufe ihrer bewegten Geschichte diente sie drei großen Weltreichen als Hauptstadt, war bedeutendes Zentrum des orthodoxen Christentums und des sunnitischen Islams, was sich wiederum im Stadtbild niederschlug. Die Architektur ist von antiken, mittelalterlichen, neuzeitlichen und auch modernen Baustilen geprägt, sie vereint Elemente der Griechen, Römer, Byzantiner, Osmanen und Türken. Die historische Altstadt wurde 1985 daher auch von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannt.

Der erste Tag mit Wow-Effekt

Nach einer halsbrecherischen Taxifahrt vom Flughafen Atatürk nach Sultanahmet und einem kurzen Imbiss inklusive türkischem Tee in unserer Pension erkundeten wir erstmal die nähere Umgebung. Im Reisebüro wurde nicht zu viel versprochen, wir befanden uns wirklich mitten im Herzen der Altstadt, etwa 100 m von der Blauen Moschee entfernt. Umgeben von alten Gebäuden, Minaretten und mit Blick auf das Marmarameer. So schön … allerdings nicht, wenn man ausschlafen möchte und eher hellhörig ist. Sechsmal am Tag erschallt das islamische Gebet von den tausenden Minaretten Istanbuls (also damit auch von jenem direkt vor unserem Zimmerfenster), das erste Mal vor Sonnenaufgang … so exotisch und atmosphärisch das Ganze untertags auch sein mag, morgens um halb sechs ist es ein zuverlässiger und eher nervtötender Wecker.
blaue-moscheeDer erste Blick auf die Blaue Moschee (oder Cami Sultanahmed) war überwältigend. Ich glaube da ging‘s nicht nur mir so. Wie sie da so in den Himmel ragt, mit ihren sechs schlanken Minaretten und ihren Kuppeln … Wobei der Anblick der Hagia Sophia in unmittelbarer Nähe nicht minder spektakulär war. Wir schlenderten zunächst über den weitläufigen Platz, der die Anlagen umgibt, an alten Obelisken vorbei, ließen uns treiben mit den Touristenströmen. Moderne, junge Türken neben Konservativen, knapp bekleidete, westliche Mädchen neben Araberinnen im Niqap, Japaner, Amerikaner, Schulklassen, dazwischen Touristenführer und Händler. Mal ganz nebenbei bemerkt: Eine Hot Pants tragende junge Dame fand ich persönlich in einer islamisch geprägten Stadt irgendwie unpassend. Nein, man muss sich in der Türkei nicht verhüllen, außer man möchte eine Moschee betreten (das ist aber in Italien beim Besuch einer katholischen Kirche nicht viel anders, abgesehen vom Kopftuch). Aber Mitte Oktober, bei Temperaturen um knapp 20°C muss ich nicht unbedingt im kürzesten Mini durch eine türkische Stadt laufen. Dies ist nur meine ganz persönliche Meinung.

Nachdem wir die Sultansgräber besichtigt hatten (Achtung: Kopftuchpflicht, am besten selbst einen Schal mitnehmen, ansonsten muss man sich einen ausleihen) wollten wir in die Hagia Sophia. Nun ist Samstag nicht gerade der günstigste Tag für Besichtigungen, da aufgrund der Menschenmassen die Wartezeit gut und gerne mal ein bis zwei Stunden beträgt. Wir haben es erst später gesehen (zu spät für die Hagia Sophia), aber generell lohnt sich der Kauf eines Istanbul-Museums-Pass wenn man die klassischen Attraktionen besichtigen und lange Warteschlangen vermeiden möchte. Am besten kann man den am archäologischen Museum erwerben, da gibt‘s kaum Gedränge an den Kassen. In unserer Unwissenheit haben wir uns aber einen Führer genommen und konnten direkt an der Schlange vorbei in das Museum. Nicht verkehrt, aber relativ teuer. Wenigstens war der Ibrahim nett, lustig und konnte uns einiges zeigen bzw. erzählen, was wir anders wohl nicht gesehen oder erfahren hätten. Die Kuppelbasilika, die als letztes großes Bauwerk der Spätantike gilt, ist eine ehemalige byzantinische Kirche, sie wurde nach dem Fall Konstantinopels im Jahr 1453 in eine Moschee umgewandelt und nach der Säkularisierung der Türkei zu einem Museum erklärt. Die christlichen Insignien und Dekorationen, welche durch Putz verdeckt die Jahrhunderte überdauert haben, hagia-sophia-innenraumwurden in den letzten Jahrzehnten nach und nach wieder freigelegt. Der Innenraum der Basilika ist sehenswert. Die große Kuppel ruht auf vier gewaltigen Säulen, freigelegte christliche Symbolik befindet sich direkt neben muslimischen Inschriften (auffällig: die riesigen Namensschilder Muhammad, Allah und Abu Bakr über dem ehemaligen Altarraum). Die Kirche ist genau auf Jerusalem ausgerichtet, die nachträglich eingebaute Gebetsnische (Mihrab) für das muslimische Ritualgebet um 3° verschoben, um damit gen Mekka zu zeigen.
Besichtigen macht hungrig, und als wir etwas verloren am Rande des Trubels standen und überlegten, wo genau wir zu Abend essen wollen, sprach uns ein Türke an, seines Zeichens Künstler von Beruf (mein Freund und ich haben die Gabe, ständig irgendwelche Menschen kennen zu lernen, anscheinend sind wir recht auffällig). Er brachte uns zu einem seiner Kollegen, um echte türkische Pide zu essen und nicht das, was im Touristenviertel als Pide verkauft wird. Netter Abend unter interessanten Menschen.

Der zweite Tag im Regen oder auch: Das Tor der Glückseligkeit

topkapi-palastDer zweite Tag begann mit Regen und einem kleinen traditionellen Frühstück (Schafskäse mit Honig, Gemüse, türkischer Tee). Was macht man an einem regnerischen Sonntag in Istanbul? Wir entschieden uns für den Topkapi Palast, welcher jahrhundertelang der Wohn- und Regierungssitz der Sultane sowie das Verwaltungszentrum des Osmanischen Reiches war. Er ist in vier durch Tore erreichbare Höfe unterteilt, durch das großherrliche Tor (Haupttor) erreicht man den ersten parkähnlichen Hof, der vorwiegend Räumlichkeiten für Dienstleistungen enthielt. Der zweite Hof war das politische Zentrum und beherbergte Staats- und Verwaltungsräume sowie eine riesige Küchenstadt an der Ostseite. Der dritte Hof, welchen man durch das „Tor der Glückseligkeit“ betritt, beherbergt den Thronsaal wo ausschließlich die höchsten Staatsbediensteten, Wesire und ausländische Gäste empfangen wurden. Die Palastschule Enderûn, wo der Nachwuchs für die Staats- und Verwaltungsberufe ausgebildet wurde, und der Zugang zum Harem (aus dem Arabischen حرام / haram = verboten, tabu) ist ebenfalls im dritten Hof. Im vierten Hof befinden sich weitere Parkanlagen und Gärten, erhalten sind außerdem mehrere bedeutende Pavillons bzw. Kioske, u.a. der Baghdad Kiosk (Bağdad Köşkü), erbaut 1638 nach der Eroberung Bagdads durch Murad IV.

haremDie Räume des Palastes zeugen vom unermesslichen Reichtum der osmanischen Herrscher. Marmor und Tropenhölzer, tonnenweise Gold, Teppiche, Schmuck, Edelsteine. Wir haben uns sehr viel Zeit im Harem gelassen. Dort waren die Privatgemächer des Sultans und seiner Haremsdamen – bis zu 2000 (!) Frauen, die unter der Leitung der Sultans-Mutter in ihren Räumen lebten.
Im Park des ersten Hofes tranken wir abschließend Tee, und ich bekam endlich Baklava. Obwohl wir eigentlich schon müde waren, entschlossen wir uns noch das archäologische Museum zu besuchen, auch weil ich gelesen hatte, dass montags die Museen geschlossen sind. Für alle Archäologie- und Antike-Fans eine absolute Empfehlung. Ich habe noch nie so viele Krüge, Vasen und Trinkgefäße aus verschiedensten Epochen auf einem Haufen gesehen. Am spannendsten für mich war der Trakt mit der altorientalischen Sammlung. Interessante Stücke aus Mesopotamien, den untergegangenen Kulturen der Sumerer, Babylonier, Assyrer und aus Kleinasien, zum Beispiel aus dem Reich der Hethiter. Herausragend hier die Ausfertigungen des Friedensvertrags nach der Schlacht bei Kadesch zwischen Hattušili III. (Hethitisches Reich) und Ramses II. (Ägypten), damit der älteste erhaltene schriftliche Friedensvertrag der Menschheitsgeschichte und UNESCO Weltdokumentenerbe.

Gegessen haben wir an diesem Abend in einem kleinen Restaurant direkt um‘s Eck unserer Pension, nichts Spezielles und voll touristisch, aber trotzdem lecker. Verschiedene türkische Vorspeisen mit Brot, Lamm-Kebap mit Tomatensoße und Joghurt und Walnuss-Baklava (yummi). Dazu haben wir das türkische Nationalbier kennengelernt: Efes.

Die Sonne über Istanbul

Am dritten und letzten Tag lachte die Sonne über Istanbul. Und auch die Menschenmassen hielten sich in überschaubaren Grenzen. Wir wollten noch dem Kapalı Çarşı, also dem Großen Basar, einen Besuch abstatten und die Zisternen besichtigen. Basare waren und werden nicht meine Welt. Ich kann nichts damit anfangen, ständig belagert und angesprochen zu werden, nur weil ich in eine bestimmte Richtung schaue. Das ist aber kein Türkei-spezifisches Problem. Ich hatte Ähnliches schon in Tunesien erlebt, und auch in Italien mag ich es nicht. Mein Freund hatte seine Freude, für mich war es anstrengend, sodass wir nach kurzer Zeit wieder gegangen sind und beschlossen haben, den Gewürzbasar gleich ganz zu meiden. Die Zisternen dagegen waren mystisch-schön: beleuchtet, musikalisch untermalt, kühl. Nach dem blaue-moschee-innen2Mittagsgebet besuchten wir die Blaue Moschee. Außerhalb der Gebetszeiten darf man auch als Ungläubiger den Innenraum betreten, natürlich nur in passender Kleidung. Barfuß, in meinem blauen, langen Sommerkleid mit Strickjacke und schwarzem Schal über dem Haar. Der Teppich ist extrem weich, die blaugefliesten hohen Gewölbe mit zig Fenstern und riesigen Kerzenleuchtern sind atemberaubend (der Fußgeruch mancher Touristen leider auch). Der Raum ist weitläufig, hell und entspannend, ganz anders als die zumeist eher dunklen und/oder total überladenen katholischen Kirchen, die bei uns üblich sind.
Den Rest des Nachmittags verbrachten wir in einem kleinen Café direkt an der Mauer des Topkapi Palasts, mit Wasserpfeife und Tee. Da es der letzte Abend in der Stadt war, gönnten wir uns ein feines Abendessen in einem schicken Restaurant direkt gegenüber der Blauen Moschee. Essen mit Aussicht und zur blauen Stunde hat diese faszinierende Stadt ein ganz besonderes Flair. Mit leichtem Bedauern verließen wir am nächsten Morgen unsere Pension Richtung Flughafen, um die nächste Etappe unserer Reise in Angriff zu nehmen …

Güle güle, Istanbul!

 

(Gastbeitrag und Bilder von Earwen)

 

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1 Antwort
  1. Michael
    Michael says:

    Danke für den Reisebericht. Hoffen wir, das es in Istanbul so weltstädtisch bleibt. Wir waren auch schon mal da und es ist wirklich eine tolle Stadt, aber ich befürchte da schon, das sich die Türkei zurück entwickeln wird. :(

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