Vom Klohäusl zum Gedenkort

Eins der hübschesten und originellsten Viertel Münchens würde ich das Glockenbachviertel nennen. Individuelle Lädchen, Kneipen, Straßen und Plätze. Ein eigentlich schön gelegener Platz hatte leider mittendrauf einen regelrechten Schandfleck. Auf dem Holzplatz steht ein Pissoir, ein altes Klohäuschen. Es stammt aus dem Jahr 1900 und ist ein gusseisernes Oktagon, das unter Denkmalschutz steht. Ursprünglich befand es sich am Stachus und wurde in den 1950er Jahren an den Holzplatz/Ecke Pestalozzistraße verlegt. Seit den 90er Jahren ist es aber außer Betrieb und verschlossen. Nur einmal, im Jahr 1998, wurde es noch genutzt: für eine Ausstellung im Rahmen des Christopher Street Day. Das Klohäusl hat schon viel gesehen in seinem Leben. Zuerst der Umzug ins Glockenbachviertel, danach wurde es im „Schwulenviertel“ als „Kladde“ benutzt, dann stand es leer, wurde aber nicht zufriedengelassen. Immer wieder wurde es beschmiert und beschmutzt, und die Anwohner oder auch Besucher der hübschen Kneipen drumrum mussten da drauf schauen.

Vor einigen Jahren hatten dann Martin Arz (Autor, Künstler und Inhaber des Hirschkäfer Verlags) und Thomas Zufall (Wirt von München 72, direkt am Holzplatz) eine Idee. Sie gründeten die Initiative „The Pissoir“ und hatten zum Ziel, aus dem schäbigen ehemaligen Klo ein Schmuckstück für das Viertel zu machen. Mit der Idee, das Pissoir zu einem Gedenkort für berühmte Gast-Isarvorstädter zu machen, hatten sie beim Bezirksausschuss 2 und dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München Erfolg. Das Künstlerkollektiv „Graphism“ half bei der künstlerischen Umsetzung. Die ehemaligen Gäste der Isarvorstadt, um die es geht, sind echte Granaten: Freddie Mercury, Rainer Werner Fassbinder und Albert Einstein! Warum diese drei?

Albert Einstein (1879-1955) kennt ja wohl ein jeder. Er kam mit einem Jahr mit seiner Familie nach München. Sein Vater und sein Onkel betrieben in der Adlzreiterstraße eine „Electrodynamische Fabrik“, und sie elektrifizierten das erste Oktoberfestbierzelt (den Schottenhamel). Einstein blieb auch noch eine Weile in München an der Schule, als seine Familie nach Mailand ging. Er bekam leider immer wieder Ärger, und sein Lehrer meinte zu ihm: „Ihre bloße Anwesenheit verdirbt mir den Respekt der Klasse“. Einstein reichte es, und er folgte seiner Familie nach Italien.

Rainer Werner Fassbinder (1945-1982) war mit der Isarvorstadt eng verbunden. Er hatte hier ein Theater, lernte hier in der Deutschen Eiche seine große Liebe, den Aushilfskellner Armin Meier, kennen. Erst nach dessen Selbstmord 1978 verließ er diesen Teil Münchens.

Wer Freddie Mercury (1946-1991) nicht kennt, lebt in einem Paralleluniversum. Dennoch gibt es noch einige, die nicht wissen, dass er ab 1979 einige Zeit im Glockenbachviertel gelebt hat, unter anderem in der Pestalozzistraße, direkt am Holzplatz. München war damals nach San Francisco, New York und Amsterdam eine der vier großen Gay-Cities der Welt, Freddie feierte hier wilde Parties.

1933, als die Nazis an die Macht kamen, gab es im Glockenbachviertel noch zwei bekannte Schwulenlokale. Im Oktober 1933 gab es dort eine Razzia, alle Anwesenden kamen ins KZ nach Dachau. Daran erinnern die eingearbeiteten rosa Winkel und die gestreifte Sträflingskleidung auf dem Bild von Fassbinder. Alle diese Bilder der Künstler von Graphism sind großartig geworden. Die Bilder sind nicht direkt an dem gusseisernen Klohäusl dran, sondern auf Platten, die daran angebracht wurden.

Wer Vorher-/Nachher-Bilder sehen will und wie die Kunstwerke installiert wurden: Das Pissoir hat eine eigene Facebook-Seite, https://www.facebook.com/ThePissoir/  , mit einem herrlich umgemodelten Zitat: „Make Holzplatz colorful again!“
Seit Anfang Februar 2020 steht das Klohäusl im neuen Kleid auf dem Holzplatz und sieht um Welten besser aus als zuvor.

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