„Wie klingt eigentlich Stille?“ … haben wir Rue Oberkampf gefragt und sprechen in unserem Interview mit Julia de Jouy, Damien De-Vir und Oliver Maier über Klang, den musikalischen und visuellen Aspekt von Stille und über das aktuelle Album Liebe. Seit 2016 kreiert das bayerische Trio Elektro-Klänge, die zum Tanzen, Träumen und Nachdenken einladen – fühlbare Musik mit einem vielfältigen Sounddesign und Gespür für einhüllende Klänge. 

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Foto: © Alex Beran

Die Songs von Rue Oberkampf enthalten sehr viel Dynamik,  Bewegung und bewegen  – mit Momenten der Stille, die unter der Oberfläche verborgen sind.

Herzlichen Dank für das Interview an Julia, Damien und Oliver!

Was bedeutet Stille für euch? Womit verbindet ihr Stille? Wie wichtig ist Stille für euch?
Julia: Stille ist meine Energiequelle. Ich liebe Clubs, Konzerte und laute Musik, brauche aber viel Zeit und Ruhe um das alles genießen und verarbeiten zu können. Deswegen passt es für mich sehr gut, dass wir unsere Musik vor allem im bayerischen Wald und Umgebung produzieren, hier kann ich die Inspirationen aus der Großstadt und von den Touren in Ruhe in neue Ideen umwandeln.

Was sind eure ersten musikalischen Erinnerungen? Woher kommen euer Interesse und Faszination für (elektronische) Musik?
Damien: Als ich das erste Mal das Musikvideo „Take on me“ von A-ha gesehen habe, habe ich sofort eine Affinität für elektronische Musik entwickelt.

Welche Grenzen möchtet ihr mit eurer Musik ausloten?
Alle: Wir versuchen mit jeder Veröffentlichung uns ständig weiterzuentwickeln und nicht das bereits vorhandene noch zehnmal zu produzieren. Damit versuchen wir vor allem unsere eigenen musikalischen Grenzen auszuloten.

Was ist Klang für euch? Wie klingt Stille?
Julia: Klang war schon immer die Wahrnehmung, die mich am meisten berührt und beeindruckt. Wenn ich an (angenehme) Stille denke, habe ich sofort Geräusche aus dem Wald oder ein sanftes Meeresrauschen im Ohr.
Damien: Jeder muss seine eigene Stille finden.

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Foto links: © Alex Beran // Foto rechts: © Jac Hedberg

Wie beeinflusst euer Umfeld/eure Umgebung eure Arbeit? Welchen Einfluss hat die Urbanität der Großstadt auf eure Kunst? Inwieweit inspiriert euch urbane Kultur und ggf. die Auseinandersetzung damit?
Oliver: Stadt an sich hat einen sehr großen Einfluss auf unsere Musik. Über eigentlich alles was eine Stadt ausmacht: Kultur, Fashion, Musik, Lärm, Hektik, Menschen. Aber eben auch das Prinzip Stadt in Diskrepanz zur Stille am Land und in der Natur, wo wir ja alle drei aufgewachsen sind. Für mich persönlich entsteht Kreativität ohnehin eher aus Diskrepanzen.

Welche Musikstücke sind für euch zu Klang gewordene Stille (und warum)?
Julia: Sehr interessante Frage! Erstmal habe ich gekuckt, in welchen meiner gespeicherten Songs das Wort „Silence“ auftaucht, und ob diese Songs etwas verbindet. Sehr spannend, weil es drei komplett unterschiedliche Songs aus sehr unterschiedlichen Genres und Zeitaltern sind:
„In silence“ von Amelie Lens, natürlich „Enjoy the silence“ von Depeche Mode und „The ensemble of silence“ von Empyrium. Elemente, die bei allen zu finden sind, sind Pads / Klangflächen, außerdem monotone, teils sehr ruhige Passagen oder geflüsterte Vocals.

Für mich persönlich hat „zu Klang gewordene Stille“ zusätzlich auch wieder etwas mit Natur zu tun, daher fällt mir hier das Intro von „Unraveled“ von Zanias ein. Sie hat hierfür im Wald neben ihrem Elternhaus einen „Eastern Whipbird“ aufgezeichnet (nachzulesen im Interview mit Kaltblut), und in Kombination mit den Pads, der reduzierten Percussion und Alisons Stimme kommt das für mich schon nah ran an „zu Klang gewordene Stille“.

Wie würdet ihr den visuellen Aspekt von Stille beschreiben?
Julia: Im Vergleich zum Thema Klang bin ich beim Visuellen nicht so sehr bei der Natur. Vermutlich weil hier visuell viel mehr los ist, vieles unaufgeräumt wirkt … in der Natur ist „alles voll Gekrabbel und Gestrüpp“ (Deichkind).Nein, wenn’s um den visuellen Aspekt von Stille geht, fallen mir eher Begriffe ein wie: aufgeräumtes Design – klare Strukturen – reduzierte Farbwahl.
Bei Fotografie eine ruhige, vielleicht kalte Atmosphäre.
Ich denke da an Design von Dieter Rams oder Brutalism Architektur, die strahlt eine ungeheuerliche Stille aus.
Als Beispiel aus der Musik fällt mir da sofort das Cover zum Album Aleppo von Totengeläut (hier) ein. Eine triste, verlassene Szenerie, sehr reduziert umrahmt und beschriftet.

In welcher Beziehung steht und/oder reflektiert der visuelle Aspekt eure Musik? Was fasziniert euch an der Beziehung zwischen Musik, Design und Videokunst?
Oliver: Das eine geht nicht ohne das andere, oder? Wir wollten eigentlich von Anfang an beide Aspekte auf unseren Konzerten verbinden. Am Ende ist ja immer auch das eine eine Reaktion auf das andere. Bei Musik ist der Weg zum Design und zur Videokunst ja kurz.

Was denkt ihr über Kreativität, und wie kanalisierst ihr sie?
Damien: Kreativität ist für mich etwas Spirituelles und Unberechenbares. Bei mir führen viele Faktoren zu einem kreativen Prozess. Essenziell für mich ist es, loslassen zu können.

Im Frühjahr habt ihr eurer von den Fans lang erwartetes Album Liebe veröffentlicht. Wie hat es sich angefühlt, das Album herauszubringen? Wenn ihr auf die letzten Monate zurückblickt: Wie war es für euch, die Songs endlich live auf der Bühne zu präsentieren? Gab es für euch ganz besondere Momente, die euch berührt haben?
Oliver: Liebe ist für uns ein sehr persönliches Album, weil es für uns sehr mit der Corona-Zeit verbunden ist. Jeder Track steht für ein Erlebnis oder ein Gefühl, das wir mit dieser Phase verbinden. Angefangen von der ersten Ungewissheit bis zur späteren Hoffnung. Heute zu sehen, wie das Publikum Tracks wie „Hope and fear“ auf Konzerten mitsingt, die berührenden Reaktionen, die wir dazu bekommen, macht uns sehr dankbar, diese Momente wieder erleben zu dürfen.

Die nächsten Konzerte :

24.09. Paris   //  22.10. Leiria  //   26.10. Berlin  //  05.11. Nürnberg  //  12.11. Dresden  //  19.11. Siegen  //  15.12. München

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